{"id":3746,"date":"2009-02-05T09:15:01","date_gmt":"2009-02-05T08:15:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3746"},"modified":"2018-09-07T12:31:40","modified_gmt":"2018-09-07T10:31:40","slug":"die-gefahr-fuer-unsere-demokratie-geht-nicht-von-den-armen-sondern-von-der-armut-aus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3746","title":{"rendered":"Die Gefahr f\u00fcr unsere Demokratie geht nicht von den Armen, sondern von der Armut aus"},"content":{"rendered":"<p>Zur Vorbereitung f&uuml;r ein Referat &bdquo;Armut gef&auml;hrdet unsere Demokratie&ldquo; habe ich Ergebnisse von Meinungsumfragen &uuml;ber die Zustimmung zu unserer Demokratie und zur Einsch&auml;tzung der gegenw&auml;rtigen Politik gesammelt. Die Ergebnisse sind eindeutig: Eine Gefahr f&uuml;r die Demokratie geht nicht von den Armen und an den gesellschaftlichen Rand Gedr&auml;ngten aus, sondern von einer Politik, die immer mehr Armut zul&auml;sst und die zunehmende Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich nicht aufh&auml;lt, sondern vertieft hat. Diese Datensammlung wollte ich Ihnen gerne zur Kenntnis bringen. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><\/p><p><strong>Unzufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie w&auml;chst &ndash; aber Zustimmung zum Grundgesetz steigt<\/strong><\/p><p>Im <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/deutschlandtrend\/meldung91230.html\">Deutschlandtrend von infratest dimap (ver&ouml;ffentlicht am 3. 11. 2006) <\/a>wurde gefragt &bdquo;Sind Sie mit der Art und Weise, wie die Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland funktioniert alles in allem sehr zufrieden\/zufrieden?&ldquo;<\/p><p>46% der Westdeutschen und 68% der Ostdeutschen (Durchschnitt 51 %) gaben an, dass sie weniger oder gar nicht zufrieden sind, wie die Demokratie in Deutschland tats&auml;chlich funktioniert. Das ist der niedrigste Zustimmungswert, der je im ARD-Deutschlandtrend gemessen wurde.<\/p><p>Nach einer von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegebenen <a href=\"http:\/\/www.fes.de\/inhalt\/Dokumente_2008\/Zusammenfassung_Studie_GPI.pdf%20\">Studie des M&uuml;nchner Instituts Polis\/Sinus [PDF &ndash; 248KB]<\/a> Gesellschaft f&uuml;r Sozial- und Marktforschung mbH (ver&ouml;ffentlicht am 8. Juli 2008) antworten auf die Frage &bdquo;Was glauben Sie, wie gut funktioniert die Demokratie bei uns in Deutschland?&ldquo; 4 von 10 Deutschen, die Demokratie funktioniere &bdquo;weniger gut&ldquo; oder gar &bdquo;schlecht&ldquo;.<\/p><p>Auch im sog. Eurobarometer der EU ist die Zufriedenheit mit der Demokratie in Deutschland deutlich gesunken. Waren etwa 1979 80%, 1990 81%, 2000 immerhin noch 71% mit der Demokratie im Lande zufrieden, <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,446386,00.html\">so waren es 2006 nur noch 55%<\/a>. <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/090205_diagram.jpg\" alt=\"Diagram\"><\/p><p><strong>Andererseits:<\/strong><\/p><p>Anl&auml;sslich des 60. Jahrestags des Grundgesetzes hat das <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1\/Doc~ED581E178D9524C38B2F247AAB82D3A27~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">Institut f&uuml;r Demoskopie Allensbach<\/a> gefragt: <\/p><p><em>&bdquo;Finden Sie das Grundgesetz im Gro&szlig;en und Ganzen gut oder nicht gut?&ldquo;<\/em><\/p><p>Darauf antworteten 82 %, sie f&auml;nden die Verfassung gut. 1955 waren nur 30% dieser Meinung und 1972 waren es 52 %. Allerdings in den neuen L&auml;ndern &auml;u&szlig;ern sich zurzeit nur 58% positiv &uuml;ber das Grundgesetz.<\/p><p>Auch nach der Polis\/Sinus-Studie der FES findet die gro&szlig;e Mehrheit der Bundesb&uuml;rger (78 %), dass unsere Gesellschaftsordnung verteidigenswert ist (25 % vorbehaltlos, weitere 53 % mit Einschr&auml;nkungen).<\/p><p><strong>II. Staatsverdru&szlig; oder Politikverdru&szlig; bzw. Politikerverdrossenheit<\/strong><\/p><p>In den Medien wurden die Umfragen mit den ziemlich negativen Bewertungen &uuml;ber das Funktionieren unserer Demokratie mit den &Uuml;berschriften &bdquo;Demokratieverdru&szlig;&ldquo; oder &bdquo;Demokratie als Auslaufmodell&ldquo; aufgegriffen (z.B. im <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,446386,00.html\">Spiegel<\/a>). <\/p><p>Der Politologe Franz Walter sprach gleichfalls im <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/debatte\/0,1518,446234,00.html\">Spiegel<\/a>) von &bdquo;Staatsverdru&szlig;&ldquo;.