{"id":3712,"date":"2009-01-19T10:53:15","date_gmt":"2009-01-19T09:53:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3712"},"modified":"2014-01-23T09:39:31","modified_gmt":"2014-01-23T08:39:31","slug":"hessische-verhaeltnisse-hessen-wird-in-den-naechsten-fuenf-jahren-wirtschaftsliberaler-und-konservativer-regiert-als-je-zuvor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3712","title":{"rendered":"Hessische Verh\u00e4ltnisse: Hessen wird in den n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahren wirtschaftsliberaler und konservativer regiert als je zuvor"},"content":{"rendered":"<p>Die CDU hat mit 37,2% (+ 0,4%) ihr schlechtestes Wahlergebnis seit 1966 kaum verbessert. Schwarz und Gelb sind zusammenger&uuml;ckt. In der tiefsten Krise des Wirtschaftsliberalismus haben die Wirtschaftsliberalen mit  + 6,8% den gr&ouml;&szlig;ten Stimmenanteil (auf insgesamt 16,2%) hinzugewonnen.  Die SPD und ihre W&auml;hlerschaft sind &bdquo;mittendurch zerrissen&ldquo; (Sch&auml;fer-G&uuml;mbel) und mit minus 13% auf einen historischen Tiefstwert von 23,7% gesunken.<br>\nDie Gro&szlig;e Koalition hat in Hessen verloren und im Bundesrat keine Mehrheit mehr; die FDP wird die CDU und damit auch die Bundesregierung weiter nach rechts dr&auml;ngen. Der schwarz-gelbe Bundespr&auml;sident K&ouml;hler hat in der Bundesversammlung eine sichere Mehrheit f&uuml;r seine Wiederwahl. Mit dem Wiedereinzug der Linken in den Landtag hat sich das F&uuml;nfparteiensystem etabliert. Immer weniger Wahlberechtigte gehen zur Wahl, weil sie keine Hoffnung auf einen Wechsel des politischen Kurses mehr haben. Die Kampagne der Konservativen gegen die Glaubw&uuml;rdigkeit der SPD im Hinblick auf deren Abgrenzung zur Linken geht weiter. Solange die Bundes-SPD in diesem strategischen Dilemma verharrt, wird sie weiter verlieren.  Das sind die ern&uuml;chternden Ergebnisse. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nRoland Koch sieht sich als gew&auml;hlter Ministerpr&auml;sident einer &bdquo;stabilsten Mehrheit&ldquo; seit langer Zeit, doch er hat absolut weniger Stimmen als bei seinem Einbruch um 12,2% vor einem Jahr. Kein anderer Regierungschef hat vergleichbar niedrige Sympathiewerte (+ 0,1). Er ist selbst bei FDP-W&auml;hlern unbeliebt. Auch ein Kreide fressender Roland Koch ist offenbar nicht glaubw&uuml;rdig. Dass die CDU nahezu alle Wahlkreise direkt gewonnen hat, ist bei dem Desaster f&uuml;r die SPD, kein wirklicher Erfolg. Die Union hat in sieben Bundestagswahlen hintereinander Stimmen verloren. Insofern geht es ihr im Trend nicht besser da als der SPD. Bei allen Altersgruppen au&szlig;er den &uuml;ber 60-J&auml;hrigen (49%) blieb die CDU unter ihrem Durchschnittsergebnis von 37 Prozent. In ihrer Schw&auml;che klammert sich die CDU umso fester an die FDP. Die CDU tut so als w&auml;re die FDP ihre Schwesterpartei, sozusagen die CSU Hessens. Damit hat die Hessen-Wahl strategische Bedeutung f&uuml;r die Bundestagswahl. Schwarz-Gelb auch im Bund wird wahrscheinlicher. Die SPD sollte sich endg&uuml;ltig von der (falschen) Hoffnung l&ouml;sen, sie k&ouml;nnte im September noch einmal als Juniorpartner unter die Rocksch&ouml;&szlig;e der Union schl&uuml;pfen. Auch eine Koalition mit der FDP kann sie sich abschminken.