{"id":36270,"date":"2016-12-14T10:38:21","date_gmt":"2016-12-14T09:38:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36270"},"modified":"2019-03-11T13:47:38","modified_gmt":"2019-03-11T12:47:38","slug":"sadiq-al-azem-der-grosse-syrische-philosoph-ist-in-berlin-verstorben-ein-nachruf-von-heiko-flottau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36270","title":{"rendered":"Sadiq al-Azem, der gro\u00dfe syrische Philosoph, ist in Berlin verstorben. Ein Nachruf von Heiko Flottau."},"content":{"rendered":"<p>Der fr&uuml;here Nahostkorrespondent und Kenner der Szene, <strong>Heiko Flottau<\/strong>, hat f&uuml;r die NachDenkSeiten den syrischen Philosophen gew&uuml;rdigt. Danke f&uuml;r diesen Text. Manche Leserinnen und Leser der NachDenkSeiten m&ouml;gen solche Texte f&uuml;r ausgefallen halten. Die NachDenkSeiten f&uuml;llen aber damit bewusst eine L&uuml;cke. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Der Nachruf<\/strong><\/p><p>So tapfer er im Leben f&uuml;r seine &Uuml;berzeugungen gek&auml;mpft hat, so tapfer ist er gestorben. Sadik al-Azem, Syrer, der arabischen Welt ber&uuml;hmtester Philosoph, erlag am 11.Dezember in Berlin im Alter von 82 Jahren einem Krebsleiden. Eine weitere Behandlung der t&ouml;dlichen Krankheit hatte er abgelehnt, gefa&szlig;t hatte er die letzten Wochen seines Lebens verbracht.<\/p><p>Gefa&szlig;t und k&auml;mpferisch war Al-Azem auch allen Anfeindungen seiner Gegner aus dem traditionellen islamischen Lager begegnet.<\/p><p>Es war, zum Beispiel, eine Sensation &ndash; und f&uuml;r das muslimische Establishment ein Skandal &ndash;, als Sadik al-Azm im Dezember 1969 in der libanesischen Hauptstadt Beirut sein Werk Naqd al-Fikr ad-Dini &ndash; Critique of Religious Thought &ndash; ver&ouml;ffentlichte. Der Mufti des Libanon setzte das Werk sofort auf den Index, der Autor kam vor&uuml;bergehend ins Gef&auml;ngnis. &Uuml;berall, au&szlig;er im Libanon, wurde die Abhandlung offiziell verboten. Dennoch, schreibt Sadik al-Azm im Vorwort der englischen &Uuml;bersetzung, welche 2015 bei Gerlach-Press in Berlin herauskam, sei das Buch &uuml;berall in der arabischen Welt erh&auml;ltlich &ndash; f&uuml;r jene, &laquo;die es lesen und f&uuml;r jene, die es verbrennen&raquo; wollten.<\/p><p>Lesen wollten es, trotz der offiziellen Verbannung, viele. Und schon zur Zeit der Erstver&ouml;ffentlichung gab es im Libanon wenigstens ein paar vern&uuml;nftige Leute, die dazu rieten, sich mit dem Werk auseinanderzusetzen. Eine der anerkanntesten Pers&ouml;nlichkeiten der arabischen Welt, Drusenf&uuml;hrer Kamal Jumblatt (damals Innenminister des Landes, sp&auml;ter, 1978, vermutlich von syrischen Agenten ermordet) sch&uuml;tzte Sadik al-Azm davor, aus dem Libanon deportiert zu werden. Und der vielmalige Premier Saeb Salam riet dazu, sich mit dem Buch ernsthaft zu besch&auml;ftigen, statt unn&ouml;tige und unfruchtbare Aufregung zu verbreiten.<\/p><p>Schlie&szlig;lich und, besonders aus heutiger Sicht, am bedeutendsten: das schiitische Establishment des Libanon &auml;u&szlig;erte sich gegen&uuml;ber dem Sunniten Sadik al-Azem &laquo;wohlkalibriert mit einer ma&szlig;vollen Position der Toleranz&raquo;, wie Sadik al-Azm im Vorwort der englischen Ausgabe schreibt. So erkl&auml;rte der am meisten verehrte schiitische Geistliche der Epoche, Mohammed Jawad Moughniyya, er lehne zwar alle Thesen des Buches ab; aber er f&uuml;gte hinzu, der Islam werde der Verlierer sein, wenn er es vers&auml;ume, sich mit den Themen, Dilemmata und Problemen zu besch&auml;ftigen, die Sadiq al-Azm angesprochen habe. &ndash; Prophetische Worte. Heute, 47 Jahre sp&auml;ter, sind sie von unerh&ouml;rter Aktualit&auml;t.