{"id":36360,"date":"2016-12-20T16:56:25","date_gmt":"2016-12-20T15:56:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36360"},"modified":"2016-12-21T07:56:02","modified_gmt":"2016-12-21T06:56:02","slug":"quo-vadis-europa-gute-nachbarschaft-mit-russland-oder-konfrontation-und-kriegsgefahr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36360","title":{"rendered":"Quo vadis Europa \u2013 gute Nachbarschaft mit Russland oder Konfrontation und Kriegsgefahr?"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/autor_mueller-1.jpg\" alt=\"Albrecht M&uuml;ller\" title=\"Albrecht M&uuml;ller\" scale=\"0\"><\/div><p>Das ist die schriftliche Fassung des am 9. November in Heidelberg gehaltenen Vortrags. Als Video und Audio hatten wir diese <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35807\">hier<\/a> am 14. November schon eingestellt. Einige NachDenkSeiten-LeserInnen bevorzugen eine schriftliche Fassung. Hier ist sie. Damit Sie sich einen schnellen &Uuml;berblick verschaffen k&ouml;nnen, sind die &Uuml;berschriften der einzelnen Abschnitte fett gesetzt. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p><div style=\"clear: both\"><\/div><p><!--more--><br>\n<strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong><br>\n<strong>Einf&uuml;hrung zu einer Veranstaltung des Anti-Kriegsforums-Heidelberg <\/strong><\/p><p>am Mittwoch, den 9. November 2016, 19:30 Uhr, Stadtb&uuml;cherei, Poststra&szlig;e 15, Heidelberg<\/p><p><strong>Thema:<\/strong><\/p><p><strong>Quo vadis Europa &ndash; gute Nachbarschaft mit Russland oder Konfrontation und Kriegsgefahr?<\/strong><\/p><p>Guten Tag, meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde und Freunde,<\/p><p>wir sind alle etwas aufgew&uuml;hlt vom Wahltag in den USA. F&uuml;r manche, vor allem f&uuml;r unsere Medien und die Talkshow-Kommentatoren kam das Ergebnis &uuml;berraschend. Mit dem Volk hat man nicht mehr gerechnet. Es gab heute Mittag im Berliner Tagesspiegel, der mit hoher multiplikativer Wirkung f&uuml;r die  Journalistinnen und Journalisten in Berlin erscheint, einen Artikel beachtlicher Art:<\/p><p>&bdquo;Putin gratuliert Trump: Hoffen auf bessere Beziehungen&ldquo;, lautete die &Uuml;berschrift und dann ging es weiter:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;W&auml;hrend Rechtspopulisten aus Frankreich, den Niederlanden und Deutschland Donald Trumps Sieg feiern, sprechen andere deutsche Politiker von einem &ldquo;Albtraum&rdquo;.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dann kam eine Abbildung, ein Graffiti, das Putin und Trump bei einem innigen Kuss zeigen.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/161220-heidelberg-quo-vadis.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Putin und Trump beim innigen Kuss. Das Graffiti des litauischen K&uuml;nstlers Mindaugas Bonanu in Vilnius.<\/p><p>Das ist ja nicht nur geschmacklos. Es ist auch ein guter Beleg daf&uuml;r, wie verhetzt viele Medien sind. Ohne Freund-Feind-Schema kommen sie nicht aus. Und deshalb n&auml;hren sie jetzt Versionen &uuml;ber das Verh&auml;ltnis des neuen Pr&auml;sidenten der USA zum Pr&auml;sidenten Russlands, deren Wahrheitsgehalt und Haltbarkeit ausgesprochen schwach und unsicher ist. <\/p><p>Es w&auml;re sch&ouml;n, wenn sich die beiden Pr&auml;sidenten wirklich gut verst&uuml;nden. Daran glaube ich aber nicht. Mehr will ich, weil ich nicht spekulieren will, jetzt zur US -Pr&auml;sidenten-Wahl nicht sagen. Ich wende mich unserem Thema zu und beginne mit einer kleinen pers&ouml;nlichen Geschichte:<\/p><p>F&uuml;r mich als in Heidelberg Geborener ist es immer wieder sch&ouml;n, in die Heimat zu kommen, die Luft des Neckars zu atmen &ndash; ich k&ouml;nnte hinzuf&uuml;gen -, auch die der Kettengasse. Damit verbinde ich Erinnerungen, die eng mit unserem Thema zusammenh&auml;ngen. Wir hatten im Helmholtz Gymnasium, damals in der Kettengasse, in der Unterterti&auml;r, also in der Acht nach heutiger Rechnung, einen Mathematiklehrer, der f&uuml;r Panzerschlachten schw&auml;rmte und die Russen nicht mochte. Vor 1945 war er Schulleiter und lie&szlig; die Pimpfe auf dem Schulhof zu Ehren der Nazis antreten. Danach wurde er etwas abgestuft. Auf der <a href=\"http:\/\/www.helmholtz-heidelberg.de\/gymnasium\/unser-helmholtz\/schulgeschichte\/schuldirektoren\/\">Internetseite des Helmholtz Gymnasium<\/a> ist er ohne erkl&auml;rende und relativierende Fu&szlig;note in die Reihe der Direktoren eingeordnet. &ndash; Er war ein guter Mathematiklehrer, aber er liebte den Krieg und deshalb erz&auml;hlte er oft eine halbe Stunde lang von Panzerschlachten. <\/p><p>Seine Kriegsverherrlichung passte nicht zu dem, was damals vielen von uns noch in den Knochen steckte: Mitsch&uuml;ler ohne Vater, sie waren im Krieg gefallen; im Krieg Jagdbomberangriffe auf den Bahnhof unseres Dorfes, auf Br&uuml;cken und Menschen auf der Stra&szlig;e; und dann am dunklen Abendhimmel der Widerschein der brennenden St&auml;dte Mannheim und Pforzheim, Bruchsal, Heilbronn und W&uuml;rzburg. Wir hatten als Sch&uuml;ler erste Ber&uuml;hrungspunkte mit dem, was wir Deutschen unseren j&uuml;dischen Mitb&uuml;rgern angetan hatten. 