{"id":36214,"date":"2016-12-12T09:25:42","date_gmt":"2016-12-12T08:25:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36214"},"modified":"2022-11-16T09:54:52","modified_gmt":"2022-11-16T08:54:52","slug":"leuchttuerme-der-postdemokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36214","title":{"rendered":"Leuchtt\u00fcrme der Postdemokratie"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/161212_rockenbauch.jpg\" alt=\"Hannes Rockenbauch\" title=\"Hannes Rockenbauch\"><\/div><p>Die Eliten sind sie leid, die gute, alte Demokratie. Das <a href=\"http:\/\/german-foreign-policy.com\/de\/fulltext\/58150\">sagen<\/a> sie nicht nur immer wieder, das <a href=\"https:\/\/jensewernicke.wordpress.com\/2013\/06\/08\/demokratie-als-standortnachteil\/\">zeigen<\/a> sie auch <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27052\">allerorts<\/a>. Besonders deutlich beispielsweise dann, wenn sie mit aller Macht &ouml;konomisch aberwitzige und &ouml;kologisch zerst&ouml;rerische Projekte gegen jede Vernunft, vor allem aber die eigene Bev&ouml;lkerung zu realisieren versuchen. &bdquo;Stuttgart 21&ldquo; gilt hier als Paradebeispiel: Obwohl inzwischen von einem Vielfachen der urspr&uuml;nglich geplanten Steuermittel die Rede ist, obwohl die Bev&ouml;lkerung den Bahnhof nicht will und er &ndash; einmal angenommen, er w&uuml;rde jemals fertiggestellt &ndash; die Situation in Stuttgart sogar ma&szlig;geblich verschlechtern und wahrscheinlich niemals eine Betriebserlaubnis erhalten wird: Politik und Wirtschaft beharren &ndash; koste es, was da wolle! &ndash; auf ihrem undemokratischen Wahn eines &bdquo;Leuchtturmprojekts&ldquo;, das weltweit erstrahlen soll. Doch warum? Zu dieser Frage und dem Stand von Stuttgart 21 sprach <strong>Jens Wernicke<\/strong> mit dem Stuttgarter Gemeinderat <strong>Hannes Rockenbauch<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4258\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-36214-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161212_Leuchttuerme_der_Postdemokratie_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161212_Leuchttuerme_der_Postdemokratie_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161212_Leuchttuerme_der_Postdemokratie_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161212_Leuchttuerme_der_Postdemokratie_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=36214-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161212_Leuchttuerme_der_Postdemokratie_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"161212_Leuchttuerme_der_Postdemokratie_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Rockenbauch, der aktuellen Ausgabe des <em>Spiegel<\/em> ist zu <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/ruediger-grube-ich-haette-stuttgart-21-nicht-gemacht-a-1123067.html\">entnehmen<\/a>, dass R&uuml;diger Grube behauptet, unter ihm als Bahnchef h&auml;tte das Projekt Stuttgart 21 niemals gestartet. Nun ja, &bdquo;jedenfalls nicht unter den gegebenen Bedingungen&ldquo;. Was erleben wir hier? Kehrt Vernunft ein in die Politik?