{"id":3662,"date":"2008-12-12T12:01:19","date_gmt":"2008-12-12T11:01:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3662"},"modified":"2015-10-28T11:55:35","modified_gmt":"2015-10-28T10:55:35","slug":"buchrezension-neue-wirtschaftspolitik-von-richard-werner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3662","title":{"rendered":"Buchrezension: Neue Wirtschaftspolitik \u2013 von Richard Werner"},"content":{"rendered":"<p>Nicht Deregulierung und Liberalisierung sind Richard Werner zufolge die Voraussetzung f&uuml;r Wachstum und Wohlstand, sondern eine ausreichende und zielgerichtete Bankkreditversorgung. Die Hauptverantwortung f&uuml;r Spekulationskrisen und Rezessionen weist er den Zentralbanken zu. Seine Thesen scheinen au&szlig;ergew&ouml;hnlich solide empirisch fundiert zu sein. Eine Rezension von Kai Ruhsert. <\/p><p><!--more--><\/p><p>&bdquo;Lesezeit ist knapp, man sollte sie nicht an zeitgen&ouml;ssische Spinner und Fanatiker verschwenden&ldquo;, riet einst ein &Ouml;konom den Lesern seines Blogs, als er nach empfehlenswerter Fachliteratur gefragt wurde.<\/p><p>Wer sich an diese Empfehlung zu halten versucht, blendet aus der eigenen Wahrnehmung unter Umst&auml;nden aber auch sehr fundierte Kritik an den Lehren des volkswirtschaftlichen Mainstreams aus. Kriterien daf&uuml;r, ob die Thesen eines weniger bekannten Au&szlig;enseiters Aufmerksamkeit verdienen, kann die Empirie liefern.<\/p><p>Richard Werner, Inhaber des Lehrstuhls f&uuml;r Bankwissenschaften an der Universit&auml;t von Southampton, will in &bdquo;Neue Wirtschaftspolitik&ldquo; eine empirisch begr&uuml;ndete Antwort auf die Frage geben, welchen Einfluss Geld- und Finanzpolitik tats&auml;chlich auf das Wirtschaftswachstum aus&uuml;ben k&ouml;nnen.<\/p><p>Sein Anspruch reicht erheblich weiter, als nur einige Widerspr&uuml;che der bisherigen volkswirtschaftlichen Lehre zur Realit&auml;t aufzuzeigen: &bdquo;Die erste H&auml;lfte dieses Buches ist damit besch&auml;ftigt, zu zeigen, dass die heutige Makro&ouml;konomie mehr Fiktion als Realit&auml;t ist. Die zweite H&auml;lfte zeigt einige Grundlagen einer nicht-fiktiven, sondern realistischen und daher wissenschaftlichen Volkswirtschaftslehre.&ldquo;<\/p><p><strong>Einordnung in die wirtschaftspolitische Debatte<\/strong><\/p><p>Im Gegensatz zur Mehrheit seiner Kollegen geht Richard Werner davon aus, dass der Vorgang der Marktr&auml;umung durch ein Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage eine Ausnahmeerscheinung ist: <\/p><blockquote><p>Aufgrund unvollkommener Information ist zu erwarten, dass so gut wie alle M&auml;rkte rationiert sind. Daher k&ouml;nnen Preise nicht die Schl&uuml;sselvariablen sein, so wie sie in den Lehrb&uuml;chern dargestellt werden. Mengen spielen eine viel wichtigere Rolle. Um die Welt um uns herum zu verstehen, bedarf es einer anderen Art von &Ouml;konomie &ndash; namentlich: der &Ouml;konomie des Ungleichgewichts. Weil aber die Mehrzahl aller wirtschaftswissenschaftlichen Ver&ouml;ffentlichungen auf der Gleichgewichts&ouml;konomie aufbaut, kann man mit Fug und Recht behaupten, dass die &Ouml;konomie gr&ouml;&szlig;tenteils irrelevant ist (a) als Beschreibung der Funktionsweise der Wirtschaft und (b) als Richtschnur f&uuml;r angemessene wirtschaftspolitische Empfehlungen. <\/p><\/blockquote><p>Diese Kritik richtet sich gegen alle bedeutenden Str&ouml;mungen der Volkswirtschaftslehre, unabh&auml;ngig davon, ob sie angebots- oder nachfrageorientiert sind. <a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*1<\/a><\/p><p>Deregulierungen steht Werner skeptisch gegen&uuml;ber. Zu zahlreich seien die Beispiele, wie der R&uuml;ckzug des Staates aus dem Wirtschaftsgeschehen Partikularinteressen bediente, den Volkswirtschaften insgesamt jedoch schadete und Wohlstandsverluste verursachte.<\/p><p>In den analytischen Kapiteln distanziert Richard Werner sich &uuml;beraus deutlich vom &bdquo;Mainstream der traditionellen &Ouml;konomie&ldquo;. Seine konkreten Politikempfehlungen entfernen sich hingegen nicht allzu weit von dem, was manche andere Autoren als expansiven Mix aus Geld-, Lohn- und Finanzpolitik vorschlagen. Der wichtigste Unterschied besteht in der pr&auml;zisen, empirisch fundierten Analyse der Interdependenzen der Einzelma&szlig;nahmen. <\/p><p>Richard Werner beschreibt detailliert, welche Bedingungen erf&uuml;llt sein m&uuml;ssen, damit staatliche Ma&szlig;nahmen zur Belebung der Konjunktur die gew&uuml;nschte Wirkung entfalten k&ouml;nnen:<\/p><ul>\n<li>Entscheidend sei die Geldpolitik. Einfluss auf das Wachstum k&ouml;nne die Politik haupts&auml;chlich &uuml;ber die Regulierung der Bankkreditsch&ouml;pfung nehmen (welche von der Zentralbank zugelassen bzw. durchgesetzt und f&uuml;r produktive Investitionen verwendet wird).<\/li>\n<li>Das Zinsniveau gebe keine Auskunft dar&uuml;ber, ob die Geldpolitik kontraktiv oder expansiv ausgerichtet sei. Tats&auml;chlich k&ouml;nne die Zentralbank die Kreditsch&ouml;pfung der Gesch&auml;ftsbanken weitgehend unabh&auml;ngig vom Zinsniveau regulieren.<\/li>\n<li>Staatliche Konjunkturprogramme seien zur Wirkungslosigkeit verurteilt, wenn sie nicht durch eine expansive Geldpolitik, d.h. entsprechend h&ouml;here Kreditsch&ouml;pfung, unterst&uuml;tzt werden:<br>\n<blockquote><p>Die Resultate zeigen, dass die japanische Fiskalpolitik in den 1990er Jahren wirkungslos war, weil ihr der R&uuml;ckhalt einer angemessenen Geldpolitik gefehlt hat. Es mag ironisch klingen, aber der Nachweis dieser Wirkungslosigkeit k&ouml;nnte der Ansto&szlig; f&uuml;r ein Pl&auml;doyer zugunsten einer Fiskalpolitik als einem Wegbereiter der Wirtschaftsbelebung sein. Besonders in Zeiten, da die Kreditsch&ouml;pfung der Banken stagniert, mag eine Fiskalpolitik, die sinnvoll abgeglichen ist mit flankierenden Impulsen der Geldpolitik, heilsam sein.<\/p><\/blockquote>\n<\/li>\n<\/ul><p>Werner baut auf bekannten Arbeiten auf: Zur Kreditmengenrationierung zitiert er u.a. Ver&ouml;ffentlichungen von Joseph E. Stiglitz. Die sogenannte &bdquo;produktive Kreditsch&ouml;pfung&ldquo; war von der deutschen Reichsbank unter ihrem Pr&auml;sidenten Hjalmar Schacht von 1933 bis 1937 als wirtschaftspolitisches Steuerungsinstrument praktisch eingesetzt worden; einige Bekanntheit hatte 1931 bereits ein Referat von Wilhelm Lautenbach mit dem Titel &bdquo;Konjunkturbelebung durch Investition und Kreditausweitung&ldquo; erlangt. <\/p><p>Richard Werner leistet vor allem eine &Uuml;berpr&uuml;fung und iterative Vertiefung der damit zusammenh&auml;ngenden Thesen anhand der Ergebnisse von Zeitreihenanalysen.