7 Millionen ins Ungl&uuml;ck verfrachtete und ermordete Menschen. Im Heidelberger Zimmertheater gab es Anfang der F&uuml;nfzigerjahre ein St&uuml;ck auf der Basis von Anne Franks Tagebuch. Ich erinnere mich noch gut an die Vorstellung.<\/p><p>Unser Krieg verherrlichender Mathematiklehrer hatte nicht die Mehrheit hinter sich. Die Parole &bdquo;Nie wieder Krieg&ldquo; war gel&auml;ufig und wurde von vielen Menschen ernst genommen. Aber diese Einstellung wurde sehr schnell &uuml;berlagert von Wiederbewaffnung und NATO-Beitritt und der entsprechenden Propaganda. Es wurde massiv damit begonnen, das von den Nazis und davor schon gepflegte Feindbild von Russen und Slawen weiter zu malen, und grell zu malen. Von den mehr als 20 Millionen kriegstoten Russen und anderer V&ouml;lker der Sowjetunion sprach niemand, der etwas auf sich hielt. <\/p><p>Damals haben die kalten Krieger gewonnen: mit massiver Indoktrination und Plakaten wie diesen <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/161220-heidelberg-quo-vadis-1.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Die Chance, Deutschland zu neutralisieren und daf&uuml;r damals schon die Wiedervereinigung zu bekommen, wurde vertan. Aber diese armselige Politik wurde mehrheitsf&auml;hig gemacht, auch mit einer massiven Feindbild-Pflege. <\/p><p>Dann kam es 1961 zum Bau der Mauer. Das war neben vielem anderen das wichtigste Symbol f&uuml;r das Scheitern der Politik der Konfrontation zwischen West und Ost. Innerhalb der SPD, die in den f&uuml;nfziger Jahren von friedenspolitisch engagierten Menschen wie Gustav Heinemann, Helene Wessels und Erhard Eppler verst&auml;rkt worden war, wuchs der Wille, aus der Konfrontation mit der Sowjetunion und den Warschauer Pakt-Staaten herauszukommen. <\/p><p>Schon in den f&uuml;nfziger Jahren entwickelte ein kleiner Kreis um Willy Brandt in Berlin neue Gedanken f&uuml;r eine Offensive der Entspannungs- und Verst&auml;ndigungspolitik. 1963 wurde dieses Konzept dann von Egon Bahr in Tutzing vorgestellt: &bdquo;Wandel durch Ann&auml;herung&ldquo;. Willy Brandt hat dann ab Dezember 1966 als Au&szlig;enminister in der Gro&szlig;en Koalition dieses Konzept umzusetzen versucht, mit Unterst&uuml;tzung von sehr vielen Menschen, auch von au&szlig;erhalb der SPD, wenn ich recht sehe auch von Gruppen, die unsere heutige Veranstaltung mittragen. <\/p><p>Ich hatte das Gl&uuml;ck, ab 1968 zum engeren Kreis der Zuarbeiter zu geh&ouml;ren, dann ab Dezember 1969 als Verantwortlicher f&uuml;r die &Ouml;ffentlichkeitsarbeit, also daf&uuml;r, Mehrheiten f&uuml;r diese Friedenspolitik zu beschaffen. <\/p><p>Die Entspannungspolitik wurde in Vertr&auml;gen mit Moskau, mit Warschau mit Prag und mit der Konferenz f&uuml;r Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, KSZE, festgezurrt, sp&auml;ter fortgef&uuml;hrt in der OSZE.<\/p><p>Dann haben auch gr&ouml;&szlig;ere Teile der CDU und CSU dieses Konzept mitgetragen und Helmut Kohl, &uuml;ber den man sonst manches Kritische sagen kann, hat die von den Sozialdemokraten angelegte Politik fortgef&uuml;hrt. 1989 waren wir dann alle super gl&uuml;cklich. Die Konfrontation war weg. Gemeinsame Sicherheit von den V&ouml;lkern des Warschauer Paktes einschlie&szlig;lich der Russen mit uns im Westen war vereinbart. <\/p><p>Die SPD hat bei ihrem Parteitag am 20. Dezember 1989 Wegweisendes dazu beschlossen.<\/p><p>Unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Frieden in gemeinsamer Sicherheit&ldquo; steht zu lesen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Unser Ziel ist es, die Milit&auml;rb&uuml;ndnisse durch eine europ&auml;ische Friedensordnung abzul&ouml;sen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Und weiter hei&szlig;t es von den milit&auml;rischen B&uuml;ndnissen Warschauer Pakt und NATO: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Sie m&uuml;ssen, bei Wahrung der Stabilit&auml;t, ihre Aufl&ouml;sung und den &Uuml;bergang zu einer europ&auml;ischen Friedensordnung organisieren. Dies er&ouml;ffnet auch die Perspektive f&uuml;r das Ende der Stationierung amerikanischer und sowjetischer Streitkr&auml;fte au&szlig;erhalb ihrer Territorien in Europa.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Soweit waren wir schon einmal! <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Von deutschem Boden muss Frieden ausgehen&ldquo;,\n<\/p><\/blockquote><p>hei&szlig;t es dann noch. Und von Abr&uuml;stung und nicht von Aufr&uuml;stung ist die Rede. Der Text w&auml;re wegweisend f&uuml;r heute. Fragen Sie mal Ihren Heidelberger SPD-Bundestagsabgeordneten, in welchem Archiv das Berliner Grundsatzprogramm verschwunden ist.<\/p><p>Die Mehrheit der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger, die diese Politik mitbewirkt und mitgetragen haben und auch die handelnden Personen &ndash; von Helmut Kohl &uuml;ber Gorbatschow, Willy Brandt, Egon Bahr, Helmut Schmidt, Herbert Wehner und Richard von Weizs&auml;cker &ndash; wir alle waren &uuml;berzeugt davon, dass es in Europa keinen Graben und keine Mauer und keinen Stacheldraht und auch kein Gegeneinanderr&uuml;sten mehr geben soll. Wir waren &uuml;berzeugt davon, dass das auch geht. <\/p><p>Und der Osten hat kooperiert. Die Sowjetunion hat sich aus Deutschland zur&uuml;ckgezogen. Sie hat akzeptiert, dass die DDR in die NATO integriert wird. Die Verantwortlichen in Russland haben viele Zugest&auml;ndnisse gemacht. Sie haben darauf vertraut, dass es kein Wettr&uuml;sten zwischen West und Ost mehr geben wird. Auf beiden Seiten gab es vertrauensbildende Ma&szlig;nahmen und eine gl&uuml;ckliche Perspektive.