{"id":370,"date":"2004-10-09T13:20:20","date_gmt":"2004-10-09T12:20:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=370"},"modified":"2016-03-24T11:58:50","modified_gmt":"2016-03-24T10:58:50","slug":"zur-debatte-uber-steuersenkungen-ein-blick-nach-frankreich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=370","title":{"rendered":"Zur Debatte \u00fcber Steuersenkungen: Ein Blick nach Frankreich"},"content":{"rendered":"<p>Die Debatte um den &bdquo;internationalen Steuerwettbewerb&ldquo; findet auch in Frankreich statt. Ein Beispiel f&uuml;r die Breite der Diskussion au&szlig;erhalb Deutschlands zu diesem Thema ist ein Artikel des Wirtschaftsprofessors Jean Gadrey in Le Monde vom 10. April 2004 unter dem Titel &bdquo;Die franz&ouml;sische Linke sollte endlich von der neoliberalen Steuersenkungsideologie Abschied nehmen&ldquo;. Damit wir nicht immer nur in unserem &bdquo;eigenen Saft schmoren&ldquo;, ein Blick in unser Nachbarland Frankreich.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die franz&ouml;sische Linke sollte endlich von der neoliberalen Steuersenkungsideologie Abschied nehmen<\/strong><\/p><p><em>Jean Gadrey, emeritierter Wirtschaftsprofessor an der Universit&auml;t Lille <\/em><\/p><p>Ein Teil der F&uuml;hrung der franz&ouml;sischen Sozialisten will einerseits gesellschaftliche Spannungen und Ungerechtigkeiten bek&auml;mpfen, jedoch andererseits auch die Steuersenkungspolitik der fr&uuml;heren Jospin-Regierung weiter f&uuml;hren. Doch nicht nur die Jospin-Regierung, sondern auch Chiracs neue Regierung Raffarin ist mit diesem Spagatschritt bisher kl&auml;glich gescheitert: Nach seiner Wiederwahl zum Pr&auml;sidenten hielt Chirac zwar gro&szlig;e Reden gegen die Entsolidarisierung der Gesellschaft, aber die von seiner Regierung betriebenen Reformen versch&auml;rften faktisch die sozialen Diskrepanzen weiter.<\/p><p>Wie muss eine Steuer- und Ausgabenpolitik aussehen und konzipiert werden, die in der Lage ist, tats&auml;chlich f&uuml;r mehr soziale Gerechtigkeit zu sorgen, anstatt die Schere zwischen unten und oben weiter zu &ouml;ffnen?<\/p><p>In einer kurz- mittel- und langfristigen Finanzplanung muss die Politik ihre Zielvorgabe abstecken und diejenigen &ouml;ffentlichen G&uuml;ter benennen, die f&uuml;r unabdingbare Gemeinschaftsaufgaben zur Verf&uuml;gung zu stehen haben. Entsprechend der Gr&ouml;&szlig;enordnung der gesch&auml;tzten Finanzmittel hat die staatlichen Finanzrahmenplanung die Gelder f&uuml;r diesbez&uuml;gliche Ressourcenbeschaffung bereit zu stellen.<\/p><p>Eine programmatische Finanzplanung zur Bereitstellung sozial erforderlicher, &ouml;ffentlicher G&uuml;ter gibt es in der franz&ouml;sischen Linken bisher nicht, obwohl gerade in der Handlungsohnmacht auf diesem sensiblen Gebiet die Hauptursache f&uuml;r die Wahlschlappe der Linken vom 21. April 2002 zu suchen ist &ndash; das neoliberale Spar-Dogma der vormaligen Finanzpolitik l&auml;sst gr&uuml;&szlig;en! <\/p><p>Die seit 1999 von linken und rechten Regierungen in Frankreich durchgef&uuml;hrten<br>\nSteuersenkungsprogramme hatten etwa eine Gr&ouml;&szlig;enordnung von 30 Milliarden Euro pro Jahr &ndash; also 30 Milliarden Euro die pro Jahr weniger in die Staatskassen flossen. Die seit 1993 beschlossenen Steuererleichterungen entsprachen staatlichen Einnahmeverlusten von 17 Milliarden Euro pro Jahr &ndash; also mussten von der &ouml;ffentlichen Hand innerhalb von nur 6 Jahren j&auml;hrliche Steuerausf&auml;lle von insgesamt 47 Milliarden Euro verdaut werden.