{"id":36064,"date":"2016-12-01T10:35:52","date_gmt":"2016-12-01T09:35:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36064"},"modified":"2018-04-20T09:50:17","modified_gmt":"2018-04-20T07:50:17","slug":"argentinien-mauricio-macri-oder-die-armuts-fabrik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36064","title":{"rendered":"Argentinien: Mauricio Macri oder \u201edie Armuts-Fabrik\u201c"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/161201_arg01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Seit einem Jahr wird Argentinien wieder von einem konservativen Pr&auml;sidenten regiert und prompt explodierte die Zahl der Armen. Zehntausende Argentinier protestierten in den vergangenen Wochen gegen das Abdriften in die Armut von Millionen ihrer Landsleute. F&uuml;r die NachDenkSeiten versucht sich unser S&uuml;damerika-Korrespondent <strong>Federico F&uuml;llgraf<\/strong> an einer Einordnung der aktuellen Situation in Argentinien.<br>\n<!--more--><br>\nVor genau einem Jahr und mit einem knappen Stimmenvorsprung von weniger als 3 Prozent wurde der Multimillion&auml;r, ehemalige  B&uuml;rgermeister von Buenos Aires und  Kandidat des konservativen B&uuml;ndnisses &ldquo;Propuesta Republicana &ndash; Republikanisches Programm (PRO)&rdquo;, Mauricio Macri, von der argentinischen Elite, einem Teil der Mittelschicht und den konservativen Medien ins Pr&auml;sidentenamt gew&auml;hlt. <\/p><p>Schon w&auml;hrend der Wahlkampagne hatte Macri scharfe Angriffe gegen die Regierung Cristina F. de Kirchner gerichtet, die er f&uuml;r die dramatische Verarmung von 20 Prozent der 40 Millionen Argentinier verantwortlich machte. Dagegen verk&uuml;ndete er die Parole &ldquo;Pobreza Cero &ndash; Null Armut&rdquo;. <\/p><p>Ein Jahr sp&auml;ter stellen sich Kritik und Versprechen als hohle Demagogie heraus: im ersten Regierungsjahr Macris nahm die Verarmung um mehr als 60 Prozent zu und bef&ouml;rderte 33 Prozent seiner Landsleute unter die Armutsgrenze. <\/p><p>Wie es dazu kommen konnte, erkl&auml;rt die Zusammensetzung seines Kabinetts mit einer Schar ultra-liberaler CEOs multinationaler und einheimischer Konzerne und deren kaltbl&uuml;tiges &ldquo;Deregulierungs&rdquo;-Programm der argentinischen Wirtschaft, das in weniger als zw&ouml;lf Regierungsmonaten 1,3 Millionen (das &ldquo;Centro de Economia Pol&iacute;tica Argentina-CEPA&rdquo; sch&auml;tzt die reale Zahl auf mehr als das Vierfache davon: 5,3 Millionen) Arbeitslose und 40 Prozent Inflation erzeugte. <\/p><p><strong>Geierfonds und Neuverschuldung<\/strong><\/p><p>Kernst&uuml;ck des drakonischen &ldquo;Anpassungs&rdquo;programms ist die forcierte &Uuml;berwindung des seit 2002 herrschenden <em>Defaults<\/em>, also des Zahlungsstopps jener als unannehmbar betrachteten Auslandsschulden gegen&uuml;ber den sogenannten <em>Geierfonds<\/em>, die zum Teil Profite von &uuml;ber 1.000 Prozent im Jahr auf argentinische Schuldscheine einklagten.<\/p><p>Die Geierfonds hatten sich nicht an der 2005 von Pr&auml;sident N&eacute;stor Kirchner durchgesetzten Umstrukturierung und drastischen Reduzierung um 75 Prozent der argentinischen Auslandsschulden beteiligt, sondern verklagten das s&uuml;damerikanische Land vor der US-Justiz. Die Folge war die Zugangsblockade zu internationalen Kreditm&auml;rkten. Mit der im April 2016 erfolgten Zahlung der schwindelerregenden Tranche von 9,3 Milliarden Dollar an weltweit als kriminelle Vereinigungen verschrieene <em>Hedge-Fonds<\/em> &ndash; siehe dazu &ldquo;<a href=\"https:\/\/www.google.cl\/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=1&amp;cad=rja&amp;uact=8&amp;ved=0ahUKEwiY8ceoxsfQAhVDgpAKHU0bBXgQFggZMAA&amp;url=http%3A%2F%2Fwww.spiegel.de%2Fpolitik%2Fdeutschland%2Fhedgefonds-paul-singer-zwingt-argentinien-zur-zahlung-a-978916.html&amp;usg=AFQjCNGk2LrgRb6ZpdSQrKgHcbM3mgQzoQ&amp;sig2=2dtOJ5hvInJRej2TcoZPgA\">Hedgefonds: Paul Singer zwingt Argentinien zur Zahlung<\/a>&ldquo;, Spiegel Online, 03.07.2014 &ndash; erkaufte sich nun die Regierung Macri ihren neuen Bonit&auml;tstitel und setzt auf die Anziehung von internationalen Investoren und neue Kreditaufnahmen. Doch, wie Wirtschafts-Experten warnen, zum Preis verheerender sozialer Folgen.