{"id":36299,"date":"2016-12-16T09:36:18","date_gmt":"2016-12-16T08:36:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36299"},"modified":"2022-11-16T09:53:19","modified_gmt":"2022-11-16T08:53:19","slug":"die-neoliberale-invasion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36299","title":{"rendered":"Die neoliberale Invasion"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/161216_mueller.jpg\" alt=\"Sebastian M&uuml;ller\" title=\"Sebastian M&uuml;ller\"><\/div><p>Wieso ist der <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30286\">Neoliberalismus<\/a> seit fast 50 Jahren so wirkm&auml;chtig? Eine m&ouml;gliche Antwort auf diese Frage hat Edward L. Bernays bereits vor fast einem Jahrhundert <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Propaganda_(Buch)\">formuliert<\/a>: &bdquo;Die bewusste und zielgerichtete Manipulation der Verhaltensweisen und Einstellungen der Massen ist ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften. Organisationen, die im Verborgenen arbeiten, lenken die gesellschaftlichen Abl&auml;ufe. Sie sind die eigentlichen Regierungen in unserem Land. Wir werden von Personen regiert, deren Namen wir noch nie geh&ouml;rt haben. Sie beeinflussen unsere Meinungen, unseren Geschmack, unsere Gedanken. Doch das ist nicht &uuml;berraschend, dieser Zustand ist nur eine logische Folge der Struktur unserer Demokratie.&ldquo; L&auml;sst sich mit dieser Sicht aus der Perspektive der PR die Wirkweise des Neoliberalismus und seines Netzwerkes erkl&auml;ren? Welche Ziele hat der Neoliberalismus, wer unterst&uuml;tzt ihn und wie wurde die politische Landschaft gepr&auml;gt? Zu diesen Fragen sprach <strong>Jens Wernicke<\/strong> mit <strong>Sebastian M&uuml;ller<\/strong>, Herausgeber des Mehrautorenblogs <a href=\"https:\/\/le-bohemien.net\/\">le Boh&eacute;mien<\/a>, der die neoliberale Invasion seit Langem kritisch begleitet und analytisch seziert. <\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1568\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-36299-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161216_Die_neoliberale_Invasion_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161216_Die_neoliberale_Invasion_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161216_Die_neoliberale_Invasion_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161216_Die_neoliberale_Invasion_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=36299-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/161216_Die_neoliberale_Invasion_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"161216_Die_neoliberale_Invasion_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr M&uuml;ller, gerade erschien Ihr Buch &bdquo;<a href=\"http:\/\/mediashop.at\/buecher\/der-anbruch-des-neoliberalismus\/\">Der Anbruch des Neoliberalismus. Westdeutschlands wirtschaftspolitischer Wandel in den 1970er-Jahren<\/a>&ldquo;, mit dem Sie die Urspr&uuml;nge einer inzwischen hegemonialen Gesellschaftsideologie beleuchten. Warum dieses Buch? Was ist Ihre Intention?<\/strong><\/p><p>Die Idee zu diesem Buch entstand damals im Rahmen meiner Magisterarbeit. Dort setzte ich mich mit der Geschichte des Neoliberalismus, die mich seit den Agenda-Reformen durch Rot-Gr&uuml;n ohnehin schon immer interessierte, intensiv auseinander. Meine Motivation war es, zu verstehen, wie und warum es passieren konnte, dass eine sozialdemokratische Partei sich derart selbst verr&auml;t. Mich interessierten die Urspr&uuml;nge des Ganzen.