<\/p><p>Demokratieverdru&szlig; eine leichtfertige Interpretation: <\/p><p>Es war eindeutig nach der Art und Weise des Funktionierens der Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland gefragt worden. Damit, wie sie bei uns tats&auml;chlich funktioniert, sind 46% im Westen und 68% im Osten nicht zufrieden. Dass darunter auch solche sind, die mit dem demokratischen System insgesamt nicht einverstanden sind, will ich nicht bestreiten. Aber die Zahlen sagen dar&uuml;ber nichts.<\/p><p>Schaut man sich die Umfragen etwas genauer an, dann ist es eigentlich nicht verwunderlich, warum so viele Menschen mit dem &bdquo;Funktionieren der Demokratie&ldquo; unzufrieden sind:<\/p><p>Die Unzufriedenheit mit dem &bdquo;Funktionieren der Demokratie&ldquo; korreliert ziemlich exakt mit den Werten auf die Frage &bdquo;Finden Sie, dass es in Deutschland alles in allem eher gerecht oder eher ungerecht zugeht?&ldquo; (ARD Deutschlandtrend, infratest diamap) Danach finden 56 % der Befragten, dass es in Deutschland eher ungerecht zugeht.<\/p><p>Nach der Polis\/Sinus-Studie der FES ist die Mehrheit der Bundesb&uuml;rger (57%) reformskeptisch eingestellt: 35 Prozent sprechen sich f&uuml;r eine Reformpause aus, weitere 22 Prozent fordern gar eine R&uuml;ckg&auml;ngigmachung von Reformen der letzten Jahre.<\/p><p><strong>Mehrheit gegen die Reformen der letzten 8 Jahre<\/strong><\/p><p>58 Prozent halten die Hartz-Reformen alles in allem f&uuml;r nicht gut, nur 31 Prozent bezeichnen sie aus jetziger Sicht als gut (<a href=\"http:\/\/www.dailynet.de\/TvMedien\/5957.php\">ZDF-Politbarometer August 2007<\/a>).<\/p><p>78 Prozent sind f&uuml;r die Einf&uuml;hrung eines gesetzlichen Mindestlohns f&uuml;r alle Branchen (ebd.)<\/p><p>Gleichfalls 78 Prozent <a href=\"http:\/\/politbarometer.zdf.de\/ZDFde\/inhalt\/12\/0,1872,3898924,00.html?dr=1\">sind gegen die Rente mit 67<\/a>. <\/p><p>In einer j&uuml;ngsten Umfrage 2009 von TNS Emnid sind 78% f&uuml;r den Verbleib der Bahn im &ouml;ffentlichen Eigentum und <a href=\"http:\/\/de.statista.org\/statistik\/daten\/studie\/2018\/umfrage\/meinung-zur-angestrebten-bahnprivatisierung\/\">nur 20% f&uuml;r die Teilprivatisierung<\/a>.<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.perspektive-deutschland.de\/#topmenu\">73% glauben nicht daran<\/a>, dass durch die Lockerung des K&uuml;ndigungsschutzes und eine Ausweitung der Probezeit auf 24 Monate in ihrem Betrieb neue Arbeitspl&auml;tze geschaffen w&uuml;rden (S. 46).<\/p><p>Zu vielen weiteren Reformen der Agenda 2010, etwa zur Rentenreform, zur Arbeitslosenversicherung etc., ist die Haltung der Bev&ouml;lkerung gleichfalls mehrheitlich ablehnend.<\/p><p>Nach der gewiss reformfreudigen<a href=\"http:\/\/www.perspektive-deutschland.de\/#topmenu\"> McKinsey Studie &bdquo;Perspektive Deutschland&ldquo; (2006)<\/a> h&auml;lt die H&auml;lfte der Teilnehmer die bisherigen &bdquo;Reformen&ldquo; nicht f&uuml;r erfolgreich, und kaum jemand (15%) glaubt davon profitieren zu k&ouml;nnen (S. 34).<\/p><p><strong>Mehrheit f&uuml;r Sozialstaat und f&uuml;r mehr sozialen Ausgleich<\/strong><\/p><p>Nach der genannten McKinsey Studie sind 76% der Befragten der Ansicht, dass die sozialen Unterschiede schrumpfen sollten. Nicht einmal jeder Dritte h&auml;lt die Verm&ouml;gensverteilung f&uuml;r gerecht. Sogar nur 60 Prozent der Parlamentarier sind <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,druck-455619,00.html\">laut Spiegel<\/a> davon &uuml;berzeugt, dass das Verm&ouml;gen in Deutschland gerecht verteilt ist. <\/p><p>Alle Umfragen zeigen, dass eine gro&szlig;e Mehrheit in der Bev&ouml;lkerung am Sozialstaat, an einer solidarischen Gesellschaft festhalten will.<\/p><p><strong>Wenn die Politik in zentralen Fragen der sozialen Sicherheit dauerhaft gegen den Mehrheitswillen regiert, ist die Unzufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie nicht verwunderlich.