{"id":3609,"date":"2008-11-24T09:09:39","date_gmt":"2008-11-24T08:09:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3609"},"modified":"2015-11-08T10:49:02","modified_gmt":"2015-11-08T09:49:02","slug":"die-gerechtigkeitsluecke-wie-politik-die-gesellschaft-spaltet-rezension-des-buches-von-ottmar-schreiner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3609","title":{"rendered":"Die Gerechtigkeitsl\u00fccke, wie Politik die Gesellschaft spaltet &#8211; Rezension des Buches von Ottmar Schreiner"},"content":{"rendered":"<p>Ein Sozialdemokrat in der SPD, Ottmar Schreiner, hat in seinem Buch &bdquo;Die Gerechtigkeitsl&uuml;cke&ldquo; die Ursachen der sozialen Kluft, die sich aufgrund der neoliberalen Politik aufgetan hat und die mit der Agenda 2010 Programm der SPD wurde, von unterschiedlichen Seiten beleuchtet. Seit Jahren werden Reformen mit der Begr&uuml;ndung, dass der &bdquo;Standort Deutschland&ldquo; den St&uuml;rmen der Globalisierung trotzen m&uuml;sse, vorangetrieben und Eckpfeiler der Sozialen Marktwirtschaft herausgebrochen. In seinem aufr&uuml;ttelnden Buch, das Zahlen und Fakten nennt und Wege aus der Krise aufzeigt, rechnet Ottmar Schreiner, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft f&uuml;r Arbeitnehmerfragen und Mitglied im SPD-Parteivorstand, mit dem Scheitern des derzeitigen politischen Kurses ab, notwendige Reformen sozialvertr&auml;glich zu gestalten &ndash; auch mit den krassen Vers&auml;umnissen der eigenen Partei. Von Christine Wicht<br>\n<!--more--><br>\nSchreiner warnt eindringlich vor den Gefahren f&uuml;r den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die die wachsende Gerechtigkeitsl&uuml;cke heraufbeschw&ouml;rt und verweist auf den Wert der Gleichheit, den das Grundgesetz nicht geringer achtet als den Wert der Freiheit. Mit Blick auf die deutsche Geschichte erinnert er daran, dass eine tiefgreifende soziale Spannung der Gesellschaft zum Totengr&auml;ber der Demokratie werden kann. Nicht nur weil im kommenden Bundestagswahlkampf die soziale Gerechtigkeit ein zentrales Thema sein wird, ist dies ein Buch, dass alle angeht.<\/p><p>Soziale Sicherheit ist das Fundament der politischen Demokratie. Sie ist, so der Autor, der Humus, der es &uuml;berhaupt erst erm&ouml;glicht, die demokratischen Rechte und Freiheiten auch wahrzunehmen, die die Demokratie gew&auml;hrt. Nur wo die B&uuml;rger ohne Not oder Angst vor Not leben, k&ouml;nnen sie ihr Leben selbstbestimmt gestalten. Dies sei seit der Einf&uuml;hrung von HartzIV nicht mehr m&ouml;glich. Schreiner stellt die Frage, f&uuml;r welche gemeinsame Sache ein HartzIV-Empf&auml;nger mit 347 Euro monatlich und ein Top-Manager mit einem Jahreseinkommen von knapp drei Millionen Euro noch eintreten k&ouml;nnten? Die Staatsb&uuml;rger k&ouml;nnten nicht mehr gleich sein, wenn ein &Uuml;berma&szlig; an gesellschaftlicher Ungleichheit das demokratische Fundament gef&auml;hrde und letztendlich zerst&ouml;re. <\/p><p>Der Autor blickt zur&uuml;ck auf die deutsche Geschichte, auf die Errungenschaften der Arbeiterbewegung, die Absicherung existenzieller Risiken, wie Krankheit, Arbeitslosigkeit und Altersarmut und erinnert daran, dass diese Errungenschaften im Grundgesetz als &bdquo;Sozialstaatsprinzip&ldquo; eingegangen seien. Schreiner rekapituliert die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft, einer Wirtschaft und Gesellschaftsform, die das Attribut &bdquo;sozial&ldquo; nicht nur deshalb zugeordnet worden sei, um diejenigen sozial abzusichern, die aus dem &ouml;konomischen Prozess herausgefallen waren. Das Soziale sei als ein Kernelement der