{"id":37319,"date":"2017-03-08T10:21:28","date_gmt":"2017-03-08T09:21:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37319"},"modified":"2019-01-12T11:11:03","modified_gmt":"2019-01-12T10:11:03","slug":"das-zerrissene-land-eine-rezension-von-kein-wohlstand-fuer-alle-von-ulrich-schneider","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37319","title":{"rendered":"Das zerrissene Land \u2013 Eine Rezension von \u201eKein Wohlstand f\u00fcr alle!?\u201c von Ulrich Schneider"},"content":{"rendered":"<p>Der Hauptgesch&auml;ftsf&uuml;hrer des Parit&auml;tischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider, zeigt schon mit der Wahl seines Buchtitels, wie wenig von den Verhei&szlig;ungen der sozialen Marktwirtschaft, die doch so gern auf den &bdquo;Vater der sozialen Marktwirtschaft&ldquo;, Ludwig Erhardt, und seinen gefl&uuml;gelten Slogan &bdquo;Wohlstand f&uuml;r Alle&ldquo; rekurrieren, inzwischen &uuml;briggeblieben ist. Kein Wohlstand f&uuml;r Alle &ndash; das ist das bedr&uuml;ckende Res&uuml;mee Schneiders schon im Titel. Doch ist dem wirklich so? Und wenn Ja, was k&ouml;nnen, was m&uuml;ssen wir tun, um wieder mehr Gerechtigkeit in unsere Gesellschaft einziehen zu lassen? Gerade in Zeiten, in denen die SPD vor Bundestagswahlen das Thema der sozialen Gerechtigkeit f&uuml;r sich (wieder einmal) neu entdeckt, sollte man diesem Thema ernsthaft auf den Grund gehen, um nicht stets aufs Neue leeren politischen Versprechungen aufzusitzen.<br>\nVon <strong>Lutz Hausstein<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37319#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\n<em>Lesen Sie bitte hierzu eine weitere Rezension von Ulrich Schneiders Buch durch Thomas Trares: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36903\">Rezension von Ulrich Schneiders &bdquo;Kein Wohlstand f&uuml;r alle!?&ldquo;<\/a><\/em><\/p><p><strong>Wie sich Deutschland zerlegt<\/strong><\/p><p>Im ersten Teil seines Buches widmet sich Ulrich Schneider der Zustandsbeschreibung des deutschen Sozialstaates in all seinen verschiedenen Bereichen. Dabei geht Schneider in seiner Analyse auch immer wieder in die Vergangenheit zur&uuml;ck und skizziert so, was noch vor 10, 20 oder 30 Jahren selbstverst&auml;ndliche Realit&auml;t war und was heute gern als sozialistische Umverteilungsideologie verteufelt wird. Diese R&uuml;ckschau ist nicht nur f&uuml;r die J&uuml;ngeren sehr lehrreich, da sie ihnen zumeist Informationen vermittelt, die heutzutage gern totgeschwiegen werden. Auch &auml;lteren Lesern, die diese Zeiten bewusst miterlebt haben, k&ouml;nnen diese Fakten in Erinnerung rufen, was schon lange verdr&auml;ngt schien.<\/p><p>Es taucht aus der Erinnerung wieder auf, wie freudig man dazumal auf den urspr&uuml;nglich noch positiv besetzten Begriff &bdquo;Reformen&ldquo; reagierte, insbesondere nach den qu&auml;lend langen Jahren des &bdquo;ewigen Bundeskanzlers&ldquo; Helmut Kohl. Reformen dieser versteinerten, konservativen Politik weckten Hoffnungen in der Bev&ouml;lkerung auf Ver&auml;nderungen. Diese kamen anschlie&szlig;end auch &ndash; wenngleich v&ouml;llig anders und gerade entgegengesetzt als man glaubte. Hatten schon die Bundesregierungen unter Kohl den Sozialstaat ausgeh&ouml;hlt, so erfolgte nun unter dem SPD-Kanzler Gerhard Schr&ouml;der ein regelrechter Kahlschlag. Doch nicht nur die vielen &bdquo;Reformen&ldquo; zeigt Schneider auf, auch die vielf&auml;ltigen Privatisierungen von st&auml;dtischer Infrastruktur wie Schwimmb&auml;dern, Wohnungsgesellschaften, Wasser- und Stadtwerken bis hin zu Post, Telekom, Bundesbahn und sogar Kranken- und Pflegeeinrichtungen lassen den Leser in dieser Kompaktheit erkennen, wie in nur wenigen Jahren s&auml;mtliches Tafelsilber verscherbelt wurde. Weil privat ja alles besser kann, so der immer wieder verbreitete Nimbus.