{"id":3616,"date":"2008-11-26T09:50:02","date_gmt":"2008-11-26T08:50:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3616"},"modified":"2015-11-06T10:57:49","modified_gmt":"2015-11-06T09:57:49","slug":"clements-nachtritt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3616","title":{"rendered":"Clements Nachtritt"},"content":{"rendered":"<p>Clement ist aus der SPD ausgetreten. Gestern hatte die Bundesschiedskommission den <a href=\"?p=3373\">Parteiausschluss auf Landesebene <\/a>revidiert und es mit einer R&uuml;ge f&uuml;r sein parteisch&auml;digendes Verhalten bewenden lassen. Die gesamte SPD-F&uuml;hrungsriege hatte sich f&uuml;r seinen Verbleib stark gemacht. Der Parteivorsitzende M&uuml;ntefering f&uuml;hlte sich sogar bem&uuml;&szlig;igt auf das juristische Verfahren Einfluss zu nehmen, indem er pers&ouml;nlich vor den Parteijuristen auftrat. Jetzt wird er von Clement d&uuml;piert.<\/p><p>Noch einen Tag vor seinem Austritt hatte Clement noch kleinere Br&ouml;tchen gebacken, indem er durch seinen Rechtsbeistand Otto Schily erkl&auml;ren lie&szlig;: &bdquo;Ich werde aber bei der Wortwahl k&uuml;nftiger &Auml;u&szlig;erungen darauf achten, dass solche <a href=\"http:\/\/www.spd.de\/menu\/1762218\/\">Missverst&auml;ndnisse nicht mehr entstehen<\/a>&ldquo;. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><\/p><p>Clement h&auml;lt eine R&uuml;ge, also die mildeste Sanktion, die nach der Parteiordnung f&uuml;r ein parteisch&auml;digendes Verhalten m&ouml;glich ist,  &ndash; laut Handelsblatt &ndash;  &bdquo;f&uuml;r unangemessen und falsch&ldquo;. <\/p><p>Ja hat er denn etwa die Verleihung des goldenen Parteiabzeichens erwartet, dass er &ndash; wie es in der <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,569334,00.html\">Begr&uuml;ndung der Landesschiedskommission<\/a> hie&szlig; &ndash; &bdquo;in der hei&szlig;en Phase des Wahlkampfs mit dem &ouml;ffentlichen Angriff auf die W&auml;hlbarkeit der SPD-Spitzenkandidatin und der Partei die Grundlage des Vertrauens der &Ouml;ffentlichkeit in die Zustimmungsf&auml;higkeit der Partei und ihrer Kandidatin in Frage gestellt und hierdurch Ansehen und Glaubw&uuml;rdigkeit der Partei nachhaltig gesch&auml;digt&ldquo; hat.<\/p><p>Nachdem er gestern noch &ouml;ffentlich die Entscheidung der Bundesschiedskommission akzeptierte, hat er es sich &uuml;ber Nacht anders &uuml;berlegt und schiebt nun neue Gr&uuml;nde nach:<\/p><p>Clement f&uuml;hlt sich durch die &ouml;ffentliche R&uuml;ge in der &bdquo;Wahrnehmung des Grundrechts auf Meinungsfreiheit drangsaliert&ldquo;.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.focus.de\/politik\/deutschland\/wortlaut-hiermit-erklaere-ich-meinen-austritt-aus-der-spd-_aid_350999.html\">Focus<\/a><\/p><p>Was f&uuml;r eine perfide Verdrehung der Tatsachen? Hat er in der Vergangenheit nicht nahezu w&ouml;chentlich die abstrusesten Meinungen vertreten, die absolut kontr&auml;r zur Beschlusslage seiner Partei lagen? (<em>Siehe dazu:<\/em> <a href=\"?p=2906\">Clement hat schon immer gegen die SPD gearbeitet, es hat nur keiner wahrhaben wollen<\/a>) Seiner Rolle, als &bdquo;Kronzeuge&ldquo;, der laufend seiner eigenen Partei vor das Schienbein trat, verdankte er doch seine Medienpr&auml;senz und damit letztlich seine gesamte politische Karriere. <\/p><p>Als ob es bei dieser Auseinandersetzung darum gegangen w&auml;re, dass Clement f&uuml;r Kohle- und Atomenergie eintritt. Sein Antipode, der f&uuml;r das SPD-Energieprogramm in Hessen verantwortliche Hermann Scheer, sagte dazu im <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/sendungen\/interview_dlf\/880471\/%20\">Deutschlandfunk<\/a> ziemlich treffend: &bdquo;Es gibt SPD-Politiker, die sind f&uuml;r Atomenergie, aber die rufen deswegen noch lange nicht vor einer Wahl&hellip; ganz gezielt unter Bezugnahme auf ihre Rolle als ehemaliger SPD-Repr&auml;sentant dazu auf, nicht SPD zu w&auml;hlen.