<\/p><p>Die FDP hat 88.000 Stimmen von fr&uuml;heren CDU-W&auml;hlern erhalten. Ein Drittel der W&auml;hler, die die FDP gew&auml;hlt haben, stehen der CDU nahe. Insofern ist die Euphorie von Guido Westerwelle &uuml;ber einen &bdquo;herausragenden Wahlsieg&ldquo; nur aufger&uuml;hrter Schaum. Dennoch wird die FDP ihr gr&ouml;&szlig;eres Gewicht &uuml;ber ihre Beteiligung an den Regierungen in f&uuml;nf gro&szlig;en Fl&auml;chenstaaten vor allem gegen&uuml;ber der CDU auf die Waagschale bringen k&ouml;nnen. Die Steuersenkungen f&uuml;r die Besserverdienenden im Konjunkturpaket II werden vermutlich noch opulenter ausfallen, weitere Mindestlohnregelungen noch unwahrscheinlicher. Das Weiter-So in der Finanz- und Wirtschaftskrise mit &bdquo;weniger Staat&ldquo; und &bdquo;weniger Schulden&ldquo; (J&ouml;rg-Uwe Hahn) ist programmiert. <\/p><p>Auch die Gr&uuml;nen haben im Wesentlichen von entt&auml;uschten SPD-W&auml;hlern zu ihrem besten Ergebnis (13,9%) in einem Fl&auml;chenland hinzugewonnen (+ 6,2%). Mit ihrem Wahlkampf gegen Koch ist Schwarz-Gr&uuml;n im Bund unwahrscheinlicher geworden. Tarek Al-Wazir hat mit seiner Schuldzuweisung an die SPD nicht Unrecht. Hessen hat Rot-Gr&uuml;n f&uuml;r lange Zeit nicht leichter gemacht.<\/p><p>Vier Landtagsabgeordnete der SPD haben Hessen die konservativste und wirtschaftsliberalste Regierung in der Geschichte beschert. Daf&uuml;r hat sich Roland Koch bei ihnen am Wahlabend auch artig bedankt. Das Scheitern wird der gesamten SPD noch lange anhaften. Der bedauernswerte Spitzenkandidat Sch&auml;fer-G&uuml;mbel hat Recht, die SPD hat sich zwischen alle St&uuml;hle gesetzt und bei 67% der W&auml;hler Vertrauen verloren. Sie hat die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler entt&auml;uscht, die der &bdquo;Wortbruch&ldquo;- Kampagne gefolgt sind, und sie hat diejenigen vergrault, die entt&auml;uscht dar&uuml;ber waren, dass ein Politikwechsel in Hessen aufgrund der durch die F&uuml;hrung der Bundespartei herbeigef&uuml;hrte Zerrissenheit der SPD gescheitert ist. <\/p><p>Wenn Franz M&uuml;ntefering und Hubertus Heil so tun, als sei das Desaster f&uuml;r die SPD &bdquo;spezifisch hessisch&ldquo; und nur ein &bdquo;Nachklapp auf 2008&ldquo; und behaupten, das Ergebnis habe f&uuml;r die Bundestagswahl nichts zu sagen, so ist das nur die nach den vielen Wahlniederlagen &uuml;blich gewordene Sch&ouml;nrednerei. Alle Umfragen auf Bundesebene geben der SPD derzeit zwischen 24 und 26%, also ungef&auml;hr die Werte wie bei der Wahl in Hessen, dem Land mit &bdquo;sozialdemokratischer Tradition&ldquo; (M&uuml;ntefering).<\/p><p>Die SPD wird aus dem politischen Schachmatt, in das sie sich hineinman&ouml;vriert hat, so lange nicht herauskommen, so lange sie sich die Option einer Mehrheit links von der Mitte weiterhin selbst verbaut. Denn die Union wird die Glaubw&uuml;rdigkeit der SPD im Hinblick auf ihre Abgrenzung zur Linken weiter auch k&uuml;nftig in Frage stellen. Das konnte jeder, schon am Wahlabend erkennen. Koch, Pofalla, zu Guttenberg (CSU) und R&uuml;ttgers (bei Anne Will) haben prompt damit aufgetrumpft, dass sich die Kandidatin der SPD f&uuml;r das Bundespr&auml;sidentenamt, Gesine Schwan, ja von den Wahlm&auml;nnern und &ndash;frauen der Linken w&auml;hlen lassen w&uuml;rde. <\/p><p>Der sonst als &bdquo;Terrorismus-Experte&ldquo; pr&auml;sentierte Elmar Theve&szlig;en machte munter weiter Wahlkampf: &bdquo;Wer einmal l&uuml;gt, dem glaubt man nicht&ldquo; und forderte von der SPD einen &bdquo;kompletten Neuanfang&ldquo;.<\/p><p>Auch im Heute-Journal ging das Ypsilanti-Linken-bashing trotz Ypsilantis R&uuml;cktritts von allen &Auml;mtern munter weiter. Den Moderator Kleber interessierte vor allem, wie der designierte neue Landes- und Fraktionsvorsitzende der SPD, Sch&auml;fer-G&uuml;mbel, sich einen &bdquo;Neuanfang&ldquo; vorstelle, obwohl er doch immer mit (wortbr&uuml;chigen) Andrea Ypsilanti gestimmt habe und wie er sich denn zu den vier Abtr&uuml;nnigen stelle, die einen Regierungswechsel in Hessen verhindert haben. <\/p><p>Bei Anne Will wurde am sp&auml;teren Abend von R&uuml;ttgers, Friedman und Seebacher(-Brandt) noch einer drauf gesetzt: Obwohl Rot-Rot-Gr&uuml;n in Hessen nun wirklich kein Thema mehr ist, ging es vor allem  darum, dass die SPD unglaubw&uuml;rdig sei, weil sie auf Landesebene Kooperationen mit der Linken zulie&szlig;e.