{"id":36903,"date":"2017-02-07T09:12:09","date_gmt":"2017-02-07T08:12:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36903"},"modified":"2019-01-04T12:21:41","modified_gmt":"2019-01-04T11:21:41","slug":"rezension-von-ulrich-schneiders-kein-wohlstand-fuer-alle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36903","title":{"rendered":"Rezension von Ulrich Schneiders \u201eKein Wohlstand f\u00fcr alle!?\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Wohlstand f&uuml;r alle&ldquo; hei&szlig;t Ludwig Erhards 1957 erschienenes Buch. Dass es mit dieser Leitidee des fr&uuml;heren Bundeswirtschaftsministers 60 Jahre sp&auml;ter nicht so weit her ist, kann man nun in Ulrich Schneiders neuem Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/kein-wohlstand-fuer-alle-ebook\/\">Kein Wohlstand f&uuml;r alle!? &ndash; Wie sich Deutschland zerlegt und was wir dagegen tun k&ouml;nnen<\/a>&ldquo; nachlesen . Der Hauptgesch&auml;ftsf&uuml;hrer des Parit&auml;tischen Wohlfahrtsverbandes besch&auml;ftigt sich darin einmal mehr mit der sozialen Spaltung in Deutschland, er zeigt Ausma&szlig; und Ursachen auf und skizziert L&ouml;sungsvorschl&auml;ge. Das Buch ist nun beim Westend Verlag erschienen, die Vorstellung fand bereits Ende Januar in dem kleinen, aber feinen Buchh&auml;ndlerkeller in Berlin-Charlottenburg statt. Von <strong>Thomas Trares<\/strong> [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nPr&auml;sentiert hat das Werk der K&ouml;lner Politikwissenschaftler und Armutsforscher Christoph Butterwegge, der in diesem Jahr auf Vorschlag der Linken f&uuml;r das Amt des Bundespr&auml;sidenten kandidiert. &bdquo;Das Buch kontrastiert zu Merkels &acute;Deutschland geht es gut&acute;. Es tr&auml;gt dazu bei, die Augen zu &ouml;ffnen&ldquo;, sagte Butterwegge. In Schneider sieht er einen &bdquo;Anwalt der sozial Benachteiligten und Unterprivilegierten&ldquo;. Wichtig sei, dass jemand Partei f&uuml;r die Armen ergreift, da diese dies in der Regel nicht selbst tun k&ouml;nnten.<\/p><p>Liest man das Buch, dann merkt man sehr schnell, dass es Schneider nicht nur um die gut 15 Prozent der Bev&ouml;lkerung geht, die in Deutschland als arm gelten, sondern auch um jene rund 40 Prozent der Bev&ouml;lkerung, die von der &bdquo;Hand in den Mund&ldquo; leben, weil sie keine Ersparnisse bilden k&ouml;nnen, um die Leiharbeiter mit befristeten Arbeitsvertr&auml;gen oder all jene mit br&uuml;chiger Erwerbsbiographie, die sp&auml;ter einmal von Altersarmut bedroht sind. Schneider sieht das Land aber nicht nur sozial, sondern auch regional gespalten. &bdquo;Es gibt mittlerweile Regionen wie Bremerhaven oder Gelsenkirchen mit Hartz-IV-Quoten unter den Kindern von &uuml;ber 40 Prozent &ndash; eigentlich unvorstellbar&ldquo;, schreibt er.<\/p><p>Die zunehmende soziale Ungleichheit ist freilich kein Zufall, sondern &bdquo;ins Werk gesetzt von Lobbyisten&ldquo;. Diese h&auml;tten den &bdquo;sukzessiven R&uuml;ckzug des Staates aus seiner sozialstaatlichen Verantwortung&ldquo; vorangetrieben. Den Startpunkt dieser Entwicklung sieht Schneider Anfang der 80er Jahre in der Angebotspolitik des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl, die 1998 von SPD und Gr&uuml;nen nicht nur nahtlos fortgesetzt, sondern sogar noch forciert werden sollte. &bdquo;Die Antwort der rot-gr&uuml;nen Bundesregierung fiel nach mittlerweile bekanntem angebotspolitischem Muster aus &ndash; nur viel brachialer als unter Helmut Kohl&ldquo;, schreibt Schneider. Er z&auml;hlt auf: die Senkung des Spitzensteuersatzes von 53 auf 42 Prozent, die Senkung der K&ouml;rperschaftsteuer, die Steuerbefreiung beim Verkauf von Unternehmensbeteiligungen, die Demontage der gesetzlichen Rente, die Agenda 2010.<\/p><p>&bdquo;Es ist keine &Uuml;bertreibung, sondern eine ganz n&uuml;chterne Feststellung: Es war der wohl radikalste und enthemmteste Eingriff in die bundesdeutsche Sozialstaatlichkeit seit Bestehen der Bundesrepublik. Tradierte sozialstaatliche Prinzipen wurden einfach beendet&ldquo;, stellt Schneider fest. Auch unter den nachfolgenden Regierungen hat sich an dieser Politik nichts Grundlegendes ge&auml;ndert. Unter dem Strich wandelte sich so im Laufe der Jahre eine &bdquo;nivellierte Mittelstandsgesellschaft&ldquo;, wie sie der Soziologe Helmut Schelsky f&uuml;r die sechziger Jahre der Bundesrepublik feststellte, in eine sozial gespaltene.<\/p><p>Verantwortlich f&uuml;r all dies macht Schneider den Siegeszug der neoliberalen Ideologie. &bdquo;Neoliberale Denkschablonen und A-priori-Gewissheiten haben sich durchgesetzt&ldquo;, konstatiert er. Von dem neoliberalen Virus wurden freilich auch die Sozialdemokraten infiziert. &bdquo;Es gibt keine rechte oder linke Wirtschaftspolitik, sondern nur noch eine richtige oder falsche!