{"id":36039,"date":"2016-11-29T17:03:04","date_gmt":"2016-11-29T16:03:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36039"},"modified":"2016-11-30T08:10:54","modified_gmt":"2016-11-30T07:10:54","slug":"die-traurige-entwicklung-der-taz-sichtbar-auch-an-einem-kommentar-zu-fidel-castro-hier-die-notwendige-gegenrede","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36039","title":{"rendered":"Die traurige Entwicklung der TAZ \u2013 sichtbar auch an einem Kommentar zu Fidel Castro. Hier die notwendige Gegenrede."},"content":{"rendered":"<p>Die NachDenkSeiten hatten in den <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36005#h17\">gestrigen Hinweisen<\/a> auf einen Kommentar in der TAZ hingewiesen. Protestiert hatte nur einer unserer Leser, Thomas Hillebrand. Ihn, der Kuba gut kennt und die Geschichte des Landes verfolgt hat, bat ich um eine andere W&uuml;rdigung des verstorbenen Pr&auml;sidenten und Revolutionsf&uuml;hrers. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDass die NachDenkSeiten auf den erstaunlich oberfl&auml;chlichen und ideologisch gef&auml;rbten Kommentar der TAZ hingewiesen haben und dies ohne Kommentar geschehen ist, ist ein Versehen. Das kann passieren, wenn man, wie Jens Berger gestern fr&uuml;h, die Hinweise unter Zeitdruck zusammenstellt.<\/p><p>Wie notwendig ein Kommentar unsererseits gewesen w&auml;re, k&ouml;nnen Sie sicher ermessen, wenn Sie den Kommentar in der TAZ nachlesen.<\/p><p>Nun der Text des NachDenkSeiten-Lesers Hillebrand und am Ende noch eine kurze Anmerkung von mir:<\/p><p><strong>Eine W&uuml;rdigung von Fidel Castro und Kuba. Von Thomas Hillebrand.<\/strong><\/p><p>Das Bild, das Carlos Manuel &Aacute;lvarez, &ndash; noch &ndash; g&auml;nzlich unbekannter kubanischer Jung-Autor und Gr&uuml;ndungsmitglied des in diesem Jahr erst gegr&uuml;ndeten Onlinemagazins &bdquo;El Estornudo &ndash; Alerg&iacute;as cr&oacute;nicas&ldquo; (Das Niesen &ndash; Chronische Allergien&ldquo;) von Fidel Castro <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Essay-zum-Tod-des-Revolutionsfuehrers\/!5360786\/\">in der TAZ<\/a> entwirft, ist von einer derart dreist-d&uuml;mmlich-naiven Sicht, dass es unfreiwillig eher wie das Trauma-Tagebuch eines verhinderten Freud&rsquo;schen (Urgro&szlig;-)Vater-M&ouml;rders denn als eine halbwegs ernst zu nehmende politische Einordnung wirkt. Dass solch ein Artikel aber in der &bdquo;taz&ldquo; steht und &Aacute;lvarez dort quasi als natives Testimonial f&uuml;r irgendeinen fantasierten Zustand Kubas und Castros verkauft werden soll, wundert nat&uuml;rlich nicht; dass er jedoch in die NDS ohne Anmerkung &uuml;bernommen wurde, schon eher. <\/p><p>Nun, dass sich jeder Nicht-Kubaner, der heute den Tod Fidel Castros bedauert und in diesem Mann vor allem den Gr&uuml;nder und jahrzehntelangen Garanten f&uuml;r das &Uuml;berleben der weltweit bisher einzigen funktionierenden sozialistischen und ja: nat&uuml;rlich demokratischen Gesellschaft erkennt, der linken Revolutions-Romantik schuldig macht, ist normal. H&auml;tte es die kubanische Revolution, h&auml;tte es Castro nicht gegeben, w&auml;re Kuba wohl heute ein von der Mafia, US-Oligarchen und jedem erdenklichen weiteren, vom schnellen Dollar angezogenen Gesindel beherrschtes Las Vegas mit Meerblick und das kubanische Volk dessen Diener und