<\/p><p>Aus dieser Zwickm&uuml;hle wird die SPD auch bei allen noch bevorstehenden Landtagswahlen nicht wieder herauskommen. Wer eine &bdquo;soziale Moderne&ldquo; (M&uuml;ntefering) will und sich auf eine Gro&szlig;e Koalition (&bdquo;Schwarz-Gelb wird es nicht geben!&ldquo; so Heil) oder gar auf ein B&uuml;ndnis mit der FDP orientiert, kann keine glaubw&uuml;rdige Alternative zur selbst ernannten &bdquo;b&uuml;rgerlichen Koalition&ldquo; von Union und Liberalen darstellen. Wer sich nur in den Windschatten stellt und &ndash; bei allen Unterschieden zur Linkspartei &ndash; keine Optionen f&uuml;r einen politischen Wechsel offen h&auml;lt, der verengt gleichzeitig die Debatte um die Inhalte einer sozialeren Politik. Die SPD h&auml;lt sich weiter in ihrem selbst aufgebauten Gef&auml;ngnis gefangen. Sie merkt nicht einmal, dass die Kampagne gegen die Linke, sie selbst am meisten trifft. Da ist kein Mut, kein Selbstbewusstsein und keine offene Auseinandersetzung &uuml;ber den Kurs aus der Krise, da wird mehr Energie daf&uuml;r eingesetzt, sich von der Linken abzugrenzen als dass man f&uuml;r eine Politik links von Schwarz-Gelb k&auml;mpft.<\/p><p>Laut ARD sagen 60% der Menschen, dass die CDU die Arbeitnehmer vernachl&auml;ssige. Und 55% sagen, dass die SPD nicht mehr die Partei der &bdquo;kleinen Leute&ldquo; ist. Da ist es kein Wunder, dass in Hessen nur noch eine Minderheit auf eine sozial gerechtere Politik hoffte und  nur noch knapp &uuml;ber 60% der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben haben. Das ist die bisher niedrigste Wahlbeteiligung in diesem Land. Hubertus Heil hat zwar Recht: Es gibt keine &bdquo;gesellschaftliche Mehrheit&ldquo; f&uuml;r Schwarz-Gelb, aber eine Mehrheit in der Gesellschaft hat inzwischen resigniert &ndash; und die SPD hat wesentlich dazu beigetragen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die CDU hat mit 37,2% (+ 0,4%) ihr schlechtestes Wahlergebnis seit 1966 kaum verbessert. Schwarz und Gelb sind zusammenger&uuml;ckt. In der tiefsten Krise des Wirtschaftsliberalismus haben die Wirtschaftsliberalen mit + 6,8% den gr&ouml;&szlig;ten Stimmenanteil (auf insgesamt 16,2%) hinzugewonnen. Die SPD und ihre W&auml;hlerschaft sind &bdquo;mittendurch zerrissen&ldquo; (Sch&auml;fer-G&uuml;mbel) und mit minus 13% auf einen historischen Tiefstwert<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3712\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[1,123,190],"tags":[256,250,257,246,254,255,245],"class_list":["post-3712","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-das-kritische-tagebuch","category-kampagnentarnworteneusprech","category-wahlen","tag-bundesrat","tag-hessen","tag-koch-roland","tag-linke-mehrheit","tag-schaefer-guembel-thorsten","tag-wahlanalyse","tag-ypsilanti-andrea"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3712","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3712"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3712\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20030,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3712\/revisions\/20030"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3712"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3712"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3712"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}