{"id":36017,"date":"2016-11-28T09:18:30","date_gmt":"2016-11-28T08:18:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36017"},"modified":"2019-01-04T12:22:20","modified_gmt":"2019-01-04T11:22:20","slug":"us-praesidentenwahl-brexit-und-die-elbphilharmonie-die-prognostiker-haben-ein-prognose-problem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36017","title":{"rendered":"US-Pr\u00e4sidentenwahl, Brexit und die Elbphilharmonie \u2013 die Prognostiker haben ein Prognose-Problem"},"content":{"rendered":"<p>Bei der Pr&auml;sidentschaftswahl in den USA hat die Zunft der Prognostiker und Zahlendeuter geradezu ein doppeltes Desaster erlebt. Beim Ausgang der Wahl wie auch bei den anschlie&szlig;enden Reaktionen der B&ouml;rsen ist genau das Gegenteil dessen eingetreten, was die professionellen Beobachter vorausgesagt hatten. Nicht die Demokratin Hillary Clinton, sondern der Republikaner Donald Trump hat die Wahl gewonnen. Und an den Finanzm&auml;rkten ist aus dem angek&uuml;ndigten Crash eine B&ouml;rsenrally geworden. Von <strong>Thomas Trares<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36017#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nDabei hatte sich Trump vor der Wahl mit kruden wirtschaftspolitischen Thesen regelrecht zum Schreckgespenst der &Ouml;konomen gemausert. Unisono sagten sie Turbulenzen an den Finanzm&auml;rkten voraus, sollte er die Wahl gewinnen. &bdquo;Trump-Angst dr&uuml;ckt die Kurse&ldquo;, &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.boersen-zeitung.de\/index.php?li=1&amp;artid=2016202035&amp;artsubm=bz&amp;subm=ausgaben&amp;ersch_datum=2016-10-20\">&Ouml;konomen halten Trump f&uuml;r einen Konjunkturkiller<\/a>&ldquo;, &bdquo;Hoffnung auf Clintons Wahlsieg befeuert M&auml;rkte weltweit&ldquo;, titelten die Finanzgazetten. Trumps protektionistische Handelspolitik? Besorgniserregend. Unsicherheit, wo man nur hinschaut.<\/p><p>Doch der Einbruch nach Trumps Wahlsieg dauerte nur wenige Stunden, dann starteten die B&ouml;rsen durch. Der US-Leitindex Dow Jones erreichte ein neues Rekordhoch, der Dax ging mit einem Plus von fast vier Prozent aus der Wahlwoche. &bdquo;Anleger decken sich mit Aktien ein &ndash; Spekulationen auf Trumps Konjunkturprogramm&ldquo;, &bdquo;B&ouml;rsen im Trump-Fieber&ldquo;, schrieben die Gazetten nun. Pl&ouml;tzlich war alles genau andersrum. Nun soll Trumps Konjunkturprogramm die Phantasien befl&uuml;geln. Ja, was denn nun?<\/p><p>Die US-Pr&auml;sidentenwahl war keineswegs die erste kolossale Fehlprognose, die sich vor den Augen einer Welt&ouml;ffentlichkeit abgespielt hat. Schon 2008 fragte die Queen bei einem Besuch der London School of Economics, wie es passieren konnte, dass niemand diese Finanzkrise hat kommen sehen. Die versammelte &Ouml;konomen-Gemeinde musste schlie&szlig;lich etwas verschwurbelt &bdquo;ein Versagen der kollektiven Vorstellungskraft vieler kluger Menschen&ldquo; eingestehen. In diesem Sommer hatten sich die Prognostiker auf der Insel erneut blamiert. Der &bdquo;Brexit&ldquo;, der eigentlich nicht stattfinden sollte, fand eben doch statt. Und in Deutschland, genauer in Hamburg, hat vor wenigen Wochen die Elbphilharmonie ihre Tore ge&ouml;ffnet, gekostet hat das schicke Opernhaus schlappe 800 Millionen Euro. Die urspr&uuml;ngliche Prognose: Inbetriebnahme im Jahr 2010, Kosten 77 Millionen Euro.<\/p><p>Zum Symbol f&uuml;r die Verwirrung unter den Prognostikern ist nun aber der amerikanische Statistik-Guru <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nate_Silver\">Nate Silver<\/a> geworden. 2012 hatte dieser das Ergebnis der US-Pr&auml;sidentenwahl in allen Bundesstaaten korrekt vorausgesagt, 2008 lag er in 49 von 50 Staaten richtig, nur in Indiana daneben. Silver galt fortan als der &bdquo;Primus inter Pares&ldquo; in der Statistik-Zunft. Sein Buch &bdquo;Die Berechnung der Zukunft &ndash; Warum die meisten Prognosen falsch sind und manche trotzdem zutreffen&ldquo; wurde ein Bestseller. Bei der US-Wahl hatte Silver jedoch einen Sieg Clintons prognostiziert und lag damit grandios daneben. Dies wirft die Frage auf: Waren Silvers bisherigen Erfolge K&ouml;nnen oder doch nur Zufall?<\/p><p>Die Frage ist schwer zu beantworten. In jedem Fall aber erinnert der Fall Silver stark an die Geschichte von dem Schimpansen, der einen Bestseller schreibt. Das Gedankenexperiment geht folgenderma&szlig;en: L&auml;sst man Millionen Affen Millionen Jahre auf Schreibmaschinen herumtippen, so stehen die Chancen gut, dass einer der Affen irgendwann einen Roman verfasst &ndash; sagen wir, es ist Tolstois &bdquo;Krieg und Frieden&ldquo;. Stellen Sie sich nun vor, Sie sind ein Verleger. W&uuml;rden Sie nun jenem begnadeten Affen einen Vorschuss daf&uuml;r zahlen, dass er Ihnen als N&auml;chstes &bdquo;Die Blechtrommel&ldquo; von G&uuml;nter Grass schreibt? Die Anekdote verdeutlich Folgendes: Wenn jedes Jahr Tausende Experten versuchen, Wahlergebnisse, B&ouml;rsenkurse, Konjunkturverl&auml;ufe oder &Ouml;lpreise zu prognostizieren, so liegt es nahe, dass allein durch Zufall einer mal komplett richtig liegt, ohne dass dies ein Beweis f&uuml;r dessen F&auml;higkeiten sein muss.