<\/p><p>Besondere Aktualit&auml;t gewinnt dieses Buch durch die wirtschaftspolitische Diskussion in Deutschland im Dezember 2008. Die &Uuml;berzeugung, der Staat m&uuml;sse etwas zur Ankurbelung der Konjunktur tun, hat sich durchgesetzt; kaum jemand will sich nachsagen lassen, zu sp&auml;t gehandelt zu haben. Doch die Gemeinsamkeiten enden bereits bei der Analyse der Situation (Rezession, beginnende Deflation oder Depression? Liquidit&auml;ts- oder Investitionsfalle?). Und niemand wagt eine Prognose, ob die weltweit beschlossenen Konjunkturprogramme die erhoffte Wirkung zeigen oder (wie im Japan der neunziger Jahre) scheitern werden. Besonders vor diesem Hintergrund allgemeiner Konfusion beeindruckt die Argumentation von Richard Werner durch Klarheit und Stringenz. <\/p><p><strong>Das R&auml;tsel der japanischen Krise<\/strong><\/p><p>Zu Beginn des Buches erl&auml;utert Werner, wie Japan in den neunziger Jahren in eine schwere, wirtschaftliche Krise geriet, deren Verlauf bis heute unerkl&auml;rlich zu sein scheint (Hervorhebungen von KR):<\/p><blockquote><p>1992 schw&auml;chte sich das Wirtschaftswachstum ab, das nominale BSP-Wachstum fiel gegen&uuml;ber 6,2% im Jahre 1991 auf gerade einmal 1% &hellip; 1998, 1999, 2000 und 2001 war sogar ein signifikantes Negativwachstum von &uuml;ber 1% zu verbuchen (das seinen H&ouml;hepunkt im Jahre 2002 mit einem R&uuml;ckgang von 1,5% erreichte (&hellip;)<\/p>\n<p><strong>Japan hat in diesen Jahren Ma&szlig;nahmen zur fiskalpolitischen Belebung eingeleitet, die zu den umfangreichsten gez&auml;hlt werden m&uuml;ssen, die je unternommen worden sind. Dar&uuml;ber hinaus hat die Zentralbank wiederholt Zinssenkungen durchgef&uuml;hrt, bis das Zinsniveau auf praktisch Null absank. Unvereinbar mit dem, was die Lehrb&uuml;cher der &ouml;konomischen Orthodoxie glauben machen, zeigte sich die Wirtschaft Japans immun gegen alle Bem&uuml;hungen um zyklische Stimulation. <\/strong>&bdquo;Die gewohnten antizyklischen Steuerungsinstrumente haben in Japan keine Wirkung gezeigt&ldquo;, hei&szlig;t es in einer nicht untypischen Einsch&auml;tzung.<\/p><\/blockquote><p>Richard Werner lebte in den neunziger Jahren selbst in Japan. F&uuml;r ihn war das R&auml;tsel der japanischen Krise Anlass f&uuml;r Zweifel an der zeitgen&ouml;ssischen &Ouml;konomie:<\/p><blockquote><p>Es mag angehen, wenn Theorie und Wirklichkeit &uuml;ber ein oder zwei Jahre auseinanderklaffen; demgegen&uuml;ber kann mehr als eine Dekade eklatanter Leistungsschw&auml;che trotz musterg&uuml;ltiger Stimulationsma&szlig;nahmen nur als ein Zeichen daf&uuml;r gewertet werden, dass die Denkweise des &bdquo;mainstream&ldquo; mit schwerwiegenden Fehlern behaftet ist (&hellip;)<\/p>\n<p>Die pl&ouml;tzliche Erholung der Wirtschaft im Jahre 2004 war eine weitere &Uuml;berraschung f&uuml;r die &Ouml;konomen, und nur wenige sind sich &uuml;ber die Ursachen einig. Bis dato spricht nichts daf&uuml;r, dass irgendeine Theorie aus dem Umfeld der traditionellen &Ouml;konomie diese Wendung erkl&auml;ren kann oder gar in der Lage war, diese rechtzeitig vorherzusagen (&hellip;) Die orthodoxe &Ouml;konomie hat sich diesen Herausforderungen nicht gestellt, d.h. sie nimmt sie schlechterdings nicht zur Kenntnis. Sieht man von einer kleinen Gruppe von Wirtschaftswissenschaftlern ab, zu denen Joseph Stiglitz und dessen Mitarbeiter geh&ouml;ren, wurden kaum ernsthafte Versuche unternommen, Erkl&auml;rungen zu finden, warum die zum Standard gewordenen Theorien versagen, warum sie die Ereignisse in Japan nicht zu erkl&auml;ren verm&ouml;gen oder warum sie nicht in der Lage sind, wirksame wirtschaftspolitische L&ouml;sungen anzubieten.<\/p><\/blockquote><p>Auf der Suche nach einer umfassenden und belastbaren Erkl&auml;rung der Ereignisse in Japan entwickelt Richard Werner in seinem Buch &bdquo;Neue Wirtschaftspolitik&ldquo; einige ungew&ouml;hnliche Hypothesen. <\/p><p>Werner entschied sich f&uuml;r einen streng &ouml;konometrischen Ansatz: Ausnahmslos jede Annahme muss sich einer empirischen &Uuml;berpr&uuml;fung unterziehen. Eine Reihe gel&auml;ufiger Aussagen der traditionellen &Ouml;konomie (z.B. &uuml;ber die Zinsabh&auml;ngigkeit des Wachstums, die Funktionsweise des Kreditmarkts oder die Grenzen der Fiskalpolitik) bestehen diese Tests nicht und stellen sich als Irrt&uuml;mer heraus.<\/p><p>Wie leicht scheinbares Wissen &uuml;ber gesamtwirtschaftliche Zusammenh&auml;nge durch einfache, empirische &Uuml;berpr&uuml;fungen in Frage gestellt werden kann, soll an einem Beispiel aufgezeigt werden.<\/p><p><strong>Zins und Konjunktur<\/strong><\/p><p>Unbestritten ist, dass die Konjunktur von vielen Faktoren beeinflusst wird. Die gro&szlig;e Mehrheit der &Ouml;konomen geht ferner davon aus, dass die Geldpolitik &uuml;ber Ver&auml;nderungen der Leitzinsen auf das Wirtschaftswachstum einwirken kann: H&ouml;here Zinsen d&auml;mpfen die Konjunktur, niedrigere Zinsen haben hingegen eine tendenziell belebende Wirkung, so die Annahme.<\/p><p>Richard Werner dazu: <\/p><blockquote><p>Etwa seit den 1980er Jahren betonen die Zentralbanken in ihren offiziellen Ver&ouml;ffentlichungen die Zinsen als das vorrangige Instrument zur Umsetzung ihrer Geldpolitik  (&hellip;) In ihren zahlreichen Publikationen werden sie nicht m&uuml;de zu betonen, dass das Zinsniveau die Schl&uuml;sselgr&ouml;&szlig;e sei f&uuml;r die Befl&uuml;gelung der Konjunktur und dass eben Zinssenkungen Wachstum stimulieren. Diese Theorie ist derma&szlig;en eingefleischt im modernen Journalismus, dass die Medien sie als gut abgesicherte Tatsache darstellen.<\/p><\/blockquote><p>Beispielhaft seien hier zwei Vertreter der EZB zitiert. So postuliert etwa Gertrude Tumpel-Gugerell, Mitglied des Direktoriums der EZB, wachstumsf&ouml;rdernde Wirkungen niedriger Zinsen:<\/p><blockquote><p>Preisstabilit&auml;t sch&uuml;tzt nicht nur das Realeinkommen, und hier profitieren vor allem die schw&auml;cheren Gruppen in der Gesellschaft, sondern tr&auml;gt auch zu niedrigen Zinsen und damit einem besch&auml;ftigungs- und wachstumsfreundlichen makro&ouml;konomischen Umfeld bei.<\/p><\/blockquote><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.ecb.int\/press\/key\/date\/2008\/html\/sp080614.de.html\">EZB<\/a><\/p><p>Otmar Issing, ebenfalls Mitglied des Direktoriums der EZB, warnt umgekehrt vor den Folgen hoher Zinsen:<\/p><blockquote><p>Ist die Notenbank nicht glaubw&uuml;rdig in der Einhaltung ihres Mandats, bef&uuml;rchten Anleger daher einen Anstieg der Inflation, werden sie einen Ausgleich im Zins, eine (Inflations-) Pr&auml;mie verlangen. Als Folge davon wird der Zins, nominal wie real, steigen &ndash; mit den entsprechenden negativen Wirkungen f&uuml;r Investitionen, Wachstum und Besch&auml;ftigung.<\/p><\/blockquote><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.ecb.int\/press\/key\/date\/2004\/html\/sp041125.de.html\">EZB<\/a><\/p><p>Ein Blick in das Wirtschafts-Wiki des Handelsblatts best&auml;tigt die weite Verbreitung dieser These:<\/p><blockquote><p>Eine Zins&auml;nderung &uuml;bertr&auml;gt sich &uuml;ber verschiedene Wege auf die Wirtschaft. Da dies sehr langsam geschieht, schl&auml;gt sich eine Leitzins&auml;nderung erst mit einer Verz&ouml;gerung von etwa einem Jahr auf Wachstum und Inflation nieder. (&hellip;) Bei einer Zinserh&ouml;hung geben Banken die gestiegenen Kosten an ihre Kunden (Unternehmen und Verbraucher) in Form h&ouml;herer Kredit- und Guthabenzinsen weiter. Kredite werden teurer und damit unattraktiver, gleichzeitig lohnt sich das Sparen wieder mehr. Unter dem Strich investieren die Unternehmen weniger, weil die Finanzierung teurer wird.