Wirtschaftordnung selbst gedacht worden. Ludwig Erhards Leitidee der Sozialen Marktwirtschaft mit dem Motto &bdquo;Wohlstand f&uuml;r alle&ldquo;, sollte auch Sicherheit f&uuml;r alle bedeuten. Mit der Neugestaltung der Wirtschaft nach der Nazi-Tyrannei sollte die Voraussetzung daf&uuml;r geschaffen werden, dass im Kapitalismus die gesellschaftliche Spaltung zwischen &bdquo;Arm&ldquo; und &bdquo;Reich&ldquo; aufgehoben oder zumindest ausgeglichen werden sollte. <\/p><p>Schreiner f&uuml;hrt aus, wie sich die Sicht in unserem Land auf &bdquo;das Soziale&ldquo; ver&auml;ndert habe. Indem etwa das sozialstaatliche Fundament der Bundesrepublik als &bdquo;&uuml;berzogenes Anspruchsdenken&ldquo; verunglimpft worden sei, dass es sich Menschen in der &bdquo;sozialen H&auml;ngematte&ldquo; bequem einrichteten und den Sozialstaat missbrauchten. Mit der st&auml;ndigen Wiederholung dieser Parolen sei dem B&uuml;rger eingeredet worden, beim entwickelten Sozialstaat handle es sich um ein Auslaufmodell und um einen Klotz am Bein der Wirtschaft. Deshalb m&uuml;ssten die Errungenschaften aus alter Zeit zur&uuml;ckgef&uuml;hrt werden. Deshalb lauteten die Forderungen der Vork&auml;mpfer einer sozialstaatsfreien Zone: Sozialleistungen k&uuml;rzen, L&ouml;hne dr&uuml;cken, Steuern senken, &ouml;ffentliche G&uuml;ter privatisieren und die viel zitierte &bdquo;Eigenverantwortlichkeit&ldquo; st&auml;rken. Ironisch f&uuml;gt der Autor noch hinzu: &bdquo;Ein Schelm, der glaubt, hier seien privatwirtschaftliche Interessen oder ihre politischen Lobbyisten am Werk, da es den Wortf&uuml;hrern nur um das Ganze, also um das Wohl des Volkes ginge. Denn nur so k&ouml;nne die hohe Arbeitslosigkeit bek&auml;mpft werden und Bundesrepublik international bestehen.&ldquo;<\/p><p>Schreiner beschreibt, warum es sich bei der Globalisierung nicht um eine Art Naturgewalt handle, die &uuml;ber uns hereingebrochen sei und nun die Bedingungen des Arbeitsmarktes diktiere. Ausf&uuml;hrlich erkl&auml;rt er, was sich hinter den Behauptungen der Lobbyisten verberge, dass bei zunehmender Globalisierung der Standort Deutschland nur zu retten sei, wenn die Arbeitskosten gesenkt und der Arbeitsmarkt weiter &bdquo;entriegelt&ldquo; w&uuml;rden. Letztendlich sei diese Politik darauf hinausgelaufen, dass die Arbeitgeber in der Renten- und Krankenversicherung entlastet, den Besch&auml;ftigten, Kranken und Rentnern aber zus&auml;tzliche Lasten aufgeb&uuml;rdet wurden. Schreiner stellt dar, dass mittlerweile derart massive Propaganda betrieben werde, dass die Mehrheit im Land es hingenommen habe als Verlierer der Globalisierung dazustehen und dies obwohl Deutschland seit Jahren Exportweltmeister ist. In diesem Zusammenhang r&auml;umt Schreiner mit dem Ammenm&auml;rchen der viel zu hohen Lohnnebenkosten auf. Die viel entscheidenderen Lohnst&uuml;ckkosten w&uuml;rden seit langem sinken und die Qualit&auml;t der Produkte, die hervorragende Qualifikation der Fachkr&auml;fte seien f&uuml;r wirtschaftliche Erfolge viel wichtiger. <\/p><p><strong>Agenda 2010<\/strong><\/p><p>Die Agenda 2010, mit der tiefgreifenden Umw&auml;lzungen in der Arbeitsmarktpolitik, im Arbeitsrecht, mit massiven Steuerbeg&uuml;nstigungen f&uuml;r Reiche und mit der massiv in die Renten eingegriffen wurde, nimmt einen breiten Raum im Buch ein. <strong>Mit Zahlen und Fakten werden die unsozialen Auswirkungen der Agenda beschrieben, die wesentlich daf&uuml;r verantwortlich sei, dass sich die Einkommensschere weiter ge&ouml;ffnet habe als je zuvor im Nachkriegsdeutschland. Nutznie&szlig;er der Agenda 2010 sei ausschlie&szlig;lich die Oberschicht.