Bordell-Nachwuchslieferant. Und Folterer und Staatschef Fulgencio Batista und sein pers&ouml;nlicher Berater, der ber&uuml;chtigte Mafioso Meyer Lanski w&uuml;rden Seit&rsquo; an Seit&rsquo; vereint in ihren  Ehrengr&auml;bern unter schattigem Palmenidyll ruhen&hellip;<\/p><p><strong>US-Embargo und CIA-Anschl&auml;ge<\/strong><\/p><p>Was dieser Fidel Alejandro Castro Ruz in der von einer radikalen Kommunismus-Phobie dominierten zweiten H&auml;lfte des zwanzigsten Jahrhunderts seit 1959 f&uuml;r die Verwirklichung des kubanischen Sozialismus geleistet hat, ist schier unglaublich. 49 (neunundvierzig!) Jahre unter dem drakonischen US-Embargo und Blockade und dem der gesamten kapitalistischen Welt zu &uuml;berleben (freilich auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion), hunderte von CIA-Anschl&auml;ge und 19 US-Pr&auml;sidenten gleich mit dazu, das wirkt geradezu &uuml;bermenschlich. Jedenfalls ist es jeden Respekt wert.<\/p><p>Unser junger, etwas verwirrter Freund &Aacute;lvarez schreibt in seinem Artikel: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das Land, das uns Fidel Castro hinterl&auml;sst, ist zutiefst reaktion&auml;r, verwurzelt in dem unsinnigen Glauben, dass man nicht alles haben kann, dass man nicht einmal darauf hoffen kann, alles zu erreichen, sondern dass man auf eine Reihe von elementaren Dingen &ndash; die b&uuml;rgerlichen und politischen Rechte, zum Beispiel &ndash; eben verzichten m&uuml;sse, um andere zu erhalten, etwa das Bildungssystem und die Gesundheitsversorgung, auch wenn diese immer prek&auml;rer werden.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Die ersten Punkte kann man aus Sicht eines jungen Menschen nachvollziehen, selbstverst&auml;ndlich. Es ist nicht zu verlangen, dass jeder Kubaner mit der tiefen Sehnsucht nach lebenslanger revolution&auml;rer Solidarit&auml;t geboren wird und den kapitalistischen, konsumistischen Herausforderungen die kalte Schulter zeigt. Bei den politischen Rechten w&auml;re ich vorsichtiger. Hier zeigt der Kritiker vor allem seine fatale Ausblendung &uuml;ber die Folgen der drastischen US-Sanktionen.<\/p><p><strong>Demokratie &ndash; wie geht das? Nach dem Muster der USA? Nach dem Muster Kubas?<\/strong><\/p><p>Diese Ausblendung zieht er dann auch konsequent den ganzen Artikel durch. Zum anderen, viel schlimmer, kommt auch in ihm die sich geradezu global ausgebreitet habende Verachtung oder zumindest Geringsch&auml;tzung sozialer Rechte zum Vorschein, oder er h&auml;lt sie f&uuml;r schlicht selbstverst&auml;ndlich: Fidel Castro hinterl&auml;sst n&auml;mlich ein Land, in dem die Gleichberechtigung von Mann und Frau, das Recht auf eine Gesundheitsvorsorge und &auml;rztliche Behandlung nach den jeweils h&ouml;chsten therapeutischen Standards, das Recht auf Arbeit, das Recht auf Bildung, das Recht auf Teilhabe am kulturellen Leben, der Schutz von Familien, Schwangeren, M&uuml;ttern und Kindern und das Recht auf einen angemessenen Lebensstandard sowie angemessener, gesunder Lebensmittel Verfassungsrang besitzt. Kuba ist ein Land, in dem Gerechtigkeit herrscht! Und es gibt keine Ausbeutung des Menschen durch den Menschen in Kuba. Das sind zwei S&auml;tze, die nicht wirklich spektakul&auml;r klingen, in Wahrheit aber einem Erdbeben gleichkommen. Oskar Lafontaine komprimiert ja immer wieder das einzig m&ouml;gliche