{"id":36957,"date":"2017-02-09T09:45:16","date_gmt":"2017-02-09T08:45:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36957"},"modified":"2018-12-27T11:27:54","modified_gmt":"2018-12-27T10:27:54","slug":"der-nsu-vs-komplex-aus-sicht-polizeilicher-ermittlungsmethoden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36957","title":{"rendered":"Der NSU-VS-Komplex aus Sicht polizeilicher Ermittlungsmethoden"},"content":{"rendered":"<p>Im viertel Teil unserer  Serie zum NSU-VS-Komplex [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36957#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] unternimmt unser Autor <strong>Wolf Wetzel<\/strong> einen eher ungew&ouml;hnlichen Perspektivwechsel. Er wird bei der (Nicht-)Aufkl&auml;rung der neonazistischen Mordserie <strong>polizeiliche Ermittlungsmethoden<\/strong> zu Hilfe nehmen. Dieser Perspektivwechsel und das Ergebnis werden f&uuml;r einige &Uuml;berraschungen sorgen.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_867\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-36957-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170209_Der_NSU_VS_Komplex_IV_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170209_Der_NSU_VS_Komplex_IV_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170209_Der_NSU_VS_Komplex_IV_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170209_Der_NSU_VS_Komplex_IV_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=36957-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170209_Der_NSU_VS_Komplex_IV_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"170209_Der_NSU_VS_Komplex_IV_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die vorangegangenen Beitr&auml;ge finden Sie hier:<\/p><ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36493\">Der 11. Tatort im NSU-VS-Komplex: Bundesamt f&uuml;r Verfassungsschutz\/BfV in K&ouml;ln<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36047\">Der Mordanschlag auf Polizisten in Heilbronn 2007<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35857\">Das unwahrscheinliche Ende des NSU |Eisenach 2011<\/a><\/li>\n<\/ul><p>Bei der Suche nach Antworten, die von der offiziellen Version abweichen, wird man ganz schnell von denen, die beweisfreie R&auml;ume anlegen, mit dem Bannstrahl der Verschw&ouml;rungstheorie belegt. Man k&ouml;nne f&uuml;rwahr Zweifel anmelden, die man gerne und folgenlos teile und bedauere. Alles andere bliebe pure Spekulation.<\/p><p>Kann man dennoch und begr&uuml;ndbar zu einem anderen Schluss kommen? Kann man der offiziellen <em>Wahrheitsfindung<\/em> widersprechen, ihr etwas anderes entgegensetzen? Kann man dies im Wissen um die L&uuml;cken, im Wissen um all das, was man nicht wei&szlig;? Man darf davon ausgehen, dass nun vielleicht zwanzig Prozent von dem &ouml;ffentlich ist, was den Komplex &rsaquo;NSU&lsaquo; umfasst. 80 Prozent der Geschehnisse liegen weiterhin im Dunkeln. Das liegt nicht an den Lichtverh&auml;ltnissen, sondern an dem konzertierten Willen vieler Beh&ouml;rden, taterhebliche Erkenntnisse zu leugnen, Akten verschwinden zu lassen, mit Falschaussagen zu t&auml;uschen, Beweismittel verschwinden zu lassen.