<\/p><\/blockquote><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/wirtschaftswiki\/index.php?title=Leitzinsen\">Handelsblatt<\/a><\/p><p><strong>&Uuml;berpr&uuml;fung der These<\/strong><\/p><p>Wenn es den behaupteten Einfluss von Zinsniveau&auml;nderungen auf das Wachstum tats&auml;chlich g&auml;be, m&uuml;ssten Zins und Wachstum negativ korrelieren. Da f&uuml;r beide Gr&ouml;&szlig;en Zeitreihen &uuml;ber mehrere Jahrzehnte vorliegen, steht einer statistischen &Uuml;berpr&uuml;fung nichts entgegen. <\/p><p>Hier die grafische Darstellung des Verlaufs der beiden Gr&ouml;&szlig;en in Japan (die Nummerierungen der Abbildungen wurden aus dem Buch &uuml;bernommen):<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/20081212_bip_wachstum.jpg\" alt=\"Bip Wachstum\"><\/p><p>Richard Werner dazu:<\/p><blockquote><p>Das Bild, das sich dem Betrachter bietet, liefert keine Anhaltspunkte daf&uuml;r, dass niedrige Langfristzinsen ein hohes Wirtschaftswachstum zur Folge haben. Und gleicherma&szlig;en fehlen Hinweise darauf, dass das Wachstum sich nach den Zinsen richtet. Zum Beispiel hat das Wachstum 1987 stark angezogen, das Zinsniveau folgte erst Jahre sp&auml;ter. Auch scheint das Wachstum 1990\/91 zuerst seinen H&ouml;chststand erreicht zu haben, die Zinsen folgten mit einiger Verz&ouml;gerung (&hellip;) <\/p>\n<p>Die Daten unterst&uuml;tzen die Hypothese, dass die Zinsen dem Wachstum folgen. Doch, wenn dem so ist, stehen wir vor dem R&auml;tsel, was denn das Wirtschaftswachstum bestimmt.<\/p><\/blockquote><p>Ebenso in den USA:<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/20081212_bip_wachstum_2.jpg\" alt=\"Bip Wachstum\/USA Zinss&auml;tze\"><\/p><p>Richard Werner: <\/p><blockquote><p>Die Daten erweisen sich auch bei Ausweitung der Untersuchung auf andere bedeutende Volkswirtschaften als &auml;u&szlig;erst robust&hellip; Erneut fehlen Anhaltspunkte daf&uuml;r, dass niedrige Zinsen hohes Wachstum verursachen. Man erkennt einfach nur, dass hohes Wachstum und ein hohes Zinsniveau gemeinsam auftreten. Was die zeitliche Abfolge angeht, scheint das Wachstum seine H&ouml;chst- und Tiefstwerte jeweils vor den Zinsen zu erreichen &ndash; sprich: Wieder entsteht der Eindruck, dass die Zinsen dem Wachstum folgen.<\/p><\/blockquote><p>Der praktische Versuch zeigt, dass jeder Betrachter dieser Grafiken Zeitintervalle sucht und findet, die seine &Uuml;berzeugung zu best&auml;tigen scheinen. Eine unvoreingenommene Sichtung der Diagramme f&uuml;r die USA, Japan, Europa und Deutschland ergibt, dass Zins und Wachstum zwar manchmal gegensinnig verlaufen, das Wachstum dem Zins jedoch meist vorausl&auml;uft. In Deutschland etwa folgten Basiszinssatz und Tagesgeldindex dem Wirtschaftswachstum im Zeitraum von 1998 bis 2008 recht genau mit einer Verz&ouml;gerung von ca. einem Jahr (siehe z.B. das <a href=\"http:\/\/wcco0y847.homepage.t-online.de\/Obs1\/03%20Geld%20Kredit\/ObsBilderMon8.pdf\">Wachstums-Observatorium von Prof. Dr. Thomas von der Vring [PDF &ndash; 580 KB]<\/a>). <\/p><p>Diese Beobachtung wird von Kleinstquadrat-Regressionen der nominalen und realen Werte von Wachstum und Zins in Japan und den USA aus den Jahren 1982 bis 2002 schlie&szlig;lich best&auml;tigt: &bdquo;<strong>Wir stellen fest, in allen vier F&auml;llen finden sich keine Anzeichen, die auf eine negative Korrelation hindeuten &ndash; alle Koeffizienten f&uuml;r Zinsen sind positiv und signifikant.<\/strong>&ldquo; <a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">*2<\/a><\/p><p><strong>Wachstum und Geldpolitik<\/strong><\/p><p>Die Annahme, h&ouml;here Zinsen w&uuml;rden das Wachstum bremsen und niedrigere es tendenziell f&ouml;rdern, ist also ohne empirische Grundlage. Das ist f&uuml;r Richard Werner jedoch keineswegs ein Grund, die Bedeutung der Geldpolitik in Frage zu stellen. Im Gegenteil: Als Ergebnis einer Reihe weiterer, empirischer Untersuchungen weist er den Zentralbanken sogar eine &uuml;berragend gro&szlig;e Verantwortung f&uuml;r das Wachstum zu. Einerseits h&auml;tten Zentralbanken die Konjunktur durch eine zu kontraktive Geldpolitik h&auml;ufig abgew&uuml;rgt; andererseits seien sie wiederholt f&uuml;r die Entstehung von Spekulationskrisen verantwortlich gewesen, indem sie in gro&szlig;em Umfang Kredite f&uuml;r nichtproduktive (d.h. spekulative) Verwendungen zulie&szlig;en. <\/p><p><strong>Welche Gr&ouml;&szlig;en sind wirklich wachstumsrelevant?<\/strong><\/p><p>Wenn der Zins als exogene Gr&ouml;&szlig;e, mit der sich das Wachstum beeinflussen l&auml;sst, ausscheidet, stellt sich die Frage, welche anderen Gr&ouml;&szlig;en diesen Platz einnehmen k&ouml;nnen. Ein kritischer Blick auf die bislang als g&uuml;ltig angesehenen Annahmen weist den Weg zu neuen Hypothesen.<\/p><p>Der angebliche Einfluss der Zinsen auf das Wachstum beruht auf der Annahme einer indirekten Wirkung: Steigen die Zinsen, so w&uuml;rden Investitionen wegen der teureren Finanzierung verschoben oder ganz gestrichen. Das wirke sich d&auml;mpfend auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und somit auf das Wachstum aus. <\/p><p>Diese Wirkungskette erscheint nur auf den ersten Blick uneingeschr&auml;nkt plausibel. Bei genauerem Hinsehen fallen mindestens zwei implizite Annahmen auf, die es zu hinterfragen gilt:<\/p><ol type=\"a\">\n<li>Es wird nicht unterschieden (also f&uuml;r irrelevant erkl&auml;rt), woher das Kapital f&uuml;r die Investitionen stammt.\n<p>Doch darf man wirklich ohne weitere Pr&uuml;fung davon ausgehen, dass der Einfluss von Investitionen auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage unabh&auml;ngig von der Finanzierungsform ist? <\/p>\n<p>Angenommen, Investitionen werden mit Bankkrediten finanziert: Dann kommt das frisch gesch&ouml;pfte Kapital vollst&auml;ndig als Nachfrageschub dem Wirtschaftswachstum zugute.<\/p>\n<p>Werden Investitionen hingegen ganz aus vorhandenem Kapital (z.B. Sparanlagen) finanziert, dann wird dieses Geld anderen Verwendungen entzogen (weil Nichtbanken-Finanzinstitutionen Sparanlagen nicht im Tresor einlagern, sondern gegen Zinsen weiterverleihen). Im g&uuml;nstigsten Fall unterbleiben Spekulationen, das umgeleitete Geld kann aber auch die Konsumnachfrage mindern und die Finanzierung anderer produktiver und damit wachstumsrelevanter Investitionen verhindern.<\/p><\/li>\n<li>Es wird nicht differenziert, wof&uuml;r das Investitionskapital verwendet wird.\n<p>Auf das Wirtschaftswachstum wirken Investitionen sich aber nur dann aus, wenn sie zur Steigerung der Produktion von G&uuml;tern und Dienstleistungen beitragen. Bei kreditfinanzierten Verm&ouml;genstransfers (z.B. spekulativen Immobilienk&auml;ufen) ist dies nicht der Fall.<\/p><\/li>\n<\/ol><p><strong>Zu a: Nur Banken sch&ouml;pfen neues Geld<\/strong><\/p><p>Richard Werner zufolge werde die Bedeutung der Banken h&auml;ufig untersch&auml;tzt, was Ausgangspunkt f&uuml;r eine lange Kette von Missverst&auml;ndnissen sei.<\/p><p>Zwischen Banken und Nichtbanken-Finanzinstitutionen gibt es einen fundamentalen Unterschied: &bdquo;Anders als in den meisten Lehrb&uuml;chern dargestellt, schafft jede einzelne Bank durch die Vergabe eines Kredits neue Kaufkraft und neues Geld.