<\/strong><\/p><p>Nehmen wir nur einmal die besonders unzufriedenen Ostdeutschen:<br>\nDen Menschen ist versprochen worden, dass der Beitritt zur bundesrepublikanischen Demokratie ihnen mehr Gl&uuml;ck und &bdquo;bl&uuml;hende Landschaften&ldquo; (Kohl) bringt. Mehr als ein F&uuml;nftel von ihnen ist aber heute arbeitslos und sieht keine berufliche Perspektive mehr. Ihre Familien, D&ouml;rfer und St&auml;dte leiden unter der Abwanderung von jungen Leuten und gerade der beruflich Qualifizierteren, und die Mehrheit &ndash; auch im Westen &ndash; leidet unter der zunehmenden Ungerechtigkeit der Einkommens- und Verm&ouml;gensverh&auml;ltnisse. Und darunter, dass f&uuml;r sie wichtige staatliche Angebote wie Jugendzentren oder F&uuml;rsorgema&szlig;nahmen heruntergefahren und ausged&uuml;nnt werden. Die gerade f&uuml;r die Schw&auml;cheren wichtigen &ouml;ffentlichen Leistungen sind ein Opfer der Entstaatlichungs- und Privatisierungsideologie. Die sch&ouml;nen Reden der Politiker von &bdquo;Freiheit&ldquo; und &bdquo;Eigenverantwortung&ldquo; wirken auf immer mehr Menschen angesichts ihrer t&auml;glich erfahrbaren Perspektivlosigkeit wie Hohn.<\/p><p>Viele Menschen haben den Eindruck, dass die Politiker die Interessen der Gro&szlig;en bedienen und bei den Kleinen zulangen. Die Verm&ouml;genssteuer wurde gestrichen, die Gewinne der &bdquo;Heuschrecken&ldquo; sind steuerfrei gestellt worden, die Spitzensteuers&auml;tze und die Unternehmenssteuern wurden gesenkt; im Gegenzug wird wurden die Renten drastisch gek&uuml;rzt und bei Neurentnern besteuert, die Pendlerpauschale, der Sparerfreibetrag, die Steuerfreiheit von Feiertags- und Nachtzuschl&auml;gen wurden beschnitten und es wurde die Mehrwertsteuer, die gerade die niedrigen Einkommensbezieher am st&auml;rksten trifft, um drei Punkte erh&ouml;ht.Die Reformen haben zwar gegriffen, aber &uuml;berwiegend in die <a href=\"?p=1971\">Taschen der &bdquo;Kleinen Leute&ldquo;<\/a>. Dies alles vor dem Hintergrund, dass sich in den letzten Jahren die Verm&ouml;gensumverteilung von unten und von der Mitte nach oben beschleunigt hat. Nach einer im Januar 2009 vom DIW ver&ouml;ffentlichten Studie haben die reichsten zehn Prozent der Bev&ouml;lkerung in den letzten f&uuml;nf Jahren noch mal satte drei Prozentpunkte zugelegt. Sie besitzen nun &uuml;ber 61 Prozent des gesamten Verm&ouml;gens. Das reichste ein Prozent der Bev&ouml;lkerung vereinigt inzwischen 23 Prozent allen Verm&ouml;gens auf sich.<\/p><p>Die &auml;rmeren 70 Prozent besitzen hingegen zusammen nur neun Prozent des gesamten Verm&ouml;gens. 27 Prozent der Erwachsenen haben &uuml;berhaupt nichts auf der hohen Kante beziehungsweise Schulden.<\/p><p>Die Schulden der &auml;rmsten zehn Prozent sind gr&ouml;&szlig;er geworden. Sie sind im Durchschnitt mit rund 15.000 Euro verschuldet<br>\n(<a href=\"http:\/\/www.oecd.org\/dataoecd\/3\/28\/41531752.pdf\">DIW Wochenbericht 4\/2009 [PDF &ndash; 67 KB]<\/a>).<\/p><p>Auch die gewiss wirtschaftsfreundliche OECD konstatierte im Herbst letzten Jahres, dass in Deutschland Einkommensungleichheit und relative Armut in den vergangenen Jahren st&auml;rker gewachsen sind als im OECD-Schnitt.<\/p><p>Der Anteil der Menschen, die in relativer Armut leben &ndash; d.h. mit weniger als der H&auml;lfte des Medianeinkommens auskommen m&uuml;ssen &ndash; liegt mittlerweile knapp &uuml;ber dem OECD-Schnitt, w&auml;hrend die Armutsquote Anfang der 90er Jahre noch rund ein Viertel geringer war als im OECD-Mittel (siehe <a href=\"http:\/\/www.oecd.org\/dataoecd\/3\/28\/41531752.pdf\">OECD-Bericht [PDF &ndash; 67 KB]<\/a>).<\/p><p>Die Lohnquote &ndash; der Anteil der Arbeitnehmerentgelte (d.h. der Bruttol&ouml;hne incl. Lohnsteuern, Sozialabgaben und incl. AG-Anteile an Sozialversicherungsbeitr&auml;gen) am Volkseinkommen lag noch Anfang der 80er Jahre bei 76%. Bis zum Jahr 2000 ist der Anteil auf 72,2% nur langsam zur&uuml;ckgegangen. In den letzten 7 Jahren seit dem Jahr 2000 hingegen brach die Lohnquote regelrecht ein: im Gesamtjahr 2007 auf nur noch 64,6% (Destatis)! Zum Vergleich: Die USA haben seit Jahrzehnten eine konstante Lohnquote von etwa 70%!<br>\nWas steckt hinter diesem scheinbar harmlosen R&uuml;ckgang der Lohnquote um rd. 8%? Nun, dieser R&uuml;ckgang bedeutet schlicht, dass die Arbeitnehmer und mit Ihnen die Sozialversicherungssysteme und der Staat auf nunmehr j&auml;hrlich 135 Milliarden Euro (in den letzten 4 Jahren insgesamt &uuml;ber 400 Milliarden Euro) verzichten zugunsten der Unternehmer und Verm&ouml;genden (siehe <a href=\"?p=3209\">NachDenkSeiten<\/a>).<\/p><p>Selbst Bundespr&auml;sident K&ouml;hler spricht vom &bdquo;Gef&uuml;hl, dass etwas nicht stimmt, wenn die Einkommen der einen stark steigen, die der anderen dagegen eher stagnieren&ldquo;. <\/p><p>Die Schere zwischen Managern und Mitarbeitern &ouml;ffnet sich seit Jahren immer weiter. 