<\/p><p>Da ich mich insbesondere auf die Entwicklungen in der BRD der 1970er Jahre fokussierte, fiel mir auf, wie vergleichsweise wenig hierzulande die sogenannte neoliberale &bdquo;Konterrevolution&ldquo;, gemessen am angels&auml;chsischen Raum, beleuchtet ist. Das ist aber relevant, um etwa die dogmatische Wirtschaftspolitik Deutschlands, gerade in Hinblick auf die Eurokrise, begreifen zu k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Was genau ist denn &bdquo;der Neoliberalismus&ldquo;? Stimmen Sie David Harvey zu, der etwa meint, es handele sich um eine Ideologie, die prim&auml;r der Privilegien- und Profitsicherung der Reichen weltweit diene &ndash; und die alle andere als unwissend weltweit Opfer fordere? Sozusagen also um die ideologisch-moralische Blaupause zur Entfesselung eines ungehinderten Kapitalismus, dem Demokratie und Menschenrechte endlich immer weniger im Wege stehen?<\/strong><\/p><p>Die Frage, was Neoliberalismus ist, ist gar nicht so leicht zu beantworten. Das hat mehrere Gr&uuml;nde. Erstens die Genese des Begriffs zu einem allgemeinen Kampfwort, zweitens die Heterogenit&auml;t des Neoliberalismus selbst. Und drittens, dass auch er sich mit der Zeit &bdquo;marktradikalisiert&ldquo; hat. <\/p><p>Der Politologe J&uuml;rgen Nordmann hat einmal treffend darauf hingewiesen, dass unklar ist, &bdquo;ob es sich beim Neoliberalismus um Ideologie, einen Denkstil, eine Theorie, eine wirtschaftswissenschaftliche Schule, einen Regierungsstil oder eine Gesellschaftsphilosophie handelt&ldquo; &ndash; wahrscheinlich alles in einem, so sein Schluss. Und er hat recht, denn heute ist der Neoliberalismus ein Projekt der radikalen Umw&auml;lzung der menschlichen Ordnung unter rein &ouml;konomischen Kriterien, das sich zwangsl&auml;ufig auf staatliche Ma&szlig;nahmen st&uuml;tzen muss.<\/p><p>Dass das Ph&auml;nomen &bdquo;Neoliberalismus&ldquo; so schwer zu greifen ist, merkt man allein schon daran, dass die meisten heute schon gar nicht mehr wissen, dass sie selbst neoliberal denken. Sprich, viele Facetten des Neoliberalismus wirken auch f&uuml;r das ganz normale B&uuml;rgertum, selbst f&uuml;r Linke, attraktiv. Stichwort &bdquo;Selbstverwirklichung&ldquo;, &Uuml;berwindung von Grenzen, Staatsskepsis, &bdquo;alternative Lebensentw&uuml;rfe&ldquo;. Wobei das Letztere meist nur eine konsumistische Selbstt&auml;uschung ist.<\/p><p>Aber ja, w&uuml;rde man Hayeks und Friedmans Vorstellungen von der &bdquo;Informationsgewalt&ldquo; des Marktes sozusagen auf dem Rei&szlig;brett verwirklichen k&ouml;nnen, w&uuml;rden dem Demokratie und Menschenrechte in letzter Konsequenz im Weg stehen. In Chile war das unter Pinochet, im &Uuml;brigen mit expliziter Guthei&szlig;ung und Beratung von Friedman und Hayek, deutlich zu sehen. F&uuml;r sie war Chile in der Tat so etwas wie ein Experiment, eine Blaupause. <\/p><p>Leider gibt es seit Mitte der 1970er Jahre auch in den westlichen Industrienationen Entwicklungen, die die Demokratie samt ihrem sozialen Fundament zunehmend erodieren lassen. Man darf aber nicht denken, die Geschichte w&auml;re seitdem nur nach einem neoliberalen Drehbuch verlaufen. <\/p><p><strong>Wie genau kam diese Ideologie in die Welt?<\/strong><\/p><p>Der Neoliberalismus entstand als Antwort auf den im Zuge der Ersten Weltwirtschaftskrise gescheiterten Wirtschaftsliberalismus und den in Folge darauf aufkommenden Faschismus in Europa. Der Liberalismus als Ganzes steht, wie es Jean-Claude Mich&eacute;a sagt, im &bdquo;Kontext des westlichen Projekts der Moderne&ldquo;. Und der Neoliberalismus ist dessen konsequente Fortf&uuml;hrung.