{"id":37238,"date":"2017-03-02T13:12:01","date_gmt":"2017-03-02T12:12:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37238"},"modified":"2017-03-06T10:21:38","modified_gmt":"2017-03-06T09:21:38","slug":"moskaus-imperium-wie-sich-arte-am-aufbau-des-feindbilds-russland-beteiligt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37238","title":{"rendered":"Moskaus Imperium. Wie sich ARTE am Aufbau des Feindbilds Russland beteiligt"},"content":{"rendered":"<p>Einer unserer Leser schrieb, dass er sich angesichts zunehmend tendenzi&ouml;ser Berichterstattung in ARD und ZDF immer noch die Hoffnung erhalten hatte, bei ARTE einen kritischen Gegenpol zu haben. Diese Hoffnung sei nach dem Themenabend &bdquo;Revolution in Russland&ldquo; am vergangenen Dienstagabend aber brutal entt&auml;uscht worden. Wir bef&uuml;rchten: Der Leser hat Recht.<\/p><p>Von <strong>Carsten Weikamp<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEin vollgepackter Themenabend sollte vorgeblich durch den Schwerpunkt &bdquo;Revolution in Russland&ldquo; f&uuml;hren. Aber wer sich die <a href=\"http:\/\/www.arte.tv\/guide\/de\/20170228\">drei Sendungen<\/a> des Themas mitsamt der sie umrahmenden Moderationen bis zum Ende angeschaut hat, der kommt aus dem Kopfsch&uuml;tteln nicht mehr heraus angesichts einer sehr eindimensionalen Darstellung. Und er muss sich fragen, welchen Sinn die Programmmacher darin sehen, wenn nicht den, dabei mitzuhelfen, Russland weiter als Feindbild aufzubauen. &Uuml;ber eine angemessene Geschichtsstunde zum aktuellen Anlass geht der Abend jedenfalls weit hinaus. Und er spottet des eigenen Anspruchs des Senders, der vorgibt, er strahle &bdquo;ein kulturelles Programm aus, das die Menschen in Europa verbindet&ldquo;.<\/p><p>Der Abend beginnt mit einer 60-min&uuml;tigen fiktiven Nachrichtensendung im Stile eines ARD-Brennpunkts, in der die Ereignisse um den Sturz des Zaren und die Revolution 1917 verarbeitet werden. Dann folgt eine 90-min&uuml;tige Dokumentation, die das Heldenbild Lenins hinterfragt. Beides Programme, die man vom Grundsatz wohl vertreten kann, j&auml;hrt sich doch die Abdankung des Zaren in diesen Tagen zum 100. Mal.<\/p><p>Daran h&auml;ngt ARTE dann aber noch eine dreist&uuml;ndige Dokumentation &bdquo;Moskaus Imperium&ldquo; an, die streng genommen schon nicht mehr ganz zum Thema geh&ouml;rt. Im ersten Teil der Dokumentation wird holzschnittartig der Aufstieg und Fall der Sowjetunion dargestellt, und im zweiten Teil wird die Politik Putins seit dessen erster Pr&auml;sidentschaft nicht weniger grob und immer entlang der im Westen g&auml;ngigen Klischees ausgemalt.<\/p><p>Macht insgesamt f&uuml;nfeinhalb Stunden TV am St&uuml;ck &uuml;ber Russland. Und in denen wird kein gutes Haar gelassen an allem, was sich in und um Moskau zugetragen hat in den vergangenen 100 Jahren. Kaum eine Gelegenheit wird ausgelassen, die politischen F&uuml;hrer, angefangen von Zar Nikolaus II. im Jahr 1917 bis zu Wladimir Putin heute, darzustellen als korrupt, machthungrig, skrupellos, gewaltt&auml;tig und kriegsl&uuml;stern; die friedlicheren unter ihnen als naiv oder nicht ernstzunehmen. Alle miteinander jedenfalls nur an Machtpolitik interessiert und weitestgehend unber&uuml;hrt von den Sorgen und N&ouml;ten der eigenen bemitleidenswerten Bev&ouml;lkerung.