1987 verdienten Dax-Vorst&auml;nde im Vergleich zum Durchschnittsgehalt der Besch&auml;ftigten noch das 14-Fache, 2006 war es das 44-Fache. Einschlie&szlig;lich Aktienoptionen betr&auml;gt das Verh&auml;ltnis bei der Telekom 47, bei Siemens 59, bei Volkswagen 61, bei Lufthansa 94 (<a href=\"http:\/\/www.focus.de\/finanzen\/news\/tid-11062\/managergehaelter-gerechte-luecke_aid_261329.html\">Focus Money<\/a>).<\/p><p>Die Bruttol&ouml;hne und -geh&auml;lter gingen in den Jahren zwischen 2002 und 2005 real von durchschnittlich 24.873 Euro auf 23.684 Euro und damit um 4,7% zur&uuml;ck (laut Drittem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung).<\/p><p>Rund 1,6 Millionen Haushalte sind &uuml;berschuldet (<a href=\"http:\/\/www.bmas.de\/coremedia\/generator\/26896\/lebenslagen__in__deutschland__der__3__armuts__und__reichtumsbericht__der__bundesregierung.html\">Dritter Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung<\/a>).<\/p><p>W&auml;hrend im Jahr 2002 8,8% der vollzeitbesch&auml;ftigten Arbeitnehmer im Niedriglohnbereich t&auml;tig waren, waren es 2005 bereits 9,3% (Dritter Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung). Das Risiko, in Deutschland einkommensarm zu sein, lag der amtlichen Erhebung LEBEN IN EUROPA zufolge im Jahr 2005 in Deutschland vor Sozialtransfers bei 26%. Nach Sozialtransfers betrug es noch 13% (Dritter Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung).<\/p><p>Nach einer anderen Statistik des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), die Basis f&uuml;r den ersten und zweiten Armutsbericht (2001 und 2003) war, stieg die Zahl der Armen sogar von 16 Prozent im Jahr 2003 auf 18 Prozent 2005 (siehe <a href=\"http:\/\/www.boerse-online.de\/tools\/ftd\/358199.html\">B&ouml;rse online<\/a>). <\/p><p>Das gestiegene Armutsrisiko bezieht sich dabei nicht mehr nur auf die Schicht am unteren Ende der Gesellschaft. Das Problem greift bis in die <a href=\"\/upload\/pdf\/071116_hinweis.pdf\">Mitte der Gesellschaft hinein [PDF &ndash; 48 KB]<\/a>.In den vergangenen 15 Jahren nahm die Zahl der Haushalte im mittleren Einkommensbereich um 14 Prozent ab. Die Zahl der Haushalte mit niedrigen Nettoeinkommen stieg um 27 Prozent (<a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/impuls_2008_12_3.pdf\">B&ouml;ckler Impuls [PDF &ndash; 71 KB]<\/a>).<\/p><p>Zu den besonders armutsgef&auml;hrdeten Gruppen z&auml;hlen Arbeitslose (43%), Personen ohne abgeschlossene Berufsausbildung (19%) und Alleinerziehende (24%). Das Armutsrisiko ist in Ostdeutschland (15%) h&ouml;her als in Westdeutschland (12%) (Dritter Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung).<\/p><p>Unter allen abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten liegt der Anteil von Niedrigl&ouml;hnen (unterhalb von zwei Dritteln des Medians) 2006 bei gut 22% (6,5 Millionen Besch&auml;ftigte) &ndash; d.h. mehr als jede\/r F&uuml;nfte ist gering bezahlt. Gegen&uuml;ber 1995 ist der Niedriglohnanteil in Deutschland damit um gut 43% gestiegen. Der durchschnittliche Stundenlohn der Niedriglohnbeziehenden ist seit 2004 gesunken, w&auml;hrend er in den Vorjahren gestiegen ist (Quelle: <a href=\"http:\/\/www.iaq.uni-due.de\/iaq-report\/2008\/report2008-01.shtml\">IAQ-Report<\/a>).<\/p><p>Im Januar 2009 hatten etwa 5,794 Millionen erwerbsf&auml;hige Frauen und M&auml;nner Anspruch auf Arbeitslosengeld (SGB III) bzw. Arbeitslosengeld II (Quelle: <a href=\"?p=3734\">Bremer Institut f&uuml;r Arbeitsmarktforschung und Jugendberufsbildungshilfe e.V.<\/a>).<\/p><p><strong>War 1965 nur jedes 75. Kind unter sieben Jahren auf Sozialhilfe angewiesen, ist es heute mehr als jedes sechste.<\/strong> Mittlerweile gelten 14 Prozent aller Kinder offiziell als arm. Sch&auml;tzungsweise 5,9 Millionen Kinder lebten in Haushalten mit einem Jahreseinkommen der Eltern von bis zu 15.300 Euro. Dies entspreche rund einem Drittel aller Kindergeldberechtigten Kinder. <strong>Seit Einf&uuml;hrung von &ldquo;Hartz IV&rdquo; hat sich die Kinderarmut verdoppelt<\/strong> <a href=\"?p=2774\">&ldquo;Kinderreport 2007&Prime; des Deutschen Kinderhilfswerks<\/a>. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kinderreport_2007\">Siehe auch<\/a> <\/p><p>Im Durchschnitt erreichen M&auml;nner eine Versichertenrente von 1.029 &euro;, Frauen dagegen nur 629 &euro;. In den alten L&auml;ndern fallen die Unterschiede zwischen M&auml;nnern (1.074 &euro;) und Frauen (598 &euro;) noch gr&ouml;&szlig;er aus, in den neuen L&auml;ndern (M&auml;nner: 862 &euro;; Frauen: 748 &euro;) entsprechend geringer (<a href=\"http:\/\/www.altersvorsorge-in-deutschland.de\/DOWNLOADS\/AVID-2005-Endbericht.pdf\">Altersvorsorge in Deutschland 2005 im Auftrag der Deutschen Rentenversicherung Bund und des Bundesministeriums f&uuml;r Arbeit und Soziales [PDF &ndash; 1,3 MB]<\/a>).