<\/p><p>Doch so heftig wie Schr&ouml;der hatte noch nie ein Bundeskanzler Hand an den deutschen Sozialstaat gelegt. W&auml;hrend die rot-gr&uuml;ne Regierung einerseits ein riesiges Steuersenkungsprogramm f&uuml;r die Verm&ouml;genden durchzog, folgten nun die Reformen, die vor allem den &auml;rmeren Bev&ouml;lkerungsteil schwer belasteten. Eine Rentenreform, die das bisherige Rentenniveau drastisch senkte und damit ma&szlig;geblich f&uuml;r die rapide steigende Altersarmut verantwortlich zeichnet. Eine Reform der Leiharbeit, die durch deren Deregulierung eine Vielzahl unsicherer, zumeist auch noch schlechtbezahlter Arbeitspl&auml;tze zuungunsten sicherer, besser bezahlter Arbeit schaffte. Und zu (un-)guter Letzt nat&uuml;rlich die &bdquo;Mutter aller Reformen&ldquo;, Hartz IV. Bisherige eigentliche Versicherungsnehmer der Arbeitslosenversicherung st&uuml;rzten nun innerhalb k&uuml;rzester Zeit auf Sozialhilfeniveau und konnten unter dem Zwang von Sanktionen und der Aberkennung all ihrer fr&uuml;heren Qualifikationen in einen nichtaufnahmef&auml;higen Markt hineingepresst werden. Der Preis daf&uuml;r war ein niedrigeres Lohnniveau bei schlechteren Arbeitsbedingungen und unsicheren Jobs, wobei an anderer Stelle andere Arbeitskr&auml;fte durch diesen Druck aus diesem System herauskatapultiert wurden.<\/p><p>All diese Fakten f&uuml;hrt Schneider penibel an, er zeichnet die Entwicklungen der vergangenen 20, 30 Jahre nach und benennt die Ursachen in gezielten politischen Entscheidungen. Entscheidungen, die zu einer weiter zunehmenden Spaltung in immer mehr Arme und noch reichere Reiche in diesem zerrissenen Land f&uuml;hrten und weiterhin f&uuml;hren. Eine Spaltung, die immer mehr Menschen unserer Gesellschaft als ungerecht empfinden. Und gerade mit Blick auf die Zukunft kann Ulrich Schneider &uuml;berhaupt keine Entwarnung geben. Die schon heute &uuml;ber den Durchschnitt aller Altersgruppen angestiegene Altersarmut wird durch den baldigen Renteneintritt der Generationen, deren Erwerbsarbeitsleben vielfach auch von prek&auml;ren Besch&auml;ftigungen und l&auml;ngerer oder wiederholter Arbeitslosigkeit gezeichnet sind, zuk&uuml;nftig noch weiter drastisch ansteigen. Nichts w&uuml;rde also weniger stimmen als &bdquo;Wohlstand f&uuml;r Alle&ldquo;.<\/p><p>Ulrich Schneider stellt sich dem Versuch entgegen, Armut mittels inhaltlicher Unredlichkeiten sowie statistisch unbrauchbarer Methoden kleinzurechnen. So geht er explizit auf die aktuelle Wendung ein, die Armutszahl mithilfe einer regionalen Armutsquote reduzieren zu wollen. Die Armut selbst w&uuml;rde dadurch aber nicht verringert werden. Gleichzeitig erkennt Schneider jedoch, dass in der Gesellschaft auch schon ein gewisser Gew&ouml;hnungseffekt an das hochproblematische Thema Armut eingetreten ist, dass zu viele Menschen abgestumpft sind und nur allzu gern den sch&ouml;nen Sonntagsreden der Politik glauben wollen. Dem stellt Ulrich Schneider die Fakten gegen&uuml;ber. Zweifellos ist die Zahl der registrierten Arbeitslosen seit 2005 zwar deutlich zur&uuml;ckgegangen, aber die Zahl der Einkommensempf&auml;nger auf Sozialhilfeniveau hat sich im selben Zeitraum von drei auf siebeneinhalb Millionen mehr als verdoppelt. Dem angeblich &uuml;berbordenden Sozialstaat stellt er entgegen, dass seit dem Amtsantritt von Gerhard Schr&ouml;der als Bundeskanzler bis heute der Anteil der Arbeitslosenversicherung an den Sozialausgaben von 9 auf 3 Prozent und der Anteil der Rentenversicherung von 34 auf 31 Prozent gesenkt wurde.