<\/p><p>Dennoch kam es im Fr&uuml;hjahr 1970 zum Proze&szlig; gegen Sadik al-Azm. Mit Hilfe der besten Rechtsanw&auml;lte des Landes, die kaum Honorar verlangten, wurde der Autor freigesprochen. Da es sich bei dem Werk des Angeklagten um ein Buch handle, das eine wissenschaftliche und philosophische Studie darstelle, die nicht beabsichtige, konfessionellen und rassischen Zank zu provozieren, sei die Anklage, so urteilte das Gericht, gegen den Autor fallenzulassen.<\/p><p>Im Zeitalter des &laquo;Islamischen Staates&raquo;, der Taliban, des durch die Familie Al-Saud gef&ouml;rderten Ideologie-Exports des Salafismus und des restaurierten Staatsislams, so steht zu bef&uuml;rchten, w&uuml;rde die Ver&ouml;ffentlichung eines &auml;hnlichen Werkes heute f&uuml;r den Autor kaum so glimpflich ablaufen. Beispiel daf&uuml;r ist das Schicksal des &Auml;gypters Nasr Hamed Abu Zaid, der f&uuml;r sein Buch &laquo;Kritik des religi&ouml;sen Diskurses&raquo; (1992) praktisch von muslimischen Hardlinern exkommuniziert wurde und &Auml;gypten verlassen mu&szlig;te.<\/p><p>Und: die These des Autors, wonach sich die herrschenden Eliten in der arabischen Welt den starr, konservativ und buchstabengetreu interpretierten Ur-Islam zu eigen gemacht h&auml;tten und damit bis heute ihren Herrschaftsanspruch begr&uuml;ndeten, ist nach wie vor g&uuml;ltig. Stets wurden Neuauslegungen des Islam von einer Allianz aus K&ouml;nigen, Sultanen, staatlich ernannten Gro&szlig;muftis und reaktion&auml;ren Klerikern als h&auml;retisch verurteilt. Die marokkanische Autorin Fatima Mernissi spricht in ihrem 1992 erschienenen Buch &laquo;Islam and Democracy &ndash; Fear of the Modern World&raquo; vom &laquo;Islam der Pal&auml;ste&raquo;, wenn sie die intellektuelle Kapitulation vor einer Auseinandersetzung mit dem Text des Korans beschreibt.<\/p><p>Sadik al-Azm, in der arabischen Welt weitgehend verfemt, im Westen als Erleuchtung aus dem Orient begr&uuml;&szlig;t, wurde 1934 in Damaskus geboren. Er stammt aus einer alteingesessenen syrischen Familie, deren wunderbarer Palast in Friedenszeiten in der Damaszener Altstadt zu besichtigen ist. Er lehrte weltweit, etwa in den USA als Fellow in Princeton und am Berliner Wissenschaftskollege (um nur einige seiner Stationen zu nennen). In seinem Buch &laquo;Critique of Religious Thought&raquo; setzt er sich in erster Linie mit dem Verh&auml;ltnis von Glauben und Wissenschaft auseinander.<\/p><p>In einem historisch-ideologischen R&uuml;ckblick geht der Autor zun&auml;chst auf den Konflikt zwischen Glauben und Wissenschaft in Europa ein. Sadik al-Azm schreibt, da&szlig; Religion in Europa ein Verb&uuml;ndeter der feudalen Organisation sozialer und gesellschaftlicher Beziehungen gewesen sei. Diese Rolle spiele die Religion weiterhin in zur&uuml;ckgebliebenen Gesellschaften. Tats&auml;chlich sei der Islam &laquo;die offizielle Ideologie der reaktion&auml;ren, r&uuml;ckw&auml;rts gerichteten Kr&auml;fte in und au&szlig;erhalb der arabischen Welt (Saudi-Arabien, Indonesien, Pakistan)&raquo; geworden. Offen und sehr direkt sei er verbunden mit dem Neo-Kolonialismus, der von den USA gesteuert werde.