<\/p><p>W&auml;hrend heute noch 25 Beitragsjahre (wohlgemerkt) mit einem Durchschnittseinkommen erforderlich sind, um in der Altersrente &uuml;berhaupt erst einen Anspruch auf Altersrente in H&ouml;he der Grundsicherung von 660 Euro im Monat zu erreichen, m&uuml;ssen es 2030 bereits 30 Jahre sein (siehe <a href=\"?p=2865\">NachDenkSeiten<\/a>).<\/p><p>NRW Sozialminister Karl-Josef Laumann: &bdquo;Wer heute f&uuml;r sieben Euro in der Stunde arbeitet, muss 44 Jahre arbeiten, um eine Rente oberhalb der Armutsgrenze zu bekommen.&ldquo;<br>\n(zum NRW Armutsbericht).<\/p><p>Die ehemalige DGB-Vizechefin Engelen-Kefer: &bdquo;Aus einer j&uuml;ngeren OECD-Studie geht hervor: Deutschland liegt im internationalen Vergleich beim Niveau der gesetzlichen Rentenversicherung nach den Reformen der letzten Jahre f&uuml;r den so genannten Eckrentner mit 45 Beitragsjahren und Durchschnittseinkommen mit 39,9 Prozent des durchschnittlichen Bruttoeinkommens 2030 weit unten. (Heute betr&auml;gt das Rentenniveau noch 48,7 Prozent vom durchschnittlichen Bruttoeinkommen.) Zu ber&uuml;cksichtigen ist hierbei, dass in Zukunft immer weniger Arbeitnehmer &uuml;berhaupt 45 beitragspflichtige Besch&auml;ftigungsjahre und &uuml;ber so lange Zeit ein Durchschnittseinkommen <a href=\"?p=2603\">erzielen<\/a>.&ldquo; <\/p><p>Ermittlungen des vor allem im Osten beheimateten gro&szlig;en Sozialverbandes Volkssolidarit&auml;t (um 400.000 Mitglieder) besagen, dass &bdquo;ungef&auml;hr 8 % der Rentner im Bereich oder unterhalb der Armutsgrenze leben&ldquo; (derzeit in NRW zum Beispiel 615 &euro; als Single, 1045 Ehepaar). 2030 k&ouml;nnten bis zu 25 % der Vollzeitbesch&auml;ftigten in Altersarmut geraten, wenn sie dann in Rente gehen. Ursache seien geringe Beitragsleistungen zur Gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) und fehlende M&ouml;glichkeiten zu privater Vorsorge durch Arbeitslosigkeit, Niedrigl&ouml;hne und prek&auml;re <a href=\"?p=2627\">Besch&auml;ftigung<\/a>. <\/p><p><strong>Die Unzufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie schl&auml;gt um in eine Politikerverdrossenheit<\/strong><\/p><p>Regelm&auml;&szlig;ig werden von Demoskopen Umfragen zum Ansehen bestimmter Berufsgruppen durchgef&uuml;hrt; dabei schneiden Politiker regelm&auml;&szlig;ig sehr schlecht ab. Nach einer Umfrage des IfD Allensbach &bdquo;Vor welchem Beruf haben Sie besonders viel Achtung&ldquo; nennen gerade 6% die Politiker, das ist der zweitschlechteste Wert aller Berufsgruppen (Quelle: <a href=\"http:\/\/de.statista.org\/statistik\/daten\/studie\/102\/umfrage\/persoenliche-berufsachtung\/\">Statista<\/a>). <\/p><p>Die Zweifel nehmen zu, ob Parteien und Politiker, die in den Parlamenten die Interessen ihrer W&auml;hlerschaft vertreten sollen, bei der Entscheidungsfindung ihre Aufgabe als Delegierte des Volkes wahrnehmen oder vernachl&auml;ssigen. 47% meinen, die Politiker machen was sie wollen, deshalb sei es sinnlos, zur Wahl zur gehen. 51% sagen, alle Parteien sind gleich. Es ist egal, wen man w&auml;hlt. Nur 23% halten die f&uuml;hrenden Politiker f&uuml;r glaubw&uuml;rdig, 49% f&uuml;r &uuml;berwiegend nicht und 28% f&uuml;r gar nicht glaubw&uuml;rdig. 44% sagen, die Politiker lie&szlig;en sich bei ihrer T&auml;tigkeit vor allem vom Erhalt der Macht leiten, und 24% meinen, es ginge den Politikern nur um den Erhalt ihrer Privilegien<br>\n(Initiave ProDialog, diamap abrufbar: <a href=\"http:\/\/wordpress.35xxx.de\/?p=757\">http:\/\/wordpress.35xxx.de\/?p=757<\/a>).<\/p><p>Zum Glaubw&uuml;rdigkeitsverlust hat sicherlich auch der &bdquo;Dreht&uuml;reffekt&ldquo; beigetragen. So sind etwa von den 44 Ministern und Staatssekret&auml;ren, die nach dem Regierungswechsel ihren Posten abgeben mussten, 12 in eindeutige Lobbyt&auml;tigkeiten gewechselt, weitere 3 &uuml;ben T&auml;tigkeiten aus, die Lobbyaspekte beinhalten (Quelle: <a href=\"http:\/\/www.lobbycontrol.de\/blog\/index.php\/2007\/11\/heutige-lobby-jobs-des-letzten-rot-gruenen-kabinetts\/\">LobbyControl<\/a>; siehe dazu auch unter dem Suchwort &bdquo;<strong>Dreht&uuml;r<\/strong>&ldquo; in den <a href=\"www.nachdenkseiten.de\">www.nachdenkseiten.de<\/a> mit zahllosen weiteren Beispielen).