&ldquo;, verk&uuml;ndete Altbundeskanzler Gerhard Schr&ouml;der Anfang dereinst. Schneider sieht darin einen &bdquo;Schl&uuml;sselsatz&ldquo; jener Zeit: &bdquo;Das neoliberale Argument, wonach sich Interessengegens&auml;tze bei rationaler &ouml;konomischer Betrachtung ohnehin im gemeinsamen Trachten nach gr&ouml;&szlig;tm&ouml;glicher Rendite deutscher Unternehmen weitestgehend aufl&ouml;sen m&uuml;ssten, fand in Schr&ouml;ders radikalem Pragmatismus die perfekte politische Vermarktung.&ldquo;<\/p><p>Schneider will nun die neoliberalen Denkmuster aufbrechen und fordert eine Restauration des Sozialstaats, dessen Kernelement die Wiederbelebung der gesetzlichen Rente sein soll. &bdquo;Ist das Herzst&uuml;ck des deutschen Sozialstaates seine Sozialversicherung, so ist das Herzst&uuml;ck der Sozialversicherung die gesetzliche Rente. Die Konsequenz kann nur sein: Abschaffung der Riester-F&ouml;rderung und der F&ouml;rderung der betrieblichen Altersversorgung, stattdessen die St&auml;rkung der gesetzlichen Rentenversicherung.&ldquo; Als Vorbild dient ihm dabei die Alters- und Hinterlassenenversicherung der Schweiz.<\/p><p>Ferner fordert er, die Altersgrundsicherung auszubauen, die Arbeitslosenversicherung &bdquo;armutsfest&ldquo; zu machen, die Regels&auml;tze bei Hartz IV zu erh&ouml;hen und gleichzeitig die Sanktionen abzuschaffen, das Kindergeld zu erh&ouml;hen und die kommunale Infrastruktur auszubauen. Denn die &bdquo;erschwinglichen oder sogar kostenfreien Angebote der Kommunen und der vielen Verb&auml;nde, Vereine und Initiativen sind von ganz enormer Bedeutung f&uuml;r die Lebensqualit&auml;t und Teilhabe&ldquo;. Flankiert werden soll all dies von einer solidarischen und gerechten Steuerpolitik, die die notwendigen Mittel f&uuml;r die geforderte Restauration des Sozialstaats beschafft.<\/p><p>Dem bedingungslosen Grundeinkommen steht Schneider hingegen skeptisch gegen&uuml;ber. Zwar h&auml;lt er die Idee f&uuml;r sympathisch, weil sie &bdquo;ganz anders als das misanthropische Hartz IV, von einem sehr positiven Menschenbild ausgeht&ldquo;, allerdings sieht er in dem Ganzen derzeit nicht mehr als ein &bdquo;Modell vom Rei&szlig;brett&ldquo;.<\/p><p>Vieles von dem, was Schneider in seinem Buch vortr&auml;gt, wird dem Leser bereits aus der allgemeinen &ouml;ffentlichen Diskussion bekannt vorkommen. Der Verdienst Schneiders ist es jedoch, all die einzelnen Punkte zusammenzuf&uuml;gen und die Grundlinien der Entwicklung dem Leser noch einmal vor Augen zu f&uuml;hren. Zudem macht Schneider deutlich, dass eine andere Sozialpolitik jenseits des neoliberalen Dogmas m&ouml;glich und machbar ist. Auch ist das Buch in einer klaren und deutlichen Sprache gehalten. Oder wie sagte Christoph Butterwegge noch einmal bei der Pr&auml;sentation? &bdquo;Das Buch ist verst&auml;ndlich und leicht lesbar, popul&auml;rwissenschaftlich und informativ.&ldquo; Recht hat der Mann!<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Thomas Trares ist Diplom-Volkswirt. Studiert hat er an der Johannes Gutenberg-Universit&auml;t Mainz. Danach war er Redakteur bei der Nachrichtenagentur vwd. Seit &uuml;ber zehn Jahren arbeitet er als freier Wirtschaftsjournalist in Berlin.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/d4ce37fbd56e4037bc4d55d24eb6b364\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Wohlstand f&uuml;r alle&ldquo; hei&szlig;t Ludwig Erhards 1957 erschienenes Buch. Dass es mit dieser Leitidee des fr&uuml;heren Bundeswirtschaftsministers 60 Jahre sp&auml;ter nicht so weit her ist, kann man nun in Ulrich Schneiders neuem Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/kein-wohlstand-fuer-alle-ebook\/\">Kein Wohlstand f&uuml;r alle!? &ndash; Wie sich Deutschland zerlegt und was wir dagegen tun k&ouml;nnen<\/a>&ldquo; nachlesen . Der Hauptgesch&auml;ftsf&uuml;hrer des Parit&auml;tischen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36903\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[205,208,146,145,132],"tags":[1550,881,213,646,904,1494,444,288,214,307,413,1239,411,279,1265,218,687,1207,291],"class_list":["post-36903","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-neoliberalismus-und-monetarismus","category-rezensionen","category-soziale-gerechtigkeit","category-sozialstaat","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-agenda-2010","tag-armut","tag-butterwegge-christoph","tag-erhard-ludwig","tag-grv","tag-infrastruktur","tag-kindergeld","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-regelsatz","tag-sanktionen","tag-schlanker-staat","tag-schneider-ulrich","tag-schroeder-gerhard","tag-spitzensteuersatz","tag-steuerbefreiung","tag-teilhabe","tag-ungleichheit","tag-unternehmenssteuer","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36903","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=36903"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36903\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48239,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36903\/revisions\/48239"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=36903"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=36903"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=36903"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}