<\/strong><\/p><p>Leider nein, ich w&uuml;rde eher sagen, wir haben es mit einem strategischen R&uuml;ckzug zu tun. Etwas, das mehr oder minder typisch ist beim aktuellen Stand bei diesem gigantischen Projekt. Denn es gibt heute fast niemanden mehr, der daf&uuml;r &ouml;ffentlich Verantwortung &uuml;bernehmen will. <\/p><p>Die Bundeskanzlerin schweigt dazu seit mehreren Jahren. Im vergangenen Landtagswahlkampf spielte Stuttgart 21 bei der Landes-CDU so gut wie keine Rolle mehr. Und bei der Spitze der Bahn hat im Sommer der Mann seinen Abschied erkl&auml;rt, der eine Art &bdquo;Gesicht der Deutschen Bahn AG f&uuml;r Stuttgart 21&ldquo; wurde: Volker Kefer, der ein halbes Jahrzehnt lang alle Probleme bei Stuttgart 21 wegzul&auml;cheln bem&uuml;ht war.<\/p><p>Insofern ist auch das, was Grube jetzt macht, nicht hilfreich, sondern sch&auml;big. Und zwar aus drei Gr&uuml;nden. Erstens, weil er ja nur auf einer internen Tagung mit Bahnmanagern auf Distanz ging. Er tat dies nicht &ouml;ffentlich. Und schon gar nicht hier in Stuttgart. Zweitens ist das doch eine Art, die man in Bayern hinterfotzig nennt. Denn Grube ist doch seit Mai 2009 Bahnchef und unsere Kritik zum Beispiel an der Kostensteigerung ist alles andere als neu. Grube wusste also immer sehr genau, was er da tat. Er war es, der 2010 den Baubeginn bei Stuttgart 21 &ouml;ffentlich verk&uuml;ndete. Und er hat noch in diesem Sommer hier in Stuttgart die Grundsteinlegung f&uuml;r den Tiefbahnhof vorgenommen. Drittens ist Grubes Gerede zu S21 sch&auml;big, weil es konsequenzenlos ist. Denn er wird, da bin ich mir ziemlich sicher, Vergleichbares nicht gegen&uuml;ber dem Aufsichtsrat sagen, der bei seiner Sitzung in dieser Woche das Thema auf der Tagesordnung hat. W&auml;re ernst gemeint, was Grube da sagt, m&uuml;sste er dem Aufsichtsrat auch empfehlen, unserer Forderung nach einem sofortigen Baustopp und einem Ausstieg bei Stuttgart 21 zuzustimmen.<\/p><p><strong>Was macht Stuttgart 21 f&uuml;r den Aufsichtsrat denn wieder besprechenswert? In den letzten drei Jahren ist das Thema doch aus den Schlagzeilen verschwunden&hellip;<\/strong><\/p><p>Dieses &bdquo;Verschwinden&ldquo;, wie Sie es nennen, verdanken wir den gro&szlig;en Medienkan&auml;len, die das Thema nicht mehr auf die Tagesordnung setzen. Tats&auml;chlich aber steht es auf der Tagesordnung &ndash; ganz dick, breit und br&auml;sig: Seit 1994 wird das Projekt Stuttgart 21 betrieben und soll nach aktuellem Stand im Jahr 2024 fertig sein. Da geht es um eine Art drei&szlig;igj&auml;hrigen Krieg gegen die Interessen der Menschen und gegen einen sozialen und &ouml;kologischen Ausbau unseres Landes &ndash; Stuttgart 21 ist nach wie vor das gr&ouml;&szlig;te Infrastrukturprojekt Deutschlands. Es ist aus der Ideologie eines Wachstums- und Beschleunigungs-Gigantismus heraus geboren und wird, so es nicht aufgehalten wird, die Entwicklung des ganzen Landes in die falsche Richtung lenken.   <\/p><p>Vor Ort in Stuttgart sind die Folgen dieser Ideologie am wenigsten ausblendbar: Dank Stuttgart 21 ist die Stuttgarter City eine einzige Baustelle, die im t&auml;glichen L&auml;rm und Dreck untergeht. Einwohner und Pendler leiden unter l&auml;ngeren Fahrzeiten und unverl&auml;sslichen Bahnverbindungen. Wobei ich immer sage, der eigentliche &Auml;rger f&uuml;r Bahnreisende kommt erst dann, wenn der viel zu kleine Tunnelbahnhof eines Tages wom&ouml;glich tats&auml;chlich in Betrieb gehen wird. <\/p><p>Auf der Tagesordnung der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger steht daher nach wie vor der Widerstand