<\/p><p><strong>Politik-\/Parteienverdrossenheit<\/strong><\/p><p>R&uuml;ckl&auml;ufige Mitgliederzahlen, hoher Altersdurchschnitt der Mitglieder (2003 sind 45,7 Prozent der CDU-Mitglieder &uuml;ber 60 Jahre alt, 42,2 Prozent bei der SPD) und eine Abnahme der Stammw&auml;hlerschaft.<\/p><p>1990 hatten die Sozialdemokraten noch mehr als 940.000 Mitglieder, die CDU fast 780.000. Die Sozialdemokraten haben seither fast <a href=\"?p=2846\">400.000 Mitglieder verloren<\/a>.<\/p><p>Ende Mai 2008 lagen die Sozialdemokraten auf Grund ihres dramatischen Mitgliederschwunds mit 531.737 eingeschriebenen Anh&auml;ngern nur hauchd&uuml;nn vor der CDU, die noch 531.299 Mitglieder verzeichnete. <a href=\"?p=3361\">Ende Juni besa&szlig;en nur noch 529.994 Menschen ein SPD-Parteibuch.<\/a> <\/p><p><strong>Wahlbeteiligung erreicht fast &uuml;berall historische Tiefstwerte<\/strong><\/p><p>Insgesamt 47 Prozent der Befragten k&ouml;nnen sich durchaus vorstellen, an der n&auml;chsten Bundestagswahl nicht teilzunehmen (siehe Polis\/Sinus).<\/p><p>2006 gingen in Berlin 58 Prozent zur Wahl. 15% aller W&auml;hler haben SPD gew&auml;hlt, 12,1% CDU, die Koalition aus SPD und Linke ist von 25,1% aller Berliner gew&auml;hlt worden.<br>\nIn Mecklenburg-Vorpommern sahen die Zahlen im Jahr 2006 &auml;hnlich aus.<\/p><p>In Sachsen-Anhalt gingen 2006 &uuml;ber 55%, in Baden-W&uuml;rttemberg &uuml;ber 46% und in Rheinland-Pfalz rd. 42% der Wahlberechtigten nicht mehr zur Wahl. Bei den Kommunalwahlen in Hessen waren die aktiven W&auml;hler in der Minderheit. Der wiedergew&auml;hlte Ministerpr&auml;sident Wolfgang B&ouml;hmer fand gerade mal die Zustimmung von rund 15% seiner Landsleute, und der &uuml;beraus popul&auml;re &bdquo;Landesvater&ldquo; Kurt Beck hatte die Stimmen von einem guten Drittel der Rheinland-Pf&auml;lzer.<\/p><p>Die Wahlbeteiligung in der ziemlich spektakul&auml;ren Wahl im mit 18 Millionen einwohnerst&auml;rksten Bundesland Nordrhein-Westfalen im Mai 2005 war mit 63 Prozent die zweitschlechteste aller Landtagswahlen. Auch bei der Kommunalwahl in NRW im Jahr 2004 lag die Wahlbeteiligung nur bei etwas &uuml;ber der H&auml;lfte der Wahlberechtigten.<\/p><p>In Th&uuml;ringen beteiligten sich 2004 knapp 54 Prozent an der Wahl, und die Wahlbeteiligung bei den Landtagswahlen im gleichen Jahr lag in Brandenburg bei 56% und in Sachsen bei 59%. Das hie&szlig; umgekehrt: 44 bzw. 41% der Menschen in diesen ostdeutschen L&auml;ndern blieben zu Hause. Kein Wunder, dass die NPD 9,2% und die DVU 6,1% erreichten.<\/p><p>Auch bei den letzten Landtagswahlen in Bayern (Wahlbeteiligung 58%) und in Hessen (Wahlbeteiligung 65%) erreichte die Beteiligung Tiefstwerte.<\/p><p><strong>&Auml;rmere Menschen beurteilen das Funktionieren der Demokratie weit &uuml;berdurchschnittlich kritisch<\/strong><\/p><p>73% der Arbeitslosen, 63% der Hartz-IV-Haushalte, 61% der Ostdeutschen, 60% der Haushalte mit einem Nettoeinkommen von unter 700 Euro beurteilen die demokratische Praxis in Deutschland kritisch (siehe Polis\/Sinus Studie).<\/p><p>Nun ist es alles andere als erstaunlich, dass gerade solche Menschen mit dem Funktionieren der Demokratie unzufrieden sind, denen es schlecht geht oder denen es in den letzten Jahren schlechter gegangen ist. Die These der Studie, dass &bdquo;Armut bzw. soziale Disparit&auml;t zu Demokratieverdru&szlig;&ldquo; f&uuml;hren, ist auch historisch nichts Neues; man denke nur an das Ende der Weimarer Republik.<\/p><p><strong>Unzufriedenheit mit der demokratischen Praxis nicht mit Verdru&szlig; &uuml;ber die Demokratie als Staatsform verwechseln<\/strong><\/p><p>Einleitend wurde schon darauf hingewiesen, dass die Unzufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie w&auml;chst, w&auml;hrend die Zustimmung zum Grundgesetz steigt. Der R&uuml;ckschluss, dass &bdquo;aus pers&ouml;nlichem Misserfolg&hellip;Staatsferne&ldquo; werde, ist empirisch kaum haltbar (so allerdings der Auftraggeber der polis\/Sinus-Studie und Leiter der Abteilung gesellschaftspolitische Information der Friedrich-Ebert-Stiftung Frank Karl im <a href=\"http:\/\/www.heute.de\/ZDFheute\/inhalt\/9\/0,3672,7260777,00.html\">ZDF<\/a>).