{"id":3615,"date":"2008-11-25T16:03:33","date_gmt":"2008-11-25T15:03:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3615"},"modified":"2015-11-08T10:40:55","modified_gmt":"2015-11-08T09:40:55","slug":"ist-die-geldschwemme-ursache-der-finanzmarktkrise-ein-anstoss-zu-ein-paar-zweifeln-an-einer-gaengig-werdenden-these","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3615","title":{"rendered":"Ist die Geldschwemme Ursache der Finanzmarktkrise? Ein Ansto\u00df zu ein paar Zweifeln an einer g\u00e4ngig werdenden These."},"content":{"rendered":"<p>Man bekommt in der &ouml;ffentlichen Debatte, in Talkshows und Interviews des &Ouml;fteren zu h&ouml;ren, weltweit str&ouml;mten Billionen um den Globus und suchten nach Anlagem&ouml;glichkeiten. Die Geldschwemme stehe in keinem Verh&auml;ltnis zu der Realwirtschaft. Jetzt bin ich einer &auml;hnlichen Argumentation in Werken zweier Personen begegnet, die ich bisher als verl&auml;sslich analysierende Volkswirte kennen und sch&auml;tzen gelernt habe: Michael Schlecht und Axel Troost. Ihre These kurz zusammengefasst: Die ungerechte Einkommensverteilung habe eine Geldschwemme verursacht, die wiederum verantwortlich sei f&uuml;r die Aufbl&auml;hung der Finanzm&auml;rkte und die jetzige Krise. Ich f&uuml;rchte, dass diese These auf einigen Denkfehlern beruht. Sicher bin ich mir nicht. Deshalb stelle ich meine Beobachtungen und Zweifel zur Diskussion. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\nUm Missverst&auml;ndnissen vorzubeugen, muss ich vorweg bekennen, dass ich zum Beispiel die Vorschl&auml;ge von Michael Schlecht und seiner Abteilung Wirtschaftspolitik bei ver.di f&uuml;r ein gro&szlig;es Investitionsprogramm seit Beginn an teile und unterst&uuml;tze. Und ich beklage genauso wie Axel Troost und Michael Schlecht die miserable Verteilung der Einkommen und Verm&ouml;gen.<br>\nAber: Muss man f&uuml;r eine gute Sache &ndash; eine Korrektur der Einkommens- und Verm&ouml;gensverteilung &ndash; mit schlechten Argumenten streiten?<\/p><p><strong>Nun aber zun&auml;chst zu den Dokumenten, die der Stein des Ansto&szlig;es sind:<\/strong><\/p><p><strong>A.<br>\nAxel Troost MdB<\/strong><br>\n<a href=\"http:\/\/www.axel-troost.de\/topic\/121.vortraege_und_reader.html\">Folienvortrag zur Finanzmarktkrise<\/a><br>\nHierbei insbesondere die Folien 20 und 21 und die dazugeh&ouml;rigen Texte.<\/p><p><strong>B.<\/strong><br>\n<strong>Michael Schlecht<\/strong>, Mitglied im Parteivorstand DIE LINKE hat in den letzten Tagen zwei Texte ver&ouml;ffentlicht, zun&auml;chst eine Kurzfassung seiner Thesen in der &bdquo;jungen Welt&ldquo; unter dem Titel:<\/p><p><strong>B1: Ein Schirm f&uuml;r Besch&auml;ftigte<\/strong><br>\nDie Binnennachfrage mu&szlig; zur &Uuml;berwindung der Rezession gest&auml;rkt werden. Ein durch eine Reichensteuer mitfinanziertes Investitionsprogramm schafft mittelfristig ein Wirtschaftswachstum von drei Prozent und eine Million Arbeitspl&auml;tze<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/2008\/11-19\/008.php?print=1\">junge Welt<\/a><\/p><p>und dann die ausf&uuml;hrliche Fassung unter dem Titel:<\/p><p><strong>B2: Absturz<\/strong><br>\nQuelle: <a href=\"upload\/pdf\/081124_Troost_absturz.pdf\">Die Linke [PDF &ndash; 544 KB]<\/a><\/p><p>Axel Troosts Folien (Folie 21) enthalten eine Abbildung mit dem Titel &bdquo;Weltweite Kapitalstr&ouml;me&ldquo;. Dort wird mit Bezug auf die Quelle &bdquo;Grefe, Schumann 2008&ldquo; gezeigt, dass das &bdquo;Weltweite Finanzverm&ouml;gen&ldquo; von 1980-2005 von 12 Billionen US-Dollar auf 140 Billionen US-Dollar angestiegen sei. Auf der anderen Folie (20) hei&szlig;t es: &bdquo;Privater Reichtum: Deutsches Geldverm&ouml;gen&ldquo;. Es wird auf der Abbildung gezeigt, dass das Nettogeldverm&ouml;gen sich in 17 Jahren, n&auml;mlich von 1991-2007, verdreifacht habe.<\/p><p>Die Zweifel &ndash; auch an Axel Troosts Folien &ndash; werden im folgenden als Kommentar zu einem Auszug aus dem Papier &bdquo;Absturz&ldquo; von Michael Schlecht formuliert. Dort hei&szlig;t es auf den Seiten 7-9:<\/p><p><strong>Auszug:<\/strong><\/p><blockquote><p>(&hellip;)<\/p>\n<p><strong>Geldschwemme &ndash; Grundlage der Finanzmarktkrise<\/strong><\/p>\n<p>Die Schw&auml;che der Binnennachfrage ist nicht neu. Gleichwohl ist sie in den letzten zehn Jahren besonders ausgepr&auml;gt. Im Verh&auml;ltnis zu den Profiten steigen die L&ouml;hne schon seit Jahrzehnten viel zu wenig an. Selbst wenn man als Ma&szlig;stab eine Konstanz des Teilungsverh&auml;ltnisses des jeweils erarbeiteten j&auml;hrlichen Reichtums zwischen den Unternehmern und den Besch&auml;ftigten nimmt &ndash; der sogenannte verteilungsneutrale Spielraum aus Produktivit&auml;ts- und Preissteigerungsrate &ndash; f&auml;llt die Bilanz ern&uuml;chternd aus. Heiner Flassbeck &ndash; ehemaliger Staatssekret&auml;r bei Lafontaine &ndash; hat gemeinsam mit Friederike Spiecker ausgerechnet, dass die Lohnerh&ouml;hungen in den 1980er und 1990er Jahren um rund 20 Prozent zu niedrig waren. F&uuml;r den Zeitraum 1997 bis 2007 liegt das Minus wiederum bei 20 Prozent. Damit sind allein in den letzten zehn Jahren rund 500 Milliarden Euro zugunsten der Kapitalseite umverteilt worden. Die Steuerpolitik von Rot-Gr&uuml;n und auch von Schwarz-Rot hat dar&uuml;ber hinaus f&uuml;r eine weitere Umverteilung von unten nach oben in der Gr&ouml;&szlig;enordnung von 500 Milliarden Euro gesorgt. Damit sind allein in den letzten zehn Jahren der Kapitalseite rund eine Billion Euro zugeflossen.<\/p>\n<p>Wo sind die geblieben? Der Personenkreis, dem dieser Reichtum zugeflossen ist, ist viel zu klein, dass dieser Betrag auch nur ansatzweise konsumiert werden k&ouml;nnte. Soviele Maseratis, Rolls-Royce und Privatflugzeuge kann man sich gar nicht anschaffen, um eine Billion ernsthaft in Konsum umzusetzen. Der allergr&ouml;&szlig;te Teil dieses Geldes ist zus&auml;tzlich in die Finanzm&auml;rkte geflossen. &Auml;hnliche Entwicklungen sind in vielen anderen L&auml;ndern gelaufen. Und dies ist die entscheidende Ursache f&uuml;r eine wahre Geldschwemme. <\/p>\n<p>1980 betrug das Volumen auf den weltweiten Finanzm&auml;rkten gerade einmal zehn Billionen Dollar. Heute liegt es bei rund 170 Billionen Dollar. Der weltweit geschaffene Reichtum hat sich in dem gleichen Zeitraum von rund zehn auf 60 Billionen Dollar erh&ouml;ht. W&auml;hrend die Reichtumsproduktion in der Realwirtschaft um das sechsfache angestiegen ist, sind die Finanzm&auml;rkte mit dem Faktor 17 aufgebl&auml;ht worden.