gegen Stuttgart 21. So gibt es bspw. am 12. Dezember 2016 die <a href=\"https:\/\/www.bei-abriss-aufstand.de\/\">350. Montagsdemo gegen S21<\/a>. Erneut werden sich dann mehrere tausend Menschen auf dem Stuttgarter Schlossplatz versammeln, wo unter anderem der Regisseur Volker L&ouml;sch, der Kabarettist Arnulf Rating&nbsp;und der Buchautor Winfried Wolf auftreten werden. <\/p><p><strong>Warum gibt es diesen hartn&auml;ckigen Widerstand &uuml;berhaupt? Und warum schweigen sich die Mainstream-Medien hierzu aus?<\/strong><\/p><p>Daf&uuml;r gibt es vor allem drei Gr&uuml;nde. Es geht bei Stuttgart 21 erstens um einen gigantischen Raub an Steuergeld, der durch die irrwitzige Dimension von eingesetzter Bausumme und veranschlagter Bauzeit zustande kommt. Zweitens ist Stuttgart 21 ein Fass ohne Boden, das best&auml;ndig mehr Ressourcen daf&uuml;r verschlingt, dass am Ende ein schlechterer als der jetzige Bahnhof zur Verf&uuml;gung steht. Drittens geht es um eine immense Politisierung und politische Aufladung &ndash; denn Merkel, Sch&auml;uble und Kretschmann bef&uuml;rchten durch ihre dauernden Bekenntnisse zur Sache zurecht einen Gesichtsverlust.  <\/p><p>Aber der Reihe nach. Zur irrwitzigen Dimension: Beim Projekt Stuttgart 21 handelt es sich mit einem Investitionsvolumen von inzwischen 10 Milliarden Euro, wie der Bundesrechnungshofs im Oktober 2016 berechnet hat, um das gr&ouml;&szlig;te aktuelle Infrastrukturprojekt &uuml;berhaupt.&nbsp;Die Kostensteigerung verlief dabei wie folgt: 1995 wurden in einer Machbarkeitsstudie 5 Milliarden Gesamtkosten genannt &ndash; jedoch noch Mark. Bei der Volksabstimmung im Jahr 2011 wurden dann &bdquo;4,5 Milliarden Euro&ldquo; als Obergrenze genannt. Oberhalb dieses Betrags, so der damalige und heutige Bahnchef Grube, sei Stuttgart 21 &bdquo;unwirtschaftlich&ldquo;. Im April 2013 akzeptierte der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn dann eine Kostensteigerung auf 6,5 Milliarden Euro; eine Zahl, an der die DB AG bis heute festh&auml;lt. In einem ausf&uuml;hrlichen Gutachten &ndash; einem sogenannten &bdquo;Pr&uuml;fbericht&ldquo; &ndash; des Bundesrechnungshofs vom Oktober 2016, der &uuml;ber einen Zeitraum von 2014 bis Ende August 2016 erstellt wurde, wird nun aber mit Gesamtkosten von 9,2 bis 10,5 Milliarden Euro gerechnet. Damit haben wir eine Vervierfachung der Kosten seit der ersten Machbarkeitsstudie. Und eine Verdopplung allein seit der viel zitierten Volksabstimmung, deren Legitimit&auml;t sp&auml;testens hierdurch ohnehin hinf&auml;llig ist. Ich erinnere die Leute an dieser Stelle immer gerne daran, dass erst k&uuml;rzlich, am 16. September 2016, die Grundsteinlegung war und die &ouml;ffentliche Hand jetzt schon Geld aus dem Risikopuffer einzahlen muss. Dabei ist ja noch fast nix gebaut&hellip; <\/p><p>Wir d&uuml;rfen die Dauer nicht vergessen, die das Projekt inzwischen schon hat und die es noch brauchen soll, bis es fertig gestellt sein soll. Sie ist nat&uuml;rlich auch rekordverd&auml;chtig. Die Verk&uuml;ndung des Projekts erfolgte im April 1994 durch den damaligen Bahnchef Heinz D&uuml;rr, Eigent&uuml;mer des weltweit f&uuml;hrenden Autozulieferers D&uuml;rr AG, und den damaligen Verkehrsminister Matthias Wissmann, der seit mehr als einem Jahrzehnt oberster Autolobbyist ist.