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/161201_arg02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p><strong>Neoliberaler Ausverkauf und der Neuanfang bei Null &ndash; ein R&uuml;ckblick<\/strong><\/p><p>Macri trat an mit der Absicht, den vom sogenannten &ldquo;Kirchnerismo&rdquo; vorangetriebenen Ausbau der Demokratie zu stoppen und dessen soziale Errungenschaften abzubauen.<\/p><p>Der sogenannte &ldquo;Kirchnerismo&rdquo; bezeichnet die zw&ouml;lfj&auml;hrige Amtsperiode, von 2003-2015, des 2010 fr&uuml;hzeitig verstorbenen Pr&auml;sidenten N&eacute;stor Kirchner und seiner Ehefrau und Nachfolgerin Cristina Fern&aacute;ndez de Kirchner und das von ihnen 2003 gegr&uuml;ndete &ndash; aus Sozialisten, Kommunisten und Sozialdemokraten verschiedener Schattierungen bestehende &ndash; Wahlb&uuml;ndnis &ldquo;Frente para la Victoria &ndash; Front f&uuml;r den Sieg&rdquo; (FPV). Unter Ausgrenzung der Neoliberalen in der eigenen Partei stellten linksliberale Peronisten, wie die Kirchners, die Mehrheit in dieser Koalition, der eine Regierungspolitik mit R&uuml;ckbesinnung auf den peronistischen Nationalismus und soziale Integration gelang.<\/p><p>Als der nahezu unbekannte, ehemalige Gouverneur aus dem fernen Patagonien, N&eacute;stor Kirchner, im Mai 2003 die Pr&auml;sidentschaft antrat, lag Argentinien am Boden.<\/p><p>Ihm vorausgegangen war die Administration des ultraliberalen Rechts-Peronisten Carlos Menem (1989-1999), mit der massiven Privatisierung und Verscherbelung staatlicher Konzerne &ndash; darunter die Fluglinie Aerolineas, die Telefongesellschaft Entel, die nationalen Eisenbahnen, die Wasser- und Gasversorgung, die Bank Naci&oacute;n und selbst die &ouml;ffentliche Steuerbeh&ouml;rde DGI &ndash; zum l&auml;cherlichen Gegenwert von damals 9 Milliarden US-Dollar (Marktwert: ca. 30 Milliarden Dollar), was den rasanten Anstieg der Auslandsverschuldung um 13 Milliarden US-Dollar nicht verhinderte.<\/p><p>Im Dezember 2001 setzten Massenproteste unter Menems Nachfolger Fernando de la R&uacute;a das Land in Flammen. Ursache der als <em>Argentinazo<\/em> bekannten Proteste, bei denen Polizei und zivile Helfer 36 Menschen erschossen oder totschlugen, war die von Finanzminister Domingo Cavallo erwirkte Beschlagnahme privater Konten, mit der Ausgabe von Ersatz-Gutscheinen, und die Verh&auml;ngung des Ausnahmezustands. Die Ma&szlig;nahme kostete De la R&uacute;a das Amt und st&uuml;rzte Argentinien in seine tiefste soziale und Vertrauenskrise seit Ende der Milit&auml;rdiktatur, mit f&uuml;nf nachfolgenden und kurzlebigen Pr&auml;sidentschaften in weniger als zwei Jahren.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/161201_arg03.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p><strong>Der Kirchnersche Rechts- und Sozialstaat<\/strong><\/p><p>Wie der Regierung Luis In&aacute;cio <em>Lula<\/em> da Silva, im benachbarten Brasilien, kam der Amtszeit N&eacute;stor Kirchners das erfreuliche Auf der internationalen Rohstoffpreise, insbesondere f&uuml;r Agrarg&uuml;ter wie der argentinische Sojaanbau, zugute. Vermehrte Deviseneinnahmen, gepaart mit der Reduzierung der Auslandsverschuldung, verliehen der Wirtschaft neue Robustheit und j&auml;hrliche Wachstumsraten zwischen 6,0 Prozent und 8,5 Prozent. Der vierj&auml;hrigen Amtsperiode N&egrave;stor Kirchners gelang es, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 52 Prozent zu steigern.<\/p><p>Obwohl im Vergleich zur Pr&auml;sidentschaft N&eacute;stors die Amtszeit seiner Nachfolgerin eher von Konflikten mit Medienmonopolen, dem Gro&szlig;grundbesitz und einzelnen Gewerkschaften gepr&auml;gt war, f&uuml;hrte Cristina Kirchner den 2003 initiierten Ausbau der B&uuml;rgerrechte, gekoppelt mit der Eingliederung sozial ausgegrenzter Bev&ouml;lkerungsteile, konsequent weiter. <\/p><p>Weltweite Anerkennung fand die unter N&eacute;stor Kirchner begonnene Menschenrechts-Politik, mit der Anklage von 1.861 und der Verurteilung von 244 hochrangigen Milit&auml;rs, darunter der in Haft verstorbene General und Ex-Diktator Jorge Videla, die allesamt f&uuml;r den Massenmord und das Verschwinden von 30.000 politischen Gefangenen in der Zeit von 1976 bis 1983 verantwortlich waren. Mit der Absicherung von Schutzrechten f&uuml;r Frauen, Jugendliche und Kinder sowie der Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe und der Anerkennung von Minderheitenrechten in der Gender-Identit&auml;t r&uuml;ckte Argentinien bald in die Riege der demokratischsten Republiken der Welt auf.