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/081125.gif\" alt=\"Entwicklung von Sozialprodukt und Finanzverm&ouml;gen weltweit, 1980-2010 in Billionen US-Dollar\" title=\"\"><\/p>\n<p>Die Umverteilung von unten nach oben ist eine entscheidende Ursache f&uuml;r die Aufbl&auml;hung der Finanzm&auml;rkte. Jeder Euro, der in Lohnk&auml;mpfen nicht durchgesetzt wurde, st&auml;rkt das vagabundierende Kapital auf den Finanzm&auml;rkten. Jeder Euro, den wir uns nicht erk&auml;mpfen konnten, bef&ouml;rdert die Anarchie der relativ verselbst&auml;ndigen Finanzm&auml;rkte. Jetzt in der Krise schlagen die Turbulenzen auf die Realwirtschaft zur&uuml;ck. Die Finanzmarktkrise hat bis zu einem bestimmten Punkt ihr anarchisches Eigenleben, aber sie ist letztlich nur m&ouml;glich geworden weil in der Produktionssph&auml;re die Besch&auml;ftigten in immer st&auml;rkerem Ma&szlig;e enteignet wurden. Gro&szlig;e Teile des von<br>\nihnen erarbeiteten Reichtums ist ihnen vorenthalten worden. Oder anders ausgedr&uuml;ckt: Die Besch&auml;ftigten haben sich nicht hinreichend durchsetzen k&ouml;nnen, bzw. haben die kapitalistische Verfasstheit der Produktionsweise mit all ihren Verwerfungen hingenommen. Insoweit ist die Finanzmarktkrise eine Krise der Produktionsweise.<\/p>\n<p>Es gibt eine weitere Quelle f&uuml;r die Geldschwemme. Die Privatisierung der Altersvorsorge, vorwiegend in den angels&auml;chsischen L&auml;ndern. Aber auch in Deutschland ist dieser verh&auml;ngnisvolle Weg eingeleitet worden durch Riester. Allein ein Drittel des weltweit angelegten Verm&ouml;gens steckt in Pensionsfonds &ndash; 30 bis 40 Billionen Dollar. In den USA m&uuml;ssen jetzt zwei Generationen von Rentnerinnen und Rentnern bef&uuml;rchten, dass sich ihre scheinbar sicher geglaubten Rentenanspr&uuml;che zumindest zum Teil in Luft aufl&ouml;sen. T&uuml;ten packen im Supermarkt und Kloputzen zum Hungerlohn mit 70 Jahren, das wird f&uuml;r immer mehr alte Menschen die verbleibende Lebensperspektive. Deshalb muss die Privatisierung der Alterssicherung durch Kapitaldeckung gestoppt und umgekehrt werden. Viel besser ist es das solidarische Umlageverfahren zu st&auml;rken und auszubauen.<\/p><\/blockquote><p><strong>Fragen, Zweifel und Kommentar (AM):<\/strong><\/p><ol>\n<li>Die Stagnation der Masseneinkommen und der gleichzeitige teils zweistellige Anstieg der oberen Einkommen hat in der Tat zu gro&szlig;en Einkommenszuw&auml;chsen der Spitzenverdiener gef&uuml;hrt. Aber die von Michael Schlecht gestellte Frage, wo diese Milliarden geblieben sind, scheint mir ziemlich unberechtigt zu sein. Zum Teil sind sie im simultanen Prozess in der Produktion als Investitionen in den Betrieben geblieben. Zum Teil sind sie als Dividenden oder als Spitzeneinkommen, Verg&uuml;tungen, Boni und Abfindungen an die Spitzenverdiener geflossen. Aber wieso sollte man annehmen, dass dies zu einer Geldschwemme gef&uuml;hrt hat, womit zugleich insinuiert wird, diese Einkommensbezieher w&uuml;ssten nicht, wo und wie sie dieses Geld anlegen sollen? Man kann zum Beispiel davon ausgehen, dass Klaus Esser sehr wohl wusste, wo er seine 30 Millionen aus dem Vodafone-Deal anlegen k&ouml;nnte. Auch die Investmentbanker Londons, die noch im April aus dem letzten Abrechnungszeitraum 20,6 Milliarden &euro; an Verg&uuml;tungen bezogen haben, werden vermutlich