<\/strong> Schreiner stellt die Frage: &bdquo;Ist die Politik der Agenda 2010 neue &bdquo;Modernisierung mit sozialem Augenma&szlig;&ldquo; oder f&uuml;hrt sie zur Entsozialdemokratisierung der SPD und damit zur politischen Selbstentsorgung einer au&szlig;er sich geratenen Partei?&ldquo; <\/p><p>Schreiner zitiert an vielen Stellen Frank-Walter Steinmeier; der Kanzlerkandidat werde nicht m&uuml;de den Reformkurs zu loben. Auch der &bdquo;linke&ldquo; Sigmar Gabriel gei&szlig;ele zwar den sozialen Spaltungsprozess in einem Interview im SPIEGEL, dass die Dynamik der sozialen Spaltungen hierzulande zu einem &bdquo;Neofeudalismus&ldquo; gef&uuml;hrt habe, der &bdquo;inzwischen Z&uuml;ge einer Klassengesellschaft tr&auml;gt&ldquo;, er vergesse dabei aber anscheinend, dass die SPD seit Jahren Regierungsverantwortung trage. Dass sich nun ausgerechnet die SPD, als Volkspartei, von ihren sozialen Werten verabschiedet und diesen Reformkurs vorangetrieben habe, bedeute letztendlich, dass die Agenda 2010 mit der Tradition Willy Brandts gebrochen habe, wonach &bdquo;Reformen&ldquo; Ma&szlig;nahmen zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der arbeitenden Menschen sein sollten. <\/p><p>Schreiner belegt in seinem Buch die Ausweitung prek&auml;rer Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse, mit Scheinselbst&auml;ndigkeit und (Zwangs-)Teilzeit. 1987 habe der damalige Partei- und Fraktionsvorsitzende der SPD, Hans Jochen Vogel, in einer Bundestagsrede noch angeprangert, dass so viele Menschen in einem so reichen Land arm seien und dies ein sozialer und moralischer Skandal sei, der nicht l&auml;nger ignoriert werden k&ouml;nne. Vogel f&uuml;gte damals noch die Worte hinzu: &bdquo;Sie, meine Damen und Herren, k&ouml;nnen das offenbar. Ihnen bereitet das keine M&uuml;he. Denn bei uns ist es doch um kein Haar besser als in den Vereinigten Staaten. Der Reichtum w&auml;chst, und auch die Armut w&auml;chst&ldquo;. Ein paar Jahre sp&auml;ter sei die prek&auml;re Besch&auml;ftigung, durch die von der rot-gr&uuml;nen Bundesregierung verabschiedete Agenda 2010 hoff&auml;hig gemacht worden. <\/p><p>Unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Der gespaltene Aufschwung&ldquo; geht Schreiner auf die Arbeitsmarktsituation ein. Die steigende (Konjunktur-)Flut habe keineswegs alle Boote angehoben, sondern es landeten immer mehr Menschen in Jobs, die miserabel bezahlt, zeitlich befristet und ohne berufliche Perspektive seien. Er zitiert den &bdquo;Wirtschaftsweisen&ldquo; Peter Bofinger, der errechnet hat, dass es 2007 27,2 Millionen sozialversicherungspflichtige Arbeitspl&auml;tze gab und dies &ndash; trotz des angeblichen Aufschwungs &ndash; nicht mehr sind als im M&auml;rz 2003. Das durchschnittliche Wachstum in der Bundesrepublik liege seit der Agendapolitik von 2003 bis 2008 gerade mal bei 1,8 Prozent, und damit belege Deutschland den drittletzten Platz innerhalb der OECD-L&auml;nder. Schreiner stellt fest, dass die Gewinne der Unternehmen im Aufschwung geradezu explodiert seien, die realen Nettoeinkommen der Arbeitnehmer jedoch zur&uuml;ckgegangen seien. Beispielsweise lag die Gewinnquote, also das Einkommen aus Verm&ouml;gen und unternehmerischer T&auml;tigkeit, beim letzten Aufschwung (1998-2001) bei 29 Prozent. Es stieg zwischenzeitlich auf 32 Prozent und kletterte im letzten zaghaften Aufschwung auf stolze 36 Prozent. Spiegelbildlich ist die Lohnquote auf den historischen Tiefpunkt von &uuml;ber 72 auf 64 Prozent gesunken. Daraus ergebe sich, dass der Zuwachs an Wirtschaftsleistung in diesem Aufschwung nahezu ausschlie&szlig;lich den Beziehern von Gewinneinkommen und den Verm&ouml;genden zugute gekommen sei. <strong>Er kommt zu dem Ergebnis, dass Deutschlands Manager die bestbezahlten in Europa seien, w&auml;hrend der Anteil der Niedrigl&ouml;hne dramatisch auf gut 22 Prozent angestiegen sei. Jede\/r F&uuml;nfte sei gering bezahlt.