{"id":36799,"date":"2017-01-30T08:55:35","date_gmt":"2017-01-30T07:55:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36799"},"modified":"2017-01-30T13:16:48","modified_gmt":"2017-01-30T12:16:48","slug":"die-verteilung-des-wohlstands-ein-skandal-und-ein-kristallisationspunkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36799","title":{"rendered":"Die Verteilung des Wohlstands &#8211; Ein Skandal und ein Kristallisationspunkt"},"content":{"rendered":"<p>Die Umverteilung nach oben ist im vollen Gange, und das bereits seit Jahrzehnten. Das hat nicht nur materielle Konsequenzen. Denn wenn der gesamtgesellschaftliche Reichtum derart unversch&auml;mt kanalisiert wird, dass den Geringverdienenden das bisschen Einkommen auch noch beschnitten wird, dann zerf&auml;llt die Gesellschaft und wird zur leichten Beute von Rechtspopulisten. Doch wo Gefahr ist, da ist auch Rettendes. Von <strong>Markus Kr&uuml;semann<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36799#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2073\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-36799-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170130_Die_Verteilung_des_Wohlstands_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170130_Die_Verteilung_des_Wohlstands_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170130_Die_Verteilung_des_Wohlstands_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170130_Die_Verteilung_des_Wohlstands_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=36799-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170130_Die_Verteilung_des_Wohlstands_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"170130_Die_Verteilung_des_Wohlstands_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Laut einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts f&uuml;r Wirtschaftsforschung (DIW) haben sich die Realeinkommen privater Haushalte in den letzten 23 Jahren <a href=\"http:\/\/www.diw.de\/documents\/publikationen\/73\/diw_01.c.550894.de\/17-4-1.pdf\">um 12 Prozent erh&ouml;ht<\/a>. Klingt doch beruhigend, oder? Klingt doch nach &ldquo;Uns geht es gut&rdquo;. Nichts k&ouml;nnte falscher sein, denn die Fortsetzung der Aussage lautet: Das Bruttoinlandsprodukt hat im gleichen Zeitraum sogar um 22 Prozent zugelegt. Ein frappanter Unterschied, der Fragen aufwirft. Warum haben die Privathaushalte nicht mehr vom Reichtum abbekommen, den ihre Mitglieder ja ma&szlig;geblich selbst erwirtschaftet haben? Die Kapitalgesellschaften wissen um die Gr&uuml;nde, die sie gerne verschleiern bzw. verschleiern lassen. Doch das ist erst der Anfang des Skandals. <\/p><p>Zwischen den unterschiedlichen Einkommensgruppen haben sich dramatische Verwerfungen aufgetan. Die Hoch- und Bestverdienenden (die obersten zehn Prozent bei den Haushaltseinkommen) werden davon nichts mitbekommen haben. Ihre verf&uuml;gbaren Realeinkommen stiegen im genannten Zeitraum ja recht &uuml;ppig, um knapp 27 Prozent, um genau zu sein. Da hat sich eine gut situierte Bev&ouml;lkerungsgruppe offensichtlich das gr&ouml;&szlig;te St&uuml;ck vom Kuchen abschneiden k&ouml;nnen. Und da taucht denn auch das oben angeschnittene Thema in Form von Einkommen aus Kapitalanlagen und aus Selbst&auml;ndigkeit wieder auf. Ihr kr&auml;ftiges Wachstum bildet die Grundlage f&uuml;r das Ph&auml;nomen der immer reicher werdenden Reichen.<\/p><p><strong>Die Mittelschicht verliert, aber die Geringverdienenden zahlen die Zeche<\/strong><\/p><p>Die in Sonntagsreden gerne als Herzst&uuml;ck der Gesellschaft titulierte Mittelschicht hatte da schon weniger Fortune. Betrachtet man die Entwicklung der mittleren Einkommen (Haushaltseinkommen vor Steuern und Sozialabgaben zwischen 67 und 200 Prozent des Medianeinkommens), so ergibt sich laut DIW-Rechnung ein reales Plus von gerade mal acht Prozent seit 1991. Das liegt klar unter dem Durchschnitt von 12 Prozent und deutet auf eine Einkommenspolarisierung hin. Sie wird von dem Effekt einer schrumpfenden Mittelschicht begleitet. Das DIW hat errechnet, dass sich der Anteil der mittleren Einkommensgruppen (hier: Einkommen zwischen 70 und 150% des Medianeinkommens) zwischen 1991 und 2013 <a href=\"https:\/\/www.diw.de\/de\/diw_01.c.533695.de\/themen_nachrichten\/korrektur_einkommensmittelschichten_schrumpfen_in_deutschland_und_den_usa_etwa_gleich_schnell.html\">von 63 auf 56 Prozent<\/a> verringert hat.