<\/p><p>Das ist aber fast der Betrag des franz&ouml;sischen Haushaltsdefizits im Jahr 2003 (55 Milliarden Euro) oder etwa soviel, wie 2 Millionen Besch&auml;ftigte im &Ouml;ffentlichen Dienst samt Soziallasten in einem Jahr den Staat als Arbeitgeber gekostet h&auml;tten. <\/p><p>Auch die massiven Steuersenkungen seit dem Jahr 2000 wurden mit dem erkl&auml;rten Ziel durchgef&uuml;hrt, das Wirtschaftswachstum anzuregen und die gleichzeitige Senkung der Lohnnebenkosten sollte sogar ganz gezielt zu mehr Besch&auml;ftigung f&uuml;hren. <\/p><p>Aber: Seit 50 Jahren, ausgenommen die Jahre 1991-93, war das Wirtschaftswachstum innerhalb einer 3-Jahresperiode nie so niedrig wie zwischen 2001 und 2003 und die Arbeitslosigkeit war noch nie so hoch wie in diesem Zeitraum! <\/p><p>Eine Wende der fortschreitenden gesellschaftlichen Entsolidarisierung kann nur herbeigef&uuml;hrt werden, wenn das neoliberale Dogma fortgesetzter Steuer- und Sozialabgabensenkungen als Bedingung f&uuml;r das Wirtschaftswachstum grunds&auml;tzlich in Frage gestellt wird. Denn in keinem entwickelten Industriestaat dieser Welt gab oder gibt es irgendeine Korrelation zwischen dem Wirtschaftswachstum und der Sozial- und Steuerlast, weil jene Abgaben n&auml;mlich &ndash; anders als bei generellen Steuersenkungen wieder zu 100% als Nachfrage in den Wirtschaftskreislauf zur&uuml;ck flie&szlig;en und zur dauerhaften St&uuml;tzung der wirtschaftlichen Dynamik beitragen. Umgekehrt gibt es eine andere offensichtliche Korrelation: In den L&auml;ndern mit der geringsten gesellschaftlichen Armut, den skandinavischen L&auml;ndern, ist die Abgabenquote am H&ouml;chsten. Aus den staatlichen Steuereinnahmen flie&szlig;en in diesen L&auml;ndern Mittel in den sozialen Wohnungsbau, in die soziale Gestaltung der Innenst&auml;dte, f&uuml;r die subsidi&auml;re Sicherung des Rentensystems, f&uuml;r die Sicherung der Qualit&auml;t der Schulen, Universit&auml;ten und Forschungseinrichtungen, f&uuml;r Programme und Institutionen der Reintegration von Langzeitarbeitslosen und Wohnsitzlosen, f&uuml;r &ouml;ffentliche Altenheime, Krankenh&auml;user, die Justiz und einen gut funktionierenden &ouml;ffentlichen Dienst &ndash; alle diese Mittel stehen heute auf dem Pr&uuml;fstand und werden ohne gro&szlig;es Nachdenken auf breiter Front gestrichen. <\/p><p>Politischer Mut kann f&uuml;r linke Politiker heute nur bedeuten, sich gegen das herrschende neoliberale Dogma der Steuersenkungen zu stemmen und sich auf die bew&auml;hrten Regularien einer sozial ausgerichteten Wirtschafts- und Finanzpolitik zur&uuml;ck zu besinnen. Der Gro&szlig;teil der verunsicherten W&auml;hler wird ein solches Regierungsprogramm als Abstrafung einer verfehlten Reformpolitik sehen und mit ihm die Hoffnung auf echten gesellschaftlichen Fortschritt verbinden. Der einfache W&auml;hler wei&szlig; sehr wohl zu differenzieren zwischen &ldquo;neoliberalen Reformen&rdquo; und Reformen, die diesen Namen verdienen!&rdquo; <\/p><p>Quelle: Le Monde vom 10. April 2004. &Uuml;bertragen von Gerhard Kilper<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Debatte um den &bdquo;internationalen Steuerwettbewerb&ldquo; findet auch in Frankreich statt. Ein Beispiel f&uuml;r die Breite der Diskussion au&szlig;erhalb Deutschlands zu diesem Thema ist ein Artikel des Wirtschaftsprofessors Jean Gadrey in Le Monde vom 10. April 2004 unter dem Titel &bdquo;Die franz&ouml;sische Linke sollte endlich von der neoliberalen Steuersenkungsideologie Abschied nehmen&ldquo;. 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