<\/strong> <\/p><p>Schreiner erl&auml;utert seine Sicht, warum jemand, der einmal abgest&uuml;rzt sei, aus eigener Kraft kaum wieder hoch komme. Er beschreibt die Verh&auml;ltnisse von Dauerarbeitslosen, die rasant wachsende Zahl von Kindern und Jugendlichen die in armen Familien lebten, denen ein Leben auf der Verliererstrasse vorgezeichnet sei. Er kritisiert das Bildungssystem, das armen Kindern weniger Chancen einr&auml;umt, und dass der Schulerfolg in keinem anderen Industriestaat derart abh&auml;ngig ist vom Einkommen der Eltern. Somit lebten die Klassengrenzen fort und zwar zum Nachteil aller. <\/p><p>Die einstige Mitte schrumpfe kontinuierlich, denn tempor&auml;re und saisonale Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse ersetzen zunehmend Normalarbeitsverh&auml;ltnisse. Auch Akademiker seien heute ebenso von Existenzsorgen betroffen wie die &bdquo;Generation Praktikum&ldquo;. Das g&uuml;ltige Lebensmuster dieser Republik sei nicht mehr selbstverst&auml;ndlich: eine Lehre machen, Studium absolvieren, einen Arbeitsplatz finden und eine Familie gr&uuml;nden, einen Kredit aufnehmen und ein Haus bauen, den Kindern eine gute Ausbildung erm&ouml;glichen und f&uuml;r das Alter vorsorgen. <\/p><p>Menschen, die heute im Niedriglohnsektor arbeiteten, h&auml;tten keine Sicherung f&uuml;r das Alter mehr. Zwischen 1998 und 2003 sei der Anteil der Personen, die in mindestens zwei von drei Vorjahren in Armut lebten, von 6,8 auf 9,3 Prozent gestiegen, bei Frauen sogar von 8,0 auf 10,9 Prozent. Mittlerweile seien 8,1 Prozent aller Haushalte &uuml;berschuldet. Von politischer Seite werde der Zusammenhang zwischen Armut und Niedrigl&ouml;hnen kaum thematisiert. Erst recht fehle ein Hinweis, mit welchen politischen Instrumenten der Ausbreitung der &bdquo;working poor&ldquo; entgegengetreten werden soll. Schreiner legt dar, wie der Staat bei den &Auml;rmsten spare und unter anderem von den perspektivlosen 300.000 Ein-Euro-Jobs profitiere. <\/p><p>Auch die Berechnung der Regels&auml;tze stellen einen interessanten Aspekt des Buches dar, ebenso wie die Ausf&uuml;hrungen &uuml;ber die Auswirkungen der Einf&uuml;hrung des Arbeitslosengeldes II, das korrekter Weise &bdquo;Sozialhilfe II&ldquo; hei&szlig;en m&uuml;sse. So werde etwa ein Fahrrad im Regelsatz mit sage und schreibe 74 Cent im Monat ausgewiesen. Wie lange m&uuml;sste also ein HartzIV-Empf&auml;nger f&uuml;r ein Fahrrad sparen? <strong>Schreiner hat in einem Kapitel diverse Bausteine f&uuml;r eine Re-Reform des Regelsatzes aufgef&uuml;hrt.<\/strong><\/p><p>Entgegen vieler Stammtischparolen werde einem Sozialhilfeempf&auml;nger nicht immer alles bezahlt, sobald er einen Anspruch anmelde, es w&uuml;rden vielmehr nur einmalige Leistungen f&uuml;r die Erstausstattung von Wohnungen und Kleidung sowie etwa bei mehrt&auml;gigen Klassenfahrten. Ein defekter K&uuml;hlschrank m&uuml;sse aus dem pauschalierten Sozialgeld bzw. Arbeitslosengeld II finanziert werden.<br>\n<strong>Schreiner erinnert, dass die Sozialhilfe 1962 f&uuml;r etwa 500 000 Personen als letztes Auffangnetz eingef&uuml;hrt worden war. Im Laufe der Jahre mutierte die Sozialhilfe (und das Alg II) immer mehr zu einer Minimalversorgung f&uuml;r Millionen.