<\/p><p>&Uuml;brigens hat auch der Besch&auml;ftigungsaufbau der vergangenen Jahren nicht zu einer Stabilisierung der mittleren Einkommen beigetragen. Haushalte, die sich heute (noch) zur Einkommensmittelschicht z&auml;hlen d&uuml;rfen, brauchen daf&uuml;r je nach Kinderzahl schon ein <a href=\"http:\/\/www.ndr.de\/fernsehen\/sendungen\/panorama3\/Wachstums-Verlierer-Die-Krise-der-Mittelschicht,mittelschicht164.html\">Arrangement aus Doppelverdienern<\/a> oder <a href=\"http:\/\/www.ruhrnachrichten.de\/nachrichten\/wirtschaft\/aktuelles_berichte\/Immer-mehr-Beschaeftigte-haben-einen-Zweitjob;art318,3061414\">Multijobbern<\/a> und einer klugen Haushaltsf&uuml;hrung. Sie sehen der grimmigen Tatsache ins Auge, dass sie sich abstrampeln m&uuml;ssen, nur um blo&szlig; nicht abzurutschen. Vom Aufstieg ist hier l&auml;ngst keine Rede mehr, wohl aber vom Leistungsdruck.<\/p><p>Die unteren Einkommensgruppen aber, und hier beginnt der eigentliche, der himmelschreiende Skandal, sind gleich ganz abgeh&auml;ngt worden. Von 1991 bis 2014 hatten die untersten zehn Prozent der privaten Haushalte in Deutschland weniger als 1991 zur Verf&uuml;gung. Sie k&ouml;nnen sich preisbereinigt heute also weniger leisten als vor 23 Jahren. Mit Flei&szlig; und Arbeit ein bisschen Wohlstand aufbauen, das ist am unteren Ende der Einkommensskala nicht mehr drin. Hier kommt man auf keinen gr&uuml;nen Zweig mehr &ndash; trotz Schufterei.<\/p><p>Hinter den nackten Zahlen steht die Verarmung breiter Bev&ouml;lkerungsschichten. Die Opfer einer systemischen, daher umso brutaleren, weil (vermeintlich) t&auml;terlosen Ausbeutung sind neben der Reservearmee nicht ben&ouml;tigter Arbeitsloser die zu schlecht verdienenden Familien, Lebensgemeinschaften, Singles oder Alleinerziehenden, die kaum noch oder ohne staatliche Hilfen schon lange nicht mehr &uuml;ber die Runden kommen. Sie sind die traurigen Protagonisten der von Oliver Nachtwey eindrucksvoll beschrieben <a href=\"http:\/\/www.deutschlandradiokultur.de\/oliver-nachtwey-die-abstiegsgesellschaft-abwaerts-ins.950.de.html?dram:article_id=360390\">Abstiegsgesellschaft<\/a>.<\/p><p>Das Rezept zur Umverteilung war &uuml;brigens recht simpel, aber effektiv: Man schaffe einen breiten Niedriglohnsektor, lasse die Menschen sich in atypischen und prek&auml;ren Jobs abstrampeln, fahre den Sozialstaat zur&uuml;ck und erkl&auml;re, jeder sei seines eigenen Gl&uuml;ckes Schmied. Gleichzeitig senke man die Lohnquote und die Unternehmensbesteuerung. Das ist strukturelle Gewalt, die der gro&szlig;en Mehrheit der Menschen angetan wird, damit eine kleine Elite in Saus und Braus leben kann. Zur Peitsche kam noch das Zuckerbrot: Der Wohlstand m&uuml;sse bei den Reichen wachsen, hie&szlig; es, denn nur so werde er in die unteren Bev&ouml;lkerungsschichten durchsickern. Das ist die Trickle-down-Theorie, oder besser -Ideologie. Nichts davon ist wahr. <\/p><p><strong>Was muss, was kann sich &auml;ndern?<\/strong><\/p><p>Wer jetzt noch glaubt, der Klassenkampf habe sich historisch l&auml;ngst erledigt, sitzt dem Irrtum auf, einmal Erreichtes sei auf Ewig gesichert. Das Gegenteil ist derzeit der Fall, denn der Raubtierkapitalismus ist zur&uuml;ck. Zu den Opfern, die er seit Jahrzehnten schon weltweit in den Peripherien hinterlassen hat, gesellt sich nach einer vergleichsweise kurzen Phase eines sozialstaatlich halbwegs gez&auml;hmten Profitmodells namens soziale Marktwirtschaft mittlerweile wieder eine steigende Zahl an Opfern in den Zentren. Das untere Segment der abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten ist nur der erste Verlierer einer dem Drehbuch neoliberaler Ideologen folgenden Deregulierung. Wenn es so weitergeht, wird die Mittelschicht als n&auml;chstes aufgerieben. Diese seit Jahrzehnten betriebene neoliberale Politik der Umverteilung f&auml;hrt die Gesellschaft an