<\/p><p>Die Unzufriedenheit mit der Demokratie wird als Ausdruck eines pers&ouml;nlichen Versagens gewertet und nicht etwa mit dem politischen Handeln in Verbindung gebracht. Frank Karl sieht in der Distanz gro&szlig;er Teile der Bev&ouml;lkerung zur Demokratie nicht etwa eine &bdquo;Politiker- oder Politikverdrossenheit&ldquo; oder eine &bdquo;aktuelle Ver&auml;rgerung&ldquo; &uuml;ber &bdquo;einige politische Ma&szlig;nahmen und Projekte&ldquo; oder &bdquo;&uuml;ber das eine oder andere was nun gerade geschehen ist&ldquo;, sondern &bdquo;alarmierend&ldquo; sei &bdquo;eine gewisse Systemdistanz&ldquo;. Jemand dem es schlecht geht, der distanziere sich von der Demokratie, meinte Karl im Deutschlandfunk (<a href=\"http:\/\/www.fes.de\/inhalt\/Dokumente_2008\/Zusammenfassung_Studie_GPI.pdf\">Download der Studie [PDF &ndash; 248 KB]<\/a>) .<\/p><p>Wie schon bei der ebenfalls von der <a href=\"http:\/\/www.fes.de\/aktuell\/documents\/061017_Gesellschaft_im_Reformprozess_komplett.pdf\">FES in Auftrag gegebenen Erhebung [PDF &ndash; 88KB]<\/a> von TNS Infratest Sozialforschung vom Februar\/M&auml;rz 2006, aus der sich damals eine <strong>Debatte &uuml;ber die &bdquo;Unterschicht&ldquo;<\/strong> speiste, werden Ursache und Wirkung verkehrt. Es werden die Betroffenen stigmatisiert, anstatt dass die Gr&uuml;nde analysiert werden, warum gro&szlig;e Teile des &bdquo;abgeh&auml;ngten Prekariats&ldquo; unzufrieden sind mit dem Funktionieren der Demokratie. <\/p><p>Diese stigmatisierende Interpretation halte ich nicht nur f&uuml;r falsch, sondern sogar f&uuml;r h&ouml;chst gef&auml;hrlich. Sie leistet nicht nur einer weiteren Spaltung der Gesellschaft Vorschub, sondern sch&uuml;rt geradezu antidemokratische Ressentiments. So hat etwa der Bielefelder Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer in einer Langzeitstudie herausgefunden, dass etwa die &bdquo;Arbeitslosenfeindlichkeit&ldquo; inzwischen die &bdquo;Fremdenfeindlichkeit&ldquo; als Symptom &bdquo;gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/zeitung\/Fragen-des-Tages-Hartz-IV-Arbeitslosigkeit-Rechtsextremismus;art693,2438910\">offenbar abl&ouml;ste<\/a>. <\/p><p>Die Opfer der Reformpolitik werden so unter der Hand zu schlechten Demokraten abgestempelt. Nicht die Tatsache, dass sich finanziell Schw&auml;chere ungerecht behandelt f&uuml;hlen, ist demnach alarmierend, sondern dass sich 47 Prozent der Befragten durchaus vorstellen k&ouml;nnen, an der n&auml;chsten Bundestagswahl nicht teilzunehmen. <\/p><p>Aus der polis\/sinus-Studie ergibt sich meines Erachtens vielmehr eindeutig, dass die Unzufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie weniger aus einer &bdquo;Systemdistanz&ldquo; ergibt sondern in viel h&ouml;herem Ma&szlig;e daraus, dass &ndash; wie Karl in dem DLF-Interview auch einr&auml;umt &ndash; der &bdquo;Reformbegriff als hoffnungsmachend verbrannt&ldquo; ist. Dass jeder, wenn er Reform h&ouml;rt, nur noch daran denkt, sein Portemonnaie gut festzuhalten.<\/p><p>So ist es wenig &uuml;berraschend, dass die Mehrheit der Bundesb&uuml;rger (57 %) reformskeptisch eingestellt ist. <\/p><p><strong>Dass es sozial gerecht zugeht, ist f&uuml;r die Deutschen ein konstituierender Bestandteil der Demokratie.<\/strong> 85% meinen, dass soziale Gerechtigkeit bedeutet, dass &bdquo;jeder bei einem unverschuldeten Verlust seines Arbeitsplatzes abgesichert ist&ldquo;. Und gerade diesen Eindruck, dass es sozial gerecht zugeht, hat die Mehrheit von der Unterschicht bis zur Mittelschicht verloren, und deshalb geht sie auf Distanz zu einer Demokratie, der etwa 53 % der Ostdeutschen keine Probleml&ouml;sungskraft mehr zutrauen.<\/p><p>Weil zunehmend mehr Menschen nicht nur den Eindruck haben, sondern die Erfahrung machen, dass die &bdquo;Demokratie&ldquo; (genauer die Politik), die wir in Deutschland haben, ihre Probleme nicht mehr l&ouml;sen kann, wenden sie sich von der Politik (und eben (noch) nicht von der Demokratie) ab. Es sind wiederum die Prekarisierten, die am politischen Geschehen nur noch desinteressiert sind (25 %). <\/p><p>Wenn 82% der Deutschen glauben, dass das Volk politisch nichts zu sagen habe (<a href=\"http:\/\/zeus.zeit.de\/text\/2007\/04\/Umfrage\">DIE ZEIT, 18.01.2007 Nr. 04<\/a>), dann ist die Unzufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie kaum erstaunlich. Dieter Roth von der Forschungsgruppe Wahlen, der schon vor 2004 eine umfangreiche Studie &uuml;ber die politische Partizipation in Deutschland erstellt hat, warnt deshalb zu Recht vor voreiligen Schl&uuml;ssen: &bdquo;Bei aller Unzufriedenheit wird die Demokratie als optimale Staatsform nicht in Frage gestellt.&ldquo; <strong>Selbst von denen, die die Ergebnisse der realen Demokratie beklagten, antworteten zwei Drittel auf die Frage, ob sie die Demokratie f&uuml;r die beste Staatsform in Deutschland halten, mit Ja. <\/strong><\/p><p>Nicht die Demokratie, sondern die Regierung bekomme schlechte Noten (DIE ZEIT ebd.).