{"id":3663,"date":"2008-12-15T08:59:40","date_gmt":"2008-12-15T07:59:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3663"},"modified":"2015-10-28T11:52:53","modified_gmt":"2015-10-28T10:52:53","slug":"rezension-hochschule-und-demokratie-1968-2008","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3663","title":{"rendered":"Rezension: Hochschule und Demokratie 1968-2008"},"content":{"rendered":"<p>Zum 40j&auml;hrigen Jubil&auml;um von &bdquo;1968&ldquo; erschien das f&uuml;nfte BdWi-Studienheft &bdquo;Hochschule und Demokratie&ldquo;. Nach Meinung der HerausgeberInnen soll jedoch gerade kein Jubil&auml;um gefeiert werden, sondern der Frage nachgegangen werden, &bdquo;ob die Themen, Analysen, und Strategien, die im politischen 68er-Milieu und der durch dieses nachhaltig mitgepr&auml;gten zeitlich folgenden Bildungsreformbewegung entwickelt wurden, etwas zum Verst&auml;ndnis des Aktuellen beitragen&ldquo; (S. 2). Deshalb gliedert sich das Heft in drei Teile: Retrospektive (I), Hochschule in der Demokratie &ndash; 1968-2008 (II) und Demokratie in der Hochschule &ndash; 1968-2008 (III). Von  Dominik D&uuml;ber<br>\n<!--more--><\/p><div style=\"text-align: center\"><strong>I<\/strong><\/div><p>Sonja Staack arbeitet in ihrer Re-Lekt&uuml;re der 1961 verfassten SDS-Denkschrift &bdquo;Hochschule in der Demokratie&ldquo; heraus, dass &bdquo;nicht nur Hochschulen als Teil der Gesellschaft, sondern auch Hochschulver&auml;nderung als Teil von Gesellschaftsver&auml;nderung&ldquo; (10) begriffen werden m&uuml;sse. Anhand des breit verwendeten Autonomie-Begriffs verdeutlicht sie, dass sowohl Unabh&auml;ngigkeit als auch interne Demokratisierung notwendig sind, damit die Hochschulen eine gesellschaftskritische Funktion wahrnehmen k&ouml;nne. Es bleibt jedoch offen, ob Autonomie und Demokratisierung auch hinreichend f&uuml;r eine &bdquo;kritisch-revolutionierende Praxis im weitesten Sinne&ldquo; sind.  Schlie&szlig;lich ist auch eine solche Hochschule nicht unabh&auml;ngig von gesellschaftlicher Hegemonie. Staack macht deutlich, dass ein betriebswirtschaftlich verk&uuml;rzter Autonomiebegriff, wie er vielen aktuellen Hochschulgesetzen zu Grunde liegt, mit Autonomie als verstanden als &bdquo;Freiheit von der Manipulierung durch Partialinteressen&ldquo; wenig zu tun hat. <\/p><p>Karl Heinz Heinemann ist in seinem Aufsatz &bdquo;Auf der Suche nach dem historischen Subjekt&ldquo;. Er zeichnet das wechselhafte Verh&auml;ltnis von Studierenden und Gewerkschaften nach. Die aufschlussreiche Analyse verschiedener Strategien und deren Erfolge l&auml;sst die Frage nach einer heute sinnvollen Orientierung allerdings weitgehend unbeantwortet, fordert Heinemann doch wenig mehr als &bdquo;eine breite &ouml;ffentliche Debatte unter Beteiligung der Gewerkschaften zu initiieren &uuml;ber Reformziele bei der Umgestaltung der Studieng&auml;nge&ldquo; (17). <\/p><p>Dem in den 60er-Jahren von Teilen der au&szlig;erparlamentarischen Opposition (APO) und der Studierendenbewegung h&auml;ufig erhobenen Vorwurf, die damalige Gesellschaft sei auf dem Weg zum Faschismus, geht Georg F&uuml;lberth in seinem Beitrag nach. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die These einer alleinigen Verursachung von Faschismus durch Kapitalismus zu keinem Zeitpunkt haltbar gewesen sei: &bdquo;Die Verkn&uuml;pfung von Kapitalismus und Faschismus bedeutet im Ergebnis jedoch eine Untersch&auml;tzung des Gewaltpotentials nicht-faschistischer b&uuml;rgerlicher Gesellschaften einerseits, eine Relativierung des historischen Nationalsozialismus andererseits&ldquo; (32). Eine genauere Charakterisierung der der Zusammenh&auml;nge zwischen Kapitalismus und Faschismus bietet F&uuml;lberth leider nicht.