besser gewusst haben, wo sie dieses Geld anlegen als jene Deutschen mit mittleren Einkommen, die ihre paar 1000 &euro; bei Lehman Brothers angelegt haben und jetzt versuchen, auf dem Klageweg ihrer Bankberater haftbar zu machen. Und auch die Investmentbanker der Citigroup, Goldman Sachs und anderer, die in diesem Jahr noch 70 Milliarden (!) $ an Verg&uuml;tungen und Boni bezogen haben, k&ouml;nnten sehr viel besser gewusst haben, wo sie mit ihrem Geld bleiben als manch biederer B&uuml;rger ansonsten.<\/li>\n<li>Es ist anzunehmen, dass zum Beispiel in den USA eine Reihe von Geldern der Spitzenverdiener als Kredite an jene aus der Unterschicht geflossen sind, die ihre Konsumkredite mit zuerst niedrigen und dann steigenden Zinsen bezahlt haben. Dem Zuwachs an Geldverm&ouml;gen an der Spitze der Einkommenspyramide steht vermutlich eine Zunahme der Verschuldung der unteren Einkommen gegen&uuml;ber. Die Vorstellung, dass nach einer solchen Kredittransformation der besonderen Art noch Geld herumschw&auml;mme, ist doch nicht sonderlich begr&uuml;ndet?<br>\nSchon die Tatsache, dass in den USA die Sparrate insgesamt ungef&auml;hr bei null oder sogar negativ ist, spricht doch daf&uuml;r, das die Spitzenverdiener f&uuml;r ihre Geldverm&ouml;genszuw&auml;chse durchaus Verwendung fanden?<br>\nKann man unter Beachtung der verschiedenen Gesichtspunkte wirklich von &bdquo;vagabundierendem Kapital&ldquo; sprechen? Ich wei&szlig;, dass so zu sprechen &uuml;blich geworden ist. In jeder zweiten Talkshow kann man davon h&ouml;ren. Das macht diesen Begriff aber immer noch nicht sehr treffend. Verschleiert er nicht mehr, als er offenbart?\n<p><strong>Fazit:<\/strong> Die Passage bei Michael Schlecht, wonach der allergr&ouml;&szlig;te Teil dieses Geldes zus&auml;tzlich in die Finanzm&auml;rkte geflossen sei und dies die entscheidende Ursache f&uuml;r eine wahre Geldschwemme gewesen sei, ist nicht sonderlich schl&uuml;ssig.<\/p><\/li>\n<li>Wenn es die Geldschwemme gegeben haben sollte, dann m&uuml;sste man doch die Frage stellen d&uuml;rfen, wo diese Geldschwemme inzwischen, also nach dem Sichtbarwerden der Krise, geblieben ist? Immerhin ist doch gerade die Citigroup in Not geraten, weil ihr mehrere 100 Milliarden fehlen. Andere Banken fehlen &auml;hnliche Betr&auml;ge. Wenn die Geldschwemme die Ursache oder auch nur die Grundlage der Finanzkrise w&auml;re, dann m&uuml;sste dieses Geld doch jetzt zur Verf&uuml;gung stehen?<\/li>\n<li>Nicht die Geldschwemme, die aus einer ungerechten Einkommensverteilung angeblich folgte, ist die entscheidende Ursache der Finanzkrise. Entscheidend sind die spekulativen Elemente, entscheidend sind die kriminellen Akte, n&auml;mlich faule Forderungen verpackt zu haben und sie als hoch dotierte und hoch bewertete Wertpapiere weiterverkauft zu haben. Die Finanzkrise ist ganz wesentlich eine Folge des Eindringens von Wetten, Gl&uuml;cksspiel und Kettenbriefen in die angeblich solide Finanzwirtschaft. Wie anders sollte man die Krise der HRE, der Hypo Real Estate, oder den 10 Milliarden-Verlust der Industriekreditbank erkl&auml;ren? Mit den von Axel Troost und Michael Schlecht diagnostizierten Geldverm&ouml;genszuw&auml;chsen der Spitzenverdiener haben diese Gl&uuml;cksspiele und Spekulationen wenig zu tun.