<\/p><p>Wichtig ist dabei zu verstehen, was auf den ersten Blick wie ein Widerspruch wirkt: Die Lehre der Neoliberalen aus der Wirtschaftskrise war einerseits, dass der Laissez-faire-Kapitalismus nicht funktionierte. Sie erkannten, dass man den Staat als Ordnungsrahmen f&uuml;r die Wirtschaft ben&ouml;tigte, um einen funktionierenden Wettbewerb zu gew&auml;hrleisten und zu organisieren. Darin waren sich alle Str&ouml;mungen des heterogenen Neoliberalismus einig. Alexander R&uuml;stow sprach diesbez&uuml;glich von einem &bdquo;liberalen Interventionismus&ldquo; &ndash; keinem <em>sozialen<\/em> also. Man wollte erkennen, &bdquo;bis wohin sich die politische und soziale Informationsgewalt der Marktwirtschaft erstrecken kann&ldquo;, um in den Worten Foucaults zu sprechen. Die Neoliberalen sahen das Problem des gescheiterten Wirtschaftsliberalismus also darin, dass er nicht institutionalisiert gewesen war.<\/p><p>Andererseits aber charakterisiert sich der Neoliberalismus aufgrund der Erfahrungen mit dem Faschismus durch eine ausgesprochene Staatsphobie. Zumindest dann, wenn der Staat wohlfahrtsstaatliche Elemente beinhalten sollte. Das w&auml;re, wie Hayek schrieb, der &bdquo;Weg zur Knechtschaft&ldquo;. Und er meinte damit vor allem Deutschland.<\/p><p><strong>Inwiefern vor allem Deutschland?<\/strong><\/p><p>Die wirtschaftspolitische Entwicklung in Deutschland ab Mitte der 1960er-Jahre hielt Hayek f&uuml;r zu interventionistisch. Anl&auml;sslich der deutschen Ausgabe seines Buchs &bdquo;Der Weg zur Knechtschaft&ldquo; von 1971 warnte er vor sozialistischen Tendenzen in der Bundesrepublik. Im Grunde lehnte er schon den Begriff der &bdquo;Sozialen Marktwirtschaft&ldquo; ab und alles, f&uuml;r was das Adjektiv stand. <\/p><p>Vor allem hatte Hayek das deutsche Rentensystem im Fokus, dass nach der Rentenreform 1957 umlagefinanziert war und so erhebliche Rentensteigerungen generieren konnte. Seiner Ansicht nach aber w&uuml;rde der Wunsch nach &bdquo;sozialer&ldquo; Korrektur der Marktprozesse im Kern den gesamten Rechtsstaat gef&auml;hrden. <\/p><p>Hier rekurrierten Hayek und die Neoliberalen immer wieder auf den Wirtschaftsinterventionismus im Nationalsozialismus. Und nicht nur an dieser Stelle gibt es auch &Uuml;berschneidungen mit der linken bzw. marxistischen Kritik des Wohlfahrtsstaates. Im Grunde ist das ein Erbe Hayeks, das bis heute &uuml;berlebt hat und nicht zuletzt in der Rentenreform von Rot-Gr&uuml;n wieder zum Ausdruck kam: Statt einer staatlichen Altersvorsorge setzt man auf eigenverantwortliche Kapitalbildung. Das ist insofern interessant und auch ein Widerspruch in Hayeks Agitation, da es die Nationalsozialisten waren, die damals das umlagefinanzierte zugunsten eines kapitalgedeckten Systems zerschlugen.<\/p><p><strong>Und wie ist nun der Aufstieg einer offensichtlich absurden und gef&auml;hrlichen Ideologie sozusagen vom gesellschaftlichen Rand hin zu h&ouml;chsten akademischen und politischen Weihen zu verstehen?<\/strong><\/p><p>So &bdquo;absurd und gef&auml;hrlich&ldquo; schien der Neoliberalismus anfangs ja gar nicht. Vielmehr sollte er der Gegenentwurf einer totalit&auml;ren Gesellschaft sein. Und &bdquo;offensichtlich&ldquo; ist derlei ganz sicher nicht, schlie&szlig;lich wirken seine wirtschaftlichen Lehren heute immer noch f&uuml;r eine Mehrheit der Menschen bewusst oder unbewusst &uuml;berzeugend. <\/p><p>Machen Sie etwa mal eine Umfrage zur &bdquo;Schuldenbremse&ldquo; in Deutschland. Ich garantiere Ihnen, f&uuml;r die Idee von weniger Schulden und einem ausgeglichenen Haushalt kriegen sie absolute Mehrheiten. F&uuml;r mehr &bdquo;Wettbewerbsf&auml;higkeit&ldquo; sowieso. All das klingt selbstverst&auml;ndlich und wird kaum hinterfragt.<\/p><p>Aber, wie gesagt: Der Neoliberalismus ist weit mehr als ein wirtschaftliches Programm. Zentrum des Diskurses, der sein Entstehen begleitete, war dabei die sogenannte Mont P&egrave;lerin Society, die 1947 gegr&uuml;ndet wurde. Ihr Ziel war es, &uuml;ber die Gr&uuml;ndung von internationalen Think-Tanks und Fakult&auml;ten die neoliberalen Ideen &uuml;ber die ganze Welt zu verbreiten und in die politischen Institutionen zu tragen. Als es dann nach Jahrzehnten der Prosperit&auml;t weltweit zum ersten Mal zu einer handfesten Rezession kam, war f&uuml;r die Neoliberalen danndie Zeit gekommen. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"\" frameborder=\"0\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/HefNs7Ttn2A?rel=0\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p style=\"text-align: center;\"><strong>Rainer Mausfeld: &bdquo;Der Neoliberalismus ist das geplante Ende der Demokratie&ldquo;<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Think Thanks und anderes gr&uuml;nden sich ebenso wenig von allein oder ohne Geld, wie sich Ideen von sich aus einfach so &bdquo;&uuml;ber die Welt verbreiten&ldquo;. Wer finanzierte diese Mont P&egrave;lerin Society und welche Interessen verbanden sich damit?<\/strong><\/p><p>Der Neoliberalismus hatte, als deutlich wurde, dass die Profitrate kontinuierlich sank, einen wesentlichen Vorteil, n&auml;mlich die vermeintliche Kompatibilit&auml;t mit den Interessen der Unternehmer und Konzerne. Doch auch vorher gab es vor allem in den USA, wo schnell Widerstand gegen die progressive Politik von Theodor und dann Franklin D. Roosevelt entstand, Unterst&uuml;tzung vom Gro&szlig;kapital. <\/p><p>In den USA hatte etwa Walter Lippmann, der gegen den New Deal Roosevelts anschrieb, enge Kontakte zu J. P. Morgan. Und das &bdquo;Institut Universitaire de Hautes &Eacute;tudes Internationales&ldquo; in Genf wurde von der Rockefeller Foundation finanziell getragen. Es bot in den ersten Jahrzehnten einer Vielzahl der sp&auml;teren Neoliberalen Dozentenstellen, Forschungsauftr&auml;ge und Vorlesungsm&ouml;glichkeiten. <\/p><p>Davon profitierten neben Hayek auch andere Vordenker wie Fritz Machlup, Ludwig von Mises oder Wilhelm R&ouml;pke. Zudem wurde 1946 die &bdquo;Foundation for Economic Education&ldquo; gegr&uuml;ndet und vom Fonds des M&ouml;belmoguls William Volker unterst&uuml;tzt. Zu den Gr&uuml;ndungsmitgliedern geh&ouml;rte unter anderem auch der Vize-Vorsitzende von General Motors.<\/p><p>F&uuml;r Deutschland ist eine Episode ganz entscheidend: Als die Unternehmerverb&auml;nde in Deutschland in den 70er Jahren begannen, den Neoliberalismus in ihre PR- und Politik-Strategie einzubinden und damit eine versch&auml;rfte Agitation gegen die Gewerkschaften und den Sozialstaat einherging, war das auch das Ende der korporatistischen Politik und der sogenannten &bdquo;Konfliktpartnerschaft&ldquo;, die die Bundesrepublik so lange pr&auml;gte. <\/p><p>In dieser Zeit begann eigentlich erst die moderne PR. N&auml;mlich eine immer besser funktionierende Verklammerung der &Auml;u&szlig;erungen von Unternehmerverb&auml;nden, Parteipolitikern, Presseorganen und Wissenschaftlern. Pl&ouml;tzlich kamen Parolen auf wie &bdquo;braun gleich rot&ldquo;, es war von &bdquo;gewerkschaftlicher Machtergreifung&ldquo; die Rede, und die gewerkschaftliche Mitbestimmung in den Unternehmen wurde gemeinhin als Variante von Totalitarismus und Kommunismus verteufelt. <\/p><p>Diese sp&auml;ter &auml;hnlich von Margaret Thatcher angewandte Strategie, die Gewerkschaften in die Rolle der Gefahr f&uuml;r Grundgesetz, Freiheit und Demokratie zu dr&auml;ngen, erkannte der damalige Gewerkschaftsf&uuml;hrer Oskar Vetter auch ganz richtig als eine &bdquo;Grundlage im Lehrgeb&auml;ude des Neoliberalismus&ldquo;. Gleichzeitig diente letzter als Aufarbeitung eines Theoriedefizits der Unternehmerverb&auml;nde und des Konservatismus.<\/p><p><strong>Und wie konkret geschah diese Verbreitung der eigenen Ideen dann genau?