<\/p><p><strong>Wenn Sie mir also die Frage, &bdquo;Quo vadis Europa &ndash; gute Nachbarschaft mit Russland oder Konfrontation und Kriegsgefahr&ldquo; damals im Dezember 1989 oder auch am 3. Oktober 1990, dem Tag der deutschen Einheit, gestellt h&auml;tten, dann w&auml;re meine Antwort ganz anders ausgefallen als heute, jedenfalls viel optimistischer.<\/strong><\/p><p>Die Zusammenarbeit wurde dann auch auf vielen Ebenen konkret: es gab Sch&uuml;leraustausch, Partnerschulen, St&auml;dtepartnerschaften mit den verschiedenen V&ouml;lkern Ost-Europas &ndash; mit Russland, mit Polen, mit den Balten, Tschechen, Ungarn usw.<\/p><p>Der Wirtschaftsaustausch kam in Schwung. Es wurde vom Westen im Osten und bei uns vom Osten investiert und koordiniert. Die wirtschaftliche Verflechtung war in den Augen von jenen Strategen, die den Frieden auf Dauer anlegen wollten, ein wichtiges Hilfsmittel &ndash; daran sollte man immer denken, wenn man heute von Sanktionen h&ouml;rt. Sanktionen s&auml;en Misstrauen, Sanktionen sind wie eine Z&uuml;ndschnur zum Konflikt und d.h. bei uns zum gro&szlig;en Krieg.<\/p><p>Dass es in Russland wirtschaftlich schwierig wird und dass es auch sonst eine F&uuml;lle von Problemen gibt, war erkennbar. Aber: Es gab keinerlei Zweifel daran, dass Russland zu uns geh&ouml;rt, zu Europa. <\/p><p>Niemand w&auml;re damals auf die Idee gekommen weiter zu glauben, wir seien die Guten und die in Russland seien die B&ouml;sen. Dieses Denken in den Feindbildern des Kalten Krieges schien &uuml;berwunden zu sein.<\/p><p>Jene 300.000 Menschen aus der Friedensbewegung, die 1981 im Bonner Hofgarten gegen die Nachr&uuml;stung demonstriert hatten, konnten 1990 das Ende der Block-Konfrontation als einen Erfolg ihres pers&ouml;nlichen Einsatzes feiern. Wir gingen 1989 und 1990 davon aus, dass wir uns mit den neuen Freunden im Osten einschlie&szlig;lich Russlands gemeinsam auf den Weg des Friedens machen. Quo vadis Europa? Klar, in eine gemeinsamen Zukunft. So glaubten wir.<\/p><p><strong>Aber wir hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht!<\/strong><\/p><p>Es war offenbar naiv anzunehmen, die NATO, die USA und die hinter ihnen steckende R&uuml;stungswirtschaft w&uuml;rden eine Welt ohne Konflikte mitmachen wollen. Wir haben ihren Einfluss und ihre Macht untersch&auml;tzt.<\/p><p>Hinzu kam etwas sehr wichtiges anderes: die geo-strategischen Erw&auml;gungen der ma&szlig;geblichen Kr&auml;fte in den USA sprechen gegen einen Frieden mit Russland, es sei denn, Russland unterwirft sich und l&auml;sst sich wie zu Jelzins Zeiten ausbeuten. Da Russland dazu seit der Pr&auml;sidentschaft von Putin nicht bereit ist, bleibt nur der Weg des Konflikts, des Kampfes oder der Versuch des RegimeChange, also der Versuch, auch in Moskau einen Machtwechsel herbeizuf&uuml;hren. So die Sicht dieser Kr&auml;fte, und so auch die Sicht der Kandidatin, die gestern verloren hat. Deshalb hege ich auch keinerlei positive Gef&uuml;hle f&uuml;r Frau Clinton. Dass die Sicht des Gewinners, also des neuen Pr&auml;sidenten der USA, anders sein soll, kann ich vorerst noch nicht glauben, auch wenn in den deutschen Medien immer wieder getrommelt wird, Trump sei der Kandidat Moskaus gewesen. So bescheuert und gewissenlos wie ma&szlig;gebliche deutsche Medienmacher kann man eigentlich gar nicht sein!<\/p><p>Ich glaube nicht, dass mit Trump die Vorstellung, die USA seien die Guten und seien pr&auml;destiniert f&uuml;r die Weltherrschaft und damit auch mit dem Blankoscheck daf&uuml;r ausgestattet, andere Regierungen zu beseitigen, gegen sie putschen zu lassen, jedenfalls zu destabilisieren, abgew&auml;hlt worden ist. Das widerspr&auml;che dem Glauben und der ideologischen Pr&auml;gung der Republikaner noch mehr als jener der Demokraten aus dem Lager der Clintons.<\/p><p><strong>Viele von uns haben den Wechsel der politischen Linie in Washington und Br&uuml;ssel verschlafen.<\/strong> Ich geh&ouml;re auch dazu. In Zeiten der Pr&auml;sidentschaft von Bill Clinton, als die allgemeine &Ouml;ffentlichkeit mit seinen Sexgeschichten belustigt wurde, hat sich die NATO nach Osten ausgedehnt &ndash; entgegen der Verabredung von 1990. Das ist ein Skandal. <\/p><p>Der CDU-Politiker und fr&uuml;here parlamentarische Staatssekret&auml;r im Verteidigungsministerium, Willy Wimmer hatte vor zwei Jahren bei einem Pleisweiler Gespr&auml;ch davon berichtet, dass Bundeskanzler Kohl nach seinen Besuchen in Washington oft irritiert nach Bonn zur&uuml;ckkam &ndash; wegen des erkennbaren Neuaufbaus der Konfrontation und damit wegen des Bruchs der Verabredungen mit Gorbatschow. Willy Wimmer hat im Mai 2000 in einem Brief an den dann amtierenden Bundeskanzler Gerhard Schr&ouml;der davon berichtet, welche expansiven geostrategischen Vorstellungen auf einer gemeinsamen Tagung des US-Au&szlig;enministeriums und des Thinktanks &bdquo;American Enterprise Institute&ldquo; in Bratislava vorgetragen worden waren.