{"id":36399,"date":"2016-12-22T12:23:59","date_gmt":"2016-12-22T11:23:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36399"},"modified":"2019-07-09T10:54:29","modified_gmt":"2019-07-09T08:54:29","slug":"von-den-werten-der-nato","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36399","title":{"rendered":"Von den Werten der NATO"},"content":{"rendered":"<p>W&auml;hrend die T&uuml;rkei immer mehr ins Chaos zu sinken droht, haben t&uuml;rkische Soldaten in Deutschland um Asyl gebeten. Richtig gelesen. Angeh&ouml;rige eines NATO-Staates haben in einem anderen NATO-Mitgliedsstaat Asyl beantragt. In diesem Kontext muss man sich zu Recht folgende Frage stellen: Was ist hier eigentlich los? Von <strong>Emran Feroz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nVor wenigen Wochen wurde bekannt, dass mehrere t&uuml;rkische Soldaten aus dem NATO-Quartier in Ramstein Asylantr&auml;ge in Deutschland gestellt haben. Der Grund: Die Soldaten wollen nicht in die T&uuml;rkei zur&uuml;ckverlegt werden. Um wie viele Angeh&ouml;rige des t&uuml;rkischen Milit&auml;rs es sich genau handelt, ist unklar. Beobachter gehen allerdings davon aus, dass das Handeln der Soldaten mit dem <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2016-11\/ramstein-nato-tuerkische-soldaten-asyl\">Putschversuch im vergangenen Juli<\/a> zu tun hat.<\/p><p>Seit eben jenem Putschversuch geh&ouml;rt der repressive Umgang der t&uuml;rkischen Regierung zum Alltag in der T&uuml;rkei. Im Laufe der letzten Monate kam es zu zahlreichen Verhaftungswellen. Tausende von Menschen kamen ins Gef&auml;ngnis. Unter ihnen befinden sich nicht nur Soldaten, die mutma&szlig;lich am Putschversuch beteiligt gewesen sind, sondern auch Politiker, Journalisten, Aktivisten und Angeh&ouml;rige der Zivilgesellschaft.<\/p><p>Seitens der NATO, die sich immerhin unter anderem auch als &bdquo;Wertegemeinschaft&ldquo; betrachtet, war die Reaktion auf die Vorg&auml;nge in der T&uuml;rkei nur sp&auml;rlich. Von Generalsekret&auml;r Jens Stoltenberg wurden die Verhaftungen <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/tuerkei-nato-chef-jens-stoltenberg-vermeidet-kritik-an-recep-tayyip-erdogan-a-1122318.html\">in keiner Art und Weise kritisiert<\/a> oder angeprangert. Stattdessen beharrte Stoltenberg darauf, dass er der T&uuml;rkei in dieser Hinsicht vertrauen werde. Immerhin habe ihm die t&uuml;rkische Regierung versichert, dass jegliche Aktionen im Rahmen der Rechtsstaatlichkeit geschehen w&uuml;rden. Au&szlig;erdem, so Stoltenberg, habe die T&uuml;rkei das Recht, gegen die Verantwortlichen des Putschversuchs vorzugehen. <\/p><p>Stoltenbergs Phrasen scheinen jene Soldaten, die nun Asyl beantragt haben, herzlich wenig zu interessieren. Berichten zufolge sehen die Soldaten sich und ihre Familien in Gefahr und wollen deshalb nicht in ihre Heimat zur&uuml;ckkehren. V&ouml;llig unabh&auml;ngig von den Beweggr&uuml;nden der Soldaten muss man sich fragen, was das ganze Szenario eigentlich f&uuml;r die NATO bedeutet. Immerhin fl&uuml;chten hier NATO-Soldaten von einem NATO-Staat in einen anderen.<\/p><p>Ganz konkret bedeutet das vor allem, dass es der NATO keineswegs um &bdquo;Demokratie und Rechtsstaatlichkeit&ldquo; geht, wie es Stoltenberg in diesem Kontext ein weiteres Mal betont hat. Stattdessen liegt der Fokus &ndash; wie sonst auch &ndash; auf geostrategischen Interessen. Diese sind mit der t&uuml;rkischen NATO-Mitgliedschaft eng verbunden. Wie lange dies noch der Fall sein wird, ist eine andere Frage. Im Schatten des Syrien-Krieges ist die T&uuml;rkei immer enger mit Russland zusammenger&uuml;ckt. Auch das Attentat auf den russischen Botschafter wird keinen &bdquo;dritten Weltkrieg&ldquo;, wie ihn manche bereits kommen sahen, heraufbeschw&ouml;ren, sondern Ankara und Moskau wohl noch n&auml;her zusammenr&uuml;cken lassen.<\/p><p>Ob die NATO in Anbetracht dieser Tatsache nur ein wenig verzweifelt reagiert, um einen wichtigen Partner halten zu k&ouml;nnen, bleibt offen. In vielerlei Hinsicht macht die T&uuml;rkei jedoch deutlich, dass man immer weniger auf westliche Partner z&auml;hlen m&ouml;chte. Dies betrifft unter anderem auch den Milit&auml;rsektor. V&ouml;llig unbeachtet seitens der Welt&ouml;ffentlichkeit benutzt die t&uuml;rkische Armee seit einigen Monaten zum ersten Mal bewaffnete Drohnen aus Eigenproduktion. Zuvor war das t&uuml;rkische Milit&auml;r diesbez&uuml;glich noch von ausl&auml;ndischen Produzenten, allen voran israelischen, abh&auml;ngig.