{"id":36067,"date":"2016-12-01T14:05:03","date_gmt":"2016-12-01T13:05:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36067"},"modified":"2016-12-01T17:00:38","modified_gmt":"2016-12-01T16:00:38","slug":"modernisierungsverlierer-globalisierungsverlierer-die-politik-verhoehnt-ihre-opfer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36067","title":{"rendered":"Modernisierungsverlierer? Globalisierungsverlierer? Die Politik verh\u00f6hnt ihre Opfer"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150520_berger.jpg\" alt=\"Jens Berger\" title=\"Jens Berger\"><\/div><p>Angela Merkel hat ihr Herz f&uuml;rs Volk <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/angela-merkel-cdu-wirbt-um-modernisierungsverlierer-a-1122067.html\">entdeckt<\/a>. Die CDU m&uuml;sse nun endlich auf Menschen zugehen, die &bdquo;sich als Modernisierungsverlierer&ldquo; sehen und bei  &bdquo;Populisten von rechts und links ihre Zuflucht suchen&ldquo;, so die Kanzlerin. Dabei tritt die Uckerm&auml;rkerin zielsicher in Fu&szlig;stapfen, die Andere hinterlassen haben. Seit dem Brexit ist es f&uuml;r die westlichen Eliten beispielsweise <a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/news\/wonk\/wp\/2016\/06\/27\/the-losers-have-revolted-and-brexit-is-only-the-beginning\/?hpid=hp_rhp-top-table-main_wonk-revolt-720a-top%3Ahomepage%2Fstory&amp;utm_term=.7226f42344e2\">ausgemachte Sache<\/a>, dass es vor allem &bdquo;Globalisierungsverlierer&ldquo; sind, die nicht mehr die Vertreter der klassischen Politik w&auml;hlen. Es ist schon zum verr&uuml;ckt werden. Da verfolgen die westlichen Eliten jahrzehntelang eine Politik der Ausgrenzung und Verarmung, die sich gegen weite Teile ihrer eigenen Bev&ouml;lkerung richtet und nun verh&ouml;hnen sie ihre Opfer auch noch dadurch, dass sie sie zu &bdquo;Verlierern&ldquo; erkl&auml;ren; was &uuml;brigens faktisch noch nicht einmal zutreffend ist. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6604\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-36067-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161201_Globalisierungsverlierer_Die_Politik_verhoehnt_ihre_Opfer_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161201_Globalisierungsverlierer_Die_Politik_verhoehnt_ihre_Opfer_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161201_Globalisierungsverlierer_Die_Politik_verhoehnt_ihre_Opfer_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161201_Globalisierungsverlierer_Die_Politik_verhoehnt_ihre_Opfer_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=36067-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161201_Globalisierungsverlierer_Die_Politik_verhoehnt_ihre_Opfer_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"161201_Globalisierungsverlierer_Die_Politik_verhoehnt_ihre_Opfer_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Was ist eigentlich ein Globalisierungsverlierer? Die Globalisierung ist ja keine neue Entwicklung. Schon bei den R&ouml;merinnen waren blonde Echthaarper&uuml;cken aus dem fernen Germanien der Renner und da bei uns kein Pfeffer w&auml;chst, bezogen unsere Vorfahren das Gew&uuml;rz schon seit Ewigkeiten aus dem fernen Indien. Mit der Weiterentwicklung des Handels wurden sp&auml;ter auch Fertigprodukte gehandelt, die theoretisch im Herkunfts- wie im Empf&auml;ngerland hergestellt werden k&ouml;nnen. Die Erkenntnisse der fr&uuml;hen