<\/p><p>Im Dunkeln kann niemand etwas sehen, auch wenn man sich an die Dunkelheit gew&ouml;hnt hat. Es macht also keinen Sinn, &uuml;ber die 80 Prozent zu spekulieren, dort Mutma&szlig;ungen anzustellen. Aus diesem Grunde m&uuml;ssen sich die Einsch&auml;tzungen auf die zwanzig Prozent beziehen, die uns allen zur Verf&uuml;gung stehen.<\/p><p>Wie kann man also mehr als Zweifel anmelden? Kann man einen anderen Geschehensablauf begr&uuml;nden? Diese Fragen haben mich von Beginn an besch&auml;ftigt, als ich die Spuren, Erz&auml;hlungen, Fakten, falschen F&auml;hrten zum NSU-VS-Komplex zu sortieren, zu bewerten versuchte.<\/p><p>In dieser Phase der Zweifel suchte ich nach geeignetem Werkzeug: Ich schaute mich auf der anderen Seite um &ndash; bei den polizeilichen Ermittlern. Mit welchen Methoden arbeiten sie? Wie machen sie sich auf Wahrheitssuche? Also las ich deren Handb&uuml;cher zur Beweissicherung und &ndash;auswertung. Ich m&ouml;chte das ganz kurz vorstellen, denn zu meiner &Uuml;berraschung sprechen Polizeiermittler nicht von der Wahrheit, sondern von einer Wahrscheinlichkeitsprognose.<\/p><p><strong>Ermittlungsmethoden<\/strong><\/p><p>Wer sich mit polizeilichen Ermittlungst&auml;tigungen und -methoden besch&auml;ftigt, wird schnell erfahren, dass dort &rsaquo;der Zufall&lsaquo; &ndash; also die Lehre vom Unwahrscheinlichen &ndash; als Erkenntnismethode nicht vorkommt. Zu Recht. Denn polizeiliche Ermittlungsmethoden gehen vom Gegenteil aus: von der Wahrscheinlichkeit eines Geschehensablaufes. Denn weder die Polizei noch ein Staatsanwalt noch ein Richter kennen die Wahrheit. Sie k&ouml;nnten im besten Fall nur ein Geschehen rekonstruieren &ndash; mithilfe von Indizien, Zeugen und Spuren. Ausgangspunkt ist folglich nicht ein Geschehen, ein bestimmtes, sondern verschiedene Geschehensabl&auml;ufe, die sich aus den &rsaquo;Beweismitteln&lsaquo; ergeben. Das bekommt &ndash; in der Theorie &ndash; den Namen: Ermittlungen in alle Richtungen.<\/p><p>Am Ende dieses Ermittlungsprozesses bleibt ein Geschehensablauf, der aufgrund der vorhandenen Beweismittel in sich konsistent ist, am plausibelsten den Tatablauf wiedergibt. Das hat mich in zweierlei Hinsicht &uuml;berzeugt. Erstens muss man alle Beweise sichern, egal, ob sie einem passen oder nicht, ob sie unwichtig sind oder st&ouml;ren k&ouml;nnten. Dann rekonstruiert man die verschiedenen Geschehensabl&auml;ufe &ndash; anhand der Fakten. Denn auch polizeiliche Ermittler k&ouml;nnen nur &bdquo;rekonstruieren&ldquo;, also im Nachlauf etwas plausibel machen, was anhand der Fakten ein Bild ergibt. Und das ist selten eindeutig. Im besten Fall ist der fallengelassene Geschehensablauf ein Korrektiv, um daran immer wieder die eigene Entscheidung messen zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Und dann gibt es noch einen weiteren, ganz gro&szlig;en Vorteil, diese Methode anzuwenden: Man kann damit kaum besser die allermeisten Ermittlungsergebnisse im Fall NSU demontieren &ndash; mit ihren eigenen Waffen.