<\/strong> <\/p><p>Erhellend sind auch die Darstellungen zu den Verm&ouml;gensverh&auml;ltnissen, so h&auml;tten die 50 reichsten Deutschen ihr Verm&ouml;gen im letzten Jahr um 50 Milliarden Euro vermehren k&ouml;nnen. Von dieser Summe k&ouml;nnten sich knapp zwei Millionen Kinder, die von HartzIV leben, bei einem Verpflegungssatz von t&auml;glich 2,29 &uuml;ber 30 Jahre lang ern&auml;hren. Das Nettoverm&ouml;gen der Bundesb&uuml;rger liege bei 5,4 Billionen Euro. Die Verteilung sei jedoch extrem ungleich. So h&auml;tten die reichsten 10 Prozent ihren Anteil am Gesamtverm&ouml;gen auf 60 Prozent steigern k&ouml;nnen. Auf der anderen Seite verf&uuml;gten rund zwei Drittel der Bev&ouml;lkerung &uuml;ber kein oder nur ein sehr geringes Nettoverm&ouml;gen. Knapp 30 Prozent seien verm&ouml;genslos oder gar verschuldet. <strong>Schreiner<\/strong> beschreibt wie die Politik mit Steuer-, Abgaben- und Sozialpolitik die Situation versch&auml;rft hat und <strong>stellt fest, dass die Politik nicht nur Triebfeder dieser Entwicklung sei, sie sei Nutznie&szlig;er dieses Wandels der Arbeitswelt. So seien in unserem Land im Jahre 2007 ca. 180 000 Besch&auml;ftigte im &ouml;ffentlichen Dienst und in angrenzenden Bereichen auf aufstockende HartzIV-Leistungen angewiesen gewesen, da ihr Lohn zum Lebe nicht ausreichte. Unter den Aufstockern waren sogar 33 000 Lehrer, Erzieher und Sozialarbeiter.<\/strong> <\/p><p><strong>Niedriglohnland Deutschland<\/strong><\/p><p>Unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Die deutsche Lohnmisere&ldquo; werden Lohn- und Arbeitskosten analysiert und auf die Lohnzur&uuml;ckhaltung der letzten 20 Jahre eingegangen. Schreiner f&uuml;hrt aus, dass die Umverteilung von Arbeits- und Kapitaleinkommen letztendlich dazu f&uuml;hrt, dass die im Gefolge des Shareholder-Value-Prinzips deutlich h&ouml;heren Renditevorgaben der Unternehmen auf Kosten der Arbeitnehmer gingen. Dass Deutschland seine Position als Exportweltmeister ausbauen konnte, sei vor allem auch darauf zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, dass Deutschland mittlerweile ein Billiglohnland sei. Schreiner belegt das anhand von Vergleichen zwischen diversen EU-Mitgliedstaaten und den USA. Er geht darauf ein, warum die deutsche Lohnentwicklung nicht nur f&uuml;r die Importl&auml;nder problematisch sei, sondern auch f&uuml;r die Binnenwirtschaft. Wer meinte, die Deutschen seien besser Verdienende, wird eines besseren belehrt. Inzwischen sind L&ouml;hne unter f&uuml;nf Euro pro Stunde keine Seltenheit, die Zahl der Besch&auml;ftigten mit entsprechenden Hungerl&ouml;hnen sei von 1,5 Millionen im Jahr 2004 auf 1,9 Millionen im Jahr 2006 gestiegen. Mit Tabellen &uuml;ber Tarifbereiche, Bundesl&auml;nder und Arbeiter\/Angestellte, &uuml;ber Stundens&auml;tze und monatliches Einkommen liefert das Buch Belege f&uuml;r den sich immer mehr ausbreitenden Niedriglohnsektor. Auch warum Kombil&ouml;hne eine Dauersubvention seien und &ouml;ffentliche Haushalte mit gewaltigen Kosten belasten w&uuml;rden, ist ein &uuml;beraus informatives Kapitel. Schreiner geht eingehend auf den gesetzlichen Mindestlohn ein und stellt abschlie&szlig;end ein Kapitel &bdquo;Reformbausteine f&uuml;r den Niedriglohnsektor&ldquo; vor. Anstatt den Niedriglohnsektor auf ein existenzsicherndes Einkommen anzuheben, m&uuml;ssten Vorkehrungen getroffen werden, damit auf dem Arbeitsmarkt ein faires Verh&auml;ltnis zwischen Arbeit und Kapital wiederhergestellt werde. Schreiner begr&uuml;ndet die Einf&uuml;hrung eines gesetzlichen Mindestlohns und fordert die Umwandlung von Ein-Euro-Jobs in sozialversicherungspflichtige Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse, die mit Weiterbildungs- und