{"id":37500,"date":"2017-03-21T09:55:49","date_gmt":"2017-03-21T08:55:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37500"},"modified":"2019-04-25T15:24:06","modified_gmt":"2019-04-25T13:24:06","slug":"bloss-keine-gleichmacherei-gerd-scobels-subtiles-plaedoyer-fuer-soziale-ungleichheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37500","title":{"rendered":"Blo\u00df keine Gleichmacherei! Gerd Scobels subtiles Pl\u00e4doyer f\u00fcr soziale Ungleichheit"},"content":{"rendered":"<p><strong>Udo Brandes<\/strong> hat sich mit der Sendung &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.3sat.de\/page\/?source=\/scobel\/190745\/index.html\">Scobel<\/a>&ldquo; n&auml;her besch&auml;ftigt. Dort war soziale Ungleichheit das Thema. Das Fazit von Udo Brandes: An der sichtbaren Oberfl&auml;che war dies eine Sendung, die soziale Ungleichheit anklagt. Aber wer genauer hinschaute, konnte auch ganz andere Botschaften entdecken. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7246\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-37500-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170321_Scobels_Plaedoyer_fuer_soziale_Ungleichheit_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170321_Scobels_Plaedoyer_fuer_soziale_Ungleichheit_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170321_Scobels_Plaedoyer_fuer_soziale_Ungleichheit_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170321_Scobels_Plaedoyer_fuer_soziale_Ungleichheit_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=37500-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170321_Scobels_Plaedoyer_fuer_soziale_Ungleichheit_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"170321_Scobels_Plaedoyer_fuer_soziale_Ungleichheit_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Blo&szlig; keine Gleichmacherei!<\/strong><br>\n<strong>Gerd Scobels subtiles Pl&auml;doyer f&uuml;r soziale Ungleichheit<\/strong><\/p><p>Am 16. Februar Februar war in der 3sat-Sendung &bdquo;Scobel&ldquo; soziale Ungleichheit das Thema. Die Scobel-Redaktion offenbarte dabei unfreiwillig die Ressentiments des Bildungsb&uuml;rgertums. Gleichzeitig konnte man eine ideologische &Uuml;berzeugungstechnik beobachten, die Bourdieu schon vor Jahrzehnten in seiner Schrift &bdquo;&Uuml;ber das Fernsehen&ldquo; beschrieben hat: Die Fassade der Sendung war gesellschaftskritisch, die transportierten Botschaften aber letztlich konservativ.<\/p><p>Dies funktionierte zum einen &uuml;ber die eingeladenen G&auml;ste. Ein Gast war der Politologe und Armutsforscher Christoph Butterwegge. Er kritisierte in der Tat von links kompetent, argumentativ fundiert und pr&auml;gnant auf den Punkt gebracht die gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse. Sein Tenor: Armut wurde bewusst durch neoliberale Politik produziert und ist durch die Strukturen der Gesellschaft bedingt, z. B. durch das Schulsystem, das so angelegt ist, dass es soziale Ungleichheit systematisch reproduziert.<\/p><p>Dann waren da noch Dorothea Siems von der Tageszeitung &bdquo;Die Welt&ldquo; und der Soziologe Steffen Mau von der Humboldt-Universit&auml;t Berlin. Dorothea Siems &auml;u&szlig;erte Verst&auml;ndnis f&uuml;r das Problem sozialer Ungleichheit, sah darin aber kein grunds&auml;tzliches, durch die gesellschaftlichen Strukturen bedingtes Problem &ndash; und lenkte von den eigentlichen Problemen mit fadenscheinigen Detail-Argumenten ab, wie z. B. dass durch eine unzureichende Integration von Migranten Armut importiert werde. <\/p><p>Steffen Mau schlie&szlig;lich, Soziologie-Professor an der Humboldt-Universit&auml;t, kann man als typischen Linksliberalen ansehen, der zwar soziale Ungleichheit durchaus kritisiert, aber alle politischen Vorstellungen jenseits von offener und globalisierter Gesellschaft als &bdquo;r&uuml;ckw&auml;rtsgewandte Rezepte&ldquo; stigmatisiert. Im Grunde erf&uuml;llt er damit genau das, was Bernd Stegemann in seinem Essay &bdquo;Das Gespenst des Populismus&ldquo; kritisierte: Dass die Linksliberalen sich vor den Karren der Neoliberalen spannen lie&szlig;en und so etwas wie ein linker Fl&uuml;gel des Neoliberalismus seien (siehe dazu auch <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36933\">die Rezension auf den Nachdenkseiten<\/a>).