<\/p><p>Das Fass ohne Boden ist S21 deshalb, weil die genannte 10-Milliarden-Euro-Summe daf&uuml;r ausgeben werden soll, dass man am Ende <em>weniger<\/em> als vorher hat. Oder gar einen Bahnhof hat, der nicht einmal eine Betriebsgenehmigung erhalten wird: Stuttgart 21 ist das einzige Projekt dieser Art, bei dem eine gigantische Summe&nbsp;daf&uuml;r investiert wird, eine bestehende Verkehrskapazit&auml;t <em>abzubauen<\/em>.<\/p><p>Offiziell wurde Stuttgart 21 mit der Begr&uuml;ndung pr&auml;sentiert, man erhalte dadurch eine Kapazit&auml;tssteigerung um 30 bis 100 Prozent. Auf dieser Basis wurde auch&nbsp;erreicht, dass die EU das Projekt f&ouml;rdert. Inzwischen gibt es jedoch dutzendfach Beweise daf&uuml;r, dass das Gegenteil der Fall ist. Besonders absurd ist, dass es der gegenw&auml;rtige baden-w&uuml;rttembergische Ministerpr&auml;sident und der gegenw&auml;rtige baden-w&uuml;rttembergische Verkehrsminister waren, die klarstellten, dass S21 <em>Abbau<\/em> von Kapazit&auml;ten bedeutet. Doch sie sagten dies, bevor sie in die genannten &Auml;mter gelangten und leiden seitdem offenbar an Ged&auml;chtnisverlust.<\/p><p>Und dann gibt es auch noch eine Reihe besonderer technischer Faktoren, die daf&uuml;r sorgen, dass Stuttgart 21 eine &bdquo;Investitionsruine&ldquo; werden k&ouml;nnte. Die Gefahr, dass es ebenso kommt, benennt der bereits erw&auml;hnte Bundesrechnungshof-Bericht ganz explizit. Urs&auml;chlich hierf&uuml;r sind vor allem der bislang weiterhin fehlende Brandschutz im Tiefbahnhof sowie die Unberechenbarkeit des Bodens, in den die bis zu 60 Kilometer langen Tunnelr&ouml;hren gebuddelt werden sollen. <\/p><p>Vor allem aber ist eine Besonderheit von S21 hier von Relevanz, die bisher kaum bekannt ist: Die Gleise im Bahnhofsbereich sollen schlussendlich eine Neigung von 15 Promille aufweisen &ndash; das ist das Sechsfache dessen, was laut Eisenbahn-Bauordnung als Grenzwert f&uuml;r Bahnh&ouml;fe zul&auml;ssig ist. Nirgendwo in Europa gibt es einen vergleichbaren Bahnhof, der eine solche gef&auml;hrliche Neigung aufweist. Im K&ouml;lner Hauptbahnhof, in dem es ebenfalls eine &uuml;berdurchschnittliche, wenn auch nicht ann&auml;hernd so gravierende Gleisneigung gibt, kommt es j&auml;hrlich zu einer gr&ouml;&szlig;eren Zahl von &bdquo;Zwischenf&auml;llen&ldquo;, teilweise auch mit Verletzten, wegen dieser Besonderheit. Der Bundesrechnungshof stellt daher fest, dass es durchaus m&ouml;glich ist, dass der geplante Tiefbahnhof am Ende gar &bdquo;keine Betriebsgenehmigung erh&auml;lt&ldquo;.<\/p><p><strong>Und der dritte Punkt, den Sie eingangs nannten: die enorme politische Ladung des Projekts? Wie kommt es dazu? Und: Wie kommt es &uuml;berhaupt dazu, dass wir allerorten in Deutschland gerade immer &bdquo;irrere&ldquo;, ich meinen aberwitzig teure, monstr&ouml;se und umweltzerst&ouml;rerische Gro&szlig;projekte erleben, die von vorne bis hinten nicht funktionieren, nicht durchdacht sind etc.? Werden unsere Politiker einfach verr&uuml;ckt? Oder geht es darum, befreundeten Bauunternehmen ein paar Milliarden zuzuschustern &ndash; Gr&uuml;nde finden sich schon?<\/strong><\/p><p>Wie ich schon sagte, Stuttgart21 ist eine Idee aus der Hochzeit der neoliberalen Globalisierung. Die dem Projekt innewohnende Hoffnung, durch ein &bdquo;h&ouml;her, schneller, weiter!