\n<p>Die beiden Autoren m&ouml;gen mir verzeihen, wenn ich zur Erheiterung der Leserinnen und Leser an dieser Stelle eine sehr viel bessere <a href=\"http:\/\/www.wdr.de\/tv\/mitternachtsspitzen\/videos\/sendevideos\/20080111\/schmickler.jsp\">Erkl&auml;rung des Kabarettisten Schmickler noch einmal verlinke<\/a>.<\/p><\/li>\n<li>Im &uuml;brigen: Sind die in den beiden Diagrammen wiedergegebenen Zahlen wirklich eindrucksvoll? Sagen Sie das aus, was die Autoren daraus ablesen? Zwischen 1980 und 2005 ist das Weltsozialprodukt zu jeweiligen Preisen von 10,971 Billionen US-Dollar auf 45,053 Billionen gestiegen. Es hat sich also etwas mehr als vervierfacht.  Wenn gleichzeitig das Weltweite Finanzverm&ouml;gen von 12 Billionen US-Dollar auf 140 Billionen gestiegen ist, wieso regt man sich dar&uuml;ber auf? Das ist das 11,6fache und damit kein sonderlich gro&szlig;er &uuml;berproportionaler Anstieg im Vergleich zu dem Vierfachen des Weltsozialproduktes.<\/li>\n<li>Mit diesem Vergleich habe ich mich jedoch auf einen Vergleich eingelassen, den ich schon als solchen nicht f&uuml;r sonderlich schl&uuml;ssig und nicht f&uuml;r sinnvoll halte. Das eine, das Weltweite Finanzverm&ouml;gen, ist eine Gr&ouml;&szlig;e, die man zu einem gewissen <strong>Zeitpunkt<\/strong> misst. Korrekterweise h&auml;tte in der Grafik deshalb auch ein Zeitpunkt angegeben werden m&uuml;ssen, also zum Beispiel: &bdquo;Finanzverm&ouml;gen zum 1.1.2005&ldquo;. Mit einer solchen <strong>Bestands<\/strong>gr&ouml;&szlig;e, einem Verm&ouml;genswert, dann eine <strong>Strom<\/strong>gr&ouml;&szlig;e wie das Bruttoinlandsprodukt innerhalb eines Jahres, also innerhalb eines Zeitraums, zu vergleichen &ndash; ist das erlaubt? Bringt das etwas? (Bei Michael Schlecht kommt im Text noch eine Ungenauigkeit hinzu. Er spricht im Artikel f&uuml;r die &bdquo;junge Welt&ldquo; von &bdquo;Anlagevolumen&ldquo;. Dies ist wiederum ein ganz anderer Begriff und hat auch mit den genannten Zahlen vermutlich wenig zu tun?)<br>\nIst der Vergleich der beiden Zahlen von Finanzverm&ouml;gen einerseits und Weltsozialprodukt andererseits im Zeitablauf wirklich sinnvoll? Und ist die Dramatik, mit der die Ver&auml;nderungen interpretiert werden auch nur andeutungsweise berechtigt? Es k&ouml;nnen strukturelle Verschiebungen stattgefunden haben zwischen 1980 und heute, die einen &uuml;berproportionalen Bedarf oder auch nur die &uuml;berproportionale Existenz von Finanzverm&ouml;gen sinnvoll erscheinen lassen: Wenn zum Beispiel in Deutschland im Zuge der von Gerhard Schr&ouml;der propagierten Aufl&ouml;sung der Deutschland AG &ndash; wie geschehen &ndash; Familienunternehmen, die teilweise als Personengesellschaften oder als Einzelfirmen gef&uuml;hrt wurden, von PrivateEquityGruppen oder Hedgefonds oder auch nur von deutschen Aktiengesellschaften &uuml;bernommen wurden, dann wurde Sachkapital in Finanzkapital umgewandelt. Die Familienmitglieder, die bis dahin Teilhaber eines Unternehmens waren, werden Aktion&auml;re und damit Eigent&uuml;mer von Finanzverm&ouml;gen.\n<p>Die Firma Friedrich Grohe zum Beispiel k&ouml;nnte ein solcher Fall sein. Das Unternehmen wurde in den neunziger Jahren &ndash; also zwischen 1980 und heute &ndash; eine Aktiengesellschaft. Wenn das Unternehmen vorher eine Einzelfirma oder eine Personengesellschaft war, dann fand im Kontext der Umwandlung die beschriebene und als dramatisch betrachtete Vermehrung des Finanzverm&ouml;gen statt.