<\/p><p>W&auml;hrend Siems ziemlich eindeutig als Konservative identifizierbar war, wirkten Mau und Scobel auf den ersten Blick so, als seien sie links verortet. Denn sie positionierten sich erkennbar links von Siems. Als Zuschauer konnte man also den Eindruck haben: Hier wird soziale Ungleichheit im Verh&auml;ltnis 3 (Butterwegge, Mau und Scobel) zu 1 (Siems) kritisiert. Hier findet also deutliche Gesellschaftskritik statt. <\/p><p>In Wirklichkeit fand hier aber eine subtile ideologische Beeinflussung statt, wie sie Pierre Bourdieu in seinem Buch &bdquo;&Uuml;ber das Fernsehen&ldquo; f&uuml;r Diskussionsrunden und Talkshows thematisiert hat. Deren Manipulation funktioniere, so Bourdieu,  &uuml;ber die nicht sichtbare Arbeit:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Runde selbst ist das Ergebnis einer unsichtbar bleibenden Arbeit. Da ist zum Beispiel die ganze Arbeit der Einladung: Manche Leute l&auml;dt man gar nicht erst ein; andere l&auml;dt man ein, und sie lehnen ab. Schlie&szlig;lich steht die Runde und das Sichtbare verbirgt das Unsichtbare. Ein konstruiertes Sichtbares zeigt die sozialen Voraussetzungen seiner Konstruktion nicht.&ldquo; (Pierre Bourdieu, &Uuml;ber das Fernsehen, S. 46-47).\n<\/p><\/blockquote><p>Mit anderen Worten: Die Zuschauer k&ouml;nnen nicht wahrnehmen, wie der Diskussionsverlauf  schon vorab strukturiert wurde. Welcher Diskutant warum eingeladen wurde, sprich: Welche Rolle er nach den Vorstellungen der Redaktion besetzen soll. <\/p><p>Die unterschwellige Botschaft dieser Scobel-Sendung &uuml;ber das Sichtbare: Ein Linker (Butterwegge), eine Konservative (Dorothea Siems) und zwei weitere Linke, nicht ganz so links wie Butterwegge, aber links, n&auml;mlich der Soziologe Mau und Moderator Scobel. Also: Eine Rechte gegen drei Linke. Noch gesellschaftskritischer geht es doch wirklich nicht!<\/p><p>Aber wer die Sendung genauer analysiert, stellt fest: Ein Linker gegen eine Konservative und zwei Liberale, die die Verh&auml;ltnisse zwar kritisieren, aber im Unterschied zu Butterwegge nicht wirklich in Frage stellen &ndash; und eigentlich auch die konservativen Botschaften der Neoliberalen vermitteln. Wie z. B. Prof. Mau, der Kritik an der Globalisierung als &bdquo;r&uuml;ckw&auml;rtsgewandte Rezepte&ldquo; in eine nicht wieder herstellbare Vergangenheit kritisierte. Man m&uuml;sse stattdessen nach vorn schauen, wie eine Gesellschaft das Problem der Ungleichheit angehen und unter den Bedingungen der Offenheit, der internationalen Vernetzung und internationaler M&auml;rkte angehen k&ouml;nne. Freihandel und gesellschaftliche Offenheit ist in dieser typisch liberalen Sichtweise offenbar ein unverr&uuml;ckbares Dogma. Ein Dogma, das nach bisheriger historischer Erfahrung soziale Ungleichheit und Armut massiv gef&ouml;rdert hat.<\/p><p>Die unterschwellig konservative Botschaft wurde auch &uuml;ber die Einspielfilme vermittelt: In einem Einspieler wurden die Folgen sozialer Ungleichheit analysiert. Also zum Beispiel, dass Kinder aus sozial benachteiligten Klassen weitaus weniger Mittel und M&ouml;glichkeiten haben, sich Bildung anzueignen, als Kinder aus der Mittel- und Oberschicht. Im sachlichen Kern stimmten alle Aussagen. Was ich aber sehr bemerkenswert fand, war die klischeehafte und ressentimentgeladene szenische Darstellung der sozialen Klassen, die von Armut betroffen sind: <\/p><p>Da wurde in der Wohnung ein Aschenbecher gezeigt, der von Zigarettenkippen &uuml;berquoll. Die M&auml;dchen und jungen Frauen im Film ern&auml;hren sich von Pommes, Hamburgern und Cola, rauchen und sitzen vor der Glotze. Dieser Effekt &uuml;ber die gezeigten Bilder wurde noch durch die musikalische Unterlegung dramaturgisch gesteigert: Als im Kontrast dazu die kultivierte Welt des Bildungsb&uuml;rgertums vorgef&uuml;hrt wurde, setzte eine Heile-Welt-Musik ein. Was kommt r&uuml;ber?