<\/strong><\/p><p>Die gezielte Etablierung neoliberaler Ideenwelten geschah &uuml;ber ein exklusives, aber breites und heterogenes Netzwerk aus liberalen &Ouml;konomen, Journalisten, Philosophen etc. Darin war man langfristig au&szlig;erordentlich erfolgreich, auch wenn man bis in die 1960er Jahre hinein mit Forderungen wie nach freien Wechselkursen und Kapitalverkehr wenig anfangen konnte. <\/p><p>F&uuml;r die politischen Eliten war so etwas zu diesem Zeitpunkt noch radikal! Es war also ein Prozess hartn&auml;ckiger &Uuml;berzeugungsarbeit, Einflussnahme und eines wissenschaftlichen &bdquo;battle of ideas&ldquo;. <\/p><p>Hayek und andere wichtige Exponenten dieses Kampfes habe ich bereits genannt. Und f&uuml;r den nord- und s&uuml;damerikanischen Raum hatte sich die Chicago School unter dem umtriebigen Milton Friedman hervorgetan. In Deutschland waren Leute wie Herbert Giersch oder Karl Brunner wichtig. Nat&uuml;rlich waren alle fr&uuml;her oder sp&auml;ter auch MPS-Mitglieder. Entscheidend aber ist das personelle und institutionelle Netzwerk, durch das die neoliberalen Theorien zirkulierten und Verbreitung fanden. So wurde die Grundlage f&uuml;r den sp&auml;teren Siegeszug geschaffen.<\/p><p><strong>Sie sagten vorhin, neoliberales Gedankengut sei oftmals auch f&uuml;r Linke und Gr&uuml;ne attraktiv. Was meinen Sie genau? Und vor allem: Sind inzwischen also fast alle Theorie- und Gedankengeb&auml;ude, fast alle Institutionen im Land mit neoliberalem Gedankengut infiltriert?<\/strong><\/p><p>Die wesentlichen Institutionen wie die Wirtschaftsinstitute, der Sachverst&auml;ndigenrat, die Wirtschaftsfakult&auml;ten, die Bundesbank, das Finanz- und Wirtschaftsministerium durchaus. Habe ich etwas vergessen? Mehr oder weniger preisen sie alle die gleichen Konzepte. Und wenn sie sich widersprechen, existiert doch ein gewisser Grundkonsens. <\/p><p>Der existiert sogar in wesentlichen Fragen mit den Linken und Gr&uuml;nen. Zum Beispiel, was die Globalisierung betrifft. Die vier Grundfreiheiten etwa wird kein Linksliberaler in Frage stellen. Das ist auch Kultur, Lifestyle und Selbstverwirklichung, die vermeintliche Autonomie des Individuums. Die Neoliberalen wollen vor allem den freien Verkehr von Kapital, Linke und Gr&uuml;ne den von Personen. Beides h&auml;ngt untrennbar miteinander zusammen und erg&auml;nzt sich damit nat&uuml;rlich gut. Selbst wenn die Personen, die einmal die traditionelle Klientel der Sozialdemokratie waren, am wenigsten davon profitieren. <\/p><p>Dann die grundlegende Staatsskepsis. Schon die Wortf&uuml;hrer der Studentenbewegung zeigten eine ostentative Abneigung gegen den Staat und seine Institutionen, forderten gleichzeitig aber soziale &bdquo;Rechte&ldquo;. Bis heute begreift man nicht, dass beides, soziale Rechte und Demokratie, ohne den Nationalstaat nicht zu machen sind. Damit geht die Linke den Neoliberalen auf den Leim, die den Nationalstaat in gewisser Weise auch &uuml;berwinden, zumindest aber auf seine Funktion f&uuml;r den Markt beschr&auml;nken wollen. <\/p><p>Der Entwicklungs&ouml;konom Dani Rodrick nennt genau das das &bdquo;politische Trilemma der Weltwirtschaft&ldquo;: Man kann nicht gleichzeitig Demokratie, nationale Selbstbestimmung und wirtschaftliche Globalisierung betreiben. Da aber die Linke und der Neoliberalismus, zutiefst traumatisiert, gleicherma&szlig;en in nationaler Selbstbestimmung fortw&auml;hrend den Faschismus schlummern sehen, ist klar, wohin die Reise gehen soll. Doch die Globalisierung ist ein Elitenprojekt.<\/p><p>Ich glaube, hier liegt der Kern dieser seltsamen und teils unbewussten Allianz. Indem sich die Linke von dem staatskritischen Freiheitsdiskurs des Neoliberalismus hat infizieren lassen, &uuml;berl&auml;sst sie ein weites Terrain, dass die ma&szlig;geblichen republikanischen Fragen von Identit&auml;t, Gemeinschaft, Mitbestimmung und sozialer Gerechtigkeit umspannt, kampflos den Rechten. Doch das ist gef&auml;hrlich. Denn es &ouml;ffnet die Tore f&uuml;r einen g&auml;nzlich neuen Totalitarismus. Den Totalitarismus des Marktes.