&ldquo; ein Mehr, sprich Wirtschaftswachstum, generieren zu k&ouml;nnen, ist leider bis heute Grundlage fast aller politischen Ideologien.  <\/p><p>Stuttgart 21 wurde in den Jahren 2009 bis 2011 durch die deutsche Bundeskanzlerin und durch den deutschen Bundesfinanzminister als ein deutsches Prestigeprojekt geadelt. Die Umsetzung des Projekts wurde als Ausdruck der deutschen Wirtschaftskraft und &bdquo;Ingenieurskunst&ldquo; und der Innovationsf&auml;higkeit des Landes gepriesen. <\/p><p>Als sich dann 2010 genau gegen dieses Prestigeprojekt der Widerstand der bis dato braven Schwaben entwickelte, war das f&uuml;r das gesamte politische Establishment von SPD bis CDU ein krasser Schock. Pl&ouml;tzlich wollten die B&uuml;rger einfach die von der Politik bis dato immer als alternativlos verordneten Entwicklungsvorstellungen nicht mehr teilen. Nicht nur, dass die pl&ouml;tzlich an ganz anderen Alternativen arbeiteten, pl&ouml;tzlich wollten die W&auml;hler auch noch mitbestimmen. Das war dann zu viel. <\/p><p>Ich erinnere mich noch an &Auml;u&szlig;erungen von Angela Merkel und dem ehemaligen Ministerpr&auml;sidenten Mappus, die alle mehr oder weniger klar das demokratische Aufbegehren der B&uuml;rger als <a href=\"https:\/\/jensewernicke.wordpress.com\/2013\/06\/08\/demokratie-als-standortnachteil\/\">Standortnachteil im globalen Wettkampf<\/a> diskreditierten. Und Stuttgart 21 wurde hierf&uuml;r zum Symbol. F&uuml;r die Realisierung dieses Symbols wurde dann alles aufgefahren, was die etablierte Politik zu bieten hat, von Zuckerbrot &ndash; Schlichtung und Volksabstimmung &ndash; bis hin zur Peitsche, bspw. durch brutale Polizeieins&auml;tze. <\/p><p>Heute sind die Regierungen in Berlin und in Stuttgart und die Bahn-Spitze bei diesem Projekt vollkommen blockiert. Einerseits gibt es, wie erw&auml;hnt, niemanden, der das Projekt &uuml;berhaupt noch offensiv verteidigt. Selbst die Landes-SPD, die in der vorhergehenden gr&uuml;n-roten Koalition den Stuttgart21-Einpeitscher stellte, scheint gerade ins Wanken zu geraten. <\/p><p>Dennoch bleibt es zumindest zun&auml;chst dabei: Es f&auml;llt der Bundesregierung, der Landesregierung, dem Oberb&uuml;rgermeister der Landeshauptstadt und der Bahnspitze schwer, &ouml;ffentlich einzugestehen, dass Stuttgart 21 ist, was es ist: unsinnig, zerst&ouml;rerisch und ein Fass ohne Boden. Ein solches Gest&auml;ndnis k&auml;me einem kompletten Gesichtsverlust gleich.<\/p><p>Als letztes Argument wird fast verzweifelt die Volksabstimmung von vor f&uuml;nf Jahren aufgef&uuml;hrt, um den Weiterbau zu legitimieren. Ich halte das f&uuml;r einen billigen Trick, denn es ist heute offensichtlich, dass die B&uuml;rger damals auf Grundlage einer falschen Sachlage abstimmen mussten. Heute wissen wir, die Leistungsversprechen von S21 sind nicht zu halten, der heutige Kopfbahnhof k&ouml;nnte mit einem Bruchteil der Kosten deutlich leistungsf&auml;higer gemacht werden und ist bereits besser, als Stuttgart 21 dies je sein wird. <\/p><p>2011 hie&szlig; es immer vonseiten der Bahn AG, der Kostendeckel von 4,5 Milliarden Euro w&uuml;rde nicht gerissen. Letze Woche hat die Bahn nun angek&uuml;ndigt, die Steuerzahler zu verklagen, damit sie wenigstens ihre angek&uuml;ndigten 6,5 Milliarden Euro zu zahlen vermag. Dass diese allerdings ausreichen &ndash;  das bezweifelt inzwischen sogar der Bundesrechnungshof.