Kriterium, was denn eine Demokratie ausmacht, auf die simple Formel: die Interessen der Mehrheit des Volkes durchzusetzen. An dieser Stelle sp&auml;testens wird wohl niemand ernsthaft behaupten wollen, Kuba sei keine Demokratie &ndash; und beispielhaft auf die USA oder Deutschland zeigen. Die Witzbolde, die das nat&uuml;rlich tun, wird es freilich nicht beeindrucken. Ein Mehrparteiensystem, in dem Gro&szlig;konzerne das Sagen haben und diese dann noch in der jeweiligen Austausch-Regierung an Gesetzen mitschreiben oder gern auch vorformulieren d&uuml;rfen, ein Mehrparteiensystem, in dem schlicht die Interessen der Wenigen vor denen der Vielen durchgesetzt werden, dort kann die theoretische Lotto-Chance, vom Tellerw&auml;scher zum Million&auml;r aufzusteigen, nicht zwingend als demokratisch gefeiert werden.<\/p><p>Kuba f&uuml;hlt sich geradezu exemplarisch dem Weltfrieden verpflichtet, unterh&auml;lt in jeder Hinsicht faire und konstruktive Beziehungen zu allen L&auml;ndern, mit denen es diplomatisch verbunden ist. Im Rahmen der Hilfe f&uuml;r andere L&auml;nder des globalen S&uuml;dens hat Kuba Vorbildliches geleistet, andere beuten diesen nur aus. In Kuba fehlt jeder widerliche Chauvinismus anderen Staaten und V&ouml;lkern gegen&uuml;ber, so wie wir ihn in Deutschland kennen. Und in Kuba gibt es keinen Rassismus. Alles das ist zutiefst mit der Figur Fidel Castro verbunden. Diese Liste w&auml;re problemlos noch ellenlang fortzusetzen. <\/p><p><strong>Aber die Freiheit!?! &ndash;<\/strong><br>\ndonnert es wuchtig drohend aus den engen Himmeln des Neoliberalismus. Huahh! Das ist der Moment f&uuml;r &ndash; nat&uuml;rlich Joachim Gauck, unseren Freiheits-Pr&auml;sidenten. Der wei&szlig; das. Es ist die Freiheit des Neoliberalismus gemeint: eine breite, tiefgreifende Entsolidarisierung, das &bdquo;Recht des St&auml;rkeren&ldquo;, die als alternativlos geadelte Ideologisierung des &uuml;berall katastrophal gescheiterten &bdquo;freien Marktes&ldquo;, die Schleifung sozialer Errungenschaften und die Beteiligung an geopolitisch motivierten Angriffskriegen, um nur schnell das N&ouml;tigste zu nennen. Dies subsumiert sich unter die Begriffe der Verantwortung des Einzelnen f&uuml;r sich selbst und der Verantwortung des kapitalistischen Staates, der Ausbeutung anderer Staaten einen besonderen Stellenwert einzur&auml;umen. Selten oder nie hat dieses Land eine pervertiertere Begriffs-Umdeutung von der offiziellen Spitze des Staates erfahren wie die Begriffe Freiheit und Verantwortung. <\/p><p><strong>Menschenrechte.<\/strong><\/p><p>Vorab: wenn westliche Staaten, ehemalige Kolonisten, wenn NATO-Staaten zumal das Wort Menschenrechte in den Mund nehmen, dann tanzen die Magennerven Tango. Menschenrechte?! Bitte, bitte, haltet ihr alle euer gro&szlig;es, &uuml;berhebliches Maul! Das ist ja nicht zu ertragen! K&ouml;stlich auch, wenn Kuba Zensur und staatliche Medienkontrolle vorgeworfen werden (nicht vom Autor)! Das ist nat&uuml;rlich echte  Realsatire angesichts unserer servilen &ouml;ffentlich-rechtlichen Staatsmedien. <\/p><p>Ein zumindest umstrittener Punkt ist die Verletzung einiger politischer Menschenrechte, also die m&ouml;gliche Inhaftierung aus politischen Gr&uuml;nden, die Todesstrafe (seit 2003 nicht mehr vollstreckt) und die Einschr&auml;nkung der Reisefreiheit in Kuba. Als klarer Gegner