<\/p><p><strong>Kontaminierte Ermittlungsergebnisse<\/strong><\/p><p>Und einen weiteren Vorteil m&ouml;chte ich hier anf&uuml;hren: Man kann mithilfe dieser Ermittlungsmethode <em>die politische Einflussnahme auf polizeiliche Ermittlungen<\/em> sehr genau kenntlich machen und extrahieren. Denn es kommt oft genug vor, dass die polizeilichen Ermittlungen (vor Ort) gar nicht so schlecht sind und zu einem anderen Ergebnis gef&uuml;hrt h&auml;tten &ndash; wenn nicht &uuml;bergeordnete Stellen die Ermittlungen &bdquo;geleitet&ldquo; bzw. in eine gew&uuml;nschte Richtung gelenkt h&auml;tten. Das sind alles keine obskuren Kr&auml;fte, sondern sie lassen sich entlang der Diensthierarchien und Weisungsbefugnissen sehr pr&auml;zise benennen. Dazu z&auml;hlt als unmittelbar Vorgesetzte der Polizei die Leitende Staatsanwaltschaft, die die polizeilichen Ermittlungen &bdquo;f&uuml;hrt&ldquo;. Direkt dar&uuml;ber steht das Justizministerium, also ggf. der Justizminister, der einen &bdquo;Fall&ldquo; an sich ziehen kann. Man muss dazu wissen, dass entgegen landl&auml;ufiger Annahme die Staatsanwaltschaft in Deutschland nicht unabh&auml;ngig ist, sondern &bdquo;weisungsgebunden&ldquo;. Und dann sind je nach Dimension und Gewicht des Falles noch einflussreichere Institutionen im Spiel, die die Ermittlungsarbeit vor Ort steuern bzw. nachjustieren: Der Innenminister als oberster Dienstherr von Polizei und Geheimdienst, die nationalen &bdquo;Lagezentren&ldquo; von Polizei und Geheimdienst und das Bundeskanzleramt, die operative Letztinstanz, wenn es um F&auml;lle der &bdquo;Staatssicherheit&ldquo; geht.<\/p><p>Genau diese &uuml;bergeordneten Institutionen hinterlassen &bdquo;Spuren&ldquo; ihrer Einflussnahme &ndash; und das ganz besonders h&auml;ufig und massiv an den Tatorten, die dem NSU zugeschrieben werden. Wie z.B. bei Anschlag in K&ouml;ln 2004, als der damalige Innenminister Otto Schily nur ein paar Tage nach dem Anschlag, faktenfrei, verk&uuml;ndete:<\/p><blockquote><p>&raquo;Die Erkenntnisse, die unsere Sicherheitsbeh&ouml;rden bisher gewonnen haben, deuten nicht auf einen terroristischen Hintergrund, sondern auf ein kriminelles Milieu.&laquo; (wdr.de vom 2.11.2012)<\/p><\/blockquote><p>&Auml;hnlich ermittlungslenkend griff der damalige hessische Innenminister Volker Bouffier in den Mordfall in Kassel 2006 ein, als die Polizei den Verfassungsschutzmitarbeiter Andreas Temme als m&ouml;glichen Tatverd&auml;chtigen im Visier hatte und die Vernehmung von Neonazis forderte, die Andreas Temme als V-Leute &bdquo;f&uuml;hrte&ldquo;. Der hessische Innenminister verweigerte ihre Vernehmung und stoppte Ermittlungen in diese Richtung.<\/p><p>Auch beim Mordanschlag in Heilbronn 2007 auf zwei Polizisten st&ouml;&szlig;t man auf diese &bdquo;sch&uuml;tzende Hand&ldquo; (von der Krimiautor Wolfgang Schorlau in seinem gleichnamigen Buch spricht): Obwohl die polizeilichen Ermittlungen zu dem Ergebnis kamen, dass 4 &ndash; 6 T&auml;ter an dem Mordanschlag beteiligt gewesen sein m&uuml;ssen, legte sich die Generalbundesanwaltschaft auf zwei T&auml;ter fest: Mundlos und B&ouml;hnhardt.