<\/p><p><strong>Verdru&szlig; am Funktionieren der Demokratie ein N&auml;hrboden f&uuml;r Neonazis<\/strong><\/p><p>Zwar gibt es in Deutschland zum Gl&uuml;ck noch immer eine &uuml;berwiegende Zustimmung zur Demokratie als Regierungsform; wer aber meint die Unzufriedenheit mit der demokratischen Praxis und die Alarmsignale wie Politik-, Politiker- oder Parteienverdrossenheit oder auch sinkende Wahlbeteiligung auf Dauer in den Wind schlagen zu k&ouml;nnen, stellt auf Dauer nicht nur demokratische Wahlen, sondern die Demokratie insgesamt zur Disposition.<\/p><p>Schon jetzt zeigen Untersuchungen, dass der Frust &uuml;ber die Politik einen N&auml;hrboden f&uuml;r Neonazis bereitet.<br>\nEs sind keineswegs nur die Ausgegrenzten und Armen in der Gesellschaft, sondern bis weit in die Mitte der Gesellschaft sind rechtsextreme Tendenzen verbreitet. So meinen etwa 15,4% der Deutschen, ein &ldquo;F&uuml;hrer&rdquo;, der Deutschland mit starker Hand regiert, w&auml;re durchaus &ldquo;zum Wohle aller&ldquo;. Dass Ausl&auml;nder nur hierher k&auml;men, um den Sozialstaat auszunutzen, halten 36,9% f&uuml;r eine zustimmungsf&auml;hige Aussage. Und gar 39,1% meinen, Deutschland sei &ldquo;in einem gef&auml;hrlichen Ma&szlig; &uuml;berfremdet&rdquo; (siehe <a href=\"http:\/\/www.fes.de\/rechtsextremismus\/inhalt\/studie.htm\">&ldquo;Ein Blick in die Mitte. Zur Entstehung rechtsextremer und demokratischer Einstellungen&rdquo;<\/a>. Eine Studie von Oliver Decker, Katharina Rothe, Marliese Wei&szlig;mann, Norman Gei&szlig;ler und Elmar Br&auml;hler unter Mitarbeit von Franziska G&ouml;pner und Kathleen P&ouml;ge. Im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, Forum Berlin, Mai 2008).<\/p><p>Die Gefahr f&uuml;r unsere Demokratie geht also nicht von den Armen, sondern allenfalls von der Armut aus.<br>\nEs sind auch nicht die Glatzen aus MeckPom, die die Demokratie gef&auml;hrden. Die viel gr&ouml;&szlig;ere Gefahr geht von den erlebten massiven Defiziten der Politik aus.<\/p><p>Es sollte mehr als ein Denkzettel f&uuml;r die Politik sein,<\/p><ul>\n<li>wenn sich 44% vom Staat allein gelassen f&uuml;hlen, <\/li>\n<li>wenn 61 Prozent meinen, es gibt keine Mitte mehr, nur noch ein Oben und Unten<\/li>\n<li>wenn 39 Prozent bef&uuml;rchten, im Alter auf Sozialhilfe angewiesen zu sein<\/li>\n<li>wenn 14 Prozent sich in jeder Hinsicht als Verlierer der gesellschaftlichen<\/li>\n<\/ul><p>Entwicklung und gesellschaftlich ins Abseits abgeschoben sehen (<a href=\"\/upload\/pdf\/080625%20Hinweise%20PDF%20Datei%20zur%20Infratest%20Studie.pdf\">so die TNS Infratest Sozialforschung vom Juli 2006 im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung [PDF &ndash; 323 KB]<\/a>).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Vorbereitung f&uuml;r ein Referat &bdquo;Armut gef&auml;hrdet unsere Demokratie&ldquo; habe ich Ergebnisse von Meinungsumfragen &uuml;ber die Zustimmung zu unserer Demokratie und zur Einsch&auml;tzung der gegenw&auml;rtigen Politik gesammelt. Die Ergebnisse sind eindeutig: Eine Gefahr f&uuml;r die Demokratie geht nicht von den Armen und an den gesellschaftlichen Rand Gedr&auml;ngten aus, sondern von einer Politik, die immer mehr<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3746\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[1,122,126,132],"tags":[484,647,643,317,633,312,301,291,426],"class_list":["post-3746","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-das-kritische-tagebuch","category-demoskopieumfragen","category-erosion-der-demokratie","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-ifd-allensbach","tag-infratest","tag-kuendigungsschutz","tag-mindestlohn","tag-politikerverdrossenheit","tag-reformpolitik","tag-rentenalter","tag-verteilungsgerechtigkeit","tag-wahlbeteiligung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3746","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3746"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3746\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20519,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3746\/revisions\/20519"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3746"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3746"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3746"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}