{"id":369,"date":"2004-10-09T13:16:37","date_gmt":"2004-10-09T12:16:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=369"},"modified":"2016-03-24T12:00:32","modified_gmt":"2016-03-24T11:00:32","slug":"unternehmerlager-im-steuersenkungsrausch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=369","title":{"rendered":"Unternehmerlager im Steuersenkungsrausch"},"content":{"rendered":"<p>Die acht Spitzenverb&auml;nde der Wirtschaft forderten am 7.Oktober eine rasche und grundlegende Reform der Unternehmensbesteuerung mit einer &bdquo;sp&uuml;rbaren Entlastung&ldquo; der Unternehmen. Der &bdquo;internationale Steuerwettbewerb&ldquo; dulde keinen Aufschub. &bdquo;Au&szlig;er immer neue Tarifsenkungen zu fordern, f&auml;llt Rogowski &amp; Co KG nicht viel ein&ldquo; sagt das Bundesfinanzministerium. Hans Eichel hat Recht.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Deutschland hat in Europa und weltweit mit die h&ouml;chste Unternehmenssteuerbelastung&ldquo; so beginnt das Klagelied in einem Papier unter dem Titel &bdquo;Grundanforderungen an eine Reform der Unternehmensbesteuerung&ldquo; das die acht Spitzenverb&auml;nde der Wirtschaft am 7. Oktober in Berlin der &Ouml;ffentlichkeit vorgestellt haben (<a href=\"http:\/\/www.dihk.de\/\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.dihk.de\/\">www.dihk.de<\/a>). Im Ergebnis wird einmal mehr die &bdquo;Senkung der hohen Belastung der Arbeitskosten insbesondere mit Sozialabgaben&hellip;.und eine sp&uuml;rbare (steuerliche) Entlastung&ldquo; der Unternehmen gefordert. <\/p><p><strong>Hat Deutschland wirklich die h&ouml;chste Unternehmenssteuerbelastung?<\/strong><\/p><p>Im Internationalen Vergleich liegt Deutschland nach diesem Papier mit Japan (40%) und den USA (Staat New York) (39,9%) mit einem nominalen Steuersatz von 40% mit am h&ouml;chsten. Frankreich, Spanien, die Niederlande, Italien, &Ouml;sterreich oder Belgien liegen zwischen 36 und 34%, einige Prozentpunkte niedriger. Gar nicht zu reden von den Steuerfluchtparadiesen im Westen, also Irland mit 12,5% oder der Schweiz mit immerhin auch nur 25%. Die Steuers&auml;tze in den &ouml;stlichen EU-Beitrittsl&auml;ndern reichen von Null (!) Prozent in Estland bis 31% in Tschechien und sprengen alle bisherigen Vergleichsma&szlig;st&auml;be. (Alle Angaben aus dem o.g. Papier)<\/p><p>Unter dem Druck des internationalen Steuerdumpings hat die Bundesregierung die Unternehmenssteuern in 2004 schon von 40 auf 38,7% abgesenkt. Auch andere L&auml;nder wie &Ouml;sterreich oder Belgien sind in den internationalen Steuersenkungswettbewerb schon eingestiegen. Die Dumpings&auml;tze in Osteuropa werden &ndash; jedenfalls bis die horrende Staatsverschuldung in diesen L&auml;ndern nicht zum Umdenken zwingt &ndash; den Druck auf weitere Steuersenkungen noch erh&ouml;hen. <\/p><p>Nun sagt allerdings die Steuerbelastung allein noch nicht viel &uuml;ber die Qualit&auml;t und Attraktivit&auml;t eines Standorts aus, sonst w&auml;ren die skandinavischen L&auml;nder mit erheblich h&ouml;heren Steuern schon l&auml;ngst aus dem Rennen. Die Investitionsbereitschaft h&auml;ngt ja wohl auch von vielen anderen Standortfaktoren ab. Ein Land mit schlechter Infrastruktur oder einer miserablen Zivilgerichtsbarkeit oder einer hohen Kriminalit&auml;t wird auch mit niedrigen Steuers&auml;tzen nicht sonderlich attraktiv.<\/p><p>Viel entscheidender ist aber, was bei der Diskussion um Steuersenkungen von den Verbandsfunktion&auml;ren bewusst verschwiegen wird: Die Statistik &uuml;ber die nominalen Unternehmenssteuers&auml;tze ist zwar eine von den Vertretern der Wirtschaft gerne und h&auml;ufig aufgesuchte Klagemauer, sie sagt allerdings &uuml;ber die effektiv von den Unternehmen in Deutschland bezahlten Steuern wenig bis gar nichts aus. Entscheidend f&uuml;r die tats&auml;chlich bezahlten Steuern sind n&auml;mlich die so genannte Bemessungsgrundlage und die Steuerschlupfl&ouml;cher, also die Abschreibungsm&ouml;glichkeiten oder Sonderregelungen. Vor allem bei den Bemessungsgrundlagen f&uuml;r die H&ouml;he der Steuern, packen die Steuerbeh&ouml;rden vergleichbarer L&auml;nder, etwa in England oder Irland weitaus h&auml;rter zu als bei uns.