{"id":3630,"date":"2008-12-04T15:32:04","date_gmt":"2008-12-04T14:32:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3630"},"modified":"2019-07-25T11:11:17","modified_gmt":"2019-07-25T09:11:17","slug":"eine-revolutionaere-idee-a-la-spd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3630","title":{"rendered":"Eine revolution\u00e4re Idee \u2013 \u00e0 la SPD"},"content":{"rendered":"<p>Hier eine Glosse von Joke Frerichs zu den Konsumgutscheinen. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Eine revolution&auml;re Idee &ndash; &agrave; la SPD<\/strong><br>\n<em>Von Joke Frerichs<\/em><\/p><p>Als ich zum erstenmal von der Idee h&ouml;rte, Konsumgutscheine auszugeben, dachte ich mir: prima Vorschlag. Die Not ist gro&szlig; und da sind ungew&ouml;hnliche Ma&szlig;nahmen erforderlich. Wie nach dem Krieg, als der Schwarzmarkt bl&uuml;hte und durch die Ausgabe von Essensmarken erreicht wurde, dass der Austausch von &Auml;quivalenten wieder halbwegs zu funktionieren begann. Vorher konnte man f&uuml;r ein paar Zigaretten wahre Wunderdinge kaufen. Aber das geh&ouml;rt nicht hierher. Historische Vergleiche hinken immer.<\/p><p>Nun haben Vorschl&auml;ge wie dieser den Vorteil, dass sich keiner so recht etwas darunter vorstellen kann. Das wiederum f&uuml;hrt dazu, dass sich jeder aufgerufen f&uuml;hlen kann, sich dazu zu &auml;u&szlig;ern: Politiker vorneweg &ndash; vor allem aus der SPD (da diese Partei doch wie keine andere kriegs- Entschuldigung: ich wollte sagen: krisenerprobt ist). Aber auch Gewerkschaftsf&uuml;hrer; Sozialaktivisten; Wirtschaftsweise; Zeitungskommentatoren; Steuerexperten; Einzelhandelsverbandsvertreter und nat&uuml;rlich: Herr Lauterbach, der sich so ziemlich zu allem &auml;u&szlig;ert. Seltsamerweise hat man bisher noch nichts von Herrn R&uuml;rup geh&ouml;rt, obwohl er gerade jetzt gebraucht w&uuml;rde. Eine neue &bdquo;R&uuml;rup-Kommission&ldquo; liegt doch geradezu in der Luft &ndash; in dieser Notlage. Aber der Herr ist wohl schon zu sehr mit seinem neuen Job besch&auml;ftigt. <\/p><p>Wie gesagt: keiner wei&szlig;, was genau gemeint ist und so reden sie denn alle durcheinander. Beim Begriff f&auml;ngt es schon an: Konsumgutscheine oder &ndash;schecks; 250 &euro; oder 500; mit oder ohne Eigenbeteiligung; f&uuml;r Alle oder nur f&uuml;r Bed&uuml;rftige; als Steuergutschrift oder sozusagen cash; in Banken oder Gesch&auml;ften einzul&ouml;sen oder vom Finanzamt verschickt. Die Liste der ungel&ouml;sten, &uuml;beraus schwierigen Probleme lie&szlig;e sich noch verl&auml;ngern. Z.B. ist auch noch ungekl&auml;rt, wer das Porto f&uuml;r die Versendung der Gutscheine zahlt &ndash; der Empf&auml;nger oder der Absender. Ersteres w&uuml;rde die konjunkturelle Wirkung der Ma&szlig;nahme erheblich schm&auml;lern. <\/p><p>Je l&auml;nger die Diskussion dauert, desto mehr an nachdenkenswerten Facetten gewinnt sie: der Vertreter des Einzelhandelsverbandes warnt davor, die Leute k&ouml;nnten jetzt vor Weihnachten ihren Konsumrausch pl&ouml;tzlich einstellen und abwarten, bis die Gutscheine kommen. Da das bis zum Karneval dauern kann, w&auml;re die Wirkung fatal. Geradezu konjunktursch&auml;digend. Und genau das Gegenteil hat man doch erreichen wollen. Andere bef&uuml;rchten, dass noch mehr &uuml;berfl&uuml;ssiger Ramsch gekauft wird als ohnehin schon. Wieder andere wissen schon jetzt nicht mehr, was sie schenken sollen. Und k&auml;men dann m&ouml;glicherweise in noch gr&ouml;&szlig;eren Entscheidungsstress. Und was ist, wenn die Leute irgendein Zeug kaufen, das in China produziert wurde. Das bringt doch f&uuml;r die Arbeitspl&auml;tze hierzulande nichts. Von den m&ouml;glichen Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit ganz zu schweigen! Und schlie&szlig;lich k&ouml;nnte man auf die Idee kommen, sich dem Konsum ganz zu verweigern (solche humorlosen Gesellen soll es ja geben). Andere wiederum zahlen vielleicht ihre Schulden damit ab (auch das br&auml;chte die Konjunktur nicht in Schwung) &ndash; usw. usf.: Man sieht auf den zweiten Blick: die Lage ist verzwickter als man denkt.