<\/p><p>&laquo;Religion ist auch&raquo;, schreibt der Autor weiter, &laquo;die Hauptquelle der Legitimierung monarchischer Regime, da die Religion Regeln verbreitet habe, wonach das Recht der Monarchen, die V&ouml;lker zu regieren, vom Himmel komme und nicht von der Erde.&raquo; Wie gesagt, diese Worte stammen aus dem Jahre 1969. Die heutige Situation treffen sie aber immer noch ziemlich genau.<\/p><p>Sadik al-Azm schreibt, ein normaler Muslim, ein Mr. X, wie er ihn nennt, stehe vor folgendem Problem: Wie k&ouml;nne dieser Mr. X, der im Rahmen traditioneller muslimischer Doktrinen aufgewachsen und erzogen sei, diese religi&ouml;sen Doktrinen mit der modernen Wissenschaft in Einklang bringen? Die V&ouml;lker des Mittelmeerraumes, also auch jene muslimischen Glaubens, und deren Nachbarn seien mit folgenden Entwicklungen konfrontiert worden:<\/p><ul>\n<li>Ausbreitung der Renaissance von Italien aus<\/li>\n<li>Beginn der wissenschaftlichen Revolution mit den Werken von Nikolaus Kopernikus und Isaac Newton<\/li>\n<li>Beginn der industriellen Revolution im 17. Jahrhundert<\/li>\n<li>Ver&ouml;ffentlichung der Werke von Charles Darwin und Karl Marx im 19. Jahrhundert<\/li>\n<li>und mit der Wechselwirkung dieser vier Entwicklungen und ihrer Verbreitung &uuml;ber den europ&auml;ischen Kontinent hinaus.<\/li>\n<\/ul><p>Gewollt oder ungewollt &ndash; diese Entwicklungen seien letztlich ein Frontalangriff auf die Dogmen der im Mittelmeerraum verbreiteten Religionen gewesen. Was den Islam betreffe, argumentiert Sadik al-Azm, so st&uuml;nden dessen Doktrinen &uuml;ber die Entwicklung, die Struktur und die Natur des Universums sowie &uuml;ber den Ursprung und die Geschichte menschlichen Lebens zweifellos im Gegensatz zu wissenschaftlichen Kenntnissen.<\/p><p>Und der Alltagsislam? Sadik al-Azem unterscheidet drei Gruppen. Da sei einmal der &laquo;Staatsislam&raquo; &ndash; repr&auml;sentiert durch Regierungen und religi&ouml;se Institutionen. In Saudi-Arabien herrsche ein, wie er es nennt, Petro-Islam, ein islamisches System, gest&uuml;tzt durch Petro-Dollars.<\/p><p>Das andere Extrem des Islam bilde heute eine &laquo;Plethora&raquo; islamistischer Gruppen, die aus dem Dschihad heraus geboren worden seien. Ein Ursprung dieser Gruppen liege bei jenen Dschihadisten, welche im Jahre 1979 die Kaaba in Mekka besetzt und damit gegen die ausschweifende Lebensweise der regierenden Familie Saud protestiert h&auml;tten.<\/p><p>In dieselbe Kategorie z&auml;hlt Sadik al-Azm auch die Attent&auml;ter des 11. September 2001 und verwandte Gruppen. Diese k&auml;mpften gegen alle islamischen Regierungen und Gesellschaften; ihr Ziel sei &laquo;die Wiederherstellung der Souver&auml;nit&auml;t Gottes in der islamischen Welt&raquo;. Sie verfolgten dieses Ziel unabh&auml;ngig davon, dass ihnen ihre eigenen Aktionen ein total negatives Image einbr&auml;chten.<\/p><p>In diesem Punkt &auml;hnelten Gruppen wie Al-Qaida der deutschen Baader-Meinhof Gruppe, der franz&ouml;sischen &laquo;Action directe&raquo; und den italienischen &laquo;Roten Brigaden&raquo;, welche den Politiker Aldo Moro ermordet hatten. Das Ziel der radikalen muslimischen Gruppen k&ouml;nne mit den Worten &laquo;Islam jetzt&raquo; umschrieben werden.