<\/p><p>Kein Zweifel wird gelassen an der milit&auml;rischen Potenz Moskaus, und ganz offen wird die These vertreten, Russland wolle sich lieber heute als morgen die unabh&auml;ngig gewordenen Staaten der ehemaligen Sowjetunion wieder einverleiben.<\/p><p>Mehr als einmal wird in den Beitr&auml;gen auch &uuml;ber russische Propaganda geklagt, und hier wird es skurril. Denn die Sendungen des Themenabends sind selbst voller propagandistischer Elemente. Anmerkungen zu den markantesten Propagandaelementen:<\/p><ul>\n<li>Warum einen geschichtlich weit zur&uuml;ckliegenden Sachverhalt in das aufgeregte Gewand einer Brennpunkt-Sendung pressen, und warum mit dem Titel &bdquo;Breaking News&ldquo; und mit heutigen Darstellern (Golineh Atai &bdquo;berichtet&ldquo; aus Moskau, Anja Kohl von der B&ouml;rse) den Eindruck erwecken, er sei brandaktuell? Die Revolution ist lange abgeschlossen und in unz&auml;hligen Aspekten l&auml;ngst von Historikern analysiert. Da sollte es doch ein Leichtes sein, sie mit dem gebotenen Abstand n&uuml;chtern wiederzugeben und einzuordnen, anstatt sie, Ebenen und Zeiten vermischend, zu inszenieren.<\/li>\n<li>Warum unn&ouml;tig die lange Dokumentation anh&auml;ngen und es nicht bei den beiden auf das Thema bezogenen Beitr&auml;gen belassen? Warum den Zuschauern nicht die eigene Interpretation der Revolutionsvorg&auml;nge &uuml;berlassen und die Freiheit, einen eigenen Bezug zur Aktualit&auml;t herzustellen? Warum sie stattdessen geradewegs bis in die Gegenwart begleiten?<\/li>\n<li>Durch alle drei Sendungen hindurch vergehen fast keine zwei Minuten ohne Einblendung kriegerischer und militaristischer Bilder. Immer wieder marschierende Soldaten, Gefechtsszenen, Paraden, Bilder von Schlachtfeldern und Stra&szlig;enk&auml;mpfen, Flugzeugen und Helikoptern, die Raketen abwerfen, und die unvermeidliche Karte, die illustriert, wie das rote Reich sich ausbreitet bzw. br&ouml;ckelt. Und immer unterstreichend dazu dramatische Begleitmusik f&uuml;r die Ohren. Die Botschaft: Russland = Krieg.<\/li>\n<li>O-T&ouml;ne stammen beinahe ausschlie&szlig;lich von Zeugen der Anklage, z. B. russland-kritischen Zeitzeugen wie den ehemaligen Staatschefs von Lettland, Litauen und Wei&szlig;russland, die einhellig davon berichten k&ouml;nnen, dass &bdquo;im Kreml wieder Licht brennt&ldquo;, eine sch&ouml;nf&auml;rberische Variante des &bdquo;Der Russe steht vor der T&uuml;r&ldquo;. Gegenstimmen kommen so gut wie nicht vor, geschweige denn vern&uuml;nftige ausgewogene Er&ouml;rterungen, z. B. zur jeweiligen Lage in den ehemaligen Teilrepubliken oder zur Befindlichkeit Russlands angesichts fortschreitender Ann&auml;herung des westlichen Milit&auml;rb&uuml;ndnisses. Typisch auch, dass nur erkennbar einseitig ausgew&auml;hlte Wissenschaftler zu Wort kommen.