<\/p><p>Immer wieder wurden seit den 1980ern aus politischem Kalk&uuml;l heraus meist K&uuml;rzungen bei gesellschaftlichen Randgruppen vorgenommen, die wenig politischen Widerstand aufzubauen in der Lage waren. Dabei betrifft es keineswegs nur Gesellschaftsbereiche, die einem spontan bei Sozialpolitik wie z.B. Hartz IV, Arbeitsf&ouml;rderung, Wohngeld o.&auml;. einfallen, sondern gleichfalls BAF&Ouml;G, Kindergeld, Renten, Kitas oder sozialer Wohnungsbau.<\/p><p><strong>Warum wir es zulassen<\/strong><\/p><p>Im zweiten Teil zeigt Ulrich Schneider, dass Armut schon lange kein Randph&auml;nomen ist, sondern einen zunehmenden Teil der Bev&ouml;lkerung bis weit in die sogenannte Mittelschicht betrifft und warum wir das so akzeptieren. Besonders interessant wird es, als er erl&auml;utert, mit welchen Methoden und Mechanismen der Neoliberalismus es geschafft hat, dass wir alle uns von ihm immer st&auml;rker fremdbestimmen lassen und wie wir zunehmend zu selbstkasteienden Zombies geworden sind, die der &Ouml;konomisierung privatester Lebensbereiche selbst das Wort reden. In den 1990ern gelang es dem Neoliberalismus, aus dem Menschen einen &bdquo;Unternehmer seiner selbst&ldquo; zu machen, der in permanenter Konkurrenz zu allen und jedem steht und seine individuelle Position im Wettbewerb gegen jeden und st&auml;ndig zu verbessern habe. Daraus ergab sich fast zwangsl&auml;ufig die Aufl&ouml;sung der Gemeinschaft und die Darstellung des Einzelnen als scheinbar m&uuml;ndigen Entscheider &uuml;ber das eigene Leben und daraus folgender Verantwortung f&uuml;r Siegen oder Scheitern.<\/p><p>Doch der Widerspruch zwischen den Verk&uuml;ndungen des neoliberalen Eigenverantwortungs-Mantras sowie dem Wohlstand f&uuml;r alle und der zunehmenden Armut eines best&auml;ndig steigenden Bev&ouml;lkerungsanteils machte eine verst&auml;rkte Meinungsbeeinflussung notwendig. Teils durch gro&szlig;angelegte Kampagnen, teils durch permanentes Wiederk&auml;uen der immerselben Phrasen durch Lobbyvereinigungen wie der &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo; und durch als &bdquo;Experten&ldquo; deklarierte Multiplikatoren aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft gelang es, die &ouml;ffentliche Meinung in Richtung der gew&uuml;nschten Meinung zu verschieben. Dabei scheut man auch nicht die fl&auml;chendeckende Umdeutung von Begriffen ganz nach orwellschen Muster. Ein entscheidender Schritt zur Hegemonie des Neoliberalismus fand durch den Turnaround der Sozialdemokratie unter Gerhard Schr&ouml;der statt. Urspr&uuml;nglich vor der Wahl noch mit Forderungen nach mehr sozialer Gerechtigkeit angetreten, setzte er anschlie&szlig;end genau das Gegenteil dessen um. Die neoliberale Umw&auml;lzung der Gesellschaft hatte damit den letzten Schritt zur Hegemonie im Parteiensystem abgeschlossen.<\/p><p>In einem weiteren Schritt versucht Ulrich Schneider die Ann&auml;herung an den schwierig zu erfassenden Begriff der Gerechtigkeit. Denn Gerechtigkeit ist kein singul&auml;r definierbarer Begriff, wie auch ich in meinem 2012 erschienenen Buch &bdquo;Ein Pl&auml;doyer f&uuml;r Gerechtigkeit&ldquo; versucht habe darzulegen. Sie wird erst ex negativo durch die Existenz und das Aufzeigen von Ungerechtigkeit greifbar. Schneider k&auml;mpft sich durch das Spannungsverh&auml;ltnis von Ungleichheit und Gleichheit unter dem Blickwinkel der Gerechtigkeit und zeigt dabei auf, dass schlussendlich alle Ungerechtigkeiten der Ungleichheit durch das Totschlagargument der &bdquo;Leistungsgerechtigkeit&ldquo; als angeblich gerecht umdeklariert werden. Dabei wird jedoch nicht beachtet, dass der Begriff Leistung v&ouml;llig falsch interpretiert wird, n&auml;mlich als Erfolg und dieser dann ausschlie&szlig;lich gemessen am Geld. Letzten Endes also ein Zirkelschluss, der als Begr&uuml;ndung f&uuml;r erhaltenes Geld (als Ma&szlig;stab f&uuml;r angebliche Leistung) auf ebendieses erhaltene Geld (als Ma&szlig;stab f&uuml;r die vermeintliche Qualit&auml;t der Leistung) verweist.