<\/p><p>In seinem in Berlin im Jahre 2015 w&auml;hrend einer Vortragsveranstaltung wieder vorgestellten Essay &laquo;On Fundamentalism&raquo; argumentiert Sadik al-Azem zudem, da&szlig; es durchaus einen triftigen Grund habe, wenn sich Fundamentalisten in Gruppen &ndash; Jamaat &ndash; vereinigten statt in &laquo;Parteien&raquo;. Denn Ausdr&uuml;cke wie &laquo;Koalition&raquo;, &laquo;Partei&raquo; oder &laquo;Organisation&raquo; seien dem Islam fremd, seien eher ein Spaltpilz f&uuml;r die Umma, die allumfassende islamische Gemeinschaft. Der Ausdruck Jamaat dagegen invoziere die Erfahrungen, die vermeintlich positiven Erfahrungen der fr&uuml;hen muslimischen Gemeinschaften<\/p><p>Als dritten Zweig des Islam f&uuml;hrt Professor al-Azem den, wie er ihn nennt &laquo;Good for Business Islam&raquo; an. Getragen werde dieser Islam von der b&uuml;rgerlichen Mittelklasse, vom &laquo;Islamic Banking&raquo;, von den Handelskammern, von jenen Gesch&auml;ftsleuten, die mit ihrem Kapital an der B&ouml;rse Geld verdienen wollten (&laquo;Venture-Capital&raquo;).<\/p><p>Wo aber liegen die eigentlichen Gr&uuml;nde f&uuml;r die &laquo;Revitalisierung&raquo; des Islam, die sich viele der Jamaat zum Ziel gesetzt haben? In seinem Essay &laquo;Islamic Fundamentalism Reconsidered&raquo; versucht Professor al-Azm eine Antwort. Er schreibt:<\/p><p>&laquo;All jene Kr&auml;fte, welche die arabische Welt in den letzten 150 Jahren geformt und umgeformt haben, waren, letztlich, in jedem einzelnen Fall europ&auml;ischen Ursprungs: Kapitalismus, Nationalismus, Kolonialismus, S&auml;kularismus, Liberalismus, Populismus, Sozialismus, Kommunismus, Marxismus, Modernismus; das Ziel sei gewesen, sich entwickeln zu wollen, &laquo;die Idee des Fortschritts, wissenschaftliches Wissen, angewandte Technologie (zivil und milit&auml;risch), das moderne Nationenbauen (&sbquo;Modern Nation-Statebuilding&rsquo;)&ldquo; zu f&ouml;rdern.<\/p><p>Ob es, fragt Sadik al-Azem eher rhetorisch, angesichts dieser Invasion von Begriffen und Bewegungen jemanden verwundern k&ouml;nne, da&szlig; es Gegenbewegungen gebe wie den islamischen Fundamentalismus? Und kein Wunder sei es auch, da&szlig; das Original aller Reform- bzw. Revitalisierungsbewegungen mit der Muslimbruderschaft in &Auml;gypten entstanden und das Land dadurch zum &laquo;locus classicus&raquo; der islamischen Reformation geworden sei.<\/p><p>Das ganze Thema sei indessen, schreibt Sadik al-Azm, durch die feindlichen Blicke und Urteile, die der Islam und das Christentum gegenseitig ausgetauscht h&auml;tten, vernebelt worden. In Wahrheit aber seien beide Anschauungswelten gar nicht so weit auseinander, wie stets geglaubt. Schlie&szlig;lich entstammten beide Religionen und auch das Judentum &auml;hnlichen Urspr&uuml;ngen.<\/p><p>Sadik al-Azem: ein gro&szlig;er arabischer Philosoph, den Herrscher wie Baschar al-Assad, &Auml;gyptens Abdel Fatah al-Sissi und der saudische K&ouml;nig Salman am liebsten aus dem islamisch-arabischen Kosmos verbannen w&uuml;rden. In der Finsternis ihrer Welt war er ein w&auml;rmendes Feuer &ndash; von seinen muslimischen Zeitgenossen wurde es absichtlich &uuml;bersehen, am liebsten aber h&auml;tten die Herrschenden dieses Feuer ausgetreten.<\/p><p>Gestorben ist Sadik al-Azem im westlichen Exil. Doch heimkehren will er dennoch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der fr&uuml;here Nahostkorrespondent und Kenner der Szene, <strong>Heiko Flottau<\/strong>, hat f&uuml;r die NachDenkSeiten den syrischen Philosophen gew&uuml;rdigt. Danke f&uuml;r diesen Text. Manche Leserinnen und Leser der NachDenkSeiten m&ouml;gen solche Texte f&uuml;r ausgefallen halten. 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