Qualifizierungsma&szlig;nahmen verbunden werden m&uuml;ssten. Leiharbeit spalte die Belegschaft, um dies zu verhindern m&uuml;sse das Arbeitnehmer&uuml;berlassungsgesetz so ge&auml;ndert werden, dass Leiharbeiter nach einer Einarbeitungszeit, ohne Ausnahme, die gleiche Entlohnung, die gleichen Arbeitsbedingungen und die gleichen Sozialleistungen gelten wie Arbeitnehmer in Normalarbeitsverh&auml;ltnissen. <\/p><p><strong>Die Apartheidgesellschaft &ndash; die Bildung in Deutschland<\/strong><\/p><p>Die Probleme und Ursachen des leidigen Themas, Bildung in Deutschland, werden unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Deutschlands Bildungsapartheid&ldquo; reflektiert. Der Autor diagnostiziert, dass, wer Kinderarmut erfolgreich bek&auml;mpfen wolle, in erster Linie Kinder aus einkommensschwachen Haushalten mehr f&ouml;rdern und von unseren Bildungsinstitutionen mehr Gerechtigkeit fordern m&uuml;sse. Es wird aus PISA-Studien zitiert, die offen legten, dass unser Bildungssystem von der Krippe bis zur Hochschule die Verliererposition von Kindern aus sozial schwachen Familien auf allen Ebenen fortschreibe. Die Einf&uuml;hrung sog. Eliteuniversit&auml;ten g&ouml;ssen im Prinzip die Apartheidgesellschaft in Beton. <\/p><p>Schreiner bedauert, dass, obwohl die Missst&auml;nde hinreichend bekannt sind, seit der Bildungsreformen der sozial-liberalen Koalition der 70er Jahre keine Anstrengungen mehr unternommen worden seien, unser Bildungssystem in der Breite leistungsf&auml;higer und sozial gerechter zu gestalten. Aufgrund der fr&uuml;hen Aussonderung komme knapp die H&auml;lfte der Hauptsch&uuml;ler aus dem unteren Viertel der Gesellschaft, die H&auml;lfte der Gymnasiasten stammt aus dem oberen Viertel der Gesellschaft. Daraus folge, dass Hauptschulen zu &bdquo;Restschulen&ldquo; geworden seien &ndash; zu einem Sammellager f&uuml;r diejenigen, die keiner haben will. Schreiner stellt am Ende des Kapitels Bausteine f&uuml;r eine Reform des Ausbildungssektors vor. Er pl&auml;diert unter anderem f&uuml;r mehr Durchl&auml;ssigkeit an Schulen, f&uuml;r Ganztagsschulen und f&uuml;r die F&ouml;rderung von Kindern aus Familien mit Migrationshintergrund. Dar&uuml;ber hinaus sollte die Weiterbildung durch ein Bundesrahmengesetz geregelt werden, mit dem Ziel eine systematische Strukturierung der Weiterbildung hinsichtlich der &ouml;ffentlichen Verantwortung, der Organisation des Zugangs, der Finanzierung, der Qualit&auml;tssicherung und einer einheitlichen Zertifizierung von Abschl&uuml;ssen sicherzustellen. <\/p><p><strong>Es gibt keine Alternative zur umlagefinanzierten Rente<\/strong><\/p><p>Der Autor schildert eingehend, wie der Abbau der gesetzlichen Rente vor allem auf zwei gebetsm&uuml;hlenhaft wiederholten Behauptungen beruhe, n&auml;mlich den angeblich permanent steigenden Lohnnebenkosten und der demografischen Entwicklung. Er bestreitet die Behauptung, dass die kapitalgedeckte Rente eine sicherere Altersversorgung garantiere. Sie sei mindestens genauso so stark von der demographischen Entwicklung abh&auml;ngig wie die umlagefinanzierte Rente. <\/p><p>Schreiner kommt zum Ergebnis, dass sich die Politik das pausenlose propagandistische Trommelfeuer der Arbeitgeber zueigen gemacht habe. <strong>Der Autor r&auml;umt auf mit dem Mythos, dass die viel zitierte demographische &Uuml;beralterung ein neues Ph&auml;nomen ist. Die aufgezeigten Zahlen belegten, dass es sich bei der zunehmenden Alterung der Gesellschaft um einen bereits seit langen Jahren anhaltenden Prozess handle, der bereits vor weit &uuml;ber 100 Jahren mit Beginn der Industrialisierung einsetzte.