<\/p><p><em>Lesen Sie bitte hierzu auch den Auszug aus Ulrich Schneiders Buch: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37043\">Wohlstand f&uuml;r alle? Mit dem Leistungsbegriff bel&uuml;gen wir uns gleich doppelt<\/a><\/em><\/p><p><strong>Was wir dagegen tun k&ouml;nnen<\/strong><\/p><p>Im dritten Teil seines Buches kommt Ulrich Schneider nun zum neuralgischen Punkt. So wichtig sorgf&auml;ltige Analysen, das Sammeln von Informationen und Fakten und das Beklagen der festgestellten Ungerechtigkeiten ist, so bleibt es doch ohne Forderungen zur Abhilfe dieser Ungerechtigkeiten nur St&uuml;ckwerk. Doch daf&uuml;r, so Schneider, m&uuml;ssen wir wieder lernen, bisherige Dogmen und scheinbare Selbstverst&auml;ndlichkeiten und &bdquo;Normalit&auml;ten&ldquo; infragezustellen, um &uuml;berhaupt aus den langeingefahrenen Denk- und Verhaltensmustern herauszukommen. So muss Gier wieder als das begriffen werden, was sie wirklich ist: eine krankhafte neurotische St&ouml;rung, die unser aller Zusammenleben erheblich belastet. Statt permanenten Kampfes, Wettbewerbs und Verdr&auml;ngung muss Solidarisierung und ein gemeinsames Miteinander zum Grundstock unseres Zusammenlebens werden. &bdquo;Die Wirtschaft hat dem Menschen, nicht der Mensch der Wirtschaft zu folgen.&ldquo; (S. 145 f.)<\/p><p>Die stets vor gro&szlig;en Wahlen von SPD oder Gr&uuml;nen neuaufgelegten Forderungen bei Verm&ouml;gens-, Einkommen-, Erbschaftssteuer oder die Erh&ouml;hung des Spitzensteuersatzes als ma&szlig;gebliche Mittel einer Umverteilung haben jedoch nie &uuml;ber den Wahlkampf hinaus Bestand gehabt. Auf der anderen Seite sorgen K&uuml;rzungen der Einnahmeseite zuverl&auml;ssig daf&uuml;r, dass f&uuml;r konkrete Vorhaben der Armutsbek&auml;mpfung (Kinderarmut, Integration von Arbeitslosen oder Fl&uuml;chtlingen, marode Infrastruktur, Schulen) nie das notwendige Geld vorhanden ist. Schneider verweist zurecht auf den Ausspruch des Theologen Oswald von Nell-Breuning: &bdquo;Was politisch gewollt ist, ist auch finanzierbar. Was nicht finanziert wird, ist auch nicht gewollt.&ldquo; (S. 148)<\/p><p>Und so f&uuml;hrt Ulrich Schneider detailliert auf, was gewollt werden m&uuml;sste, was dringend notwendig ist. F&uuml;r ihn ist der Umbau der Gesetzlichen Rentenversicherung zu einer echten B&uuml;rgerversicherung, in die alle einzahlen (also auch Selbstst&auml;ndige, Beamte, Parlamentarier) der zentrale Punkt seiner Forderungen. Basis m&uuml;ssen, so Schneider, nicht nur L&ouml;hne und Geh&auml;lter, sondern alle Einkommen (z.B. auch Mieteinnahmen und Kapitalertr&auml;ge) sein. Die Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenze begr&uuml;ndet Schneider damit, dass aktuell Manager mit einem mehrfachen Millionengehalt aufgrund dieser Grenze so behandelt werden, als ob sie nur 74.400 Euro j&auml;hrlich verdienen w&uuml;rden. Dabei sollte neben dem &Auml;quivalenzprinzip (Auszahlung entsprechend den Einzahlungen) auch zus&auml;tzlich das Solidarprinzip (der &bdquo;Starke&ldquo; hilft dem &bdquo;Schwachen&ldquo;) angewandt werden. Eine H&ouml;chstrente ist f&uuml;r ihn deshalb ebenso folgerichtig wie eine Mindestrente. Am Beispiel der Schweiz beschreibt Schneider, dass es sehr wohl funktioniert, ganz entgegen dem Bild, das hiesige Meinungsmacher zeichnen.