<\/p><p>Heute wird aufger&uuml;stet, auch in Deutschland. Die Kampfst&auml;rke des US Milit&auml;rs wird verst&auml;rkt. Die in B&uuml;chel gelagerten Atomwaffen werden modernisiert. Der Drohnenkrieg l&auml;uft &uuml;ber Deutschland. Deutschland ist mittendrin. Wir geh&ouml;ren auch zur Gruppe der sogenannten Freunde Syriens, die dort seit 2011 Krieg f&uuml;hren. Wir sind an Man&ouml;vern an der russischen Grenze beteiligt; eigentlich ein unglaublicher Vorgang!<\/p><p>Auch dort, jenseits der Grenze, also in Russland wird wieder aufger&uuml;stet. Auch dort werden Man&ouml;ver abgehalten. Auch russische Bomber &uuml;ben &uuml;ber der Nordsee und &uuml;ber der Ostsee.<\/p><p><strong>Eines kann ich sicher auch f&uuml;r viele von Ihnen sagen: wir haben nicht nur die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Wir sind auch aufs &uuml;belste betrogen worden.<\/strong><\/p><p>Wir sind um die Fr&uuml;chte einer gewaltigen Anstrengung der Verst&auml;ndigung zwischen West und Ost betrogen worden. Die Entspannungspolitik war ja nicht vom Himmel gefallen. Sie war das Ergebnis gro&szlig;en strategischen Denkens und harter Arbeit &ndash; gerade von Politikern aus Deutschland. <\/p><p>An der Durchsetzung dieser Friedenspolitik waren viele Menschen aus Europa und aus Deutschland beteiligt. Auch aus den USA. Aber die Lobby aus Milit&auml;r und R&uuml;stung und Finanzwirtschaft hat uns die Friedensdividende geklaut. <\/p><p><strong>Wir m&uuml;ssen wohl eingestehen: Wir waren zu gutgl&auml;ubig. Vieles, was jetzt die herrschende Linie ausmacht, konnte man wissen:<\/strong><\/p><ul>\n<li>Die USA und auch andere westliche Staaten wie die Briten und Franzosen haben schon immer und unentwegt Kriege gef&uuml;hrt.<\/li>\n<li>Unsere westlichen Partner, vor allem die USA, haben schon immer darauf gezielt, Regierungen, die ihnen nicht passten, aus dem Amt zu entfernen. 1953 in Persien, 1973 in Chile usw. <\/li>\n<li>Wir sind jetzt offenbar einvernehmlich mit ihnen auf diese Linie eingeschwenkt. Dem Westen insgesamt einschlie&szlig;lich der deutschen Bundesregierung passen fortschrittliche Regierungen nicht: also musste die neu gew&auml;hlte griechische Regierung scheitern; und die fortschrittliche Podemos in Spanien, auch in Portugal wird alles auch darauf angelegt, dass eine auch nur in kleinen Alternativen sichtbare Gegenbewegung scheitert. Das ist sozusagen der Regime Change von Innen heraus<\/li>\n<li>Wichtige Berater amerikanischer Regierungen haben schriftlich Zeugnis von ihren imperialen Absichten und auch von ihrer R&uuml;cksichtslosigkeit im Umgang mit Freunden und Partnern niedergelegt: Brzezinski, Kissinger, Friedman von Stratfor usw. Letzterer hat laut vernehmbar erkl&auml;rt, dass eine enge Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland auf jeden Fall verhindert werden muss.<\/li>\n<li>Dass die Weltmacht USA die einzige bleiben will und es keine anderen Pole politischer Macht geben soll, konnte man eigentlich wissen. Und man konnte auch wissen, welche Rolle die Deutschen spielen sollten: die Rolle eines Vasallen mit Freilauf.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Kriegsgefahr?<\/strong><\/p><p>Jetzt stehen wir wieder mitten im kalten Krieg. Und wenn ich dar&uuml;ber rede, dass es eine echte Kriegsgefahr gibt, dann nicht aus Lust und Dollerei. Oder weil ich dramatisieren will. Ich halte es f&uuml;r notwendig, dass man die Risiken sieht, damit man die falschen Schritte vermeidet und die richtigen geht.<\/p><p>Und jene, die behaupten, es g&auml;be keine Risiken, will ich fragen: Haben Sie 1989 geglaubt, dass NATO-Bomber 1999 Belgrad bombardieren k&ouml;nnten?<\/p><p>Und haben Sie damals geglaubt, dass es 2014 zu einem gewaltsamen Putsch in der Ukraine kommen k&ouml;nnte und danach kriegerische Auseinandersetzungen stattfinden?<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33892\">In einer Rede<\/a> anl&auml;sslich der Demonstration in Ramstein habe ich am 10. Juni dieses Jahres zehn Risiken f&uuml;r den Frieden benannt. Ich will zu zwei Risiken etwas erg&auml;nzen: <\/p><p><strong>Erstens<\/strong> zum neu belebten Aufbau eines Feindbildes Russland und zur sich &uuml;berschlagenden Propaganda: Die Propagandaschlacht l&auml;uft auf westlicher Seite vermutlich deshalb so auf Hochtouren, weil mit der Propaganda die Kriegsschuldfrage schon vor Beginn eines Krieges beantwortet wird. <strong>Wenn es dem Westen gelingt, den Russen die Schuld an einer m&ouml;glichen kriegerischen Auseinandersetzung in Europa anzuh&auml;ngen und aufzuladen, dann w&auml;chst die Kriegsgefahr enorm.<\/strong> Dann kann n&auml;mlich vollzogen werden, was der US-General Breedlove in einer Anh&ouml;rung des US-Repr&auml;sentantenhauses im Februar 2016 in Aussicht gestellt hat. Ich zitiere: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die USA sind bereit, gegen Russland in Europa zu k&auml;mpfen und es zu besiegen&ldquo;.\n<\/p><\/blockquote><p>In Europa. Ja, damit sind wir gemeint<\/p><p>Das war die Erkl&auml;rung eines wichtigen Milit&auml;rs, des Supreme Allied Commander Europe (SACEUR).