<\/p><p>Jedermann wei&szlig; doch inzwischen, dass z.B. so gro&szlig;e Konzerne wie Daimler oder Bayer jahrelang keinen Cent Steuer abgef&uuml;hrt haben. Vodafone will sogar die milliardenschweren Spekulationsgewinne bei der &Uuml;bernahme von Mannesmann als Verluste von der Steuer absetzen.<\/p><p>Die effektive Besteuerung auf privates Kapitaleinkommen in Deutschland lag z.B. nach einer Berechnung des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) im Jahr 2001 bei 22,6% und damit niedriger als im Durchschnitt der EU-15-Staaten mit 29,8%. Sie betrug in Frankreich effektiv 39,1%, Gro&szlig;britannien 35,1 und selbst im Steuerparadies Irland 29,2%, also immerhin sieben Prozentpunkte mehr als im Land mit der angeblich &bdquo;h&ouml;chsten Steuerbelastung&ldquo;. (Claus Sch&auml;fer, in WSI-Mitteilungen 11\/2003 S. 641, <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.boeckler.de\">www.boeckler.de<\/a>). Untersuchungen des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs (dem jedenfalls nicht der Vorwurf der Gewerkschaftsn&auml;he gemacht werden kann) kommen zu ganz &auml;hnlichen Ergebnissen: Die Steuerbelastung von Kapitalgesellschaften hat sich von1999 bis 2003 von 20,4 auf 11,4%, von Personengesellschaften von 17,5 auf 13,1% und bei den Dividendensteuern von 58 auf 33% gesenkt (Wirtschaftsdienst 3\/2004, S. 154, <a href=\"http:\/\/www.jarass.com\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.jarass.com\">www.jarass.com<\/a>)<\/p><p>Aber nicht nur die Wissenschaft, auch Unternehmensverbandsvertreter selbst wiederlegen die Behauptungen &uuml;ber die wettbewerbsfeindlich hohen Unternehmenssteuern in Deutschland. Solche Stimmen kommen allerdings &ndash; wie immer wenn es sich um g&uuml;nstigere Wirtschaftsdaten handelt &ndash; nicht aus dem In-, sondern aus dem Ausland. So sagt etwa Digby Jones, der Generaldirektor des CBI, des Dachverbandes der britischen Unternehmer, dass &ndash; selbst unter Einbeziehungen der in Deutschland bekanntlich weitaus h&ouml;heren Sozialleistungen &ndash; die britische Wirtschaft mit Steuern und Sozialabgaben nahezu genau so hoch belastet ist, wie die deutsche. Der britische Unternehmerverband hat in einer Statistik die Belastung der Wirtschaft mit Steuern und Sozialabgaben am Bruttoinlandsprodukt gemessen. Danach muss die Wirtschaft in Franreich 14,4%, in Deutschland 10,1%, in Gro&szlig;britannien 9,9%, in den Niederlanden 9,7%, in den USA 7,2% gemessen am Sozialprodukt an den Fiskus und an die Sozialkassen abf&uuml;hren. (zit.nach SZ v. 14.10.03).<br>\nAuch unter Ber&uuml;cksichtigung der naheliegenden Vermutung, dass den britischen Verbandsvertreter dieselben Motive geleitet haben d&uuml;rften wie unsere deutschen Wirtschaftsfunktion&auml;re, n&auml;mlich politischen Druck auf Steuersenkungen auszu&uuml;ben, kann man kaum bestreiten, dass das Jammern bei uns im Lande mal wieder ma&szlig;los &uuml;bertrieben wird.<\/p><p>Die Tatsachen sprechen n&auml;mlich eine ganz andere Sprache: Die gesamte relative Abgabenbelastung der Unternehmens- und Verm&ouml;genseinkommen ist von 1999 auf 2003 von 22,9 auf 15,7%, also um 7,2 Prozentpunkte (HWWA Wirtschaftsdienst ebd.) gefallen, was allein f&uuml;r das Jahr 2003 ca. 31,7 Milliarden Euro geringere &ouml;ffentliche Haushaltseinnahmen ausmacht. Nimmt man noch die weitere Tatsache hinzu, dass sich die Steuerbelastung von Unternehmens- und Verm&ouml;genseinkommen im Vergleich zur Belastung des Arbeitnehmerentgelts seit 1980 mehr als halbiert hat (HWWA ebd.), so ist es nicht &uuml;bertrieben, wenn man sagt, dass das Unternehmerlager einem Steuersenkungsrausch (R. Hickel) verfallen ist. (Am liebsten w&auml;re ihnen wohl ein Steuersatz wie in Estland, n&auml;mlich Null, dann w&uuml;rden nur noch die unselbst&auml;ndig Besch&auml;ftigten und die Konsumenten Steuern bezahlen.) <\/p><p>Das Papier der Wirtschaftsverb&auml;nde endet in einem flammenden Aufruf: &bdquo;Eine solche (Steuer-)Reform ist &uuml;berf&auml;llig und im gesamtwirtschaftlichen Interesse f&uuml;r Wachstum und Besch&auml;ftigung notwendig. Davon profitieren Wirtschaft und B&uuml;rger gleicherma&szlig;en&ldquo;.