<\/li>\n<li>Ein besonders billiger Trick, um Putins Russland in schlechtem Licht stehen zu lassen: Im zweiten Teil der Dokumentation &bdquo;Moskaus Imperium&ldquo; wird ganz unmotiviert auf Wei&szlig;russland umgeschaltet, von den Zust&auml;nden dort berichtet und dann wieder zur&uuml;ck zu Russland geschwenkt. Offensichtlich soll dadurch das besonders schlechte Image des wei&szlig;russischen Pr&auml;sidenten Lukaschenka auch auf Moskau &uuml;bertragen werden.<\/li>\n<\/ul><p>Damit keine Missverst&auml;ndnisse aufkommen: Es geht &uuml;berhaupt nicht darum, russische oder sowjetische Verbrechen und Missetaten zu leugnen, reinzuwaschen oder aufzurechnen. Die Rote Armee hat wesentlich dazu beizutragen, Europa von den Nazis zu befreien, aber Russland, zwischendrin die Sowjetunion, hat sich in seinen kriegerischen Aktivit&auml;ten oft auch nicht mit Ruhm bekleckert in den vergangenen hundert Jahren. Da gibt es nichts zu besch&ouml;nigen. Es geht auch nicht darum, &Auml;ngste der russischen Nachbarn kleinzureden oder abzutun, die aus realen Erfahrungen der Vergangenheit resultieren.<\/p><p>Warum aber &bdquo;100 Jahre Russische Revolution&ldquo; zum Anlass nehmen f&uuml;r eine derart &uuml;berzogene Darstellung Russlands als eine martialische Milit&auml;rmacht, die sich dazu noch in gro&szlig;en Teilen aus Bildern vergangener Zeiten speist? Warum Putin als den Gottseibeiuns darstellen? Warum nicht wenigstens auch ein Wort zu seinen &Ouml;ffnungs- und Kooperationsangeboten an den Westen, wie er sie z. B. bei seiner Rede 2001 im Bundestag gemacht und seitdem mehrfach wiederholt hat?<\/p><p>Zieht man die aktuellen au&szlig;enpolitischen Diskussionen, z. B. &uuml;ber h&ouml;here Milit&auml;rausgaben und &uuml;ber Milit&auml;rman&ouml;ver und Truppenverlegungen ins Baltikum in Erw&auml;gung, dann kann die Antwort darauf wohl leider nur lauten, dass sich nun offenbar auch ARTE am weiteren Aufbau des Feindbilds Russland und damit am Kalten Krieg beteiligt.<\/p><p>Schade. Die Zuschauer w&uuml;nschen sich zu Recht anderes von einem Sender, der <a href=\"http:\/\/www.arte.tv\/sites\/de\/corporate\/qui-sommes-nous-cluster\/?lang=de\">von sich selbst sagt<\/a>, er strahle &bdquo;ein kulturelles Programm aus, das die Menschen in Europa verbindet&ldquo;. Der Beitrag vom 28. Februar verbindet nicht, er spaltet Russland vom Rest Europas ab. <\/p><p>Ein Blick in die <a href=\"http:\/\/flipbook.arte.tv\/ARTE%20Plaquette_2016_DE\/#76\">Infobrosch&uuml;re des Senders<\/a> zeigt aber, dass man sich im Grunde nicht zu sehr wundern darf. Zumindest der deutsche Anteil des Senders ist n&auml;mlich zu jeweils 50% im Besitz von ARD und ZDF und wird von dort wesentlich beliefert. So kommen auch zwei der drei in diesem Artikel behandelten Dokumentationen von der ARD, genaugenommen vom mdr.<\/p><p>Unserem Leser k&ouml;nnen wir also vorsorglich nur raten, ARTE von seiner Liste kritischer Gegenpole zu ARD und ZDF zu streichen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einer unserer Leser schrieb, dass er sich angesichts zunehmend tendenzi&ouml;ser Berichterstattung in ARD und ZDF immer noch die Hoffnung erhalten hatte, bei ARTE einen kritischen Gegenpol zu haben. Diese Hoffnung sei nach dem Themenabend &bdquo;Revolution in Russland&ldquo; am vergangenen Dienstagabend aber brutal entt&auml;uscht worden. 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