<\/p><p>Auch wegen dieser &Auml;u&szlig;erungen in dieser Konstellation widerspreche ich jenen, die behaupten, es g&auml;be keine Kriegsgefahr!<\/p><p><strong>Zweitens:<\/strong> Es gibt das Kriegs-Risiko, dass sich innerhalb der Streitparteien des kalten Krieges, also im Westen wie im Osten Kr&auml;fte durchsetzen k&ouml;nnten, die auch vor hei&szlig;en kriegerischen Auseinandersetzung nicht zur&uuml;ckschrecken.<\/p><p>Die Entspannungspolitik gr&uuml;ndete auf einer strategischen &Uuml;berlegung. Sie lautete: &bdquo;Wandel durch Ann&auml;herung&ldquo;. Wir haben damals daf&uuml;r pl&auml;diert, die Konfrontation abzubauen, um sowohl im Westen als auch vor allem im Osten Ver&auml;nderungen zu bewirken, einen gesellschaftlichen und mentalen Wandel zu bewirken, eine innere Entwicklung, die es erleichtert, sich mit dem anderen zu verst&auml;ndigen, sich zu vertragen.<\/p><p>Das war eine ausgesprochen erfolgreiche Strategie. <\/p><p>Wenn Sie diese Formel nun auf die heutige Zeit &uuml;bertragen und sie f&uuml;r die heutigen Verh&auml;ltnisse korrekt formulieren, dann lautet sie:\t<\/p><p><strong>&bdquo;Wandel durch Konfrontation.&ldquo;<\/strong><\/p><p>Der Wandel ist dann kein positiver Wandel, keine Ver&auml;nderung zu besseren inneren Verh&auml;ltnissen, zu mehr Menschenrechten und mehr Demokratie, sondern ein Wandel zur Verh&auml;rtung nach Innen und nach Au&szlig;en. <\/p><p>Der Westen hat mit der Ausdehnung der NATO und mit der Missachtung der Angebote der russischen F&uuml;hrung &ndash; zum Beispiel in der Rede des Pr&auml;sidenten Putin im Deutschen Bundestag in 2002 -, oder jetzt auch konkret beim Syrien-Konflikt, zu erkennen gegeben, dass wir im Westen dazu neigen, die ausgestreckte Hand zu missachten. <\/p><p>Wenn man nur ein bisschen Fantasie hat, dann kann man sich vorstellen, wie die Gegner Putins und Medwedews und Lawrows in Russland sich ins F&auml;ustchen lachen, wenn die Vertreter ihres Staates beim Westen so auflaufen, wie das in letzter Zeit geschehen ist.<\/p><p><strong>Die NATO-Ausdehnung war eine Provokation. Die Raketenaufstellung in Polen und Tschechien und Rum&auml;nien ist eine Provokation. Der Propagandakrieg, der von uns gef&uuml;hrt wird und in den sich Politiker wie Joschka Fischer zum Beispiel massiv einbringen, die Russenhetze und die Kriegstreiberei, die wir in unseren Medien jeden Tag neu feststellen k&ouml;nnen, muss in Russland zu einer St&auml;rkung jener nationalistischen und teilweise religi&ouml;s gepr&auml;gten Kr&auml;fte f&uuml;hren, die der westlichen Politik und Lebensweise sowieso nicht trauen.<\/strong><\/p><p><strong>Wohin soll Europa, wohin sollen wir in dieser Situation gehen?<\/strong><\/p><p>Das Ideale und das Dringliche in dieser Situation w&auml;re: Freundschaft mit beiden Seiten. Und Zusammenarbeit mit beiden Seiten. Mit den USA. Und mit Russland. Und mit China. St&auml;rkung der UNO. Wiederaufnahme des Gedankens der gemeinsamen Sicherheit in Europa. Ausgedehnt auf Europa und Asien, auf Eurasien.<\/p><p>Keine Kriege und keine Versuche, andere L&auml;nder zu destabilisieren.<\/p><p>Das klingt unglaublich idealistisch und es ist wohl leider auch so zu betrachten und zu werten. Und dennoch w&uuml;rde ich diese Elemente aufgreifen, w&auml;re ich f&uuml;r die Politik unseres Landes verantwortlich. Ich w&uuml;rde unser Land zur Br&uuml;cke zwischen West und Ost deklarieren und eine neue Friedenspolitik fordern und entwerfen.<\/p><p>Bevor ich aber darauf sp&auml;ter wieder zur&uuml;ckkomme, soll ein realistisches Bild von unserer jetzigen Lage und vor allem vom Verh&auml;ltnis der Vereinigten Staaten von Amerika zu Deutschland und anderen Staaten Europas gezeichnet werden.<\/p><p><strong>Die Lage ist viel schlimmer, als die meisten sich das vorstellen k&ouml;nnen und wollen. Und sie ist sehr viel anders, sehr viel kritischer zu betrachten als noch in den Jahren nach 1966 beim ersten erfolgreichen Versuch, die Konfrontation zwischen Ost und West zu beenden.<\/strong><\/p><p>Ich konzentriere mich vor allem auf Deutschland und nenne neun Beobachtungen, in kurzen Z&uuml;gen, ich komme gerne in der Diskussion darauf zur&uuml;ck:<\/p><ol>\n<li>Der Bewegungsspielraum f&uuml;r eigene Politik ist ausgesprochen gering. Viel geringer als noch zu Zeiten der Bundeskanzler Brandt, Schmidt und Kohl. Das gilt f&uuml;r wichtige Personen unseres Landes, f&uuml;r die Bundeskanzlerin, f&uuml;r den Bundespr&auml;sidenten und auch f&uuml;r den Au&szlig;enminister. Die Bundeskanzlerin l&auml;sst ihr Handy abh&ouml;ren und beschwert sich kaum. Bundesau&szlig;enminister Steinmeier, der Bundespr&auml;sident Gauck und die Bundesverteidigungsministerin fordern, Deutschland m&uuml;sse mehr Verantwortung in der Welt wahrnehmen und meinen ganz selbstverst&auml;ndlich milit&auml;rische Eins&auml;tze.