<\/p><p>Die Arbeitslosenversicherung hat den schlimmen Status, dem die Rentenversicherung erst noch entgegenstrebt, schon l&auml;ngst erreicht, so konstatiert Schneider. Deren Versicherungscharakter ist f&uuml;r viele Neu-Arbeitslose so ausgeh&ouml;hlt, sie gleich auf Hartz-IV-Leistungen durchrutschen. Einerseits haben sie aufgrund prek&auml;rer, niedrig entlohnter Besch&auml;ftigungen &ndash; und das beginnt schon ab rund 11 Euro Stundenlohn bei einer Vollzeitstelle &ndash; Arbeitslosengeld in einer H&ouml;he, die unter dem Hartz-IV-Regelsatz liegt. Andererseits verwehrt die Rahmenfrist, nach der der Neu-Arbeitslose innerhalb der letzten zwei Jahre vor Beginn der Arbeitslosigkeit mindestens zw&ouml;lf Monate versicherungspflichtig gearbeitet haben muss, den Zugang zum Arbeitslosengeld. Um dies zu entsch&auml;rfen, fordert Schneider eine Ausweitung der Rahmenfrist sowie eine Verl&auml;ngerung der Bezugsdauer von Arbeitslosengeld. Kritisch sei am Rande angemerkt, dass Ulrich Schneider in einem Nebensatz den Mythos des angeblichen Fachkr&auml;ftemangels aufgreift, obwohl er an fr&uuml;heren Stellen des Buches mehrfach den Lohnverfall und zunehmend prekarisierte Arbeitsverh&auml;ltnisse beklagt hatte. Diese Punkte sind jedoch, zumal in einer marktwirtschaftlichen Ordnung, alles andere als Zeichen eines Mangels. Lohnverbesserungen in den betreffenden Branchen w&uuml;rden mehr oder minder schnell zu einem Ende des vermeintlichen Mangels f&uuml;hren.<\/p><p>Auch den Hartz-IV-Regelsatz kritisiert Ulrich Schneider, bleibt da jedoch nicht, wie die meisten anderen Kritiker, einzig an der H&ouml;he und damit an der Oberfl&auml;che h&auml;ngen, sondern er kritisiert das der Berechnung zugrundeliegende Statistikmodell grunds&auml;tzlich, denn es &bdquo;gaukelt wissenschaftliche Objektivit&auml;t und Seriosit&auml;t vor&ldquo; (S. 172). Er kommt sogar zu dem Schluss: &bdquo;Mit dem Statistikmodell wird Armut nicht bek&auml;mpft, sondern manifestiert.&ldquo; (S. 174) Er erkennt die (Un-)Logik der Berechnungsmethode, nach der anhand der Ausgaben eines an Armut leidenden Bev&ouml;lkerungsteils das angebliche Existenzminimum eines anderen, ebenfalls armen Bev&ouml;lkerungsteils berechnet werden soll &ndash; und h&auml;lt dennoch f&uuml;r den Parit&auml;tischen mit seinen Forderungen bislang an dieser Methode fest. Es ist nicht auszuschlie&szlig;en, dass sich der Parit&auml;tische in diesem Punkt in einem Umbruchprozess befindet, der erstmals in Schneiders Buch Ausdruck findet. Insofern w&auml;re auch nachvollziehbar, dass sich Ulrich Schneider anschlie&szlig;end explizit f&uuml;r ein Warenkorbmodell ausspricht. Dass er dabei jedoch nicht den n&auml;chsten logischen Schritt geht und auf schon existente Warenkorbmodelle, wie z.B. die Studie &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/Studie_Was_der_Mensch_braucht_2015.pdf\">Was der Mensch braucht<\/a>&ldquo; von 2015, zur&uuml;ckgreift, ist nicht konsequent. Auch mit einem weiteren, wichtigen Teil der Hartz-Gesetze, den Sanktionen, geht Schneider kritisch ins Gericht. Er arbeitet einerseits die Unsinnigkeit von Sanktionen aus, um anschlie&szlig;end &ndash; generell &ndash; die Verfassungsfestigkeit anzuzweifeln. So verweist er darauf, dass nur 10 Prozent der Sanktionen auf die Verweigerung einer Arbeitsaufnahme oder eines Kursbesuches zur&uuml;ckgehen &ndash; demzufolge auf ausschlie&szlig;lich die Verweigerung einer Arbeitsaufnahme entsprechend noch weniger. Zum anderen f&uuml;hrt Schneider an, dass 2014 nur 4,9 Prozent der arbeitslosen Hartz-IV-Empf&auml;nger durch die Jobcenter in den allgemeinen Arbeitsmarkt vermittelt werden konnten. Infolgedessen sind Sanktionen generell auch aus funktionaler Sicht im Sinne ihrer stets deklarierten, vermeintlichen &bdquo;N&uuml;tzlichkeit&ldquo; sinnlos.