<\/p><p><strong>Worum geht es den Neoliberalen heute in Deutschland? Und wie organisieren sich die Neoliberalen heute; gibt es noch spezielle Machtzirkel, deren Wirken man diesbez&uuml;glich besonders im Auge haben muss?<\/strong><\/p><p>Das ist eine Frage, die in die Irre f&uuml;hrt. Wenn es eindeutige Machtzirkel g&auml;be, k&ouml;nnte man sie bek&auml;mpfen. Doch der Neoliberalismus ist l&auml;ngst Allgemeingut. Er ist &uuml;berall. Das ist das Totalit&auml;re. In den Institutionen, in den Parteien, den K&ouml;pfen, sowohl bei den Linken als auch bei den Rechten. Das ist das Ergebnis des Siegeszuges, von dem ich gesprochen habe &ndash; der Marsch in die Institutionen. <\/p><p>Nat&uuml;rlich gibt es offensichtliche Agitatoren, wie etwa die von den Unternehmerverb&auml;nden finanzierte Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und andere mittlerweile zahllose Stiftungen und Think-Tanks. Doch der Neoliberalismus bzw. eine neoklassische Interpretation der Wirtschaftswissenschaft ist seit den 70er Jahren auch das Dogma im Sachverst&auml;ndigenrat, den Wirtschaftsressorts der Leitmedien und den Wirtschaftsprogrammen fast aller etablierten Parteien. Er wird im Schulunterricht gelehrt. Und es gibt kaum ein Wirklichkeitsfragment mehr, das ohne neoliberale Pr&auml;gung geschrieben wird. <\/p><p>Der Neoliberalismus bestimmt bewusst oder unbewusst unser Denken, sei es in sozialen Beziehungen, in unserem Werteverst&auml;ndnis und unserer Lebensplanung. Das ist es, was ich unter dem westlichen Projekt der Moderne verstehe. <\/p><p><strong>Was also k&ouml;nnen wir gegen diese neoliberale Offensive tun? Was raten Sie?<\/strong><\/p><p>Das ist eine sehr gute Frage. Umso schwieriger ist es, sie zu beantworten. Um ehrlich zu sein, bin ich aus den oben geschilderten Gr&uuml;nden pessimistisch. Man br&auml;uchte eine neue <em>Utopie<\/em>, eine neue positive Erz&auml;hlung, die Hoffnung macht, der man folgen will. Dazu geh&ouml;rt auch ein anderes &ouml;konomisches Denken, wirtschaftliche Bildung schon in den Schulen und kritische Medien. <\/p><p>Doch hier bei&szlig;t sich die Katze in den Schwanz. Denn bereits in den ersten VWL-Semestern bekommt man die Neoklassik eingebl&auml;ut. Es gibt zwar interessante &ouml;konomische Alternativen, aber sie fristen ein Schattendasein. Wer eine akademische Karriere machen will, kommt mit Ans&auml;tzen, die die herrschende Lehre infrage stellen, nicht weit. In der Schule sorgt die <em>Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft<\/em> f&uuml;r ausreichend &bdquo;Bildungsmaterial&ldquo;. Und aufgrund des Zustandes der etablierten Medien gibt es ja die NachDenkSeiten. <\/p><p>Zwar sp&uuml;ren die Menschen, dass etwas schiefl&auml;uft, das zeigen ja auch die Wahlergebnisse, doch sie wissen nicht, was. Meines Erachtens befinden wir uns in der westlichen Welt auch in einer intellektuellen und kulturellen Krise, die eine direkte Folge der Reduzierung von allem und jedem auf die Verwertbarkeit und den &ouml;konomischen Nutzen ist.<\/p><p><strong>Noch ein letztes Wort?<\/strong><\/p><p>Vielleicht stehen wir dennoch vor einem Paradigmenwechsel. Der Rechtspopulismus, der Brexit und Trump sind deutliche Indizien f&uuml;r Ver&auml;nderungen. Trotz der medialen und akademischen Deutungshoheit kommen die globalistische Agenda, der Washington Konsensus und die Alternativlosigkeit ins Wanken. <\/p><p>Der Neoliberalismus k&ouml;nnte also tats&auml;chlich gerade in die Defensive geraten. Allerdings nicht von links, sondern von rechts. Wie &uuml;brigens immer in der Geschichte, wenn die b&uuml;rgerlichen und sozialdemokratischen Parteien versagten. Wir gestalten den Wandel nicht mehr, er geschieht mit uns &ndash; und der Ausgang ist aktuell ungewiss.