\n<p>Ich bezweifle, dass die genannten Personen wirklich f&uuml;r uns arbeiten. Daf&uuml;r gibt es eine Reihe von Indizien, die wir auf den NachDenkSeiten mehrmals schon beschrieben haben. Zuletzt habe ich heute in einem Beitrag belegt, dass sowohl der sicherheitspolitische Berater von Frau Merkel, Christoph Heusgen, als auch der Bundesau&szlig;enminister Steinmeier in entscheidenden Fragen US-amerikanische und NATO-Interessen vertreten und nicht friedenspolitische europ&auml;ische Interessen. Es ging dabei um den NATO-Beitritt Montenegros, ein albernes Vorhaben. In Deutschland wurde der Eindruck erweckt, wir seien auf jeden Fall nicht die treibende Kraft hinter diesem Beitritt. Geleakte Dokumente des Au&szlig;enministers von Montenegro belegen das Gegenteil. Das ist nur ein Beispiel von vielen.<\/p><\/li>\n<li>Die USA haben &uuml;ber verschiedene Wege und getragen von verschiedenen Personen und Gruppen und Einrichtungen wie Geheimdienste Einfluss auf nahezu alle Parteien in Deutschland. Sie haben zum Beispiel aus der Entspannungspartei SPD eine milit&auml;rische Interventionspartei gemacht. Die Gr&uuml;nen sind nicht mehr wieder zu erkennen. Sie haben ihre Seele verloren. Deutlich erkennbar l&auml;uft der Einfluss &uuml;ber Personen &ndash; Joschka Fischer, Steinmeier, &Ouml;zdemir, Kretschmann &ndash; und im Falle der Gr&uuml;nen auch &uuml;ber deren Stiftung, die den guten Namen Heinrich B&ouml;lls tr&auml;gt und missbraucht. Der Einfluss auf wichtige Personen der Union und der FDP musste nicht neu organisiert werden &ndash; Merkel, Sch&auml;uble, R&uuml;he, von der Leyen, R&ouml;ttgen &ndash; was will man mehr?<\/li>\n<li>USA und NATO haben ihren Einfluss auf deutsche Medien meisterhaft ausgebaut. Selbst oder gerade die &ouml;ffentlich-rechtlichen Sender, der Deutschlandfunk, die Tagesschau und die ARD, auch das ZDF erscheinen oft wie Wurmforts&auml;tze der US-amerikanischen Botschaft in Berlin. F&uuml;r private, kommerzielle Medien gilt das sowieso. Der Einfluss ist dokumentiert, didaktisch sehr gut aufgemacht von der Anstalt des ZDF am 29. April 2014. Er l&auml;uft &uuml;ber verschiedene Einrichtungen wie Atlantikbr&uuml;cke, Aspen Institut, German Marshall Fund, die Bilderberger. Der Einfluss ist so gro&szlig;, dass unsere Medien mehrheitlich in den Kommentaren und Berichten &uuml;ber die beiden Kandidaten der Pr&auml;sidentenwahl in den USA jede Distanz und jede Objektivit&auml;t haben vermissen lassen. Sie stehen heute, am Tag danach, ziemlich nackt da. Aber sie versuchen, ihre Bl&ouml;&szlig;en mit einer neuen Aggression auch gegen Russland zu verdecken. Der Tagesspiegel schie&szlig;t den Vogel ab, wie die anfangs erw&auml;hnte Wiedergabe eines Graffitis &ndash; einem innigen Kuss Trump\/Putin &ndash; zeigt.<\/li>\n<li>Der Einfluss der entscheidenden Kr&auml;fte im Hintergrund auf die &ouml;ffentliche Meinung und auf die ver&ouml;ffentlichte Meinung ist ungemein gro&szlig;. Er wird strategisch geplant.\n<p>Die Sprache wird manipulativ genutzt: moderate  Rebellen, Wei&szlig;helme, Schl&auml;chter, Machthaber, Menschenrechtsverletzungen. Und immer wieder die gleiche Grundmelodie: Wir sind die Guten, im Osten ist das B&ouml;se. Das wird professionell visualisiert dargeboten. Die Spiegel-Titel zu Putin sind Meisterwerke dieser Agitation.<\/p>\n<p>Ein gutes Beispiel f&uuml;r die clever ausgedachten Strategien ist der Umgang mit der Friedensbewegung. Es war klar, dass eine der Friedensbewegung der achtziger Jahre vergleichbare aktive Bewegung dem Versuch des Wiederaufbaus einer Konfrontation zwischen West und Ost gef&auml;hrlich werden k&ouml;nnte. Also mussten die Versuche der Wiederbelebung sofort gest&ouml;rt werden. Das hat man mit verschiedenen Kritiken und Vorw&uuml;rfen versucht, nach meiner Einsch&auml;tzung mit Erfolg: zum Beispiel hat der Vorwurf, die Friedensbewegung w&uuml;rde mit rechten Kr&auml;ften zusammenarbeiten und geh&ouml;re sozusagen zur Querfront, die Wirkung, dass gro&szlig;e Kreise der b&uuml;rgerlichen fr&uuml;heren Friedensbewegung weggeblieben sind. Teile der deutschen Medien, gerade auch solche, die noch ein bisschen progressives Image haben &ndash; wie die Frankfurter Rundschau oder die TAZ oder Monitor &ndash; haben sich an dieser Kampagne beteiligt.<\/p><\/li>\n<li>Das Imperium bestimmt nicht nur unsere Au&szlig;en- und Sicherheitspolitische Linie und insbesondere unsere milit&auml;rische Aktivit&auml;t. Es wirkt auch weit hinein in unsere gesellschaftspolitischen Vorstellungen und praktische Politik im Innern. TTIP und TISA werden uns zwingen, die Interessen der weltweit t&auml;tigen Konzerne zu ber&uuml;cksichtigen. Sie werden uns zu weiteren Privatisierungen veranlassen, sozusagen vertraglich verpflichtet. Unsere Freiheit zur Gestaltung der inneren Verh&auml;ltnisse unserer L&auml;nder ist enorm beschnitten worden.\n<p>Dies war nicht notwendig. &Ouml;konomisch gibt es keinen Zwang zum Beispiel zur Privatisierung, wenn andere V&ouml;lker das machen, oder zur Privatvorsorge bei der Altersvorsorge. Die Gestaltungsfreiheit ist gr&ouml;&szlig;er, als viele Menschen meinen.