<\/p><p>Schneider weist nachdr&uuml;cklich auf die Notwendigkeit eines &ouml;ffentlich gef&ouml;rderten Besch&auml;ftigungssektors hin, der allen Arbeitslosen, auch gesundheitlich beeintr&auml;chtigten, mit einer weniger hochwertigen Bildung versehenen oder mit anderen pers&ouml;nlichen Problemen belasteten, abseits von Ein-Euro-Jobs und weiteren prek&auml;ren Besch&auml;ftigungen eine sinnvolle T&auml;tigkeit bietet, die eine ordentliche Lebensgrundlage darstellt. Er fordert eine bessere Familienpolitik i.S. eines solidarischen Familienlastenausgleichs; ein ausreichendes Kindergeld, damit ein Kind nicht zwangsl&auml;ufig sofort in Armut f&uuml;hrt. Er betont die Notwendigkeit von Kinderbetreuungsm&ouml;glichkeiten, die allen subjektiven Notwendigkeiten im Spannungsfeld von Arbeitsplatz und pers&ouml;nlicher Kinderbetreuung durch die Eltern oder einen Elternteil passgenau Rechnung tragen. Ein weiterer Punkt, den Schneider aufgreift, ist die Bereitstellung und Pflege der sozialen Infrastruktur vor Ort (Jugend-\/Altenclubs, Vor- und Ganztagsschulen, Kitas, VHS, Beratungsstellen f&uuml;r Lernf&ouml;rderung, Schuldner-, Erziehungsberatung) und kultureller Infrastruktur (Museen, Theater, Sportst&auml;tten, Schwimmb&auml;der, Parks).<\/p><p>Um dies stemmen zu k&ouml;nnen, ist eine St&auml;rkung der kommunalen Finanzen dringend n&ouml;tig, die ihnen auch angesichts der Schuldenbremse immer weniger M&ouml;glichkeit lassen, ihren ureigensten Aufgaben nachkommen zu k&ouml;nnen. Die erst k&uuml;rzlich wieder in den Blickpunkt geratenen maroden Schulen bilden da nur die Spitze eines Eisberges, dessen weitaus gr&ouml;&szlig;ter Teil noch unter Wasser liegt. Der Schl&uuml;ssel liegt in einer Einnahmenst&auml;rkung durch eine gerechtere Steuerpolitik, die gerade die Leistungsf&auml;higeren, die in den letzten Jahrzehnten so massiv entlastet wurden, wieder mehr in die Pflicht nimmt. Diese zus&auml;tzlichen Einnahmen k&ouml;nnen Ausgaben f&uuml;r ein Investitionsprogramm zur Verbesserung der sozialen und kulturellen Infrastruktur, zur Erh&ouml;hung von Renten, der Grundsicherung und Kindergeld finanzieren, das enorme konjunkturelle Effekte erzielen w&uuml;rde, da jeder dorthin flie&szlig;ende Euro komplett in den Konsum und damit in die regionale Wirtschaftsf&ouml;rderung flie&szlig;en w&uuml;rde.<\/p><p><strong>Fazit<\/strong><\/p><p>Ulrich Schneider liefert mit seinem Buch &bdquo;Kein Wohlstand f&uuml;r alle!?&ldquo; ein Handbuch f&uuml;r alle, die unsere auseinanderfallende Gesellschaft, ebenso wie er, bedroht sehen. Er r&uuml;ttelt auf, die schleichend hingenommene Gew&ouml;hnung an Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft wieder als das zu begreifen, was es ist: nicht hinnehmbar. Immer wieder stellt er eingeschliffene Denkmuster infrage, welche die jahrelange Indoktrination bei jedem von uns hinterlassen haben. Dabei bleibt er bei einer einfachen, leicht verst&auml;ndlichen Sprache und erl&auml;utert vieles an Beispielen aus der t&auml;glichen Praxis. Seine vielfachen R&uuml;ckblicke in fr&uuml;here Zeiten sind sowohl f&uuml;r J&uuml;ngere als auch &Auml;ltere nicht nur informativ und lehrreich, sondern belegen, dass die h&auml;ufig von Politikern genutzte Begr&uuml;ndung, dass etwas einfach unm&ouml;glich sei, schlicht die Unwahrheit ist. Vielmehr ist es politisch einfach nur nicht gewollt. Den &ouml;ffentlichen Denkverboten setzt er damit Fakten entgegen.