<\/p><p>Sich die polizeilichen Ermittlungsmethoden vor Augen zu halten, erm&ouml;glicht es, sehr pr&auml;zise ihre Hintergehung nachzuweisen. Denn es fehlt &ndash; am Beispiel der NSU-Aufkl&auml;rung &ndash; nicht an Beweismitteln, die die polizeilichen Ermittler gesichert und zusammengetragen haben. Was gerade im Fall des &ldquo;NSU&rdquo; auff&auml;llt, geradezu ins Auge sticht, ist die Tatsache, dass viele dieser Beweismittel verschwunden sind: Mal wurden sie &ldquo;versehentlich&rdquo; vernichtet, mal hat man sie &ldquo;kontaminiert&rdquo;, also unbrauchbar gemacht. Normalerweise sind Beweismittel, die nicht in das Ermittlungsergebnis einflie&szlig;en, kein Problem. Sie w&uuml;rden sogar beweisen und untermauern, dass das Ermittlungsergebnis einer &Uuml;berpr&uuml;fung standh&auml;lt.<\/p><p>Beweismittel sind nur dann ein Problem, wenn ihre Existenz beweisen w&uuml;rde, dass das Ermittlungsergebnis manipuliert, mit Vorsatz frisiert wurde. Genau dies l&auml;sst sich am NSU-Fall an fast jedem Tatort belegen, der dem NSU zugeschrieben wird.<\/p><p>Vom Ende her aufgerollt, sei an die &lsquo;Tatortsicherung&rsquo; in Eisenach-Stregda 2011 erinnert. Die ersten f&uuml;nfzehn Minuten liefen dort noch normal, mit g&auml;ngiger Ermittlungsroutine. Die Feuerwehr l&ouml;scht zuerst den Brand und dokumentiert dann ihre Arbeit, mit Hilfe von Fotos, was diese auch tat. Doch alles, was f&uuml;nfzehn Minuten danach passiert ist, diente vor allem einem: der Beseitigung von Beweismitteln. Der zust&auml;ndige Einsatzleiter Menzel beschlagnahmte amtsanma&szlig;end und dienstwidrig die Kamera der Feuerwehr. Die Bilder werden nie wieder auftauchen. Dann schickte er die gerufene Gerichtsmedizinerin weg, die anhand der Spuren und Lage der Toten vor Ort u.a. den Todeszeitpunkt bestimmen oder anhand der &ldquo;Blutmuster&rdquo; einen m&ouml;glichen Geschehensablauf h&auml;tte rekonstruieren k&ouml;nnen. Und als n&auml;chstes ordnete dieser an, den Campingwagen auf einer 30 Grad geneigten Rampe abschleppen zu lassen, was eine Tatortanalyse &uuml;berfl&uuml;ssig machte, weil dieser dadurch vollst&auml;ndig kontaminiert, also unbrauchbar gemacht worden war.<\/p><p>Im Fall Eisenach-Stregda 2011 kann man sagen: Man hatte gr&uuml;ndlich gearbeitet: Man hat erst gar keine Beweismittel gesichert, die man sp&auml;ter h&auml;tte beseitigen m&uuml;ssen. Ganz anders sieht es in den zur&uuml;ckliegenden F&auml;llen aus. Wenn man z.B. kurz nach der Selbstbekanntmachung des NSU behauptet, der NSU h&auml;tte aus sage und schreibe drei Mitgliedern bestanden und staatliche Stellen h&auml;tten keine (hei&szlig;e) Spur zum Nationalsozialistischen Untergrund und zum NSU-Netzwerk gehabt, dann muss man die &ldquo;Beweislage&rdquo; diesem Ergebnis anpassen. Hunderte von Akten von V-Leuten, die im Nahbereich des NSU-Netzwerkes operierten, wurden beseitigt. Der sicherlich gravierendste Fall ereignete sich an der Spitze, im Bundesamt f&uuml;r Verfassungsschutz\/BfV in K&ouml;ln: Dort wurden ausgerechnet die Akten von jenen V-M&auml;nnern beseitigt, die man zwischen 1998 und 2002 im Th&uuml;ringer Heimatschutz\/THS&ldquo; gewonnen&rdquo; hatte, also in jener neonazistischen Organisation, aus der der NSU hervorging.