<\/p><p><strong>Ich bedanke mich f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Sebastian M&uuml;ller<\/strong>, geboren 1980, studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Germanistik an der TU Darmstadt. Als freier Autor besch&auml;ftigt er sich insbesondere mit den Wechselwirkungen von &Ouml;konomie und Gesellschaft sowie Wirtschaftsgeschichte. Seit 2009 betreibt er in diesem Kontext den Mehrautorenblog <a href=\"https:\/\/le-bohemien.net\/\">le Boh&eacute;mien<\/a> und arbeitet seit 2016 als Redakteur f&uuml;r <a href=\"https:\/\/makroskop.eu\/\">Makroskop<\/a> unter Heiner Flassbeck.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Weiterlesen:<\/strong><\/p><ul>\n<li>NachDenkSeiten-Interview: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30286\">Die neoliberale Indoktrination<\/a>&ldquo;<\/li>\n<li>Thomas Gerlach: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.kritische-psychologie.de\/files\/tg2000a.pdf\">Denkgifte. Psychologischer Gehalt neoliberaler Wirtschaftstheorie und gesellschaftspolitischer Diskurse<\/a>&ldquo;<\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Weitere Ver&ouml;ffentlichungen von <strong>Jens Wernicke<\/strong> finden Sie auf seiner Homepage <a href=\"http:\/\/www.jenswernicke.de\">jenswernicke.de<\/a>. Dort k&ouml;nnen Sie auch <a href=\"http:\/\/feedburner.google.com\/fb\/a\/mailverify?uri=JensWernicke&amp;loc=de_DE\"><strong>eine automatische E-Mail-Benachrichtigung<\/strong><\/a> &uuml;ber neue Texte bestellen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/c00ad98af2914cc090bc1125121c9b39\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/161216_mueller.jpg\" alt=\"Sebastian M&uuml;ller\" title=\"Sebastian M&uuml;ller\"\/><\/div>\n<p>Wieso ist der <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30286\">Neoliberalismus<\/a> seit fast 50 Jahren so wirkm&auml;chtig? Eine m&ouml;gliche Antwort auf diese Frage hat Edward L. Bernays bereits vor fast einem Jahrhundert <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Propaganda_(Buch)\">formuliert<\/a>: &bdquo;Die bewusste und zielgerichtete Manipulation der Verhaltensweisen und Einstellungen der Massen ist ein wesentlicher<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36299\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,126,209,129,205,11],"tags":[1550,373,286,433,669,1945,1033,233,2026,1526,273,1625,842,382,924,476,746,455],"class_list":["post-36299","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-interviews","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","category-neoliberalismus-und-monetarismus","category-strategien-der-meinungsmache","tag-agenda-2010","tag-oekonomisierung","tag-bundesbank","tag-chicago-boys","tag-chile","tag-faschismus","tag-friedman-milton","tag-marktliberalismus","tag-mont-pelerin-society","tag-nachtwaechterstaat","tag-privatvorsorge","tag-stiftungen","tag-thatcher-margaret","tag-think-tanks","tag-von-hayek-friedrich-august","tag-weltwirtschaftskrise","tag-wirtschaftsforschungsinstitute","tag-wirtschaftsweise"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36299","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=36299"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36299\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":90422,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36299\/revisions\/90422"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=36299"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=36299"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=36299"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}