<\/p><p>Zum zweiten Teil Ihrer Frage: Ja, aus meiner Sicht sind die neoliberalen Wachstumsphilosophien hinter Gro&szlig;projekten verr&uuml;ckt. Wobei wir allerdings nicht vergessen d&uuml;rfen, dass hinter solchen Projekten, ob S21 oder <a href=\"http:\/\/www.berlin-airport.de\/de\/ber\/\">BER<\/a>, immer auch konkret sehr m&auml;chtige Interessen stehen. Die Bau- und Immobilienwirtschaft beispielsweise ist &uuml;ber jede Steuermilliarde und jedes weitere Bauland nat&uuml;rlich dankbar.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/LFlu9nGnAW0\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p style=\"text-align: center;\"><strong>Hannes Rockenbauch auf der 348. Montagsdemo gegen Stuttgart 21 am 28. November 2016: &bdquo;Politischer Widerstand ist auch gegen breite Mehrheitsentscheidungen legitim!&ldquo;<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Was bedeutet es nun, wenn die Politik keinerlei Fehler einzugestehen bereit ist, der Schaden aber immer gr&ouml;&szlig;er zu werden scheint? Ist also Stillstand angesagt oder hoffen Sie noch, das Projekt kippen zu k&ouml;nnen?<\/strong><\/p><p>Es gibt seit zwei Jahren im Aufsichtsrat der Deutschen Bahn AG eine neue Debatte zu Stuttgart 21. Diese wird auf der Aufsichtsrats-Sitzung in dieser Woche fortgef&uuml;hrt werden. Die Aufsichtsr&auml;te m&uuml;ssen auf Basis des Aktiengesetzes nunmehr allerdings auch pers&ouml;nliche Konsequenzen bef&uuml;rchten, wenn sie einem Projekt zustimmen, das <em>nachweislich<\/em> l&auml;ngst unwirtschaftlich ist. Und es ist doch auch laut Aussage des Bahnchefs selbst unwirtschaftlich. Grube sagte n&auml;mlich anl&auml;sslich der Volksabstimmung, dass S21 nur bis 4,5 Milliarden Euro wirtschaftlich zu betreiben sei. <\/p><p>Groteskerweise wurde den Aufsichtsr&auml;ten das Gutachten des Bundesrechnungshofs von Seiten des Bahnvorstands bislang gar nicht zugestellt. Stattdessen lie&szlig; der Aufsichtsrat ein eigenes Gutachten zu den S21-Kosten und zum Zeitpunkt der Fertigerstellung von S21 durch die Beratungsgesellschaft KPMG erarbeiten. Ein Gutachten, das zwar befremdlich anmutet, gleichwohl aber auch zus&auml;tzliche Gefahren beim Bau von S21, vor allem was den Baugrund betrifft, klar benennt.<br>\nIm &Uuml;brigen erhielt die Debatte um Stuttgart 21 Anfang 2016 auch dadurch einen neuen Aufschwung, weil inzwischen ein durchgearbeitetes <a href=\"http:\/\/www.umstieg-21.de\/\">Ausstiegs- und Umstiegs-Konzept<\/a> vorliegt &ndash; erarbeitet teilweise vom Beraterb&uuml;ro Vieregg-R&ouml;sler in M&uuml;nchen und konkretisiert von einer ganz wunderbaren Arbeitsgruppe im Rahmen des Aktionskomitees gegen Stuttgart 21. <\/p><p>Das Charmante an diesem Konzept: Der gr&ouml;&szlig;te Teil der bisherigen Bauma&szlig;nahmen f&uuml;r Stuttgart 21 k&ouml;nnte dabei umgewidmet werden. Unter anderem k&ouml;nnte die Baugrube f&uuml;r den Tiefbahnhof f&uuml;r einen unterirdischen Busbahnhof genutzt werden. Ein Umstieg ist nicht nur n&ouml;tig, sondern jederzeit m&ouml;glich!   <\/p><p><strong>Ich bedanke mich f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Hannes Rockenbauch<\/strong>, Jahrgang 1980, ist Ingenieur f&uuml;r Architektur und Stadtplanung, Kommunalpolitiker und politischer Aktivist. Er arbeitet als Akademischer Mitarbeiter an der Universit&auml;t Stuttgart und ist seit 2004 Mitglied im Stuttgarter Gemeinderat, seit 2009 dort Fraktionsvorsitzender der Fraktionsgemeinschaft S&Ouml;S und LINKE.