<\/p><p><strong>Wenn die Polizei den Geheimdienst abh&ouml;rt<\/strong><\/p><p>Die polizeilichen Ermittlungen waren im Mordfall Kassel 2006, der dem NSU zugeordnet wird, durchaus konsequent, geradezu vorschriftsm&auml;&szlig;ig: Man ermittelte tats&auml;chlich in <em>alle<\/em> Richtungen und stie&szlig; somit sehr schnell auf den hessischen Geheimdienstmitarbeiter Andreas Temme. Aufgrund der Beweismittel wurde er als Tatverd&auml;chtiger gef&uuml;hrt und aufgrund seiner fortgesetzten Unglaubw&uuml;rdigkeit abgeh&ouml;rt &ndash; &auml;u&szlig;erst ergiebig. &Uuml;ber Wochen wurden die Telefonanschl&uuml;sse &uuml;berwacht und protokolliert, die dieser benutzt hatte. Es waren &uuml;ber 200 Telefonate.<\/p><p>Dass die Polizei den Verfassungsschutz abgeh&ouml;rt hatte, ist sicherlich keine Allt&auml;glichkeit. Umso aufschlussreicher sind die Protokolle, nachdem eine von Anw&auml;lten entdeckte Manipulation r&uuml;ckg&auml;ngig gemacht werden konnte. Sie belegen aufs Eindringlichste, wie sich sein Vorgesetzter, LfV-Direktor Lutz Irrgang, wie sich der Geheimschutzbeauftragte des LfV, Gerald-Hasso Hess, bis hin zum hessischen Innenministerium darum bem&uuml;hten, die polizeilichen Ermittlungen zu sabotieren und Andreas Temme dergestalt zu coachen, dass die in Telefonaten immer wieder erw&auml;hnte <em>&bdquo;Kasseler Problematik&ldquo;<\/em> unter dem Teppich bleibt.<\/p><p>So gibt der Geheimschutzbeauftragte Gerald-Hasso Hess vom Landesamt f&uuml;r Verfassungsschutz\/LfV Andreas Temme in einem Telefonat vom 9.5.2006 folgenden Rat:<\/p><blockquote><p>&raquo;Herr Hess gibt den Rat, was er auch grunds&auml;tzlich bei der Arbeit sagt, so nahe wie m&ouml;glich an der Wahrheit zu bleiben.&laquo; (Komplex Temme, Band 15)<\/p><\/blockquote><p><em>So nahe wie m&ouml;glich<\/em> bedeutet nichts anderes als die Unwahrheit. Andreas Temme h&auml;lt sich an diese Vorgaben. Er gibt nur das zu, was eh nicht mehr zu leugnen ist. Und ein weiteres abgeh&ouml;rtes Telefonat zwischen Temme und Frank-Ulrich Fehling, Chef der Au&szlig;enstelle des LfV Hessen in Kassel, erf&uuml;llt alle Kriterien der Organisierten Kriminalit&auml;t\/OK:<\/p><blockquote><p>&raquo;Und, &auml;h, es ist alles ruhig, es ist alles, &auml;h, es l&auml;uft alles nach Plan und wie es weitergeht, m&uuml;ssen wir mal sehen.&laquo;<\/p><\/blockquote><p>Dass dies kein zuf&auml;lliges Zusammenspiel &uuml;berirdischer Kr&auml;fte ist, hat bereits im Juni 2012 Gerhard Hoffmann, leitender Kriminaldirektor des Polizeipr&auml;sidiums Nordhessen und damaliger Leiter der <em>&rsaquo;SOKO Caf&eacute;&lsaquo;<\/em>, gegen&uuml;ber den Mitgliedern des NSU-Ausschusses in Berlin ausgesagt. Aus dem Ged&auml;chtnis gibt Mely Kiyak folgenden Dialog zwischen Mitgliedern des Untersuchungsausschusses (UA) und dem SOKO-Chef Gerhard Hoffmann (GH) wieder: <\/p><blockquote><p>&raquo;GH: Innenminister Bouffier hat damals entschieden: Die Quellen von Herrn T. k&ouml;nnen nicht vernommen werden. Als Minister war er f&uuml;r den Verfassungsschutz verantwortlich.<\/p>\n<p>UA: Er war doch auch Ihr Minister! Ist Ihnen das nicht komisch vorgekommen? Jedes Mal, wenn gegen V-M&auml;nner ermittelt wurde, kam einer vom Landesamt f&uuml;r Verfassungsschutz vorbei, stoppt die Ermittlung mit der Begr&uuml;ndung, der Schutz des Landes Hessen ist in Gefahr. Aus den Akten geht eine Bemerkung hervor, die meint, dass man erst eine Leiche neben einem Verfassungssch&uuml;tzer finden m&uuml;sse, damit man Auskunft bekommt. Richtig?