<\/p><p>Da finde ich die Idee des SPD-Vorstands nachahmenswert, in dieser schwierigen Situation noch schnell eine &bdquo;Investitionskonferenz&ldquo; einzuberufen. Damit man &ndash; gemeinsam mit B&uuml;rgermeistern und Kommunalpolitikern &ndash; &uuml;berlegen kann, wof&uuml;r das Geld eigentlich (wie hei&szlig;t es so sch&ouml;n sozialdemokratisch?) punktgenau und nat&uuml;rlich: zielorientiert ausgegeben werden soll. (Normalerweise k&ouml;nnte man sich die Konferenz und die damit verbundenen Spesen sparen &ndash; ein Gang in eine nahegelegene Schule oder &uuml;ber unsere Stra&szlig;en w&uuml;rde reichen). Aber wie gesagt: die Not ist gro&szlig; und da macht sich eine Konferenz immer gut. Und die Idee bringt Zeit. Bis dahin kann vielleicht sogar der Herr Steinbr&uuml;ck &uuml;berzeugt werden, der immer etwas l&auml;nger braucht &ndash; zumal er doch das Ganze aus seiner eigenen Tasche bezahlen muss.<\/p><p>Ich staune auch nicht schlecht, wenn ich sehe, dass revolution&auml;re Ideen wie diese immer auch gewaltige Pers&ouml;nlichkeitsver&auml;nderungen bewirken. Und das in k&uuml;rzester Zeit! Dem Thema und der Tragweite des Vorschlags angemessen, fordert z.B. ein gewisser Hubertus Schmoldt, seinerseits Vorsitzender der ansonsten &uuml;beraus sozialpartnerschaftlich orientierten Chemie-Gewerkschaft: &ldquo;Man muss einmal zuschlagen, und das muss sitzen.&ldquo; Ich dachte, ich h&auml;tte mich verlesen &ndash; aber nein: so stand es in der FR &ndash; schwarz auf wei&szlig;. Und was in der Zeitung steht, stimmt bekanntlich. Ich finde, der Mann hat Recht, obwohl ich nicht genau wei&szlig;, ob es bereits einen diesbez&uuml;glichen Gewerkschaftsbeschluss gibt. Hier ist wieder einmal die Koordinierungsfunktion des DGB gefragt. Auch deshalb, weil Herr Schmoldt 250 e fordert und Herr Bsirske 500. Da gibt es Kl&auml;rungsbedarf und au&szlig;erdem hat sich die IG-Metall noch nicht zu Wort gemeldet.<\/p><p>Nicht verschwiegen werden soll, dass auch Herr Koch aus Hessen sich zu Wort gemeldet hat. Der ist dank der SPD mal wieder in der gl&uuml;cklichen Lage, Wahlkampf f&uuml;hren zu d&uuml;rfen. Bekanntlich die Zeit, in der er besonders ideenreich agiert. Stichwort: Unterschriftenaktion gegen Ausl&auml;nder: Versch&auml;rfung des Jugendstrafrechts f&uuml;r ausl&auml;ndische Jugendliche usw. Dieser feine Herr war sicherlich auch am j&uuml;ngsten Beschluss des CDU-Parteitages beteiligt, auf dem beschlossen wurde, dass man in Deutschland deutsch redet. Grundgesetzlich abgesichert. (Da wird unserem Bundespr&auml;sidenten wieder eine schwere Gewissensentscheidung abverlangt).<br>\nAber zum Thema zur&uuml;ck: Dieser Herr Koch nannte den Vorschlag aus der SPD: verr&uuml;ckt; fahrl&auml;ssig und falsch. Also muss doch was dran sein an dem Vorschlag! Der Sch&auml;fer-G&uuml;mbel soll sich blo&szlig; nicht irritieren lassen.