die Wand, sie zerrei&szlig;t soziale Sicherungsgef&uuml;ge und l&auml;sst jeden, der nicht &uuml;ber die n&ouml;tigen Ressourcen verf&uuml;gt, auf sich allein gestellt zur&uuml;ck. <\/p><p>So kann es nicht weitergehen, diese Einsicht ist mittlerweile weit verbreitet. Sie ist konsensf&auml;hig, denn immer noch steht der Wert eines solidarischen Gemeinwesens bei den meisten Menschen hoch im Kurs. Doch was kann, was muss sich tun, damit die Dominanz eines von Verfechtern des &ouml;konomischen Liberalismus entfesselten Kapitalismus gebrochen werden kann? <\/p><p>Innerhalb des politischen Systems wird sich auf absehbare Zeit nichts &auml;ndern. Die Chancen auf einen echten Wechsel sind &auml;u&szlig;erst gering. Wer aus der politischen Klasse hat denn ein wirkliches Interesse, das Ruder herumzurei&szlig;en? Die vom schwarzen Loch angezogenen Gr&uuml;nen etwa? Die zur Einsicht und zum Bekenntnis ihres historischen Fehlers nicht f&auml;hige SPD? Und die LINKE? Sie gilt zu vielen Menschen, die mit ihren Zielen durchaus sympathisieren, weiterhin als nicht w&auml;hlbar, daf&uuml;r sorgen die Medien schon, deren kritische Funktion sich heute darin ersch&ouml;pft, eine systemkritische Partei niederzuschreiben.<\/p><p><strong>Der au&szlig;erparlamentarische Kristallisationspunkt<\/strong><\/p><p>Nein, wenn sich etwas &auml;ndern soll, dann muss der Ansto&szlig; von au&szlig;en kommen, er muss aus der Gesellschaft selbst kommen. Und schon offenbart sich ein Dilemma: Wo und wie soll sich in Zeiten der Individualisierung und der sie begleitenden Ideologie der Selbstverantwortlichkeit ein handlungsf&auml;higes Kollektiv entwickeln? Konnte die Arbeiterklasse sich noch aus der massenhaft geteilten Erfahrung der Ausbeutung und Unterdr&uuml;ckung quasi naturw&uuml;chsig zu einem historischen Subjekt entwickeln, so fehlen daf&uuml;r heute die materiellen Grundlagen.<\/p><p>Dabei ist das Potenzial f&uuml;r eine au&szlig;erparlamentarische Opposition ja vorhanden. Der Erfolg der Rechtspopulisten ist daf&uuml;r ein deutliches Indiz. Ihnen ist es vorerst gelungen, das Unbehagen, ja die Wut der Menschen dar&uuml;ber, dass etwas fundamental schief l&auml;uft, <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2017\/02\/afd-bitterfeld-fluechtlinge-kapitalismus-arbeiterstadt\/komplettansicht\">auf ihre M&uuml;hlen zu leiten<\/a>. Es ist allerdings ebenso fatal wie traurig, dass Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus zum Kristallisationspunkt des Widerstands werden konnten. <\/p><p>Aus der aktuellen Bedrohung von rechts lassen sich aber auch Lehren ziehen und L&ouml;sungsans&auml;tze entwickeln. Offensichtlich ist es keine schlechte Idee, mit Hilfe eines Kristallisationspunktes die Menschen da abzuholen, wo sie stehen und sie hinter einer Idee, einem (diesmal aber emanzipatorischen) Narrativ zu vereinen. Hier schlie&szlig;t sich der Kreis, denn sowohl die abgeh&auml;ngten Geringverdiener und Arbeitsarmen wie auch die Arbeitslosen und die vom Abstieg bedrohte Mittelschicht w&uuml;nschen sich sicherlich als Erstes eine auf l&auml;ngere Perspektive sichere, dabei ordentlich bezahlte Besch&auml;ftigung, die ebenso ihre Existenz sichert wie sie ihnen die Selbstachtung (zur&uuml;ck)gibt. Daran l&auml;sst sich ansetzen. Im g&uuml;nstigsten Falle ist dies auch ein Kristallisationspunkt f&uuml;r die viel zu oft zerstrittene politische Linke. Unter Hintanstellung aller sonstigen Grabenk&auml;mpfe lie&szlig;e sich doch f&uuml;r die eine, die klar umrissene, die gute, die derzeit so wichtige Sache gemeinsam streiten.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Markus Kr&uuml;semann<\/strong> ist Soziologe am Institut f&uuml;r Regionalforschung, G&ouml;ttingen und Betreiber des Infoportals <a href=\"http:\/\/www.miese-jobs.de\">miese-jobs.de<\/a>.<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/dab09f1141a041438b7400c17de702dd\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Umverteilung nach oben ist im vollen Gange, und das bereits seit Jahrzehnten. Das hat nicht nur materielle Konsequenzen. 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