&ldquo; <\/p><p>Wenn eine Bank von einem Kunden eine Geldeinlage entgegennimmt, dann kann sie diese vollst&auml;ndig als Reserve bei der Zentralbank einreichen. Dies versetzt sie in die Lage, anschlie&szlig;end einen Kredit zu vergeben, der nicht durch Einlagen in gleicher H&ouml;he gedeckt sein muss (weil Richard Werner zufolge auch der Kredit als Einlagengutschrift bei der Bank verbucht wird und zu einer Bilanzverl&auml;ngerung f&uuml;hrt). So kann eine Bank bei einer Einlage von z.B. 100 Euro und einer (ebenfalls beispielhaft angenommenen) Mindestreserve von 1% einen Kredit in H&ouml;he von 9.900 Euro gew&auml;hren. Dieses Geld und diese Kaufkraft gab es vorher nicht!<\/p><p>Richard Werner hierzu:<\/p><blockquote><p>Die Gretchenfrage ist: Woher stammen jene 9.900 Euro? Die Bank hat das Geld anderen Verwendungszwecken nicht entzogen. Das Geld wurde auch nicht aus anderen Teilen der Wirtschaft abgezweigt&hellip; Entgegen den Darstellungen der Lehrb&uuml;cher erkennen wir, dass eine Bank mit der Vergabe eines Kredits neues Geld erzeugt. Diese Wahrheit klar in Lehrb&uuml;chern zu zeigen, w&auml;re nicht nur eindrucksvoller f&uuml;r die Sch&uuml;ler und Studenten, sondern es w&uuml;rde auch aller Welt klar zeigen, was Banken wirklich tun: Banken sch&ouml;pfen Geld aus dem Nichts.<\/p><\/blockquote><p>Im Gegensatz dazu agiert der Nichtbankenfinanzsektor nur als Intermedi&auml;r, der Geld von Anlegern entgegennimmt und an Gl&auml;ubiger weiterreicht. Anders als bei Banken muss jeder Kredit vollst&auml;ndig durch Einlagen gedeckt sein.<\/p><p>Richard Werner leitet daraus die Annahme eines Verdr&auml;ngungseffekts ab: Wird eine Investition aus Sparanlagen finanziert, so wird kein neues Kapital und damit keine neue Kaufkraft geschaffen, sondern nur bereits vorhandenes Kapital von einer Verwendung abgezogen und in eine andere umgelenkt. Einen Effekt auf das BIP h&auml;tte dies nicht. <a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">*3<\/a><\/p><p>Daraus ergeben sich weitreichende Konsequenzen:<\/p><blockquote><p>Ersparnisse ziehen dem Wirtschaftswachstum keine Grenzen. Wird zus&auml;tzliches Geld f&uuml;r Investitionen ben&ouml;tigt, so k&ouml;nnen die Banken es ohne weiteres erzeugen. Folglich gibt es auch keinen zwingenden Grund daf&uuml;r, dass zuerst Gelder angespart werden m&uuml;ssten, bevor Investitionen vorgenommen werden k&ouml;nnen. Im Gegenteil: Investitionen werden durch die Kreditsch&ouml;pfung finanziert. Letzteres f&uuml;hrt zum Wachstum des Nominaleinkommens und also auch zu einer Ausweitung der Ersparnisse.<\/p><\/blockquote><p><strong>Zu b: Kreditmengenrationierung<\/strong><\/p><p>Ein weiteres Missverst&auml;ndnis betrifft das Wesen des Kreditmarkts. Mehr Nachfrage nach Kredit habe mehr Kreditvergabe zur Folge, so die mehr oder weniger implizite Annahme.<\/p><p>Tats&auml;chlich ist die Nachfrage nach Bankkrediten immer gr&ouml;&szlig;er als das Angebot, auch in Zeiten schwacher Konjunktur oder hoher Zinsen. Stets finden die Banken mehr als gen&uuml;gend Kreditsuchende, um das zul&auml;ssige und von ihnen selbst angestrebte Volumen an Krediten auszubringen. Wer von den Banken als Kreditnehmer abgelehnt wird, muss das ben&ouml;tigte Kapital aus anderen Quellen beschaffen. <\/p><p>Der Bankkreditmarkt erweist sich bei genauerem Hinsehen als rationierter Anbietermarkt.  Einen marktr&auml;umenden Gleichgewichtspreis als Ergebnis von Angebot und Nachfrage gibt es bei Bankkrediten nicht. Daraus leitet Richard Werner die These ab, dass Zins&auml;nderungen keinen Einfluss auf das Bankkreditvolumen haben. Das Volumen an ausgebrachten Krediten h&auml;nge nicht von der Nachfrage der Kreditnehmer, sondern von der Risikobereitschaft der Banken und von ihren Refinanzierungsm&ouml;glichkeiten ab. Letztere werden von der Zentralbank bestimmt.<\/p><p><strong>Bankkredite und Wachstum<\/strong><\/p><p>Die Kreditsch&ouml;pfung der Banken unterliegt der Aufsicht und Kontrolle der jeweiligen Zentralbank. Sie allein entscheidet &uuml;ber eine expansivere oder kontraktivere Ausrichtung der Geldpolitik.<\/p><p>Auf der Suche nach wachstumsbeeinflussenden Faktoren, die exogener Natur sind, also grunds&auml;tzlich der Kontrolle durch Geld- oder Fiskalpolitik unterliegen, ist die Kreditsch&ouml;pfung der Banken somit ein geeigneter Kandidat: Diese wird nicht vom mehr oder weniger freien Spiel der Marktkr&auml;fte bestimmt, sondern unterliegt der administrativen Kontrolle durch Institutionen. <\/p><p>Aber kann sie auch tats&auml;chlich das Wirtschaftswachstum beeinflussen? <\/p><p>Bei der Kl&auml;rung dieser zentralen Frage auf empirischem Wege ist zus&auml;tzlich zu ber&uuml;cksichtigen, dass ein Teil der Bankkredite f&uuml;r das Wirtschaftswachstum von vornherein irrelevant ist:<\/p><blockquote><p>Wenn die Banken neue Kaufkraft schaffen und sie verleihen, sodass das erzeugte Geld in Finanztransaktionen (Cf) flie&szlig;t &ndash; etwa im Rahmen von Aktien- und Immobiliengesch&auml;ften -, so bleibt die Ausbringungsmenge (der Wirtschaft, KR) unver&auml;ndert. Denn diese Art der Mittelverwendung tr&auml;gt nicht zur Produktion von neuen G&uuml;tern oder zur Erbringung von Dienstleistungen bei.<\/p><\/blockquote><p>In anderen Worten: Ein Teil der Kreditsch&ouml;pfung wird in der Regel f&uuml;r BIP-neutrale Transaktionen verwendet, die nichts zum Wachstum beitragen.<br>\nM&ouml;chte man also untersuchen, inwieweit die Bankkreditvergabe sich auf das Wachstum auswirkt, so ist eine Kreditdisaggregation nach BIP-relevanter und BIP-neutraler Verwendung unumg&auml;nglich. <\/p><p>Der BIP-neutrale Anteil der Kredite kann mit den &ouml;ffentlich zug&auml;nglichen Statistiken nicht genau bestimmt werden. Es l&auml;sst sich aber doch grob sagen, dass spekulative Investitionen typischerweise vom Immobiliensektor, dem Baubereich <a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">*4<\/a> oder Finanzinstitutionen ohne Bankstatus get&auml;tigt werden. Bankkredite an diese drei Sektoren blendete Richard Werner daher bei seinen empirischen Untersuchungen aus.<\/p><p><strong>Richard Werners Wachstumshypothese<\/strong><\/p><p>Werner r&auml;umt der produktiv verwendeten Bankkreditsch&ouml;pfung einen entscheidenden Einfluss auf das Wirtschaftswachstum ein:<br>\n&bdquo;Da die Mehrzahl der Transaktionen mit Buchgeld (oder &bdquo;Bankgeld&ldquo;) bezahlt wird, muss eben Geld dieses Typs in zunehmendem Umfang verf&uuml;gbar sein, damit Wachstum m&ouml;glich wird. Die Menge des Geldes, die f&uuml;r neue Transaktionen zur Verf&uuml;gung steht, unterliegt einer Budgetrestriktion. Diese wird vorgegeben durch die Kreditsch&ouml;pfung. Insbesondere gilt: Der Anstieg der Kreditsch&ouml;pfung, welche der Finanzierung BIP-wirksamer Transaktionen dient, ist notwendige und hinreichende Bedingung f&uuml;r das Wachstum des nominalen BIP:<\/p><p>(1) &#8710; (PrY) = Vr&#8710;Cr<\/p><p>(1) ist die aufgeschl&uuml;sselte Quantit&auml;tsgleichung; darin gilt<br>\nPr = BIP-Deflator<br>\nPrY = nominales BIP<br>\nVr = Umlaufgeschwindigkeit des Geldes, das f&uuml;r BIP-relevante Transaktionen verwendet wird<br>\nCr = Kreditsch&ouml;pfung f&uuml;r BIP-relevante Verwendungen&ldquo;<\/p><p><strong>Die Granger-Analyse<\/strong><\/p><p>Im Mittelpunkt des Buches steht die &ouml;konometrische Gewinnung eines Wachstumsmodells