<\/p><p>Auf der einen Seite sehen wir eine kultivierte, sich gesund ern&auml;hrende und um ihre Kinder k&uuml;mmernde Bourgeoisie (Mutter bringt der Tochter einen Obstteller), auf der anderen Seite, eine primitive Unterschicht, die sich ungesund ern&auml;hrt, raucht und Fernsehen glotzt. Im v&ouml;lligen Kontrast dazu, der verst&auml;ndnisvolle Erz&auml;hlerton aus dem Off.<\/p><p>Unterschwellige Botschaft: Es ist kein Wunder, dass es diesen unkultivierten Menschen schlecht geht. Soziale Ungleichheit und soziale Ungerechtigkeit hat eben auch etwas mit Charaktereigenschaften zu tun. <\/p><p>Wenn man sich diese unterschwelligen Botschaften bewusst macht, kommt man zum Ergebnis, dass dies im Grunde keine Sendung gegen soziale Ungleichheit war. Sondern eine Sendung, die soziale Ungleichheit bzw. die bestehenden Machtverh&auml;ltnisse eher legitimierte und die Botschaft vermittelte: Man muss zwar die Ausw&uuml;chse korrigieren. Aber ansonsten kann alles so bleiben, wie es ist.<\/p><p>Daf&uuml;r spricht auch Scobels Schlusswort, das sich gegen &bdquo;Gleichmacherei&ldquo; richtete, wobei er in einem kurzen Nebensatz zu Unrecht auch noch Christoph Butterwegge f&uuml;r seine Position vereinnahmt, obwohl dieser nichts Dementsprechendes gesagt hatte:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der Philosoph Harry Frankfurt argumentiert, wie ich finde zu Recht, dass &ouml;konomische Gleichheit kein moralischer Wert an sich ist. Nicht nur weil Gleichmacherei unrealistisch ist, vor allem, weil nicht alle Menschen, Herr Butterwegge hat&rsquo;s gerade gesagt, dasselbe wollen und sich mit unterschiedlichen Dingen durchaus zufrieden geben. Also alles gut? Nein! Denn emp&ouml;rend bleibt die Armut Vieler: Und das ist das eigentliche Thema: Nicht die Forderung nach Gleichheit, sondern der Abbau der Armut. Alle zusammen m&uuml;ssen endlich eine Gesellschaft reparieren, in der viel zu viele viel zu wenig besitzen, w&auml;hrend andere deutlich mehr als genug haben. Schauen wir also anders als Trump in den USA hier den Realit&auml;ten ins Auge. Schauen wir auf die, deren Realit&auml;t wirklich bedroht ist und verbessern wir gemeinsam ihre Situation. Wenn Armut abgeschafft ist, kann man entspannt Unterschiede akzeptieren und sogar genie&szlig;en.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Was ich an diesem Statement gegen &bdquo;Gleichmacherei&ldquo; bemerkenswert finde: F&uuml;r das Bildungsb&uuml;rgertum sind Unterschiede, die Individualit&auml;t ausdr&uuml;cken, offenbar letztlich immer materielle sprich Einkommensunterschiede. Theodor Fontane meinte mal sp&ouml;ttisch &uuml;ber die Bildungsb&uuml;rger, dass diese auch nur Gelds&auml;cke seien. Manchmal kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er Recht hatte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Udo Brandes<\/strong> hat sich mit der Sendung &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.3sat.de\/page\/?source=\/scobel\/190745\/index.html\">Scobel<\/a>&ldquo; n&auml;her besch&auml;ftigt. Dort war soziale Ungleichheit das Thema. Das Fazit von Udo Brandes: An der sichtbaren Oberfl&auml;che war dies eine Sendung, die soziale Ungleichheit anklagt. Aber wer genauer hinschaute, konnte auch ganz andere Botschaften entdecken. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,41,146,11,132],"tags":[619,757,213,1326,408,827,687],"class_list":["post-37500","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-medienanalyse","category-soziale-gerechtigkeit","category-strategien-der-meinungsmache","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-3sat","tag-bourdieu-pierre","tag-butterwegge-christoph","tag-siems-dorothea","tag-soziale-herkunft","tag-stigmatisierung","tag-ungleichheit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/37500","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=37500"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/37500\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":51188,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/37500\/revisions\/51188"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=37500"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=37500"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=37500"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}