{"id":3602,"date":"2008-11-19T17:59:27","date_gmt":"2008-11-19T16:59:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3602"},"modified":"2015-11-08T10:59:24","modified_gmt":"2015-11-08T09:59:24","slug":"truebe-aussichten-fuer-die-btw-2009-hausgemacht-bei-muente","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3602","title":{"rendered":"Tr\u00fcbe Aussichten f\u00fcr die BTW 2009 \u2013 Hausgemacht bei M\u00fcnte"},"content":{"rendered":"<p>Auf den Tag genau vor 36 Jahren, am 19. November 1972, hat die SPD mit 45,8 % ihr bisher bestes Wahlergebnis erreicht. Ich war damals verantwortlich f&uuml;r Willy Brandts Wahlkampf und bin nat&uuml;rlich stolz auf dieses Ergebnis. Weil ich ohne ein gutes Ergebnis der SPD auch im Jahr 2009 keine Chance f&uuml;r eine Mehrheit links von Merkel sehe, bedaure ich die tr&uuml;ben Aussichten von heute. Bei Umfragen kommt die SPD heute gerade mal knapp &uuml;ber die H&auml;lfte des Stimmenanteils von 1972. Das liegt nicht an den Umst&auml;nden. Es liegt vor allem an der falschen Strategie und an den falschen programmatischen Vorstellungen der heute Verantwortlichen. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Siege kann man machen&ldquo; &ndash; so lautet der Untertitel der Dokumentation und Analyse <a href=\"?p=2381\">&bdquo;Willy w&auml;hlen &rsquo;72&ldquo;<\/a>. Man kann auch Niederlagen machen. M&uuml;ntefering, Steinmeier und Steinbr&uuml;ck arbeiten daran. Ihre wichtigsten Strategiedefizite sind:<\/p><ol>\n<li><strong>Mangelnder Siegeswillen. <\/strong><br>\nWenn eine Volkspartei eine Wahl gewinnen will, dann darf sie in Deutschland nicht darauf verzichten, die Kanzlerschaft anzustreben. Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Steinbr&uuml;ck hat jedoch schon offen erkl&auml;rt (<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spam\/0,1518,565863,00.html\">hier<\/a> und <a href=\"?p=3335\">hier<\/a>), dass ihm die Fortsetzung der gro&szlig;en Koalition am liebsten w&auml;re. Auch bei Steinmeier gewinnt man den Eindruck, dass er mit der Weiterarbeit als Vizekanzler zufrieden w&auml;re. Damit f&auml;llt schon ein Gro&szlig;teil jener W&auml;hler weg, die gerne bei den Siegern sein wollen. Sie werden sich in jedem Fall der Union zuwenden.<br>\nDer mangelnde Siegeswillen wird auch daran sichtbar, dass die SPD die Strategie der Union und der rechten Medien zur Beschr&auml;nkung der Machtoptionen der SPD auf Null mit betrieben hat. Alle Zahlen zeigen: die SPD wird in den meisten F&auml;llen im Bund und in den L&auml;ndern nur noch die Option zur Regierungsbildung erhalten, wenn sie mit der neu aufgekommenen Linkspartei kooperiert. Trotz dieser glasklaren Situation legt sich die SPD F&uuml;hrung gegen eine solche Kooperation fest. Das begreife, wer will.<\/li>\n<li><strong>Mangelnde Pluralit&auml;t. Reduzierung der SPD auf den rechten Fl&uuml;gel.<\/strong><br>\nEine gro&szlig;e Partei wie CDU\/CSU und SPD erreichen die f&uuml;r das Regieren notwendige Summe von W&auml;hlern nur, wenn sie einen Strau&szlig; von W&auml;hlergruppen ansprechen &ndash; zun&auml;chst die Stammw&auml;hler; im Falle der SPD waren das fr&uuml;her vor allem gut ausgebildete Arbeitnehmer und Teile der Intelligenz und die damit verbundene Mittelschicht; diese Stammw&auml;hlerschaft reicht jedoch nicht. Deshalb haben wir zum Beispiel bei fr&uuml;heren Wahlen sehr verschiedene Gruppen angesprochen: Aufsteiger und Menschen am Rand der Gesellschaft, &ouml;kologisch Interessierte, an Entwicklungspolitik, an Vers&ouml;hnung, Frieden und an St&auml;dtebau Interessierte, kirchlich Engagierte, die Jugend, usw. &ndash; Das war das Scheibchenmodell. Nur die Summe sehr verschieden m&auml;chtiger Gruppen von W&auml;hlerinnen und W&auml;hlern ergab aufeinander gelegt ein optimales Ergebnis. So kamen die 45,8 % zu Stande. Siehe dazu den <a href=\"?p=2623\">Auszug aus &bdquo;Willy w&auml;hlen &rsquo;72. Siege kann man machen&ldquo;<\/a> zum aktuellen Thema der Breite des W&auml;hlerpotenzials von Volksparteien.