auf Basis der japanischen Wirtschaftsdaten. Damit soll die Frage beantwortet werden, welche Werkzeuge der Geld- und Finanzpolitik tats&auml;chlich wachstumsrelevant sind. <\/p><p>Richard Werner &uuml;ber das von ihm angewandte Testverfahren:<\/p><blockquote><p>Wir werden jetzt die G&uuml;ltigkeit unseres Modells f&uuml;r das in Gleichung (1) ausgedr&uuml;ckte Wachstum des nominalen BIP anhand des japanischen Falls testen&hellip; Beschr&auml;nkten wir uns darauf, nur (1) zu pr&uuml;fen, so w&uuml;rden unsere theoretischen Annahmen es gestatten, die Wahl der Variablen u.U. zu pr&auml;judizieren. Um dies zu vermeiden, wenden wir Hendrys Methodologie an, wobei gleichzeitig die traditionellen alternativen Erkl&auml;rungen getestet werden. Sie erm&ouml;glicht eine sequentiell absteigende Reduktion von einem allgemeinen Modell zur parsimon&auml;ren Form. Im Einklang mit dieser Methodologie wird bei der Regression zun&auml;chst eine gro&szlig;e Zahl von erkl&auml;renden Variablen verwendet, die alle m&ouml;glicherweise relevant sein k&ouml;nnten. Die von uns ex ante favorisierte Erkl&auml;rungsgr&ouml;&szlig;e ist nur eine von ihnen. Daraufhin kommt ein iteratives Verfahren zum Einsatz, um untaugliche erkl&auml;rende Variablen sequentiell auszusondern, wobei nach dem Ausscheiden einer Variablen jedes Mal die Regression erneut durchgef&uuml;hrt wird&hellip; Diese Vorgehensweise gew&auml;hrleistet einen strengeren empirischen Test, da sie dem Modell, welches der Forscher bevorzugt, keine besonderen Privilegien zugesteht und vielmehr die Daten selbst sprechen l&auml;sst.<\/p><\/blockquote><p>Ausgangspunkt ist ein allgemeines und umfassend formuliertes Wachstumsmodell, das allen (auch den traditionellen) Erkl&auml;rungsmustern Raum bietet; alle bekannten und h&auml;ufig diskutierten Einflussgr&ouml;&szlig;en bekommen ihren Platz und somit die Gelegenheit, sich empirisch zu bew&auml;hren. Darunter sind:<\/p><ul>\n<li>die Summe der Kredite f&uuml;r BIP-relevante Transaktionen (entsprechend Richard Werners eigener Hypothese)<\/li>\n<li>der Index der Gro&szlig;handelspreise<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Geldmenge\">das Geldmengenma&szlig; M1<\/a><\/li>\n<li>das Geldmengenma&szlig; M2+CD<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Geldbasis\">das sogenannte High Powered Money<\/a><\/li>\n<li>der ungesicherte Tagesgeldsatz<\/li>\n<li>die Rendite der zehnj&auml;hrigen, japanischen Staatsanleihe<\/li>\n<li>der offizielle Diskontsatz<\/li>\n<\/ul><p>Die nicht signifikanten Parameter werden schlie&szlig;lich mit Hilfe des Granger-Kausalit&auml;tstests auf Basis der &ouml;konomischen Zeitreihen Japans aussortiert. <\/p><p>Wikipedia &uuml;ber den Granger-Kausalit&auml;tstest (Stand Dezember 2008): &bdquo;In der &Ouml;konometrie begn&uuml;gt man sich mit einem z. B. gegen&uuml;ber der Philosophie eingeschr&auml;nkten Kausalit&auml;tsbegriff. Bei diesem steht die zeitliche Ordnung der Variablen im Vordergrund. Entscheidend gepr&auml;gt wurde der Kausalit&auml;tsbegriff der &Ouml;konometrie von Granger. Dieser arbeitet mit der Pr&auml;misse, dass die Vergangenheit die Zukunft bestimmt und nicht umgekehrt. Sie besagt, dass eine Variable X f&uuml;r Y Granger-kausal ist, wenn bei einer gegebenen Informationsmenge bis zum Zeitpunkt t-1 im Zeitpunkt t die Variable Y besser prognostiziert werden kann, als ohne den Einbezug der Variablen X.&ldquo;<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kausalit%C3%A4t#.C3.96konometrie_.28Granger.29\">Wikipedia<\/a><\/p><p>In anderen Worten: Der von Richard Werner angewandte Granger-Kausalit&auml;tstest kann bei Vorliegen einer Korrelation zwischen zwei Gr&ouml;&szlig;en Ursache und Wirkung bestimmen. Dabei geht man von der Annahme aus, dass die Wirkung zeitlich verz&ouml;gert eintritt und die Steuervariable sich zuerst &auml;ndern muss.<\/p><p><strong>Die Ergebnisse der Tests sind eindeutig: <\/strong><\/p><blockquote><p>Alle Bestimmungsgr&ouml;&szlig;en des nominalen BIP, die uns von den traditionsgem&auml;&szlig; vorgehenden Modellen angeboten werden &ndash; das Geldangebot, kurzfristige oder langfristige Zinss&auml;tze etc. &ndash; scheiden in unserem empirischen Modell als insignifikant aus. Das Anheben oder Senken der Zinss&auml;tze &uuml;bt keine signifikante Wirkung auf das Wirtschaftsgeschehen aus. Bestand hat nur jene Variable, die nach unserem Modell den h&ouml;chsten Erkl&auml;rungswert besitzt: die Kreditsch&ouml;pfung, welche BIP-wirksame Transaktionen erm&ouml;glicht. Das Modell ist stabil und wohldefiniert&hellip; Diese klaren Ergebnisse haben sich auch dann als stabil erwiesen, als verschiedene andere Zeitperioden untersucht wurden (&hellip;)<\/p>\n<p>Es ist uns also gelungen, ein Modell zu spezifizieren, das imstande ist, das nominale BIP Japans &uuml;ber einen Zeitraum von zwanzig Jahren durchgehend zu erkl&auml;ren &ndash; und wir konnten nachweisen, dass die 1990er Jahre keine Ausnahme darstellen.<\/p><\/blockquote><p><strong>Anwendung auf verschiedene L&auml;nder<\/strong><\/p><p>Japan: <\/p><blockquote><p>Im Allgemeinen sollte die Zentralbank ihre eigene Kreditsch&ouml;pfung und die der Gesch&auml;ftsbanken zum geldpolitischen Werkzeug erkl&auml;ren, um damit eine Richtgr&ouml;&szlig;e f&uuml;r das Wachstum des nominalen BIP zu verfolgen. Es f&auml;llt auf, dass dies funktioniert zu haben scheint, wann immer die Bank von Japan sich dazu entschlossen hat, die Kreditsch&ouml;pfung (zeitweilig) anziehen zu lassen: Ihre umfangreiche Ausdehnung der Kreditsch&ouml;pfung im Jahre 1998 steuerte das Meiste zum Aufschwung bei, der sich 1999 abzeichnete. Die starke Minderung der Kreditsch&ouml;pfung im Jahre 1999 w&uuml;rgte die anlaufende Erholung wieder ab. Als die Zentralbank ab Juni 2001 den Hahn der Kreditsch&ouml;pfung kr&auml;ftig aufdrehte, nur um einen ab 2002 sp&uuml;rbar werdenden Aufschwung einzuleiten, gerieten die meisten &Ouml;konomen wieder ins Staunen &hellip; Die Bank von Japan h&auml;tte also die Rezession der 1990er Jahre durch expansivere Kreditsch&ouml;pfungspolitik praktisch ganz verhindern und auch jederzeit beenden k&ouml;nnen. Sie w&auml;hlte allerdings eine andere Politik.<\/p><\/blockquote><p>Deutschland:<\/p><blockquote><p>In den Jahren 1999 und 2000 ist auf Weisung der EZB die Kreditsch&ouml;pfung der Bundesbank dramatisch gestiegen &hellip; In diesen Jahren ist das Wachstum in Deutschland zufriedenstellend verlaufen. Doch in den Jahren 2001 und 2002 hat die EZB eine j&auml;hen Kurswechsel unternommen &hellip; im fraglichen Zeitraum&ldquo; ist &bdquo;die Kreditsch&ouml;pfung der Bundesbank steil abgefallen. Dieser Umstand war gleichbedeutend mit einer &bdquo;Kreditvernichtung&ldquo;, d.h. mit einem Nettoabzug von Kaufkraft aus der Wirtschaft. Legt man die Kreditmenge und nicht das Zinsniveau zugrunde, war die im Jahre 2002 praktizierte Geldpolitik so restriktiv wie kaum zuvor in der Geschichte der Bundesbank &hellip; Es folgte eine Kreditklemme der deutschen Wirtschaft &hellip; Im August 2001 sprang die deutsche Industrieproduktion auf Kontraktion um.