<\/p><p>&Auml;hnliche Experimente wie jenes mit dem Affen hat man tats&auml;chlich auch schon durchgef&uuml;hrt. Die US-Tageszeitung &bdquo;Chicago Sun Times&ldquo; lie&szlig; &uuml;ber mehrere Jahre hinweg einen Affen mit dem Namen <a href=\"http:\/\/www.portfolio-international.de\/no_cache\/newsdetails\/article\/tierisch-erfolgreiche-investoren.html\">Adam Monk<\/a> f&uuml;nf Aktien zu einem Portfolio zusammenstellen. Monk sa&szlig; mit einem Bleistift vor dem B&ouml;rsenteil des Wall Street Journal; die Aktien, die er markierte, wurden gekauft. Das Ergebnis: Monk schnitt die meisten Jahre besser ab als der Dow-Jones-Index und damit besser als der Durchschnitt aller Experten. Zu einem &auml;hnlichen Ergebnis kam man vor ein paar Jahren auch in S&uuml;dkorea, wo das <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/gesellschaft\/suedkorea-papagei-spekuliert-besser-als-boersenmakler-a-641125.html\">Papageienweibchen Ddalgi<\/a> in einem B&ouml;rsenspiel gegen zehn Profianleger antrat und Platz drei belegte.<\/p><p>Diese Experimente legen den Schluss nahe, dass all die Analysten, Finanzberater, Fondsmanager, Charttechniker und Mathematiker, die in den Bankent&uuml;rmen sitzen und ihre Rechner mit Unmengen an Daten f&uuml;ttern, im Grunde einer gutbezahlten, aber dennoch nutzlosen Arbeit nachgehen, da es eben doch nicht m&ouml;glich ist, durch systematisches Analysieren der Zukunft dauerhaft eine &Uuml;berrendite zu erzielen.<\/p><p>Wissenschaftlich unterf&uuml;ttert wird solcherlei Expertenskepsis von dem amerikanischen Psychologen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Philip_Tetlock\">Philip Tetlock<\/a>, der &uuml;ber 20 Jahre hinweg 28.000 Prognosen von fast 300 Experten aus Politik, Wirtschaft und Milit&auml;r auswertete und dabei zu dem Ergebnis kam, dass Spezialisten keine besseren Voraussagen treffen als gutinformierte Laien. Es spielte dabei auch keine Rolle, ob ein Experte einen Doktortitel hatte oder nur das Vordiplom. Und schlimmer noch: Die Experten sch&auml;tzten ihre Prognosen auch noch besser ein, als sie tats&auml;chlich waren.<\/p><p>Der Finanzanalyst und Philosoph Nassim Nicholas Taleb geht sogar noch einen Schritt weiter und unterscheidet zwischen Disziplinen, in denen Experten halbwegs verl&auml;ssliche Ergebnisse produzieren und jene, in denen sie mehr Schaden als Nutzen anrichten k&ouml;nnen. In die erste Kategorie fallen Gutachter f&uuml;r Vieh oder Boden, Schachmeister, Testpiloten, &Auml;rzte, Mathematiker (wenn sie sich nicht mit empirischen Problemen besch&auml;ftigen), Getreidekontrolleure und Bildauswerter. Zur zweiten Kategorie geh&ouml;ren B&ouml;rsenmakler, klinische Psychologen, Psychiater, Personalbeschaffer, &Ouml;konomen, Finanzprognostiker, Politologen, Richter, Berater und Risikoexperten. All die letztgenannten Berufe haben laut Taleb ein &bdquo;Expertenproblem&ldquo;, d.h. sie befassen sich mit der Zukunft, gr&uuml;nden ihre Urteile aber auf eine nichtwiederholbare Vergangenheit.<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/fe0715a05e224f45be24cb5f0ff513cd\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Thomas Trares<\/strong> ist Diplom-Volkswirt. Studiert hat er an der Johannes Gutenberg-Universit&auml;t Mainz. Danach war er Redakteur bei der Nachrichtenagentur vwd. Seit &uuml;ber zehn Jahren arbeitet er als freier Wirtschaftsjournalist in Berlin.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei der Pr&auml;sidentschaftswahl in den USA hat die Zunft der Prognostiker und Zahlendeuter geradezu ein doppeltes Desaster erlebt. Beim Ausgang der Wahl wie auch bei den anschlie&szlig;enden Reaktionen der B&ouml;rsen ist genau das Gegenteil dessen eingetreten, was die professionellen Beobachter vorausgesagt hatten. Nicht die Demokratin Hillary Clinton, sondern der Republikaner Donald Trump hat die Wahl<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36017\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[122,11],"tags":[294,1843,1090,283,694,1800],"class_list":["post-36017","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-demoskopieumfragen","category-strategien-der-meinungsmache","tag-aktienkurse","tag-brexit","tag-clinton-hillary","tag-finanzmaerkte","tag-milliardengrab","tag-trump-donald"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36017","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=36017"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36017\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48240,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36017\/revisions\/48240"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=36017"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=36017"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=36017"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}