<br>\nDiese Pluralit&auml;t der W&auml;hleransprache ist ungemein wichtig, wenn eine gro&szlig;e Partei ein gutes Ergebnis erreichen will. Das kann man auch empirisch belegen. Nicht nur mit 1972. Schon 1976 h&auml;tte Helmut Schmidt die Wahl gegen Helmut Kohl, der aus der Opposition heraus 48,4 % erreichte, verloren, wenn die SPD nicht in der von Helmut Schmidt <strong>und<\/strong> Willy Brandt dargestellten Breite aufgetreten w&auml;re. Das gleiche gilt f&uuml;r 1998, als die SPD mit der Pluralit&auml;t von Schr&ouml;der <strong>und<\/strong> Lafontaine st&auml;rkste Partei wurde. Franz M&uuml;ntefering hat wahrscheinlich bis heute nicht verstanden, dass nicht er als Generalsekret&auml;r und seine Helfer die Wahlsieger von 1998 waren. Wahrscheinlich versteht er auch nicht, dass es auch jetzt bei der Bayernwahl den vielbeschworenen M&uuml;nte-Effekt nicht gegeben hat. Sein Auftritt im Hofbr&auml;uhaus gegen Ende der bayerischen Landtagswahl und der dort organisierte Applaus hat zwar ausgereicht, um Kurt Beck den letzten Tritt zu versetzen. Im W&auml;hlerpotenzial aber hat sich dieser Coup nicht niedergeschlagen.\n<p>Die SPD macht heute die von der rechten und konservativen Seite betriebene Hetze gegen alles Linke mit. Statt die bei der Wahl erfolgreiche Andrea Ypsilanti zu st&uuml;tzen, hat die SPD mit zur Jagd geblasen. Sie hatten mit zu der Verengung auf die rechte, konservative SPD beigetragen.<\/p><\/li>\n<li><strong>Soziale Kompetenz und Wirtschaftskompetenz<\/strong><br>\nDie SPD hat mit der Agenda 2010 ihre soziale Kompetenz verspielt. Sie ist nicht mehr die Partei der sozialen Gerechtigkeit. Sie ist aber auch nicht die Partei der Wirtschaftskompetenz. Das war sie fr&uuml;her einmal. Jetzt hat sie die M&ouml;glichkeit zur R&uuml;ckeroberung schon dadurch verspielt, dass sie sich in dieser wirtschaftspolitisch ausgesprochen gef&auml;hrlichen Phase nicht einmal zu ihrer historisch gewachsenen Kompetenz f&uuml;r eine vorsorgende, rechtzeitige Konjunktur- und Besch&auml;ftigungspolitik durchringen konnte. Im Gegenteil: Ihr Repr&auml;sentant Steinbr&uuml;ck ist einer der gro&szlig;en Polemiker gegen eine moderne makro&ouml;konomische Politik.<\/li>\n<li><strong>Friedenskompetenz auch perdu.<\/strong><br>\nIm Jahr 2002 hat Schr&ouml;der den Wahlkampf f&uuml;r die SPD nur noch dadurch gerettet, dass er entschied, unser Land nicht (offen) am Irak Krieg zu beteiligen. Das gab der SPD einen bemerkenswerten Schub &ndash; eine 1972, 1976, 1980 und immer wieder best&auml;tigte Erfahrung. Auch dieser Vorteil ist am Verschwinden. Die SPD hat sich f&uuml;r die milit&auml;rischen Eins&auml;tze im Kosovo-Fall und in Afghanistan voll engagiert. Au&szlig;erdem ist Steinmeier mit der verdeckten Beteiligung am Irak Krieg voll mit Kriegseins&auml;tzen verbunden. Um dies zu heilen, um die friedens-politische Kompetenz zu st&auml;rken, m&uuml;sste sich die SPD F&uuml;hrung Neues ausdenken. Erkennbar ist das nicht.<\/li>\n<\/ol><p>Es bleibt das bittere Fazit, dass die jetzige SPD F&uuml;hrung weit entfernt ist von einer erfolgreichen Strategie. Mit Vergn&uuml;gen formuliere ich dieses Fazit nicht. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf den Tag genau vor 36 Jahren, am 19. November 1972, hat die SPD mit 45,8 % ihr bisher bestes Wahlergebnis erreicht. Ich war damals verantwortlich f&uuml;r Willy Brandts Wahlkampf und bin nat&uuml;rlich stolz auf dieses Ergebnis. 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