<\/p>\n<p>GH: Selbst dann nicht &hellip;<\/p>\n<p>UA: Bitte?<\/p>\n<p>GH: Es hei&szlig;t, selbst wenn man eine Leiche neben einem Verfassungssch&uuml;tzer findet, bekommt man keine Auskunft.&laquo; (FR vom 30.6.2012)<\/p><\/blockquote><p>Eigentlich hatte der Leiter der <em>&rsaquo;SOKO Caf&eacute;&lsaquo;<\/em> bereits sehr fr&uuml;h alles N&ouml;tige gesagt, wie die &sbquo;Aufkl&auml;rung&rsquo; vonstatten zu gehen hat. Er hat die &sbquo;rote Linie&rsquo; gezogen &ndash; und alle haben sich daran gehalten. Bis heute.<\/p><p>Dass das Gericht in M&uuml;nchen diese &sbquo;rote Linie&rsquo; ohne t&ouml;dliche Gefahr &uuml;berschreiten k&ouml;nnte, dass diese auch die parlamentarischen Untersuchungsaussch&uuml;sse in Berlin und Wiesbaden &uuml;bertreten k&ouml;nnten und m&uuml;ssten, w&auml;re ihre Aufgabe, ihre Pflicht.  Dass sie es dennoch nicht tun, liegt ganz sicher nicht an mangelndem Wissen, schon gar nicht an fehlenden M&ouml;glichkeiten.<\/p><p><strong>&ldquo;Wer an die offizielle Version glaubt, glaubt auch an die Zahnfee.&rdquo;<\/strong><\/p><p>Mario Melzer war &uuml;ber 20 Jahre beim LKA und als Zielfahnder in der SOKO Rechtsextremismus in Th&uuml;ringen t&auml;tig, also mit den polizeilichen Ermittlungs- und Fahndungsm&ouml;glichkeiten bestens vertraut. Dieses fachliche und praktische Wissen f&uuml;hrte ihn schlie&szlig;lich auch zu folgender Einsch&auml;tzung, mit Blick auf die Selbstmordversion:<\/p><blockquote><p>&ldquo;Wer an die offizielle Version glaubt, glaubt auch an die Zahnfee.&rdquo; (Man kann fast alles aufkl&auml;ren &ndash; man muss nur d&uuml;rfen, Stern Nr. 14\/2016)<\/p><\/blockquote><p>Es gibt ganz wenige polizeiliche Ermittler, die ihr Wissen, ihre Erfahrungen und ihre Ermittlungsergebnisse verteidigen. Diese spielen allesamt dann keine Rolle, wenn man Sanktionen entgehen will. Es gibt also weitaus mehr Ermittler, die es besser gewusst haben &hellip; und nun der &ldquo;offiziellen&rdquo; Version ihren Segen geben, indem sie schweigen bzw. gar nicht erst geh&ouml;rt werden.<\/p><p>Was man braucht, um Sanktionsdrohungen und Belohnungen zu widerstehen, sagt Mario Melzer unmissverst&auml;ndlich:<\/p><blockquote><p>&ldquo;Anders als andere habe ich nichts zu verlieren. Keine Familie, keine Schulden und sp&auml;testens seit meinen ersten Aussagen auch keine Karriere mehr.&rdquo; (Stern Nr. 14\/2016)<\/p><\/blockquote><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Der NSU-VS-Komplex. Wo beginnt der Nationalsozialistische Untergrund &ndash; wo h&ouml;rt der Staat auf? Unrast Verlag 2015\/3. Auflage<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im viertel Teil unserer Serie zum NSU-VS-Komplex [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36957#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] unternimmt unser Autor <strong>Wolf Wetzel<\/strong> einen eher ungew&ouml;hnlichen Perspektivwechsel. Er wird bei der (Nicht-)Aufkl&auml;rung der neonazistischen Mordserie <strong>polizeiliche Ermittlungsmethoden<\/strong> zu Hilfe nehmen. 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