<\/strong> Schreiner geht auf die Kampagnen der Bildzeitung zur &bdquo;Schrumpfrente&ldquo; ein. In der Bev&ouml;lkerung sei zu wenig bekannt, wie die gesetzliche Rentenversicherung funktioniert. So sei heute immer noch die Annahme weit verbreitet, es handle sich hier um einen Topf, in welchen die Beitragszahler einzahlten und aus dem dann im Alter ihre Rentenanspr&uuml;che bedient w&uuml;rden. Vor allem die Ausweitung der &bdquo;working poor&ldquo; f&uuml;hre zu Altersarmut in nicht hinnehmbaren Ausma&szlig;. Ein Drittel aller Vollzeitbesch&auml;ftigten verdienten weniger als 75 Prozent des durchschnittlichen Vollzeitverdienstes und nach Berechnungen des Sozialverbandes Deutschland m&uuml;sse ein Versicherter 39,5 Jahre lang den Durchschnittsverdienst (im Jahr 2007: 27 161 Euro) erzielen, um eine Nettorente in H&ouml;he der in Deutschland festgesetzten Armutsrisikogrenze von 938 Euro monatlich zu erzielen. Wer weniger verdient, m&uuml;sse 52 Jahre lang Beitrage in die gesetzliche Rentenversicherung zu entrichten, um im Alter eine Nettorente in H&ouml;he des Armutsrisikos zu erhalten. <strong>Dass die gesetzliche Rente mit Niedriglohnjobs, hoher Arbeitslosigkeit und HartzIV-Politik kontinuierlich kaputt gemacht werde, st&uuml;tzt Schreiner an vielen Stellen ausf&uuml;hrlich mit Zahlen und Fakten.<\/strong><\/p><p><strong>Wie in den anderen Kapiteln, werden auch zur Rentenpolitik Bausteine zur L&ouml;sung aus der Misere beschrieben.<\/strong> Gut- und Spitzenverdiener jenseits der Beitragsbemessungsgrenze sollten k&uuml;nftig st&auml;rker an den sozialen Lasten beteiligt werden. Da viele Berufsgruppen, die k&ouml;rperlich hart gearbeitet haben, fr&uuml;her in Rente gehen, m&uuml;ssten die hohen Abschl&auml;ge auf die ohnehin nicht &uuml;ppigen Anwartschaften f&uuml;r diese Berufsgruppen abgeschafft werden. Ziel sollte eine B&uuml;rgerversicherung sein, die auch alle Selbst&auml;ndigen, die bislang keinem obligatorischen Alterssicherungssystem angeh&ouml;ren, in die gesetzliche Rentenversicherung einbezogen w&uuml;rden. <\/p><p><strong>Die Europ&auml;ische Union &ndash; eine Liberalisierungsgemeinschaft?<\/strong><\/p><p>Der letzte Abschnitt des Buches befasst sich mit der Globalisierung, deren Zw&auml;nge und der M&ouml;glichkeit einer gerechteren Gestaltung. In einer Phase, in welcher der Vertrag von Lissabon massiv vorangetrieben wird, ist der Abschnitt &uuml;ber die &bdquo;Europ&auml;ische Union &ndash; eine Liberalisierungsgemeinschaft&ldquo; sehr aufschlussreich. Wie sollte beispielsweise ein friedliches, soziales und gerechtes Europa entstehen, wenn der Kern der Dienstleistungsrichtlinie trotz der Proteste der EU-B&uuml;rger erhalten geblieben sei? Schreiner geht auf die katastrophale Steuerpolitik ein in der EU ein, die in Deutschland dazu benutzt werden konnte, die Besteuerung der Kapitaleinkommen immer weiter abzusenken.<br>\n&Uuml;ber eine Kritik der Liberalisierungspolitik der EU hinaus, verweist Schreiner aber auf das Versagen der deutschen Politik. Die Investitionen der &ouml;ffentlichen Hand, die &uuml;ber den Zustand und Modernisierungsgrad der Infrastruktur entschieden, l&auml;gen in Deutschland bei 1,3 Prozent am BIP. damit liege Deutschland im EU-Vergleich auf Platz 25. Schweden setze trotz Globalisierung auf einen Wohlfahrtstaat und widerlege das neoliberale Credo, dass eine hohe Abgabenquote (in Schweden 51,2 Prozent) ein niedriges Wachstum, hohe Arbeitslosigkeit und Wohlstandsverluste zur Folgen h&auml;tten. Die schwedische Erfolgsbilanz zeige, dass es auch in einem globalen Kapitalismus immer noch mehr politische