<\/p><div style=\"text-align: center\"><strong>II<\/strong><\/div><p>Torsten Bultmann betrachtet &bdquo;Die Erfindung der Hochschulpolitik &ndash; und ihre wiederkehrenden Muster&ldquo;, indem er verschiedene hochschulpolitische Str&ouml;mungen von `68 bis heute nach Konservativen, Technokraten und Progressiven differenziert. Gerade aus dem Blickwinkel heutiger linker Orientierungssuche bietet dieser Beitrag bereichernde Anhaltspunkte bez&uuml;glich der Chancen und Grenzen m&ouml;glicher B&uuml;ndnisse, l&auml;sst sich doch gegenw&auml;rtig h&auml;ufig gerade auch konservativer Widerstand gegen die aktuellen Hochschulreformen ausmachen. <\/p><p>Eine Analyse der konservativen Kritik am Bologna-Prozess, die allerdings aufgrund fehlender Transparenz des eigenen Standpunkts etwas uneindeutig ausf&auml;llt, bieten dar&uuml;ber hinaus Susanne Draheim und Tilman Reitz. Der in vielen Debatten wenig beachtete Zusammenhang von bildungspolitischen Reformen und &ouml;konomischen Rahmenbedingungen wird von Klemens Himpele und Jana Schultheiss unter die Lupe genommen. Demnach sei die &Ouml;ffnung der Hochschulen auch im Kontext der wirtschaftlichen Prosperit&auml;t und wohlfahrtsstaatlichen Expansion jener Zeit zu sehen. So habe die Anfang der 1990er einsetzende &ouml;konomische Stagnation auch Druck auf die Hochschulen ausge&uuml;bt und das Verst&auml;ndnis von Bildung ebenfalls grundlegend ver&auml;nderte. Stefanie Schr&ouml;der untersucht die verschiedenen Modelle von sozialer Studienfinanzierung in Deutschland. Ihr zu folge k&ouml;nnen alle Modelle immer nur Teil eines sozial gerechteren Bildungssystems sein, nicht aber die bereits vor dem Studium vorhandene Chancenungleichheit nivellieren. Zwar steigerten leichter zug&auml;ngliche und als Vollzuschuss gew&auml;hrte Modelle die &Uuml;bergangsquoten von Menschen aus unteren sozialen Schichten, jedoch komme es insgesamt zu einem Fahrstuhleffekt, da zugleich auch die Bildungsbeteiligung aus h&ouml;heren sozialen Schichten gestiegen sei. W&auml;hrend Sefanie Schr&ouml;der sich kurzfristig vor allem f&uuml;r eine Verteidigung des BAf&ouml;G stark macht, bleibt ihre Positionierung zu einem Studienhonorar und der gesellschaftlichen Rolle eines Studiums indifferent. <\/p><p>Ulf Banscherus zeichnet die Diskussion &uuml;ber die Einf&uuml;hrung gestufter Studieng&auml;nge seit den 1960er-Jahren nach. Nach seiner Einsch&auml;tzung sei der Bologna-Prozess weniger Sachzwang, sondern diene vor allem der Legitimation einer seit Jahrzehnten diskutierten, aber zuvor an unterschiedlichen Widerst&auml;nden gescheiterten, &sbquo;Reform&lsquo; des Studiums. Torsten Bultmann und Rolf Weitkamp sehen in der Elitenf&ouml;rderung eine Absage an die erste Hochschulreform mit mehr Demokratie und Bildungsexpansion. An Michael Hartmann ankn&uuml;pfend zeigen sie auf, dass die Exzellenzinitiative gerade jene Unterschiede schaffe, welche sie durch den &bdquo;Exzellenz&ldquo; &ndash; Wettbewerb zu messen behauptet. Dar&uuml;ber hinaus dienten die eingeworbenen Drittmittel zunehmend der Finanzierung grundst&auml;ndiger Hochschulaufgaben und durch den Zwang zur Einwerbung von Drittmitteln etablierten sich Entscheidungsstrukturen jenseits einer demokratischen Selbstverwaltung.