&ldquo;<\/p><p>Wo hat eigentlich Clement sein Grundrecht auf Meinungsfreiheit in Sachen Energiepolitik so lautstark wahrgenommen, als die SPD den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen und sogar im Koalitionsvertrag der Gro&szlig;en Koalition niedergeschrieben hat? Warum ist er danach ausgerechnet noch Energieminister geworden? Wo hat er von diesem Grundrecht in der Debatte um die Entstehung des von der hessischen SPD mit &uuml;berw&auml;ltigender Mehrheit beschlossenen Energieprogramms Gebrauch gemacht? Er wurde doch zur Wahrnehmung seines Grundrechts auf Meinungsfreiheit beliebig oft aufgefordert und hat bis heute ein Streitgespr&auml;ch mit seinem energiepolitischen Kontrahenten Hermann Scheer abgelehnt. Er wusste wohl warum. Er h&auml;tte gegen Scheer, der f&uuml;r sein Engagement zur weltweiten F&ouml;rderung alternativer Energien 1999 den &bdquo;Alternativen Nobelpreis&ldquo; bekommen hat, ziemlich schlecht abgeschnitten und er w&auml;re am Ende als das da gestanden, was er tats&auml;chlich ist:  Als Aufsichtsrat von RWE Power nicht mehr als ein Atom- und Kohlestrom-Lobbyist. <\/p><p>Clement erkennt wohl selbst, dass sein Pathos der Meinungsfreiheit nur noch l&auml;cherlich wirkt und schiebt deshalb in seiner Begr&uuml;ndung f&uuml;r den Parteiaustritt als zweiten Grund nach, &bdquo;dass die Parteif&uuml;hrung &hellip;keinen klaren Trennungsstrich zur PDS\/Linken zieht&ldquo;. Dieses Nachtreten ist also der Dank an den Parteivorsitzenden Franz M&uuml;ntefering, dass dieser sich in der Schiedskommission f&uuml;r Clement stark gemacht hat. Hinter dieser Begr&uuml;ndung Clements steckt wohl eine kalte Rache daf&uuml;r, dass M&uuml;ntefering und &uuml;brigens auch Schr&ouml;der bei der Regierungsbildung der Gro&szlig;en Koalition ihn wie eine hei&szlig;e Kartoffel fallen lie&szlig;en.<br>\nDie Steinmeiers, die Steinbr&uuml;cks, die Strucks und alle die Clement eine &bdquo;Br&uuml;cke&ldquo; nach der anderen bauen wollten, m&uuml;ssen sich geradezu als Deppen f&uuml;hlen. Wie tief muss eine Partei in ihrer Selbstachtung gesunken sein, dass sie nicht endlich zur Person Clement und zu dessen politischen Aussagen klare Positionen bezieht.<\/p><p>Vollends abstrus ist der dritte Grund, den Clement f&uuml;r seinen Parteiaustritt nachschiebt, n&auml;mlich dass die SPD-F&uuml;hrung &bdquo;eine Wirtschaftspolitik treiben l&auml;sst, die &hellip;auf eine De-Industrialisierung unseres Landes hinausl&auml;uft&ldquo;.<\/p><p>Deutschland liegt mit seinem Industrieanteil am Bruttoinlandsprodukt von knapp 30 % nach den osteurop&auml;ischen Staaten in Europa mit am h&ouml;chsten, jedenfalls weit vor den Vereinigten Staaten (21,6 %), Frankreich (22%), Gro&szlig;britannien (24,2%) und weit vor dem Durchschnitt der entwickelten &bdquo;Industriestaaten&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.welt-in-zahlen.de\/laendervergleich.phtml?indicator=67\">Welt in Zahlen<\/a>). Deutschland nimmt bei der Industrieproduktion im Jahre 2007 in absoluten Zahlen mit knapp 890 Milliarden Dollar hinter den USA, Japan und China den <a href=\"http:\/\/www.welt-in-zahlen.de\/laendervergleich.phtml?indicator=61\">vierten Platz in der Welt ein<\/a>. Noch im April dieses Jahres meldete das <a href=\"http:\/\/www.presseportal.de\/pm\/32102\/1173522\/statistisches_bundesamt\">Statistische Bundesamt<\/a>, dass die Industrie in den zur&uuml;ckliegenden 15 Jahren anteilsm&auml;&szlig;ig in ihrer Bedeutung eher zugelegt hat. <\/p><p>Wer &ndash; wie Clement &ndash; angesichts dieser Fakten von &bdquo;De-Industrialisierung&ldquo; daher quatscht, hat sich noch nachtr&auml;glich als Wirtschaftsminister disqualifiziert. Clements r&uuml;ckw&auml;rtsgewandtes wirtschaftliches Weltbild besteht offenbar nur noch aus Atom, Kohle und Chlorchemie. <\/p><p>Dabei wurde er als Superminister nicht m&uuml;de den Ausbau des Dienstleistungssektors zu fordern. Dort finde Arbeitsplatzwachstum statt und nicht zuletzt setzte er sich deshalb f&uuml;r eine