<\/p><\/li>\n<li>Selbstverst&auml;ndlich erf&uuml;llen wir die W&uuml;nsche nach Sanktionen, auch wenn diese unserer Wirtschaft und uns schaden. Dass dies so ist und dass die deutsche Wirtschaft dabei mitzieht, hat etwas mit dem n&auml;chsten Punkt zu tun:<\/li>\n<li>Gro&szlig;e angels&auml;chsische Fonds wie Black Rock, Blackstone und andere greifen hinein in unternehmerische Entscheidungen deutscher Unternehmen. Sie k&ouml;nnen das aufgrund ihrer Beteiligung an vielen gro&szlig;en Unternehmen und gegenseitigen Verflechtungen auch auf der Basis von minimalen Beteiligungen von 3,5 % bis 4,5 % tun. Ein NachDenkSeiten Leser hat davon berichtet, seine Frau sei einmal bei einem Kongress, vermutlich f&uuml;r Anleger, gewesen. Redner und Gespr&auml;chspartner waren die Chefs gro&szlig;er deutscher Unternehmen. Einer davon schilderte dann in einer kleinen Arbeitsgruppe, wie gro&szlig;e angels&auml;chsische Fonds ihre Macht aus&uuml;ben: Sie verlangen zum Beispiel, an internen Sitzungen teilnehmen zu d&uuml;rfen. Und wenn man sich als Spitzenmanager den W&uuml;nschen nicht f&uuml;gt, dann wird gedroht: Mit der Sch&auml;digung des eigenen Rufs, mit der Sch&auml;digung des Rufs des Unternehmens und dann mit k&ouml;rperlicher Gewalt gegen den Manager und seine Familie. Solche Schilderungen rauben mir jede Illusion.<\/li>\n<li>Die V&ouml;lker Europas werden, wenn es gef&auml;llt, auch gegeneinander ausgespielt. Deutlich sichtbar jetzt bei der milit&auml;rischen Aufr&uuml;stung in der N&auml;he der russischen Grenze, in den baltischen Staaten und in Polen. Weil die Balten und die Polen das wollen, so wird uns gesagt, muss die NATO mit ihren Truppen an die russische Grenze. Einschlie&szlig;lich deutscher Verb&auml;nde.<\/li>\n<\/ol><p><strong>Wir leben heute in einer v&ouml;llig ver&auml;nderten Situation als in der Phase der Entspannungspolitik &ndash; mit einem ver&auml;nderten Geist, mit einer anderen Ideologie, mit einem anderen Umgang miteinander.<\/strong><\/p><p>Es ist quasi alles auf den Kopf gestellt:<\/p><ul>\n<li>Statt Vers&ouml;hnung Gewaltandrohung<\/li>\n<li>Statt Entspannung Konfrontation<\/li>\n<li>Statt vertrauensbildender Ma&szlig;nahmen Vertrauen zerst&ouml;rende Entscheidungen und &Auml;u&szlig;erungen. Kriegsverbrecher sind die andern, nicht wir, und wir nennen sie auch so. Da kann kein Vertrauen mehr wachsen.<\/li>\n<li>Die Wiederbelebung des Begriffs Abschreckung.<\/li>\n<li>Damit verbunden: Aufr&uuml;stung statt Abr&uuml;stung, Modernisierung der Atomwaffen statt ihrer Beseitigung aus Deutschland.<\/li>\n<li>Statt &bdquo;Frieden ist der Ernstfall&ldquo;, statt &bdquo;Nie wieder Krieg&ldquo;, die scheinbar sachliche Abw&auml;gung f&uuml;r milit&auml;rische Eins&auml;tze.<\/li>\n<li>Aufbau von Feindbildern &ndash; das geht bis hinein in Kindersendungen. Letzthin hatten wir auf den NachDenkSeiten zitiert, wie in der Deutschlandfunk Sendung Kakadu Agitation gegen Russland betrieben wird. Da waren in zw&ouml;lf Zeilen zehn massive Manipulationen und L&uuml;gen enthalten.<\/li>\n<li>Keinerlei Versuch, sich in die Lage des anderen zu versetzen und ihn damit zu verstehen. Das war eine Grundregel der Entspannungspolitik.<\/li>\n<li>Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein, versprach der frisch gew&auml;hlte Bundeskanzler Willy Brandt bei seiner ersten Regierungserkl&auml;rung 1969. Heute pflegt die Bundesregierung in der Person von Angela Merkel und Wolfgang Sch&auml;uble rundum eine miese Nachbarschaft, Politik von oben herab, ohne R&uuml;cksicht auf die Wirkung zum Beispiel in Russland oder auch in Griechenland.<\/li>\n<li>R&uuml;ckkehr zum Kalten Krieg und zum Geist der F&uuml;nfzigerjahre. Das war ein schrecklicher Geist. Auch hier auf Heidelbergs Stra&szlig;en und in H&ouml;rs&auml;len und Klassenzimmern. Und jetzt kommt er wieder, mit dem kleinen schlimmen Unterschied, dass es damals wenigstens ein paar Politiker, einige Menschen, einige Medien und aufrechte Demokraten gab, die dagegen hielten.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Heute herrscht der Geist der milit&auml;rischen Gewalt. Das ist eine v&ouml;llig ver&auml;nderte Situation. Und man sollte diese grunds&auml;tzlich ver&auml;nderte Situation in Rechnung stellen, wenn man die Frage beantworten will, wo Europa hingehen soll.<\/strong><\/p><p><strong>Was w&auml;re der Weg, den Deutschland mit Europa im Verh&auml;ltnis zu den USA und zu Russland gehen k&ouml;nnte und m&uuml;sste:<\/strong><\/p><p>Meine bisherigen Analysen zur jetzigen Situation haben bei Ihnen vermutlich die gro&szlig;e Depression ausgel&ouml;st. Das ist verst&auml;ndlich. So ist die Lage. Aber ich will Ihnen doch ein bisschen Hoffnung machen. Ich versetze mich jetzt mal in die Lage dessen, der f&uuml;r Deutschland die Alternative zur jetzigen Politik entwerfen sollte und vor allem auch eine Strategie entwerfen sollte, wie er die Mehrheit der Deutschen hinter diese seine Konzeption bekommt:<\/p><ol>\n<li>Ich w&uuml;rde immer wieder beschreiben, erl&auml;utern, begr&uuml;nden, dass der jetzt erkennbare Weg in den Tod f&uuml;hrt. Weil die Wahrscheinlichkeit eines Krieges zwischen dem Westen und Russland sehr gestiegen ist und weiter steigen wird, wenn der Westen so weitermacht.<\/li>\n<li>Ich w&uuml;rde die Gefahr eines Machtwechsels in Russland beschreiben und belegen, warum dieser Wechsel mit hoher Wahrscheinlichkeit gef&auml;hrlich wird und droht, wenn wir so weitermachen. Im Kern l&auml;uft das darauf hinaus, den Deutschen und Europ&auml;ern begr&uuml;ndet zu erl&auml;utern, dass mit der Gruppe um Putin nicht nur Russland, sondern auch der Westen gut bedient ist.