Gestaltungsspielr&auml;ume f&uuml;r staatliches Handeln g&auml;be, als es die These von der gleichsam &bdquo;objektiven&ldquo; Sachzwanglogik der internationalen M&auml;rkte unterstelle. Der Autor schlie&szlig;t mit dem Res&uuml;mee, dass die EU, insbesondere Deutschland, im Falle einer Beibehaltung des bisherigen Kurses, die gesellschaftlichen Spaltungsprozesse vertiefen und die Handlungsf&auml;higkeit der Staaten weiter untergrabe. Ein soziales Europa werde so nicht entstehen. <\/p><p>Das Buch &bdquo;Die Gerechtigkeitsl&uuml;cke&ldquo; ist ein lesenswertes und informatives Buch. Schreiner rechnet mit der neoliberalen Politik, die von Schr&ouml;der, Steinmeier, M&uuml;ntefering und Clement ohne R&uuml;cksicht auf Verluste vorangetrieben wurde, ab. Selbst der Spiegel lobte Ottmar Schreiner als einen jener Politiker, die man die &bdquo;Unbeugsamen&ldquo; nennen k&ouml;nnte.<br>\nDeutschland brauchte mehr solcher Politiker mit R&uuml;ckgrat, die nicht wackeln, nicht wanken und lobbygetrieben in das neoliberale Horn blasen &ndash; Politiker, die sich mit den Ursachen und Auswirkungen des derzeitigen politischen Kurses auseinandersetzen und Alternativen aufzeigen. Damit m&ouml;glichst viele B&uuml;rger wieder in die Mitte der Gesellschaft geholt werden k&ouml;nnen, Armut kein bedr&uuml;ckendes Thema mehr ist, soziale Sicherungen vor Not, Krankheit und Armut sch&uuml;tzen, sich Standes- und Klassendenken nicht weiter ausbreitet, Bildung f&uuml;r jeden unabh&auml;ngig vom Geldbeutel der Eltern zug&auml;nglich ist und gef&ouml;rdert wird und Menschen wieder von ihrer Arbeit leben k&ouml;nnen. <\/p><p><em><strong>Anmerkung WL:<\/strong> Vieles was Ottmar Schreiner in seinem Buch geschrieben hat, k&ouml;nnen wir nur unterstreichen, und &uuml;ber Vieles haben wir auf den NachDenkSeiten &uuml;ber die Jahre selbst schon geschrieben. Die Antwort auf die Frage, wie er mit seiner Kritik und seinen Vorschl&auml;gen in der SPD wieder ein Gegengewicht aufbauen oder gar eine Richtungs&auml;nderung herbeif&uuml;hren k&ouml;nnte, muss leider auch er schuldig bleiben.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Sozialdemokrat in der SPD, Ottmar Schreiner, hat in seinem Buch &bdquo;Die Gerechtigkeitsl&uuml;cke&ldquo; die Ursachen der sozialen Kluft, die sich aufgrund der neoliberalen Politik aufgetan hat und die mit der Agenda 2010 Programm der SPD wurde, von unterschiedlichen Seiten beleuchtet. Seit Jahren werden Reformen mit der Begr&uuml;ndung, dass der &bdquo;Standort Deutschland&ldquo; den St&uuml;rmen der Globalisierung<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3609\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,208,146,132],"tags":[442,380,333,288,312,355,443],"class_list":["post-3609","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-rezensionen","category-soziale-gerechtigkeit","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-eigenverantwortung","tag-export","tag-lohnstueckkosten","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-reformpolitik","tag-schreiner-ottmar","tag-standortwettbewerb"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3609","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3609"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3609\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":28290,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3609\/revisions\/28290"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3609"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3609"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3609"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}