<\/p><\/blockquote><p>Schweiz:<\/p><blockquote><p>Im Jahre 2002 kam das Wachstum zu einem unverwandten Stillstand. Die Industrieproduktion sank. Im Jahr 2003 verzeichnete man ein negatives nominales Wachstum des BIP &hellip; Nimmt man die Kreditmenge n&auml;her in Augenschein, welche die eidgen&ouml;ssische Zentralbank gesch&ouml;pft hat, stellt sich heraus, dass diese Gr&ouml;&szlig;e im Jahre 2002 einen R&uuml;ckgangsrekord erzielte.<\/p><\/blockquote><p>Die These, das Wachstum werde vorrangig von der Bankkreditsch&ouml;pfung bestimmt, wirft eine Reihe von Fragen auf:<\/p><ul>\n<li>Wie weit lassen Kreditsch&ouml;pfung und Wachstum sich ohne Inflationsgefahr steigern? <\/li>\n<li>Welche Rolle verbleibt der Fiskalpolitik?<\/li>\n<\/ul><p><strong>Die Grenzen der Kreditsch&ouml;pfung<\/strong><\/p><p>F&uuml;r die Bef&uuml;rchtung, Richard Werner wolle ohne R&uuml;cksicht auf die Inflation den Geldmarkt fluten, besteht kein Grund. Ein gro&szlig;er Teil des Buches befasst sich damit, wie Zentralbanken Spekulationsblasen verursachten, indem sie Kredite mit nichtproduktiver (=spekulativer) Verwendung f&ouml;rderten.<\/p><p>Hinsichtlich der Folgen einer gesteigerten Kreditsch&ouml;pfung ist zwischen mehreren F&auml;llen zu unterscheiden:<\/p><p>Die Preiswirkung der Kreditsch&ouml;pfung bei Vollbesch&auml;ftigung: <\/p><blockquote><p>Bei v&ouml;lliger Auslastung aller Produktionsfaktoren und gegebenem Produktivit&auml;tsniveau in einer Volkswirtschaft wird jeder Anstieg der BIP-wirksamen Kreditsch&ouml;pfung Cr zwangsl&auml;ufig das Preisniveau anheben. W&auml;hrend die klassischen und neoklassischen &Ouml;konomen diesen Fall f&uuml;r allgemeing&uuml;ltig halten, ist er in Wahrheit nur ein Spezialfall.\n<\/p><\/blockquote><p>Denn <\/p><blockquote><p>wenn &hellip; die tats&auml;chliche Ausbringung die potenzielle unterschreitet, dann besteht im Prinzip kein Grund, dass eine Erh&ouml;hung der Kreditsch&ouml;pfung einen inflation&auml;ren Druck aus&uuml;ben sollte&hellip; Falls nicht alle Ressourcen voll ausgelastet sind oder wenn Produktivit&auml;tssteigerungen erzielt werden, kann eine Kreditsch&ouml;pfung, die sich in BIP-wirksamen Transaktionen auswirkt, sagen wir in der H&ouml;he eines Yen, die reale Ausbringung und das reale Einkommen um eben diesen Yen erh&ouml;hen &ndash; und zwar ohne inflation&auml;re Konsequenzen.<\/p><\/blockquote><p>Anders verh&auml;lt es sich bei der Finanzierung nicht BIP-relevanter Investitionen:<\/p><blockquote><p>Spekulationsfinanzierende Kreditsch&ouml;pfung: <\/p>\n<p>Wenn die Banken neue Kaufkraft schaffen und sie verleihen, sodass das erzeugte Geld in Finanztransaktionen (Cf) flie&szlig;t &ndash; etwa im Rahmen von Aktien- oder Immobiliengesch&auml;ften, so bleibt die Ausbringungsmenge unver&auml;ndert&hellip; Jedoch erm&ouml;glicht die neu geschaffene Kaufkraft die Durchf&uuml;hrung von Finanztransaktionen, deren nominaler Wert somit steigen muss&hellip; Die spekulationsfinanzierende Kreditsch&ouml;pfung kann daher eine Inflation der Preise f&uuml;r Verm&ouml;gensg&uuml;ter ansto&szlig;en, w&auml;hrend Ausbringung und Verbraucherpreise unber&uuml;hrt bleiben.<\/p><\/blockquote><p>Wieder anders sieht es bei der Finanzierung von Konsum aus:<\/p><blockquote><p>Konsum finanzierende Kreditsch&ouml;pfung: <\/p>\n<p>Wenn Banken neue Kaufkraft erzeugen und sie ausleihen, um Konsumtion zu erm&ouml;glichen, bleibt die Ausbringungsmenge unver&auml;ndert, da dieser Verbrauch nicht zu einer Steigerung der Ausbringung an G&uuml;tern und Dienstleistungen f&uuml;hrt. Erfolgt die Ausbringung auf Vollauslastungsniveau (oder ist sie nicht weit davon entfernt) und Kaufkraft wird durch &bdquo;konsum-finanzierende Kreditsch&ouml;pfung&ldquo; geschaffen,&ldquo; so hat dies &bdquo;inflatorische Auswirkungen.&ldquo; <\/p><\/blockquote><p>Das gesamtwirtschaftlich optimale Ziel ist die <\/p><blockquote><p>Produktionsfinanzierende Kreditsch&ouml;pfung: <\/p>\n<p>Gelingt es den Banken (oder den Aufsichtsbeh&ouml;rden, vor denen sie sich zu verantworten haben) daf&uuml;r Sorge zu tragen, dass die neue Kreditsch&ouml;pfung nur jenen Aktivit&auml;ten zugute kommt, die die potenzielle Wachstumsrate anheben &ndash; die Sachverm&ouml;gensbildung etwa &ndash; so wird diese zus&auml;tzliche Kreditsch&ouml;pfung, selbst bei Vollauslastung, nicht inflatorisch wirken und die Ausbringung &ndash; &uuml;ber die M&ouml;glichkeiten der bisherigen Kapazit&auml;tsausnutzung hinaus &ndash; erh&ouml;hen.<\/p><\/blockquote><p>(Hierbei kann die Fiskalpolitik unterst&uuml;tzend eingreifen, immer vorausgesetzt, sie wird per Kreditsch&ouml;pfung finanziert.)<\/p><p>Der Weg zum Ziel f&uuml;hrt &uuml;ber die Banken: <\/p><blockquote><p>Weil der Kreditmarkt stets rationiert ist und von der Angebotsseite her gesteuert wird, sind die Banken sowieso allokationsbestimmend. Es steht in ihrer Macht, bei der Kreditvergabe nach eigenen Priorit&auml;ten vorzugehen. Dieser Umstand l&auml;sst sich nutzen, um das Wirtschaftswachstum zu beg&uuml;nstigen.<\/p><\/blockquote><p>Richard Werner pl&auml;diert f&uuml;r direkte Eingriffe des Staates. <\/p><p>Dieser &bdquo;k&ouml;nnte &hellip; direkt in die Entscheidungsprozesse eingreifen&ldquo;, indem er &bdquo;entscheidet, wie gro&szlig; das Kreditvolumen insgesamt sein darf &hellip; und wem &hellip; die neu geschaffenen Mittel &uuml;berlassen werden sollen. Bei der &Uuml;berwachung der privaten Gesch&auml;ftsbanken steht der Zentralbank die ganze Bandbreite von formellen Weisungen bis zu formlosen Empfehlungen zu Gebote.&ldquo;<\/p><p>Dieses Vorgehen habe sich nicht nur in der Vergangenheit bew&auml;hrt:<\/p><blockquote><p>(&hellip;) es entspricht den Tatsachen, dass die meisten Zentralbanken Ma&szlig;nahmen dieser Art ergriffen haben. In diesem oder jenem Stadium ihrer Wirkungsgeschichte haben fast alle dieses Mittel eingesetzt &ndash; das l&auml;sst sich nachweisen u.a. f&uuml;r Gro&szlig;britannien, Frankreich, Japan, Korea, Thailand, die USA, Deutschland (zu Zeiten der Reichsbank), &Ouml;sterreich, Indien, Malaysia, Indonesien, Taiwan, China und mehrere Dutzend Entwicklungsl&auml;nder. Selbst der IWF hat w&auml;hrend der gesamten Zeit seines Bestehens, also bis heute, immer wieder zum Mittel der &bdquo;direkten Lenkung&ldquo; von Bankkrediten f&uuml;r ausgew&auml;hlte Wirtschaftssektoren gegriffen. Es stellt sich heraus, dass die Mehrheit der wachstumsstarken Volkswirtschaften recht formalisierte Verfahren der Kreditkontrolle angewendet haben, um das Wirtschaftswachstum zu beg&uuml;nstigen.<\/p><\/blockquote><p>Eine Europ&auml;ische Zentralbank, die sich nur der Inflationsbek&auml;mpfung verpflichtet sieht und die Konsequenzen ihrer Entscheidungen dank v&ouml;lliger Unabh&auml;ngigkeit vor niemandem verantworten muss, ist f&uuml;r diese Aufgabe nat&uuml;rlich nicht geeignet. <\/p><p><strong>Welche Rolle bleibt der Fiskalpolitik?<\/strong><\/p><p>Die gigantischen Konjunkturprogramme im Japan der Neunziger gelten als gescheitert. Warum schlugen sie fehl?<\/p><p>Schon ein erster Blick auf die private und &ouml;ffentliche Nachfrage in Japan von 1990 bis 2001 weist eine nahezu spiegelbildliche Entwicklung aus: <\/p><blockquote><p>Im Widerspruch zur Standardtheorie schienen die finanzpolitischen Ma&szlig;nahmen sogar einen negativen Effekt auf die private Nachfrage auszu&uuml;ben. Mehr noch, es wurde die Hypothese aufgestellt, wonach jeder Yen, den die Regierung ausgegeben hatte, die private Nachfrage um genau einen Yen zur&uuml;ckdr&auml;ngte.