<\/p><p>In seinen Analysen wie auch seinen Forderungen ergreift Schneider Partei f&uuml;r alle gesellschaftlich benachteiligten Gruppen, die in den letzten Jahrzehnten besonders ins Hintertreffen geraten sind. Dennoch &ndash; oder gerade deshalb &ndash; ist es kein Buch f&uuml;r eine kleine Klientel, denn die Gruppe der Benachteiligten bildet einen immer gr&ouml;&szlig;er werdenden Anteil in der Bev&ouml;lkerung und reicht bis weit in die vermeintliche Mittelschicht hinein. Dies grundlegend zu &auml;ndern, bietet das Buch reichlich Material. Damit &bdquo;Wohlstand f&uuml;r alle&ldquo; nicht mehr wie eine Erz&auml;hlung aus &bdquo;Tausendundeiner Nacht&ldquo; klingt, sondern wieder als ernstzunehmende, erreichbare und gewollte Vision.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Lutz Hausstein<\/strong>, Wirtschaftswissenschaftler, ist als Arbeits- und Sozialforscher t&auml;tig. In seinen 2010, 2011 und <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/Studie_Was_der_Mensch_braucht_2015.pdf\">2015<\/a> erschienenen Untersuchungen &bdquo;Was der Mensch braucht&ldquo; ermittelte er einen alternativen Regelsatzbetrag f&uuml;r die soziale Mindestsicherung. Er ist u.a. Ko-Autor des Buches &bdquo;Wir sind emp&ouml;rt&ldquo; der Georg-Elser-Initiative Bremen (2012) sowie Verfasser des Buches &bdquo;Ein Pl&auml;doyer f&uuml;r Gerechtigkeit&ldquo; (2012).<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Hauptgesch&auml;ftsf&uuml;hrer des Parit&auml;tischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider, zeigt schon mit der Wahl seines Buchtitels, wie wenig von den Verhei&szlig;ungen der sozialen Marktwirtschaft, die doch so gern auf den &bdquo;Vater der sozialen Marktwirtschaft&ldquo;, Ludwig Erhardt, und seinen gefl&uuml;gelten Slogan &bdquo;Wohlstand f&uuml;r Alle&ldquo; rekurrieren, inzwischen &uuml;briggeblieben ist. Kein Wohlstand f&uuml;r Alle &ndash; das ist das bedr&uuml;ckende Res&uuml;mee<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37319\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[208,146,145,132],"tags":[1550,635,881,707,1658,1759,308,904,1494,2052,1095,444,866,1156,288,312,214,307,1239,411,392,278,291],"class_list":["post-37319","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen","category-soziale-gerechtigkeit","category-sozialstaat","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-agenda-2010","tag-altersarmut","tag-armut","tag-oeffentliche-beschaeftigung","tag-buergerversicherung","tag-entsolidarisierung","tag-existenzminimum","tag-grv","tag-infrastruktur","tag-investitionen","tag-kinderbetreuung","tag-kindergeld","tag-konkurrenzdenken","tag-leiharbeit","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-reformpolitik","tag-regelsatz","tag-sanktionen","tag-schneider-ulrich","tag-schroeder-gerhard","tag-schuldenbremse","tag-steuersenkungen","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/37319","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=37319"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/37319\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48416,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/37319\/revisions\/48416"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=37319"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=37319"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=37319"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}