volkswirtschaftlichen Au&szlig;enhandelstheorien von Smith und Ricardo griffen streng genommen nur auf, was l&auml;ngst Usus war. Absolute und komparative Kostenvorteile f&uuml;hren dazu, dass beispielsweise Kohle in Frankreich und Kleidung in Irland produziert und in das jeweils andere Land exportiert wurden. Franz&ouml;sische Weber und irische Kohlekumpel waren so gesehen die ersten Globalisierungsverlierer. Durch den technischen Fortschritt sollten sie nicht die einzigen bleiben. Heute werden Sie in Deutschland kaum noch Gerber und K&ouml;hler finden und auch Kleidung oder Schuhe werden hierzulande nicht mehr f&uuml;r den Massenmarkt produziert. Eine vollkommen normale Entwicklung, die vom Begriff &bdquo;Globalisierung&ldquo; nur mythisch &uuml;berh&ouml;ht wird. <\/p><p>Wann immer die Politik die &bdquo;Globalisierung&ldquo; ins Spiel bringt, geht es meist &uuml;berhaupt nicht um die Globalisierung, sondern um hausgemachte Entscheidungen, die mit der Globalisierung gar nichts zu tun haben. Nehmen wir den Niedriglohnsektor als Beispiel. Worum es bei &bdquo;Reformen&ldquo; wie der Agenda 2010 ging, hatte Gerhard Schr&ouml;der ja 2005 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos sehr gut <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4480\">zusammengefasst<\/a>: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir m&uuml;ssen und wir haben unseren Arbeitsmarkt liberalisiert. Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt&ldquo;.\n<\/p><\/blockquote><p>Wo aber sind die Jobs zu verorten, die vom Niedriglohn betroffen sind? Der Arbeiter am Band von VW ist weit vom Niedriglohn entfernt, der Laborassistent bei BASF ebenfalls &ndash; generell zahlen die Industrieunternehmen, die ma&szlig;geblich f&uuml;r die deutsche Exportweltmeisterschaft verantwortlich sind und im vollen internationalen Wettbewerb stehen, vergleichsweise hohe L&ouml;hne. Paradox? Nicht unbedingt, bei Lohnquoten[<a href=\"#foot_0\" name=\"note_0\">*<\/a>], die je nach Branche in der g&uuml;terproduzierenden Industrie zwischen 5% und 15% liegen, spielen die reinen Lohnkosten nun mal keine so dramatisch hohe Rolle. Und die Vorteile des Standorts Deutschland sind ja legend&auml;r.<\/p><p>Wer Niedrigl&ouml;hne sucht, der findet sie stattdessen im Dienstleistungsbereich: In der Alten- und Krankenpflege, im Sicherheitsgewerbe, bei den Raumpflegerinnen, im Einzelhandel und in der Gastronomie sind schlechte L&ouml;hne bekanntlich alles andere als selten. Aber die Altenpflegerin aus Wuppertal steht ja gerade eben nicht mit ihrer Kollegin aus Sofia im Wettbewerb. Der Wachmann aus Passau kann nicht durch einen kosteng&uuml;nstigen Ersatz aus Thailand ausgetauscht werden, die Raumpflegerin und die Kassiererin nicht nach Mexiko ausgelagert und der Kellner gegen einen effizienteren Chinesen ersetzt werden. Die niedrigen L&ouml;hne dieser Menschen haben nichts mit der Globalisierung zu tun!<\/p><p>Auch mit Angela Merkels &bdquo;Modernisierung&ldquo; haben die niedrigen L&ouml;hne nichts zu tun. Mir w&auml;re zumindest nicht bekannt, dass unsere Altenpflegerin so wenig bekommt, weil sie sonst gegen einen Pflegeroboter eingetauscht w&uuml;rde oder unser Wachmann im Wettbewerb mit einem Telearbeiter aus Bangalore steht, der dank der IT-Revolution nun in Passau Streife gehen kann. Putzroboter mag es ja geben; dass eine Raumpflegerin gegen einen Roboter ausgetauscht wurde, habe ich aber noch nicht geh&ouml;rt und auch unser Kellner steht nun nicht eben im Verdacht, ein Opfer der Modernisierung zu sein. Leider sind unsere Medien doch bereits so denkfaul, dass sie derlei Dummheiten unkommentiert durchgehen lassen.