<\/p><p>Man sieht schon: diese Idee mit den Konsumgutscheinen hat was. Man kommt ins Nachdenken &ndash; ja sogar ins Tagtr&auml;umen. Da kam mir doch die v&ouml;llig utopische Idee, wie es w&auml;re, wenn man gleich das Geld abschaffen w&uuml;rde. Das w&auml;re doch wahrhaft radikal (was ja bekanntlich hei&szlig;t, ein Problem an der Wurzel zu packen oder so &auml;hnlich). Eine Welt ohne Geld &ndash; das w&auml;re es doch. Wie gesagt &ndash; v&ouml;llig utopisch, aber doch irgendwie attraktiv. Wenigstens, um davon zu tr&auml;umen. Konsumgutscheine statt Geld. Oder gleich: zur&uuml;ck zur Tauschgesellschaft. Man w&uuml;sste wieder um den wahren Wert der Dinge; w&auml;re gezwungen sich Gedanken dar&uuml;ber zu machen, wieviel Arbeit in einem bestimmten Gebrauchsgegenstand steckt. Vielleicht sogar dar&uuml;ber, unter welchen Arbeitsbedingungen sie hergestellt worden sind. Ich sehe uns schon bei Karl Marx, Das Kapital, Band 1, nachschlagen: 20 Ellen Leinwand = soundsoviel Weizen = soundsoviel Schuhe usw. Man w&uuml;rde wieder mehr &uuml;ber den Gebrauchswert der Dinge nachdenken. Im ganz w&ouml;rtlichen Sinne: Brauche ich ein bestimmtes Ding wirklich oder nicht? Was w&uuml;rde ich daf&uuml;r eintauschen? Usw.usf.<\/p><p>Nat&uuml;rlich w&auml;re es gut, wenn die ganze Angelegenheit mit einer Art &bdquo;W&auml;hrungsreform&ldquo; eingef&uuml;hrt w&uuml;rde. Nur dass diesmal nicht die ber&uuml;hmten 40 Mark f&uuml;r Jeden (so lautete doch das M&auml;rchen, das zum sog. Wirtschaftswunder f&uuml;hrte), sondern Konsumgutscheine ausgegeben w&uuml;rden. F&uuml;r Jeden die gleiche Anzahl &ndash; und m&ouml;glichst zweckgebunden &ndash; schon wegen der Zielgenauigkeit. Das Statistische Bundesamt k&ouml;nnte ermitteln, wieviele Gutscheine man so durchschnittlich zum Leben braucht und dann kann&lsquo;s losgehen. Details k&ouml;nnten auf Sonderparteitagen gekl&auml;rt werden.<\/p><p>Man stelle sich doch einmal vor: eine Welt ohne Geld. Keiner w&uuml;rde mehr an Kriegen verdienen, (die, wie Bertolt Brecht zurecht sagte, solange stattfinden werden, wie es Leute gibt, die daran verdienen); die Banken w&uuml;rden auf einen Schlag ihre faulen Kredite los; Herr Steinbr&uuml;ck seine (oder besser: unsere) Staatschulden (denn wir zahlen sie schlie&szlig;lich); wieviele Verbrechen aus Geldgier w&auml;ren g&auml;nzlich &uuml;berfl&uuml;ssig; der Bundespr&auml;sident m&uuml;sste nicht l&auml;nger &uuml;ber die angebliche &bdquo;Gier&ldquo; unserer B&auml;nker lamentieren; und schlie&szlig;lich k&ouml;nnte man &uuml;ber viel wichtigere Dinge im Leben nachdenken als &uuml;ber das liebe Geld. Statt &bdquo;Geld regiert die Welt&ldquo; oder &bdquo;Geld allein macht nicht gl&uuml;cklich&ldquo;, w&uuml;rde man ganz bescheiden sagen: &bdquo;Auch der Gutschein hat sein Gutes&ldquo; &ndash; daher wahrscheinlich auch der Name! (Zur Kl&auml;rung k&ouml;nnte man einen Wettbewerb ausschreiben. Dichter und Denker w&auml;ren gefordert; die diversen Think Tanks des Landes ebenso). <\/p><p>Was einem doch f&uuml;r Ideen kommen &ndash; und das alles ausgel&ouml;st durch den genialen Vorschlag einiger SPD-Politiker. Die &ndash; wie bei ihren Reformen &uuml;blich &ndash; die Sache einmal wieder nicht gr&uuml;ndlich genug durchdacht haben  (sie verabscheuen nun mal alles Radikale!) Aber immerhin: sie werfen Probleme auf, statt sie zu l&ouml;sen, und wie man sieht, besch&auml;ftigt das wieder sehr viele Leute &ndash; die in der Zwischenzeit jedenfalls nicht auf dumme Gedanken kommen. Etwa dergestalt, dass m&ouml;glicherweise unser ganzes System falsch konstruiert sein k&ouml;nnte. Auf solche Gedanken kommen nat&uuml;rlich nur Tr&auml;umer und Ewiggestrige wie ich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hier eine Glosse von Joke Frerichs zu den Konsumgutscheinen. 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