<\/p><p>So als h&auml;tten wir in Deutschland Kapitalknappheit und als m&uuml;ssten die Kapitalertr&auml;ge besonders privilegiert werden? Haben die drastischen Steuersenkungen in wohl dreistelliger Milliardenh&ouml;he durch die Unternehmenssteuerreformen der letzten Jahren zu Investitionen in Deutschland gef&uuml;hrt?<br>\nSie haben zu nichts anderem gef&uuml;hrt als zu drastischen Steuerausf&auml;llen und zu einer steigenden Staatsschuld, zu immer weiteren Einsparungen staatlicher Leistungen, zu einer erheblichen Senkung der &ouml;ffentlichen Investitionen und damit zu einer weiter zur&uuml;ckgehenden oder stagnierenden Binnennachfrage. Der schwache Binnenkonsum ist aber doch &ndash; erkannter ma&szlig;en &ndash; eines der Haupthindernisse auf dem Weg in eine verbesserte Konjunktur.<\/p><p>Hans Eichel &ndash; den wir auf den NachDenkSeiten wegen seiner vermeintlichen Sparpolitik h&auml;ufig genug kritisiert haben, hat Recht, wenn er sagt: &bdquo;Es passt nicht zusammen, gestern die hohe Neuverschuldung zu kritisieren, und heute zu sagen: Wir wollen weniger Steuern zahlen&ldquo;. <\/p><p>Wie oft wollen die Wirtschaftsverb&auml;nde eigentlich noch Steuerreformen machen? Wie oft soll es noch hei&szlig;en &bdquo;nach der Reform ist vor der Reform&ldquo;. Es ist an der Zeit, dass es in unserem Land wieder verl&auml;ssliche Rahmenbedingungen gibt. Die immerw&auml;hrende Revision der f&uuml;r die Wirtschaft gesetzten Daten f&uuml;hrt eher zu Verunsicherungen und geh&ouml;rt inzwischen zu einem wirklichen Investitionshemmnis.<\/p><p><strong>Anmerkung: <\/strong><\/p><p>Man mag die Diskrepanzen zwischen nominalen Steuers&auml;tzen und effektiven Steuerzahlungen bedauern und sie mag wirklich dazu f&uuml;hren, dass kleinere Unternehmen, die die Steuertricks nicht kennen, benachteiligt werden. Man muss allerdings davon ausgehen, dass alle Schlupfl&ouml;cher und Sonderregelungen nicht ohne die Wirtschaftslobby zum Gesetz geworden sind und vielleicht sogar, dass sie einen Sinn haben oder hatten. Jedenfalls ist es unlauter, wenn man so argumentiert, als habe man damit nichts zu tun und als k&ouml;nne man die tats&auml;chliche Steuerbelastung einfach verschweigen, um seine politischen Ziele durchzusetzen und damit die &Ouml;ffentlichkeit hinters Licht zu f&uuml;hren.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die acht Spitzenverb&auml;nde der Wirtschaft forderten am 7.Oktober eine rasche und grundlegende Reform der Unternehmensbesteuerung mit einer &bdquo;sp&uuml;rbaren Entlastung&ldquo; der Unternehmen. Der &bdquo;internationale Steuerwettbewerb&ldquo; dulde keinen Aufschub. &bdquo;Au&szlig;er immer neue Tarifsenkungen zu fordern, f&auml;llt Rogowski &amp; Co KG nicht viel ein&ldquo; sagt das Bundesfinanzministerium. Hans Eichel hat Recht. <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[123,137],"tags":[443,278,1207],"class_list":["post-369","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kampagnentarnworteneusprech","category-steuern-und-abgaben","tag-standortwettbewerb","tag-steuersenkungen","tag-unternehmenssteuer"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/369","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=369"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/369\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32495,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/369\/revisions\/32495"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=369"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=369"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=369"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}