<\/p><p>Und auch in anderen Bereichen sieht es so aus: Ist die Ver&ouml;dung der ostdeutschen Regionen eine Folge der Modernisierung? Umgekehrt wird ein Schuh draus! Dank IT und dank der M&ouml;glichkeit, &uuml;ber einen &bdquo;Telearbeitsplatz&ldquo; auch aus der brandenburgischen Pampa heraus in vielen modernen Jobs gut arbeiten zu k&ouml;nnen, haben diese Regionen wieder einen Lichtstreif am Horizont. <\/p><p>Die politisch gewollte Zerst&ouml;rung der gesetzlichen Rente hat doch auch nichts, aber auch gar nichts, mit der Globalisierung zu tun. Oder stehen unsere Rentner jetzt schon im Wettbewerb mit alten Indern, die schon f&uuml;r viel weniger Geld in Rente gehen w&uuml;rden? Ist an der katastrophalen Bildungspolitik etwa das Internet schuld? Sind Pisa und Bologna also direkte Folgen der Modernisierung? Aber nicht doch. Ist der steigende wirtschaftliche Erfolg der Tigerstaaten in S&uuml;dostasien daf&uuml;r verantwortlich, dass die deutschen Landesregierungen keinen ordentlichen sozialen Wohnungsbau mehr unternehmen und die Best&auml;nde an Heuschrecken verscherbeln, die gleich erst mal die Mieten erh&ouml;hen? <\/p><p>Unsere zahlreichen Probleme haben viele Ursachen, unter denen ich die politische Korruption als die schwerwiegendste bezeichnen w&uuml;rde. Die Globalisierung oder gar die Modernisierung geh&ouml;rt jedoch ganz sicher nicht dazu. Insofern k&ouml;nnen es auch nicht die &bdquo;Globalisierungs- oder Modernisierungsverlierer&ldquo; sein, die nun auf die Stra&szlig;e gehen, den Medien und der Politik nichts mehr glauben und b&ouml;se rechts- und linkspopulistische Parteien und Politiker w&auml;hlen. Wer so etwas erz&auml;hlt, ist nicht nur unehrlich, sondern zudem im h&ouml;chsten Ma&szlig;e zynisch.<\/p><p>Nat&uuml;rlich gibt es unter diesen Menschen auch &bdquo;Verlierer&ldquo;. Werfen Sie doch mal einen Blick auf die Metropolen des Ruhrgebiets. Wer heute &uuml;ber 50 Jahre alt ist, einen klassischen Industriejob gelernt hat und in Duisburg, Gelsenkirchen oder Bochum lebt und arbeitslos wird, hat nun einmal realistisch betrachtet kaum Chancen, wieder in Lohn und Brot zu kommen und sein gewohntes Leben fortzuf&uuml;hren. Und das geht ja weit &uuml;ber die reine &bdquo;Jobfrage&ldquo; hinaus. Kann ich meiner Tochter dann noch das Studium finanzieren? Kriegen die Enkel jetzt keine Weihnachtsgeschenke mehr? Was wird aus dem Fu&szlig;ballverein, was denken die Kumpel in der Nachbarschaft; werden sie mich noch respektieren und akzeptieren? Und vor allem &ndash; was verdammt noch mal, stelle ich k&uuml;nftig mit dem langen Tag an? Haben wir es hier wirklich mit einem Globalisierungsverlierer zu tun? Nein! Die Globalisierung hat nichts damit zu tun. Es w&auml;re Aufgabe der Politik, die Lebensperspektive dieses &bdquo;Verlierers&ldquo; zu verbessern. Das tut sie aber nicht.<\/p><p>Und wie sieht es mit dem Rentner aus Frankfurt\/Oder aus? Seine Stadt hatte mal fast 90.000 Einwohner. 