<\/p><div style=\"text-align: center\"><strong>III<\/strong><\/div><p>Den historischen Wandel der Rolle universit&auml;rer Statusgruppen untersuchen die Beitr&auml;ge von Alexandra Ortmann (f&uuml;r Studierende) und Claudia Kleinw&auml;chter (f&uuml;r den Mittelbau). Als Fazit des Wandlungsprozesses konstatiert Ortmann: &bdquo;Eine demokratische, nach Interessengruppen organisierte Debatte &uuml;ber Kriterien, Ziele und Parameter guter Lehre ist aber konzeptionell ebenso wenig vorgesehen wie eine gleichberechtigte Mitwirkung der Studierenden an Qualit&auml;ts-Sicherungs-Ma&szlig;nahmen. Wie in den 1950er-Jahren werden studentische VertreterInnen nur in &sbquo;sie betreffenden Angelegenheiten&lsquo; geh&ouml;rt &ndash; Demokratie in der Hochschule und eine selbst-verantwortliche Hochschule in der Demokratie aber sehen anders aus&ldquo; (53). Derweil schildert Kleinw&auml;chter den prek&auml;ren Zustand des akademischen Mittelbaus, der zwar 78% des hauptberuflichen wissenschaftlichen Personals ausmache und eine Gro&szlig;teil der Lehre &uuml;bernehme, aber wegen der Orientierung an der Professur als Normalfall der akademischen Laufbahn sp&auml;testens mit dem Ende der Mittelbauphase vor erheblichen Problemen stehe. <\/p><p>Peer Paternack analysiert die neuen Entscheidungsstrukturen an Hochschulen, die sich von einer professorendominierten Gruppenhochschule zu einem &bdquo;pr&auml;sidialen Bonapartismus&ldquo; entwickelt h&auml;tten, bei dem die Hochschulangeh&ouml;rigen &bdquo;sich mehrheitlich einer autorit&auml;r f&uuml;hrenden Leitung in der Annahme, dass sich dadurch Beg&uuml;nstigungen f&uuml;r die Hochschule organisieren lie&szlig;en, wovon dann auch die Einzelnen in der Hochschule profitieren&ldquo;, (S. 56) unterwerfen w&uuml;rden. Regina Weber schlie&szlig;lich prognostiziert mit einem Wandel der Hochschulen auch einen Wandel des Streits um ein politisches Mandat der Studierendenschaften. W&auml;hrend in der Vergangenheit vor allem dann gegen politische &Auml;u&szlig;erungen juristisch interveniert worden sei, wenn diese staats- und gesellschaftskritischer Natur waren, so erwartet Weber f&uuml;r die Zukunft einer &sbquo;unternehmerischen&lsquo; Hochschule juristische Schritte vor allem dann, wenn allgemeinpolitische &Auml;u&szlig;erungen sich negativ auf die Au&szlig;endarstellung und das Marketing der Hochschule auswirkten.<\/p><p>Das f&uuml;nfte BdWi-Studienheft bietet insgesamt einen lesenswerten und lehrreichen &Uuml;berblick &uuml;ber die Auseinandersetzungen und Debatten der letzten 40 Jahre in Hochschule und Gesellschaft. Gerade vor dem Hintergrund der weit verbreiteten Orientierungslosigkeit, bietet das Heft einige Wegmarken, wenn auch die Analysen der aktuellen Situation und vor allem das Ringen um die richtigen Forderungen noch undeutlich bleiben.<\/p><p><em>Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler \/ freier zusammenschluss von studentInnenschaften \/ Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (Hg.): Hochschule und Demokratie. Debattenbeitr&auml;ge zu 40 Jahre StudentInnenbewegung, Hochschulreform und au&szlig;erparlamentarischer Opposition. BdWi-Studienheft 5, BdWi-Verlag: Marburg 2008, 64 Seiten, 7 Euro.<\/em><\/p><p>Inhaltsverzeichnis und Bestellm&ouml;glichkeit unter <a href=\"http:\/\/www.bdwi.de\/show\/1565127.html%20\">www.bdwi.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum 40j&auml;hrigen Jubil&auml;um von &bdquo;1968&ldquo; erschien das f&uuml;nfte BdWi-Studienheft &bdquo;Hochschule und Demokratie&ldquo;. 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