<\/p><\/li>\n<li>Au&szlig;erdem d&uuml;rften im Zuge der steigenden Kapitalintensit&auml;t der Unternehmen zwischen 1980 und 2005 schon deshalb die Finanzverm&ouml;gen, zu denen Aktien, Anleihen und andere Wertpapiere geh&ouml;ren, kr&auml;ftig gestiegen sein &ndash; eben auch &uuml;berproportional zum Bruttoinlandsprodukt.\n<p>Der als exorbitant empfundene Anstieg von 12 Billionen auf 140 Billionen d&uuml;rfte sich also bei n&auml;herer Betrachtung als nicht besonders exorbitant erweisen. Aber das w&auml;re zu pr&uuml;fen.<\/p><\/li>\n<li>Noch eine Anmerkung zu der als besonders hoch betrachteten H&ouml;he der Finanzverm&ouml;gen von 140 Billionen $. Im Zusammenhang mit der Finanzkrise war seitens der Fachleute von ganz anderen Dimensionen die Rede, wenn &uuml;ber die H&ouml;he der Derivate und anderen Finanzprodukte gesprochen und geschrieben wurde. Die Dimensionen der internationalen Wetten und des Casinobetriebs sind auch in Billionen gerechnet um vieles gr&ouml;&szlig;er als das hier notierte Geldverm&ouml;gen von 140 Billionen des Jahres 2005 oder von 170 Billionen heute. Da geht es um ganz andere Dimensionen. Auch das spricht daf&uuml;r, dass die Zuw&auml;chse des so genannten Geldverm&ouml;gens oder Finanzverm&ouml;gens nicht die Ursache und auch nicht die Grundlage der jetzigen Finanzmarktkrise sind.<\/li>\n\n<p><strong>Vermutlich gibt es noch sehr viel mehr dazu zu sagen. Ich wollte mit meinen Anmerkungen die Debatte &uuml;ber die hier skizzierte Erkl&auml;rung der Finanzkrise ansto&szlig;en und im &uuml;brigen wie immer in den NachDenkSeiten unsere Leser dazu ermuntern, wieder zweifeln zu lernen.<\/strong> <\/p>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man bekommt in der &ouml;ffentlichen Debatte, in Talkshows und Interviews des &Ouml;fteren zu h&ouml;ren, weltweit str&ouml;mten Billionen um den Globus und suchten nach Anlagem&ouml;glichkeiten. Die Geldschwemme stehe in keinem Verh&auml;ltnis zu der Realwirtschaft. Jetzt bin ich einer &auml;hnlichen Argumentation in Werken zweier Personen begegnet, die ich bisher als verl&auml;sslich analysierende Volkswirte kennen und sch&auml;tzen gelernt<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3615\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[136,50,132],"tags":[290,283,319,1016,506,291],"class_list":["post-3615","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-banken-boerse-spekulation","category-finanzkrise","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-binnennachfrage","tag-finanzmaerkte","tag-lohnentwicklung","tag-schlecht-michael","tag-troost-axel","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3615","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3615"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3615\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":28286,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3615\/revisions\/28286"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3615"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3615"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3615"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}