90.000 Menschen, f&uuml;r die eine moderne 3-Zimmer-Wohnung mit Zentralheizung &bdquo;in der Platte&ldquo; ein kleiner Lebenstraum war. 90.000 Menschen &ndash;spielende Kinder, junge Paare, das pralle Leben. Und heute? Bis 2020 soll jeder zweite Frankfurter die Stadt verlassen haben. Unter den heute rund 50.000 Frankfurtern sind viele Rentner. Wer jung ist und sein Leben noch aktiv in die Hand nehmen kann, zieht weg. Dorthin, wo es Jobs und Hoffnung gibt. Die einst so stolzen Plattenbauwohnungen stehen derweil leer und da mit den Jungen auch die Kinder wegzogen, ist die Stadt trist und still geworden. Ja, auch die Rentner aus Frankfurt k&ouml;nnte man als Verlierer der Entwicklungen der letzten zwei Jahrzehnte bezeichnen. Aber sind sie Modernisierungsverlierer? Das zu behaupten, w&auml;re zynisch. Immer wieder gibt es Entwicklungen, die Menschen zwingen, in andere Regionen zu ziehen, ihr Gl&uuml;ck fern der Heimat zu suchen. Aufgabe der Politik ist es, diese Entwicklungen zu begleiten und deren Folgen zu meistern. Wenn die Politik in diesem Punkt versagt, sind doch nicht die Menschen daran schuld, die ohnehin an den Fehlern leiden? <\/p><p>Verlierer; das sind zum Beispiel Boxer, die ihre Deckung nicht oben halten k&ouml;nnen oder L&auml;ufer, denen die Puste ausgeht. Die Menschen, die ihr Vertrauen in die Politik verloren haben, sind keine solchen Verlierer sondern Opfer! Da wir es nicht mit unabwendbaren Entwicklungen zu tun haben, gibt es &ndash; selbst wenn das Wort &bdquo;T&auml;ter&ldquo; zu hart sein mag &ndash; Verantwortliche; Verantwortliche, die versagt haben und dabei Opfer produziert haben. Diese Opfer nun als Verlierer zu bezeichnen, die halt irgendwie zu langsam, zu unflexibel, ja zu bl&ouml;de sind, um sich den modernen, globalisierten Zeiten anzupassen, ist eine Verh&ouml;hnung. Weder die Altenpflegerin, der Wachmann oder die Kassiererin sind langsam oder bl&ouml;de &hellip; sie haben halt &bdquo;nur&ldquo; das Pech, keine starke Lobby zu haben und von der Politik verkauft worden zu sein. Auch den arbeitslosen Industriearbeiter aus dem Ruhrgebiet und den Rentner aus Frankfurt\/Oder trifft keine pers&ouml;nliche Schuld.<\/p><p>Wir haben es hier wie bereits erw&auml;hnt vielmehr mit einer Form des Zynismus zu tun, die wahrlich menschenverachtend ist. In wie weit unterscheidet sich Merkel denn in diesem Punkt von einem korrupten Kleptokraten aus Afrika, der Gelder, die f&uuml;r einen Dammbau bestimmt waren, veruntreut hat und nun die Flutopfer tr&auml;nenreich als Verlierer des Klimawandels beweint? <\/p><p>So unterscheiden sich dann wohl die Lesarten. Vielleicht werden Sie sich jetzt zusammen mit mir &uuml;ber derlei zynische &Auml;u&szlig;erungen aufregen? In der Sprachregelung der Eliten sind Sie dann jedoch auch nur ein Modernisierungsverlierer, der in einem linkspopulistischen Blog postfaktische Verschw&ouml;rungstheorien liest. Willkommen im Klub!<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_0\" name=\"foot_0\">&laquo;*<\/a>] Der Anteil des Herstellerpreises ohne Steuern, den man den Lohnkosten zuweisen kann<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/22576f84210b465582a9b0521336db28\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150520_berger.jpg\" alt=\"Jens Berger\" title=\"Jens Berger\"\/><\/div>\n<p>Angela Merkel hat ihr Herz f&uuml;rs Volk <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/angela-merkel-cdu-wirbt-um-modernisierungsverlierer-a-1122067.html\">entdeckt<\/a>. 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