{"id":3675,"date":"2008-12-28T16:32:13","date_gmt":"2008-12-28T15:32:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3675"},"modified":"2019-07-25T11:10:41","modified_gmt":"2019-07-25T09:10:41","slug":"koehlers-weihnachtsansprache-beliebig-und-belanglos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3675","title":{"rendered":"K\u00f6hlers Weihnachtsansprache \u2013 beliebig und belanglos"},"content":{"rendered":"<p>Bei den Reden K&ouml;hlers frage ich mich stets: ist der Mann so naiv, wie er tut oder ist er einfach nur zynisch? Und wie bei den meister f&uuml;hrenden Politikern frage ich mich: wo leben diese Leute eigentlich?<br>\nDa leben Zigtausende in der berechtigten Angst und Sorge, in n&auml;chster Zeit ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Erste Ank&uuml;ndigungen dieser Art gibt es bereits. Die Sorge ist vor allem deshalb berechtigt, weil viele der Manager, die jahrelang Millionen kassiert haben, einmal wieder das tun, was sie am besten k&ouml;nnen: wenn es kriselt, Leute entlassen. Von Joke Frerichs<br>\n<!--more--><br>\nUnd was hat der Herr Bundespr&auml;sident dazu zu sagen? &bdquo;F&uuml;rchtet euch nicht!&ldquo; Wie tr&ouml;stlich mag das f&uuml;r die Betroffenen sein in diesen Tagen. Man m&uuml;sste ihnen zurufen: Ihr f&uuml;rchtet Euch zu recht. Sorgt rechtzeitig daf&uuml;r, dass Widerstand in den Betrieben und Gewerkschaften organisiert wird. Denn sonst werdet Ihr Euer blaues Wunder erleben. Ihr werdet n&auml;mlich f&uuml;r die Folgen der Krise b&uuml;&szlig;en m&uuml;ssen, die andere verschuldet haben.<\/p><p>Dass, wie K&ouml;hler behauptet, &bdquo;der Staat entschlossen handelt, um die Betriebe zu sch&uuml;tzen und um Arbeit und Einkommen der Menschen zu sichern&ldquo;, ist eine reine Behauptung. Schutzschirme wurden bisher nur f&uuml;r die Banken aufgespannt. Was z.B. bei Opel wird, wei&szlig; im Moment noch keiner. Und das, was die Regierung bisher an &bdquo;Konjunkturprogrammen&ldquo; aufgelegt hat, verdient diesen Namen kaum. Die regierungsamtliche Maxime: Abwarten, bis das Ausma&szlig; der Krise bekannt ist &ndash; wird genau zu der Katastrophe f&uuml;hren, die man angeblich verhindern will.<\/p><p>Und wie immer in K&ouml;hlers Reden, kommt dann &ndash; gut verpackt und verklausuliert &ndash; seine eigentliche Botschaft r&uuml;ber: &bdquo; Die Reformen der vergangenen Jahre und die neue Bereitschaft zum Miteinander in den Betrieben haben uns gest&auml;rkt f&uuml;r die Aufgaben, die vor uns liegen.&ldquo; Es fehlt nur noch die Botschaft, wir br&auml;uchten mehr davon.<br>\nKein Wort dar&uuml;ber, dass diese angeblichen Reformen viele schon jetzt in die Armut treiben. Dass die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich gerade auch ein Ergebnis dieser &bdquo;Reformen&ldquo; sind. Sie sind in keiner Weise ein &bdquo;Fundament&ldquo;, auf dem man aufbauen kann. Vielmehr w&uuml;rde ein &bdquo;Weiter so&ldquo; genau die Verh&auml;ltnisse restaurieren, die zum jetzigen Fiasko gef&uuml;hrt haben. Und von dem noch keiner wei&szlig;, was da noch kommt.<br>\nGeradezu eine Frechheit ist es,  von der neuen &bdquo;Bereitschaft zum Miteinander in den Betrieben&ldquo; zu schwafeln. Schon jetzt wird die Produktion in Kernbereichen der Wirtschaft eingestellt oder gedrosselt. Der Konkurrenzdruck um die Arbeitspl&auml;tze wird zunehmen. Und damit der Leistungsdruck. Forderungen nach weiterem Lohnverzicht werden folgen. Und massenweise werden Arbeitspl&auml;tze vernichtet werden. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Denn schon jetzt hat die Regierung viel wertvolle Zeit mit kleinlichem Hickhack verplempert. Auch ist nicht zu sehen, dass die politischen Entscheidungstr&auml;ger ihre ideologischen Scheuklappen ablegen. Sie denken immer noch in den betriebswirtschaftlichen Kategorien des braven Hausvaters. Ein gesamtwirtschaftliches Konzept ist nirgendwo auch nur in Ans&auml;tzen erkennbar. Von &bdquo;Ideenreichtum&ldquo;, den K&ouml;hler wahrnimmt, kann keine Rede sein.<\/p><p>Vor diesem Hintergrund ist die Rede von der &bdquo;Krise als Chance&ldquo; geradezu fahrl&auml;ssig und irref&uuml;hrend. Worin sollte denn die &bdquo;Chance&ldquo; bestehen? Darin, dass wir jetzt alle anst&auml;ndig, bescheiden und ma&szlig;voll werden? Das w&auml;re ja konjunkturpolitisch geradezu kontraproduktiv. Herr K&ouml;hler beschw&ouml;rt hier Tugenden, die durch das Wirtschaftssystem, das er ja wohl f&uuml;r das beste und einzig m&ouml;gliche h&auml;lt, st&auml;ndig ad absurdum gef&uuml;hrt werden. Dass &bdquo;das Kapital allen zu Diensten&ldquo; ist &ndash; das ist eine Forderung, die man vielleicht alle Jahre wieder als Weihnachtsm&auml;rchen auftischen kann &ndash; mit der Wirklichkeit hat dies nichts zu tun. F&uuml;r K&ouml;hler ist &bdquo;Kapital&ldquo; schlicht &bdquo;Geld&ldquo;. Dabei hat der lange so verp&ouml;nte Marx schon vor &uuml;ber hundert Jahren darauf hingewiesen, dass das Kapital &bdquo;ein spezifisch gesellschaftliches, geschichtlich entstandnes Produktionsverh&auml;ltnis (ist), welches den Arbeiter zum unmittelbaren Verwertungsmittel des Kapitals stempelt&ldquo; (Kapital, Bd. 1, 532). Zu fordern, dass &bdquo;das Kapital allen zu Diensten ist und sich niemand davon beherrscht f&uuml;hlen muss&ldquo;, hie&szlig;e in der Konsequenz, den Kapitalismus abzuschaffen. Das gemeint zu haben, wollen wir Herrn K&ouml;hler nun wahrhaft nicht unterstellen. <\/p><p>Es sind die typischen &bdquo;K&ouml;hler-S&auml;tze&ldquo;, die einen ratlos zur&uuml;cklassen. &bdquo;Glaubw&uuml;rdigkeit bringt das Vertrauen zur&uuml;ck. Es ist das Band, das unsere Gesellschaft zusammenh&auml;lt.&ldquo; Von wessen &bdquo;Glaubw&uuml;rdigkeit&ldquo; redet er? Der Glaubw&uuml;rdigkeit unserer sog. Eliten? Der Politiker, Manager, Wissenschaftler, Medien, die uns jahrelang eingeredet haben, Markt, Deregulierung, K&uuml;rzung der Sozialausgaben, Privatisierung usw. seien Voraussetzung f&uuml;r stetiges Wachstum? Und die jetzt nach dem Staat rufen, den sie zuvor schlechtgeredet haben? Und von denen sich jetzt einige zu &bdquo;Krisenmanagern&ldquo; berufen f&uuml;hlen?<br>\nNein &ndash; diesen Leuten ist nach wie vor nicht zu trauen. Keiner soll glauben, sie w&uuml;rden sich sang- und klanglos geschlagen geben. Sie werden alles tun, die Folgen der Krise auf die Allgemeinheit abzuw&auml;lzen, um dann wieder dort zu beginnen, wo sie aufgeh&ouml;rt haben. Man h&uuml;te sich vor der vorschnellen Erwartung, der Neoliberalismus habe bereits abgedankt. Wer einmal mit diesem ideologischen Gift infiziert war, wird davon nicht so schnell lassen wollen. Darum ist K&ouml;hlers Rede von der &bdquo;Krise als Chance&ldquo; nichts als pure Augenwischerei &ndash; und Vertr&ouml;stung auf den Sankt Nimmerleinstag. <\/p><p>Von K&ouml;hler zu erwarten, dass er Ross und Reiter nennt &ndash; vergeblich. Dass er einen (vor allem auch materiellen) Beitrag von denen fordert, die sich jahrelang schonungslos bereichert haben &ndash; vergeblich. Stattdessen redet er davon, dass &bdquo;unvorstellbar viel Geld verspielt worden ist.&ldquo; Wo aber, fragen wir uns, ist das viele Geld geblieben, das diese Leute abgesahnt haben? Wenn man sie, die ganze Volkswirtschaften in den Abgrund gerissen haben, schon nicht juristisch belangen kann (warum eigentlich nicht?), dann sollte man jedenfalls nicht so tun, als lie&szlig;e sich mit ihnen (pardon!) Staat machen.<\/p><p>Der Dank an die Soldatinnen und Soldaten, &bdquo;die in der Ferne f&uuml;r Sicherheit und Wiederaufbau sorgen&ldquo; und dem Frieden dienen &ndash; er darf nicht fehlen. Ach w&auml;re es doch so. Die Frage, ob es nicht geeignetere Mittel dazu g&auml;be &ndash; nat&uuml;rlich Fehlanzeige. <\/p><p>So wird f&uuml;r viele Menschen wohl die Hoffnung auf &bdquo;eine fr&ouml;hliche, selige, Gnaden bringende Weihnachtszeit&ldquo; &ndash; wie so Vieles in K&ouml;hlers Rede &ndash; nur ein frommer Wunsch geblieben sein. Aber f&uuml;r &bdquo;Weihnachtsm&auml;rchen &agrave; la K&ouml;hler&ldquo; ist man in dieser Zeit doch allzu empf&auml;nglich. Und bis zur n&auml;chsten Weihnachtsansprache bleibt ja noch viel Zeit zum Nachdenken!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei den Reden K&ouml;hlers frage ich mich stets: ist der Mann so naiv, wie er tut oder ist er einfach nur zynisch? Und wie bei den meister f&uuml;hrenden Politikern frage ich mich: wo leben diese Leute eigentlich?<br \/> Da leben Zigtausende in der berechtigten Angst und Sorge, in n&auml;chster Zeit ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Erste Ank&uuml;ndigungen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3675\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[96,123,132],"tags":[241,374,531,319,554,479,1614],"class_list":["post-3675","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundespraesident","category-kampagnentarnworteneusprech","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-bankenrettung","tag-eliten","tag-koehler-horst","tag-lohnentwicklung","tag-opel","tag-reservearmee","tag-weihnachtsansprache"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3675","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3675"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3675\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53661,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3675\/revisions\/53661"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3675"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3675"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3675"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}