<\/p><\/blockquote><p>Auch diese Hypothese hat Richard Werner empirisch &uuml;berpr&uuml;ft. Wird das aktuelle nominale BIP zerlegt in die Komponenten private und &ouml;ffentliche Nachfrage, so kann der Zusammenhang zwischen privater Nachfrage und Staatsausgaben untersucht werden: &bdquo;Sollte eine vollst&auml;ndige Mengenverdr&auml;ngung (pro gegebener Kreditsch&ouml;pfung) vorliegen, so w&uuml;rde die Regression &hellip; f&uuml;r die Staatsausgaben&ldquo;  einen Koeffizienten von -1 ergeben m&uuml;ssen.<br>\nDas ermittelte Ergebnis f&uuml;r den Zeitraum 1983 bis 2001 liegt bei -0,974!<\/p><blockquote><p>Die Tests bekr&auml;ftigen, dass mit jedem Yen, der nicht monetisiert ist (also nicht der Kreditsch&ouml;pfung entspringt) und f&uuml;r Staatsausgaben aufgewendet wird, die private Nachfrage um einen Yen schrumpft. Die reine Fiskalpolitik ist vollkommen wirkungslos bez&uuml;glich des Wachstums, da sie nur einen Transfer bestehender Kaufkraft zu betreiben vermag. Das liefert eine Begr&uuml;ndung f&uuml;r &hellip; die gegenl&auml;ufige Entwicklung von Staatsausgaben und Privatnachfrage. Das Datenmaterial spricht f&uuml;r unsere Folgerung, dass ein Wirtschaftsaufschwung nur in Gang kommen kann, wenn die Kreditsch&ouml;pfung zunimmt. Weder zins- noch fiskalpolitische Ma&szlig;nahmen haben Aussicht auf Erfolg.<\/p><\/blockquote><p>In anderen Worten: Staatliche Konjunkturprogramme, die nicht von einer expansiven Geldpolitik in Form erh&ouml;hter Kreditsch&ouml;pfung (der Zentralbank und der Gesch&auml;ftsbanken) unterst&uuml;tzt werden, m&uuml;ssen fehlschlagen: <\/p><blockquote><p>Wie auch in anderen Kapiteln erhebt unser Modell Anspruch auf Allgemeing&uuml;ltigkeit. Die Konsequenzen f&uuml;r Deutschland und Europa sind offensichtlich: Trotz hoher staatlicher Ausgaben hat Deutschland die Maastrichter Kriterien nicht erf&uuml;llt, verzeichnete die Volkswirtschaft seit etwa 2001 kaum Wachstum und die Arbeitslosigkeit blieb hoch. Das ist nicht verwunderlich: Die Bundesregierung finanzierte unter dem einsichtigen Finanzminister Karl Schiller noch fast 70% ihres Finanzierungsbedarfes durch Bankkredite. Diese Zahl ist heute auf ein verschwindendes Ausma&szlig; gesunken. Wie am Beispiel Japans konnte die staatliche Ausgabenpolitik daher keine Wirkung zeigen: F&uuml;r jeden Euro, den die Regierung in die Wirtschaft einschoss, zog sie auch wieder einen Euro durch ihre Staatsanleihen ab. Der Nettoeffekt war Null.<\/p><\/blockquote><p><strong>Aus aktuellem Anlass: Zur Verhinderung von Bankenkrisen<\/strong><\/p><p>Richard Werner sieht die Ursachen f&uuml;r Bankenkrisen zum einen in einer Fehlsteuerung durch die Zentralbanken und zum anderen in einer unzureichenden Regulierung der Kreditvergabe. Die Praxis der Kreditsch&ouml;pfung richtet sich heutzutage nur nach den kurzfristigen, betriebswirtschaftlichen Einzelinteressen der Banken. Gesamtwirtschaftliche Erfordernisse (etwa die Vermeidung spekulativer Kreditvergabe oder die Notwendigkeit, die Produktivit&auml;t der Volkswirtschaft insgesamt zu steigern) finden bei der konkreten Entscheidungsfindung infolge der weltweiten Deregulierung des Finanzsektors keine Ber&uuml;cksichtigung mehr.<br>\nInstitutionelle Ver&auml;nderungen vorausgesetzt, w&auml;re Vorbeugung aber durchaus m&ouml;glich: <\/p><blockquote><p>Ehe man verstehen kann, wie Banken- und Finanzkrisen vorzubeugen ist, muss man deren Ursachen durchschauen. Im Vorfeld von Bankenkrisen trifft man stets auf eine Handlungsweise, die im Nachhinein als &bdquo;&uuml;bertriebene Kreditvergabe&ldquo; apostrophiert wird. Die Frage ist, was genau darf man sich unter &bdquo;&uuml;bertrieben&ldquo; vorstellen? &hellip; Aus der Warte unserer Kredittheorie gibt es einen einfachen Lackmustest: Ob die Kreditgew&auml;hrung &bdquo;&uuml;bertrieben&ldquo; ist oder nicht, verr&auml;t die Mittelverwendung. Dient sie produktiven oder unproduktiven Zielen? &hellip; In einer Reihe von L&auml;ndern, in denen eine schwere Bankenkrise und makro&ouml;konomische Instabilit&auml;t um sich greifen sollte, war die Kreditausreichung f&uuml;r spekulative Zwecke vor Ausbruch der Krise sehr lebhaft angestiegen, weil die Zentralbank die Geldinstitute dazu entschieden angehalten hatte &hellip; In verschiedenen anderen L&auml;ndern, die schlie&szlig;lich der Strudel einer Bankenkrise erfassen sollte, war der rapiden Kreditexpansion die Deregulierung des Bankensektors vorausgegangen &hellip; Die dortige Deregulierung f&uuml;hrte zu einem bestimmten Kreditvergabeverhalten, das eine exzessive Expansion der Kreditsch&ouml;pfung vorprogrammierte (&hellip;)<\/p>\n<p>Die Macht der Banken, Kredit zu sch&ouml;pfen, hat die Qualit&auml;t eines &ouml;ffentlichen Gutes; doch jede Bank im Einzelnen genommen sorgt sich wenig um die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt &hellip; Au&szlig;erdem leistet die spekulative Kreditgew&auml;hrung meist auch einer systemischen Krise Vorschub.  Auf der Jagd nach Profiten gehen die Banken dennoch entsprechende Risiken ein. Aus der Perspektive der gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrt ist damit klar, dass derartige Kredite Beschr&auml;nkungen unterworfen werden sollten. Eine gewisse Form der Staatsintervention in den Kreditmarkt hat also durchaus ihre Berechtigung.<\/p>\n<p>Bankenkrisen lassen sich abwenden, indem man das zahlenm&auml;&szlig;ige Verh&auml;ltnis von spekulativen Krediten zur Gesamtmenge der Kredite (Cf\/C) genau &uuml;berwacht und &ndash; wenn n&ouml;tig &ndash; unmittelbar in das Bankensystem eingreift, um einen Anstieg von Cf zu unterbinden.<\/p><\/blockquote><p><strong>Ma&szlig;nahmen gegen eine Bankenkrise<\/strong><\/p><p>Die Rezension der 1990er Jahre in Japan war von einer Austrocknung der Kreditsch&ouml;pfungsquellen gepr&auml;gt. Auf die Frage, was gegen die Bankenkrise in Japan h&auml;tte getan werden k&ouml;nnen, h&auml;lt Richard Werner eine originelle Antwort bereit: <\/p><blockquote><p>Um die Kreditsch&ouml;pfung durch die Gesch&auml;ftsbanken anzuregen, muss ihre Risikobereitschaft gef&ouml;rdert werden. Besonders hilfreich hierbei sind entgegenkommende Ma&szlig;nahmen bei der Abschreibung notleidender Kredite. Was die Banken im Grunde genommen brauchen, um mit solchen Engagements fertigzuwerden, ist Geld. Das Thema reduziert sich also letztendlich auf die Frage, woher dieses Geld kommen soll. Eine unvollst&auml;ndige Liste m&ouml;glicher Antworten umfasst den Steuerzahler, den Staat, die Zentralbank und private Investoren. Zahllose Strategien sind denkbar, wenn es darum geht, diesen oder jenen &ldquo;Spieler&rdquo; daf&uuml;r sinnvollerweise heranzuziehen. Ob und in welchem Umfang eine dieser Gruppen als Geldquelle in Frage kommt, h&auml;ngt jedoch in erster Linie davon ab, wie viel Geld aufgebracht werden muss und welcher Ertrag zu erwarten ist. Die Bandbreite m&ouml;glicher Konstruktionen reicht von der Geld&uuml;berlassung zum Buchwert (Nennwert) des