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Weiterlesen:<\/strong><\/p><ul>\n<li>Internetseite: &bdquo;<a href=\"http:\/\/wikireal.info\/wiki\/Stuttgart_21\">Faktencheck zu Stuttgart 21<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>Artikel: Jens Wernicke: &bdquo;<a href=\"https:\/\/jensewernicke.wordpress.com\/2013\/06\/08\/demokratie-als-standortnachteil\/\">Demokratie als Standortnachteil<\/a>&ldquo;<\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Weiterschauen:<\/strong><\/p><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/v9Aji3vYxPs?rel=0&amp;showinfo=0\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p style=\"text-align: center;\"><strong>Rede von Winfried Wolf auf der Samstagsdemo gegen Stuttgart 21<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Weitere Ver&ouml;ffentlichungen von <strong>Jens Wernicke<\/strong> finden Sie auf seiner Homepage <a href=\"http:\/\/www.jenswernicke.de\">jenswernicke.de<\/a>. Dort k&ouml;nnen Sie auch <strong><a href=\"http:\/\/feedburner.google.com\/fb\/a\/mailverify?uri=JensWernicke&amp;loc=de_DE\">eine automatische E-Mail-Benachrichtigung<\/a><\/strong> &uuml;ber neue Texte bestellen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/ffaed5fbf27849a5a1bc90b2f6ade5d4\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/161212_rockenbauch.jpg\" alt=\"Hannes Rockenbauch\" title=\"Hannes Rockenbauch\"\/><\/div>\n<p>Die Eliten sind sie leid, die gute, alte Demokratie. Das <a href=\"http:\/\/german-foreign-policy.com\/de\/fulltext\/58150\">sagen<\/a> sie nicht nur immer wieder, das <a href=\"https:\/\/jensewernicke.wordpress.com\/2013\/06\/08\/demokratie-als-standortnachteil\/\">zeigen<\/a> sie auch <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27052\">allerorts<\/a>. Besonders deutlich beispielsweise dann, wenn sie mit aller Macht &ouml;konomisch aberwitzige und &ouml;kologisch zerst&ouml;rerische Projekte gegen jede Vernunft,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36214\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,209,127,203,74],"tags":[1845,282,1112,268,597,1785,1919,315,694,847,440,1464,402],"class_list":["post-36214","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-interviews","category-lobbyismus-und-politische-korruption","category-postdemokratie","category-stuttgart-21","tag-bauwirtschaft","tag-buergerproteste","tag-buergerrechte","tag-deutsche-bahn","tag-grube-ruediger","tag-immobilienwirtschaft","tag-lueckenpresse","tag-merkel-angela","tag-milliardengrab","tag-rechnungshof","tag-schaeuble-wolfgang","tag-volksabstimmung","tag-wachstum"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36214","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=36214"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36214\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":90424,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36214\/revisions\/90424"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=36214"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=36214"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=36214"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}