Ausweitung der Zeit- und Leiharbeit ein. Seine von ihm als Ministerpr&auml;sident des Landes NRW mit dreistelligen Millionenbetr&auml;gen staatlich gef&ouml;rderten  Medienprojekte zur &bdquo;F&ouml;rderung des Strukturwandels&ldquo;, sind heute noch als Investitionsruinen etwa in Oberhausen oder K&ouml;ln zu besichtigen. <\/p><p>Die Begr&uuml;ndung seines Austritts, dass die SPD eine &bdquo;De-Industrialisierung&ldquo; betreibe, ist typisch f&uuml;r die Sprunghaftigkeit von Clement. W&auml;re er ein strategischer Kopf, dann h&auml;tte man meinen k&ouml;nnen, er habe dieses Parteiordnungsverfahren bis zur Neige ausgesch&ouml;pft hat, um damit eine maximale &ouml;ffentliche Wirkung f&uuml;r seine Person und f&uuml;r seine politischen Ziele in der SPD zu erzielen. Aber wer das unterstellt, kennt Clement nicht. Er ist ein notorisch j&auml;hzorniger Mensch, der bei seinen h&auml;ufigen Ausrastern v&ouml;llig unkalkulierbar reagiert, und der zu jedem beliebigen Vorwurf greift, um diejenigen niederzumachen, die er als Gegner ausmacht. Das allerschlimmste dabei ist, dass er &ndash; wenn er die Macht dazu hat &ndash; solche irrationalen Ausbr&uuml;che auch noch bis zu ihrem bitteren Ende verfolgt. Er glaubt ja auch immer noch, dass die Arbeitsmarkt-&bdquo;Reformen&ldquo;, auf die ihn Schr&ouml;der angesetzt hat, obwohl Hartz I bis III inzwischen sogar regierungsamtlich zur&uuml;ckgenommen wurden, eine Jahrhundertreform gewesen seien. <\/p><p>Clement ist ein j&auml;hzorniger Egomane, bei dem man gerade nach seiner heutigen Wutattacke noch nachtr&auml;glich erschrickt, dass so jemand in h&ouml;chsten Staats&auml;mtern Verantwortung getragen hat.<\/p><p>Man kann seinen neuerlichen Wutausbruch nur noch damit erkl&auml;ren, dass er sich aus einer Depression befreien musste, in die er angesichts seines beruflichen Engagements nach seinem Rauswurf als Superminister verfallen musste. Da hat er sich als &bdquo;Senior Advisor&ldquo; des Bankriesens Citigroup verdingt und muss nun miterleben, dass diese Bank mit 20 Milliarden Dollar direkter Kapitalspritze und einer B&uuml;rgschaft von &uuml;ber 300 Milliarden Doller vor dem Kollaps bewahrt werden muss. <\/p><p>Da lie&szlig; er sich zum &bdquo;Chairman&ldquo; des adecco-Instituts beim Weltmarktf&uuml;hrer f&uuml;r Personaldienstleistungen machen und propagierte dort <a href=\"http:\/\/www.stern.de\/wirtschaft\/unternehmen\/:Politikerkarrieren-Clement-Mr.-Zeitarbeit\/574698.html\">&bdquo;zeitgem&auml;&szlig;es Personalmanagement&ldquo;<\/a>. Die Zeitarbeit werde sich hierzulande &bdquo;dynamischer entwickeln als der Durchschnitt&ldquo; und Clement schw&auml;rmte von den &bdquo;atmenden Unternehmen&ldquo; &ndash; und jetzt soll er rechtfertigen, dass die Unternehmen tausende von Zeitarbeitnehmer &bdquo;ausatmen&ldquo;. <\/p><p>Beim meisten, was er anpackt, steht Clement am Ende vor zerbrochenen Scherben. Deshalb wird es noch einsamer um ihn werden. Auch seine Proteg&eacute;s in der Wirtschaft und in den Medien werden bald nichts mehr mit ihm anfangen k&ouml;nnen, da er seine Rolle als Kronzeuge gegen die SPD nun selbst aufgegeben hat.<br>\nOb er es noch als Spott empfindet, dass ihm die nordrhein-westf&auml;lische FDP den Parteieintritt anbietet?<\/p><p>p.s.: Geradezu l&auml;cherlich ist es, wenn <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/top_news\/1635465_Unter-Egomanen.html\">Uwe Vork&ouml;tter in der FR<\/a> den Austritt Clements als Resultat einer &bdquo;nach links ger&uuml;ckten Partei&ldquo; betrachtet. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Clement ist aus der SPD ausgetreten. Gestern hatte die Bundesschiedskommission den <a href=\"?p=3373\">Parteiausschluss auf Landesebene <\/a>revidiert und es mit einer R&uuml;ge f&uuml;r sein parteisch&auml;digendes Verhalten bewenden lassen. Die gesamte SPD-F&uuml;hrungsriege hatte sich f&uuml;r seinen Verbleib stark gemacht. 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