Kredits, ohne Aussicht auf einen Ertrag, bis hin zur Bereitstellung wesentlich kleinerer Summen, aber mit Aussicht auf erkleckliche Gewinne (inklusive des Erwerbs von Eigentumsanteilen an der Bank). Wegen der Vielfalt der von solchen &Uuml;berlegungen tangierten Interessengruppen ist die Wahl der bevorzugten Strategie eine Angelegenheit der Politik. <\/p>\n<p>Allerdings k&ouml;nnen &Ouml;konomen auch einen Rat erteilen, der die effizienteste L&ouml;sung aus gesamtwirtschaftlicher Sicht bestimmt. Unter diesem Gesichtspunkt f&auml;llt die Wahl auf die Zentralbank. Sie ist gewisserma&szlig;en in ihrer Eigenschaft als Refinanzierungsinstitut der letzten Instanz angesprochen &ndash; jedenfalls ihre F&auml;higkeit, Kreditkrisen des Bankensystems zu beheben, ohne der Gesellschaft Kosten aufzub&uuml;rden. Dies kann durch einmaligen Ankauf aller f&uuml;r uneinbringlich erkl&auml;rten Bankkredite zum urspr&uuml;nglichen Buchwert geschehen. Die technische Durchf&uuml;hrung w&auml;re denkbar einfach, denn alle Banken rechnen online bei der Zentralbank ab. Die ganze Aktion lie&szlig;e sich an einem einzigen Vormittag abwickeln. Danach k&ouml;nnten sich die japanischen Banken auf einmal wieder r&uuml;hmen, die solidesten Bilanzen weltweit auszuweisen. Sie w&auml;ren wieder in der Lage, ihrem Tagesgesch&auml;ft (der Kreditvergabe) unbeschwert nachzugehen. Anders als bei einer fiskalisch gest&uuml;tzten Rettungsaktion w&uuml;rde der Steuerzahler nicht zur Kasse gebeten und somit auch keine Verdr&auml;ngung des privaten Sektors angebahnt werden. Wir h&auml;tten es buchst&auml;blich mit einem &ldquo;free lunch&rdquo; (einem in allen Konsequenzen kostenlosen Vorteil) zu tun, denn der Wirtschaft entstehen keinerlei Kosten. Die Zentralbank k&ouml;nnte bis in alle Zeiten die erworbenen Aktiva zum Nennbetrag in ihren B&uuml;chern f&uuml;hren. <\/p>\n<p>Wohlgemerkt, wie bei jedem Ankauf von Aktiva durch die Zentralbank w&uuml;rde niemals ein Verlust entstehen, denn ihre Finanzierungskosten belaufen sich auf Null. Solange der Marktwert dieser Assets einen positiven Betrag darstellt, w&uuml;rde die Zentralbank sogar einen Buchgewinn verzeichnen &ndash; schlie&szlig;lich hat sie sich werthaltige Aktiva mittels Geld angeeignet, das sie zum Nulltarif geschaffen hat. Auch bei v&ouml;lligem Wertschwund der Assets tr&auml;te kein Verlust ein; die Transaktion w&uuml;rde plus\/minus Null aufgehen.<\/p><\/blockquote><p><strong>Kritikpunkte<\/strong><\/p><ol>\n<li>Warum nur Japan?<br>\nWarum wurde der Granger-Kausalit&auml;tstest nur mit Zeitreihen der japanischen Wirtschaftsstatistik durchgef&uuml;hrt?\n<p>Japan ist ein besonders anspruchsvoller Fall, weil die Krise der Neunziger und die darauffolgende Erholung bislang nicht umfassend und schl&uuml;ssig erkl&auml;rt werden konnten. Dem Anspruch, eine grunds&auml;tzlich &ldquo;Neue Wirtschaftspolitik&rdquo; zu skizzieren, w&auml;re es aber gewiss mehr als angemessen gewesen, das empirisch ermittelte Wachstumsmodell auch anhand der Daten der beiden gr&ouml;&szlig;ten Wirtschaftsr&auml;ume der Welt, der EU und den USA, zu testen.\n<\/p><\/li>\n<li>Weiterhin keine Belege f&uuml;r Vorw&uuml;rfe an die EZB\n<p>Schon in seinem Buch &ldquo;<a href=\"?p=109\">Princes of the Yen<\/a>&rdquo; schrieb Richard Werner 2003, die EZB w&uuml;rde den nationalen Zentralbanken Weisungen f&uuml;r eine von Land zu Land h&ouml;chst unterschiedlich expansive Geldpolitik erteilen. Irland z.B. habe dabei profitiert, Deutschland hingegen f&uuml;r l&auml;ngere Zeit unter einer viel zu knapp bemessenen Bankkreditsch&ouml;pfung zu leiden gehabt. Belege f&uuml;r diese Behauptung suchte der Leser damals schon vergebens.<br>\nWegen der gemeinsamen W&auml;hrung der EU-L&auml;nder f&auml;llt es ohnehin schwer, sich eine l&auml;nderspezifische Kreditmengensteuerung vorzustellen. Umso bedauerlicher, dass der Nachweis f&uuml;r diese Vorw&uuml;rfe auch in diesem Buch fehlt.\n<\/p><\/li>\n<\/ol><p><strong>Fazit: Empfehlenswert und wichtig.<\/strong><\/p><p>Richard Werner r&auml;umt mit Vorurteilen der traditionellen &Ouml;konomie auf und entwickelt Grundlagen f&uuml;r ein neues Verst&auml;ndnis der Wirkungen von Geld- und Fiskalpolitik, die f&uuml;r eine aktive Wachstumspolitik von gro&szlig;er Bedeutung sein k&ouml;nnten.<\/p><p><em>Richard Werner<br>\nNeue Wirtschaftspolitik<br>\nVerlag Fran Vahlen, M&uuml;nchen<br>\n496 Seiten<br>\nISBN 978 3 8006 3247 3 <\/em><\/p><p><strong>Fu&szlig;noten:<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p><a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">*1<\/a> Keynesianer oder Neokeynesianer m&ouml;gen auf neuere Arbeitsmarktmodelle oder auf die Diskussion von Preisrigidit&auml;ten verweisen. Doch die Debatte &uuml;ber Schwierigkeiten, Gleichgewichtszust&auml;nde zu bestimmen oder zu erreichen, macht noch keine &Ouml;konomie des Ungleichgewichts aus.<\/p>\n<p><a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">*2<\/a> Die M&ouml;glichkeit von Verz&ouml;gerungseffekten (z.B. ob Zins&auml;nderungen sich nach einem Jahr erst auswirken) wird im Rahmen der Granger-Analyse in einem sp&auml;teren Kapitel diskutiert.<\/p>\n<p><a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">*3<\/a> Zur empirischen &Uuml;berp&uuml;fung am Beispiel Japans siehe weiter unten.<\/p>\n<p><a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">*4<\/a> Zitat: &ldquo;<em>Als Quelle f&uuml;r die Kreditsch&ouml;pfung zur Spekulationsfinanzierung im Immobiliensektor haben Nikkei Koshasai Joho (1991) und Werner (1991) Kredite bestimmen k&ouml;nnen, die eben im Immobilienbereich, aber auch dem Baugewerbe und Finanzinstitutionen ohne Bankstatus zur Verf&uuml;gung gestellt worden sind. Diese drei Sektoren wurden sp&auml;ter als die &bdquo;Seifenblasensektoren&ldquo; (bubble sectors) bezeichnet.<\/em>&ldquo;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht Deregulierung und Liberalisierung sind Richard Werner zufolge die Voraussetzung f&uuml;r Wachstum und Wohlstand, sondern eine ausreichende und zielgerichtete Bankkreditversorgung. Die Hauptverantwortung f&uuml;r Spekulationskrisen und Rezessionen weist er den Zentralbanken zu. Seine Thesen scheinen au&szlig;ergew&ouml;hnlich solide empirisch fundiert zu sein. Eine Rezension von Kai Ruhsert. <\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[135,208,30],"tags":[1030,498,1497,299,1387],"class_list":["post-3662","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-finanzpolitik","category-rezensionen","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-geldmenge","tag-issing-otmar","tag-japan","tag-konjunkturprogramme","tag-stiglitz-joseph"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3662","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3662"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3662\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":28129,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3662\/revisions\/28129"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3662"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3662"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3662"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}