<\/p><p>In der &Auml;ra Kirchner wurden rund eine Million neue Arbeitspl&auml;tze geschaffen und die Arbeitslosigkeit wurde von 17 Prozent auf 7,9 Prozent abgebaut. An erster Stelle in S&uuml;damerika rangierte sowohl der gesetzliche Mindestlohn von 550 US-Dollar (2015) als auch die Ausdehnung der Altersversorgung auf 94,3 Prozent der Arbeiter und Angestellten im Ruhealter, darunter 2,5 Millionen, die nur in unzureichendem Ma&szlig;e ihre Beitr&auml;ge bezahlt hatten.<\/p><p><strong>Die &ldquo;Armen-Fabrik&rdquo;<\/strong><\/p><p>Kaum hatte Macri sein Amt angetreten, wurde Mitte Dezember 2015 der argentinische Peso gegen&uuml;ber dem US-Dollar zwischen 40 und 50 Prozent abgewertet, was sofort die schwindelerregende, 35-prozentige Inflation weiter in die H&ouml;he trieb.<\/p><p>In den darauffolgenden Monaten erlie&szlig; die Regierung den <em>Tarifazo<\/em>, eine bis 700-prozentige Erh&ouml;hung der Fahrpreise der &ouml;ffentlichen Verkehrsmittel sowie der Preise f&uuml;r die Strom-, Wasser- und Gasversorgung. Da tausende Argentinier dagegen vor Gericht zogen, urteilte der Oberste Gerichtshof im August 2016 zumindest gegen die drakonische Gas-Preiserh&ouml;hung. W&auml;hrend die Argentinier noch im November 2015 rund 1.020 Pesos (ca. 100 US-Dollar) f&uuml;r den Warenkorb mit Grundnahrungsmittel ausgaben, stiegen ihre Ausgaben nach der Peso-Entwertung um 29 Prozent. <\/p><p>Im Mai 2016 prahlte die Regierung mit einer im Januar 2017 inkrafttretenden, 33-prozentigen Erh&ouml;hung des Mindestlohns. Liest sich als geradezu arbeiterfreundliche Geste, doch es ist Betrug, die Lohnerh&ouml;hung liegt weiter 7 Prozent unter der 40-prozentigen Jahresinflation. <\/p><p>Somit kam Mitte 2016 millionenfach der Hashtag <em>#LaFabricaDePobres<\/em> (&ldquo;Die Armen-Fabrik&rdquo;) als Protest-Parole gegen den dramatischen Anstieg der Armut in Umlauf, die nach Sch&auml;tzungen des Gewerkschaftsverbandes CTA zwischen Ende 2015 und Mitte 2016 von 19,7 Prozent auf mindestens 32 Prozent anstieg; ganz zu schweigen von den 6 Prozent der Argentinier, die ein Bettlerdasein fristen.<\/p><p>Staatspr&auml;sident Mauricio Macri erkannte selbst in einem Presseauftritt, &ldquo;13 Millionen Arme sind eine traurige Bilanz&rdquo;, schob jedoch seiner Vorg&auml;ngerin Cristina Kirchner geschminkte Armuts-Statistik in die Schuhe und &uuml;berlie&szlig; der Zukunft die &Uuml;berwindung der Trag&ouml;die: &ldquo;Wird schon alles werden, 2017 kommt das Wirtschaftswachstum&rdquo;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/161201_arg01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Seit einem Jahr wird Argentinien wieder von einem konservativen Pr&auml;sidenten regiert und prompt explodierte die Zahl der Armen. Zehntausende Argentinier protestierten in den vergangenen Wochen gegen das Abdriften in die Armut von Millionen ihrer Landsleute. F&uuml;r die NachDenkSeiten versucht sich unser S&uuml;damerika-Korrespondent <strong>Federico F&uuml;llgraf<\/strong><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36064\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[130,20,156,132],"tags":[965,881,282,1112,284,285,365,2007,2006,2199,305,317,312,479,851,325],"class_list":["post-36064","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-drehtuer-politik-und-wirtschaft","category-landerberichte","category-schulden-sparen","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-argentinien","tag-armut","tag-buergerproteste","tag-buergerrechte","tag-deregulierung","tag-hedgefonds","tag-inflation","tag-kirchner-cristina","tag-kirchner-nestor","tag-macri-mauricio","tag-menschenrechte","tag-mindestlohn","tag-reformpolitik","tag-reservearmee","tag-schuldenschnitt","tag-staatsschulden"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36064","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=36064"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36064\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":36066,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36064\/revisions\/36066"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=36064"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=36064"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=36064"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}