<\/p><p>Wie im vergangenen September bekannt wurde, ist die &bdquo;Bayraktar TB2&ldquo; zu &bdquo;einhundert Prozent original t&uuml;rkisch&ldquo;. Selcuk Bayraktar, der f&uuml;hrende Techniker des Waffenproduzenten Baykar Technologies, verbreitete die Aufnahmen der nach ihm benannten <a href=\"http:\/\/www.dailysabah.com\/nation\/2016\/09\/04\/turkeys-domestically-made-armed-drone-starts-patrolling-the-skies\">Drohne<\/a> stolz via seines Twitter-Accounts.<\/p><p>Seit Ende Oktober sollen durch t&uuml;rkische Drohnen-Angriffe fast 100 Menschen get&ouml;tet worden sein. Die Angriffe fanden nicht nur innerhalb der T&uuml;rkei statt, sondern auch im Nordirak. Ziel waren laut der t&uuml;rkischen Regierung stets militante K&auml;mpfer der PKK. Von staatsnahen Medien wie <a href=\"http:\/\/aa.com.tr\/en\/turkey\/turkish-aerial-drones-kill-72-pkk-terrorists\/67142\">Anadolu Agency<\/a> wurden alle <a href=\"http:\/\/aa.com.tr\/en\/turkey\/aerial-drones-kill-19-pkk-terrorists-in-se-turkey\/682510\">Drohnen-Opfer<\/a> stets als &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.hurriyetdailynews.com\/armed-drones-kill-six-pkk-militants-in-northern-iraq-.aspx?pageID=238&amp;nID=106046&amp;NewsCatID=352\">Terroristen<\/a>&ldquo; bezeichnet. <\/p><p>Zumindest in dieser Vorgehensweise sowie der damit verbundenen Rhetorik unterscheidet sich die T&uuml;rkei nicht von anderen NATO-Staaten. Immerhin sind es allen voran die Vereinigten Staaten, die den Drohnen-Krieg in erster Linie etabliert und seine dazugeh&ouml;rigen Narrative (&bdquo;Nur Terroristen werden get&ouml;tet&ldquo;) konstruiert haben.<\/p><p>F&uuml;r die T&uuml;rkei kommt das gelegen. Seitdem der Krieg gegen die PKK im S&uuml;dosten der T&uuml;rkei wieder aufgeflammt ist, geh&ouml;ren Fl&auml;chenbombardements des t&uuml;rkischen Milit&auml;rs zum dortigen Alltag. Laut Ankara wurden in den letzten Monaten 10.000 &bdquo;Terroristen&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.dailysabah.com\/war-on-terror\/2016\/10\/18\/three-pkk-terrorists-killed-in-southeast-turkey\">get&ouml;tet<\/a> oder gefangen genommen. W&auml;hrenddessen kritisieren Menschenrechtsorganisationen wie <a href=\"https:\/\/www.amnesty.org\/en\/latest\/news\/2016\/01\/turkey-onslaught-on-kurdish-areas-putting-tens-of-thousands-of-lives-at-risk\/\">Amnesty International<\/a> das Vorgehen des t&uuml;rkischen Milit&auml;rs. Sie berichten von Massenvertreibungen sowie von einer &bdquo;kollektiven Bestrafung&ldquo; der dortigen, haupts&auml;chlich kurdischen Bev&ouml;lkerung. <\/p><p>F&uuml;r die &bdquo;Wertegemeinschaft&ldquo; NATO ist es mittlerweile allerdings Gang und G&auml;be geworden, &uuml;ber derartige Dinge hinwegzusehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W&auml;hrend die T&uuml;rkei immer mehr ins Chaos zu sinken droht, haben t&uuml;rkische Soldaten in Deutschland um Asyl gebeten. Richtig gelesen. Angeh&ouml;rige eines NATO-Staates haben in einem anderen NATO-Mitgliedsstaat Asyl beantragt. In diesem Kontext muss man sich zu Recht folgende Frage stellen: Was ist hier eigentlich los? Von <strong>Emran Feroz<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,126,20,171],"tags":[1041,1171,1276,813,641,304,1529,466,1530,663,309,259,1213,1553,950],"class_list":["post-36399","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-erosion-der-demokratie","category-landerberichte","category-militaereinsaetzekriege","tag-amnesty-international","tag-asyl","tag-attentat","tag-drohnen","tag-irak","tag-kriegsverbrechen","tag-kurden","tag-nato","tag-pkk","tag-putsch","tag-repressionen","tag-russland","tag-stoltenberg-jens","tag-syrien","tag-tuerkei"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36399","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=36399"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36399\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53219,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36399\/revisions\/53219"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=36399"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=36399"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=36399"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}