der Todesstrafe hoffe ich, dass sie in Kuba ganz abgeschafft wird. Aber ich bin ehrlich: seit der Ann&auml;herung der USA an Kuba (unser Autor ist ein Fan dieser Ann&auml;herung, klar) f&uuml;rchte ich, dass die &Ouml;ffnung Kubas in Richtung der kapitalistischen Welt kein gutes Ende nehmen wird. Die Propaganda-Instrumente des Westens, vor allem aber die bis ins letzte Teil ausgekl&uuml;gelten Instrumentarien der Subversion werden Kuba durchdringen und diesen beispiellosen Sozialismus entkernen und schlie&szlig;lich zerst&ouml;ren. Der kubanische Sozialismus w&auml;re jedenfalls ohne die genannten demokratischen Defizite niemals &uuml;ber diese &uuml;ber 50 Jahre m&ouml;glich gewesen! Niemals! Die Macht des Imperiums h&auml;tte bei jeder noch so kleinen &Ouml;ffnung die ganze T&uuml;r eingetreten und sie wird es jetzt auch tun. Jedenfalls musste Kuba so handeln, wie es handelte. Es ist Fidel Castro selbst, der vor dieser gef&auml;hrlichen Entwicklung warnte und seinen Bruder Ra&uacute;l zu &uuml;berzeugen suchte. Dieser sah es anders, wie wir wissen. <\/p><p><strong>Fazit:<\/strong><\/p><p>Kuba ist das Land, in dem ich wie nirgendwo die W&uuml;rde des Menschen derart beeindruckend verwirklicht erlebt habe. Kuba wird sich erneuern m&uuml;ssen, keine Frage! Und selbstverst&auml;ndlich ist mit Castros Tod auch der Weg frei f&uuml;r &ndash; behutsame! &ndash; Ver&auml;nderungen. Wie gesagt, ich sehe trotzdem mit gro&szlig;em Pessimismus in die Zukunft dieses Landes. Wenn &bdquo;Intellektuelle&ldquo; wie Carlos &Aacute;lvarez an Einfluss gew&auml;nnen, s&auml;he ich allerdings noch schw&auml;rzer f&uuml;r die Errungenschaften der Revolution als sonst schon.<br>\nDie Kraft und der politische Instinkt Fidel Castros werden Kuba und auch der Welt fehlen! <\/p><p>Dieser Kommentar ist die private Meinung eines politisch interessierten Beobachters. Sie speist sich aus vielen Reisen in das Land. Th.H.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Anmerkung Albrecht M&uuml;ller:<\/strong><\/p><p>Die Einsch&auml;tzung von Thomas Hillebrand teile ich &uuml;ber weite Strecken. Ich war allerdings anders als er nur zweimal in Kuba. Manches sehe ich etwas kritischer als unser Autor. Aber das sind Nuancen.<\/p><p>Leider muss ich seiner Prognose Recht geben. Es wird bergab gehen auch mit diesem Experiment. Nicht wegen seiner inneren Schw&auml;che, sondern wegen der Atmosph&auml;re weltumspannender Feindseligkeit, in der ein solches Experiment nicht weiter gedeihen kann. Das ist schade, denn die Menschheit br&auml;uchte solche Versuche, wie sie von Fidel Castro begonnen worden waren.<\/p><p>An den Kommentaren und Berichten zum Tod von Fidel Castro kann man sehen, dass bei uns eine &ouml;ffentliche Debatte in einer gelassenen Atmosph&auml;re des Abw&auml;gens und mit dem Versuch, einem Mann wie Fidel Castro einigerma&szlig;en gerecht zu werden, nicht mehr m&ouml;glich ist. Sie ist gepr&auml;gt vom ideologischen Grabenkampf, vom Austausch von Schlagworten und immer noch von einem offensichtlich sehr tief sitzenden Antikommunismus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die NachDenkSeiten hatten in den <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36005#h17\">gestrigen Hinweisen<\/a> auf einen Kommentar in der TAZ hingewiesen. 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