<\/li>\n<li>Ich w&uuml;rde selbst verst&auml;ndlich auch kritisieren, was Russland falsch macht und was uns dort nicht behagt &ndash; hier macht der Ton die Musik, wie auch im Umgang mit den USA.<\/li>\n<li>Die USA sollten immer wieder eingeladen werden, beim Projekt der gemeinsamen Sicherheit in Europa mitzumachen, und sich mit Russland zu verst&auml;ndigen.<\/li>\n<li>Auf mittlere Sicht sollten wir die NATO zur Disposition stellen. Wie das die SPD am 20. Dezember 1989 in ihrem Berliner Grundsatzprogramm getan hat. Es ist wahrscheinlich, dass wir damit nicht durchkommen und der Vasall bleiben, der wir heute sind. Zumindest vorerst. Aber wir sollten die Option &bdquo;raus aus der NATO&ldquo; auf jeden Fall und deutlich thematisieren.<\/li>\n<li>Bei den USA sollten wir differenzieren zwischen den B&uuml;rgern dieses Landes und jenen, die die Macht aus&uuml;ben und die Kriege f&uuml;hren und L&auml;nder all &uuml;berall auf der Welt destabilisieren. Ein Antiamerikanismus gegen&uuml;ber den US-Amerikanern ist nicht gerechtfertigt. Das sollte man auch &ouml;ffentlich sagen. Wir sollten die Beziehungen zu den den Bewohnern der USA pflegen. Genauso wie zu den Russen und den Polen und den Franzosen.\n<p>Aber der virulente Antiamerikanismus, den man in Deutschland wie in vielen anderen L&auml;nder Europas vorfindet. ist berechtigt. Diesen vorhandenen Antiamerikanismus gegen&uuml;ber der Politik der USA und gegen&uuml;ber den Personen und Gruppen, die diese US-Politik betreiben, ist berechtigt. Den w&uuml;rde ich auch nicht verteufeln, sondern f&uuml;r die politische Auseinandersetzung nutzen. <\/p>\n<p>Im deutschen Volk gibt es eine weit verbreitete Skepsis gegen der Politik der USA. Diese Skepsis sollte man zur Mobilisierung der Gegenkr&auml;fte nutzen. Andernfalls schafft man dies eh nicht.<\/p><\/li>\n<li>Die Gegenbewegung, die ich f&uuml;r n&ouml;tig halte, kann sich in Deutschland auf Medien nicht st&uuml;tzen, jedenfalls nicht auf sehr viele. Deshalb bliebe f&uuml;r die Umsetzung der neuen Strategie f&uuml;r Deutschland und Europa zwischen West und Ost nur das, was uns vor wenigen Monaten Sanders in den USA, Corbyn in Gro&szlig;britannien und Willy Brandt schon 1972 vorgemacht hat: die Mobilisierung von 100Tausenden und Millionen von Menschen. Damals wurden nur deshalb 45,8 % f&uuml;r die Ostpolitik und Reformpolitik (das Wahlergebnis der SPD) erreicht, weil 100Tausende f&uuml;r diese neue Politik des Friedens geworben haben &ndash; in unendlich vielen Gespr&auml;chen, mit Aufklebern und Buttons.\n<p>Auf die Medien kann sich auch die notwendige neue Bewegung f&uuml;r eine friedliche Br&uuml;cke zwischen dem Westen und Russland nicht verlassen.  Es w&uuml;rde gelten, was auch gegen&uuml;ber den USA gilt: Sie sind alle eingeladen mitzumachen. Wenn sie nicht wollen, dann nehmen wir unsere Geschicke selbst in die Hand.<\/p><\/li>\n<li>An einem entscheidenden Punkt bin ich ratlos. In Deutschland ist bis jetzt kein Corbyn und kein Sanders zu sehen. Jedenfalls f&auml;llt mir niemand ein. Vielleicht sollten wir uns alle als Headhunter bet&auml;tigen. Der Friede in Europa k&ouml;nnte ein gutes Gesicht auch in Deutschland gebrauchen.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/autor_mueller-1.jpg\" alt=\"Albrecht M&uuml;ller\" title=\"Albrecht M&uuml;ller\" scale=\"0\"\/><\/div>\n<p>Das ist die schriftliche Fassung des am 9. November in Heidelberg gehaltenen Vortrags. Als Video und Audio hatten wir diese <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35807\">hier<\/a> am 14. November schon eingestellt. Einige NachDenkSeiten-LeserInnen bevorzugen eine schriftliche Fassung. Hier ist sie. Damit Sie sich einen schnellen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36360\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[35,170,123,211],"tags":[1519,398,329,1093,1090,813,2013,895,1120,764,1426,1031,1268,295,300,315,1937,466,915,1534,1418,259,252,1338,1800,1556,1089,1019],"class_list":["post-36360","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-friedenspolitik","category-kampagnentarnworteneusprech","category-veranstaltungshinweiseveranstaltungen","tag-atomwaffen","tag-bahr-egon","tag-brandt-willy","tag-clinton-bill","tag-clinton-hillary","tag-drohnen","tag-entspannungspolitik","tag-freihandel","tag-friedensbewegung","tag-gauck-joachim","tag-hegemonie","tag-investmentfonds","tag-kalter-krieg","tag-kohl-helmut","tag-mueller-albrecht","tag-merkel-angela","tag-militaermanoever","tag-nato","tag-putin-wladimir","tag-querfront","tag-regime-change","tag-russland","tag-steinmeier-frank-walter","tag-transatlantiker","tag-trump-donald","tag-usa","tag-wimmer-willy","tag-wirtschaftssanktionen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36360","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=36360"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36360\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":36365,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36360\/revisions\/36365"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=36360"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=36360"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=36360"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}