{"id":3754,"date":"2009-02-09T09:33:50","date_gmt":"2009-02-09T08:33:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3754"},"modified":"2014-01-29T14:54:15","modified_gmt":"2014-01-29T13:54:15","slug":"woran-liegt-es-dass-das-internet-im-deutschen-wahlkampf-so-ein-schattendasein-fristet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3754","title":{"rendered":"Woran liegt es, dass das Internet im deutschen Wahlkampf so ein Schattendasein fristet?"},"content":{"rendered":"<p>Unser Blogger-Kollege Jens Berger, der den lesenswerten und gut gemachten Blog &bdquo; Der Spiegelfechter&ldquo; herausgibt, hat einen interessanten Artikel im <a href=\"http:\/\/www.freitag.de\/wochenthema\/0906-der-wandel-scheitert-am-proporz\">Freitag<\/a> geschrieben, in dem er sich mit den Unterschieden der politischen Bedeutung von Blogs, ihrem Selbstverst&auml;ndnis und den Einflussm&ouml;glichkeiten des &bdquo;Graswurzeljournalismus&ldquo; in den USA und Deutschland auseinandersetzt. Ich habe mir &uuml;ber das Selbstverst&auml;ndnis der &bdquo;NachDenkSeiten&ldquo; im besonderen und &uuml;ber die M&ouml;glichkeiten und Barrieren von politischen Blogs im Allgemeinen auch seit langem Gedanken gemacht und m&ouml;chte dem Beitrag von Jens Berger einige Thesen hinzuf&uuml;gen. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Zun&auml;chst zu dem Diskussionsbeitrag von Jens Berger:<\/strong><\/p><p>Jens Berger kommentiert in seinem Blog <a href=\"http:\/\/www.spiegelfechter.com\/wordpress\/\">&bdquo;Die Spiegelfechter&ldquo;<\/a> medienkritisch aktuelle politische Entwicklungen. Ich teile seine Auffassung, dass das Internet im deutschen Wahlkampf gemessen an der Wahlkampagne von Barack Obama bisher ein &bdquo;Schattendasein&ldquo; f&uuml;hrt. Das wird auch auf absehbare Zeit so bleiben, wenn auch sicher von den Parteien dieses Medium etwa bei der Bundestagswahl st&auml;rker f&uuml;r die Wahlwerbung genutzt werden wird.<\/p><p>Ich bin auch seiner Meinung, dass die Netzgemeinde in Deutschland hinsichtlich Reichweite, Leserinteresse und Relevanz sich keineswegs hinter den Blogs in den USA, nicht einmal hinter dem gr&ouml;&szlig;ten Politblog der USA, der Huffington Post, verstecken muss.<br>\nEr hat v&ouml;llig Recht: &uuml;bertragen auf deutsche Zahlen hat die &bdquo;HuffPo&ldquo; 47.000 Leser am Tag, die NachDenkSeiten hatten im Januar 2009 t&auml;glich durchschnittlich &uuml;ber 30.000 &bdquo;Visits&ldquo;, am Tag nach der Hessenwahl sogar 38.000. <\/p><p>Berger vertritt die These, dass der gro&szlig;e Unterschied zwischen den USA und Deutschland nicht etwa in der Struktur der Netzmedien bestehe, sondern in der Partizipation der B&uuml;rger am politischen System. In den USA herrsche bei der Netzgemeinde das Selbstverst&auml;ndnis vor, ein Teil des politischen Systems zu sein und es aktiv mitgestalten zu k&ouml;nnen. In Deutschland beschr&auml;nke sich die politische Partizipation &uuml;ber das Netz meist auf die Kritik an der institutionellen Politik. Die politischen Blogs betrachteten sich nicht als aktive Mitspieler auf dem Spielfeld der gro&szlig;en Politik, sondern als Kommentatoren, die von der Trib&uuml;ne aus Fehler und Schw&auml;chen erl&auml;uterten und bewerteten: &bdquo;Das Publikum soll das Spiel besser verstehen. Weder die Zuschauer, noch die Kommentatoren geben sich der Illusion hin, selbst etwas am Spiel &auml;ndern zu k&ouml;nnen&ldquo;, so Bergers Urteil &uuml;ber die deutschen Blogs.<\/p><p>Aus Sicht der NachDenkSeiten kann ich Jens Berger nur teilweise zustimmen. Ja, wir verstehen uns in erster Linie als &bdquo;Aufkl&auml;rer&ldquo;. Wir versuchen uns dem eindimensionalen Meinungsstrom der Leitmedien entgegenzustellen und uns mit Daten, Fakten und Argumenten vor allem auf den Feldern der Wirtschafts- Sozial- und Wissenschaftspolitik mit den bei uns in der ver&ouml;ffentlichten Meinung (und in den herrschenden Parteien) absolut dominanten Ideologien auseinanderzusetzen und Alternativen dagegen zustellen. Wir sind damit zwar in einer Minderheitenposition, aber keineswegs au&szlig;erhalb des politischen Systems. Es ist eher die Rolle des Davids gegen Goliath oder die Arbeit eines Sisyphus, der den Felsbrocken jeden Tag aufs Neue den steilen Berg hinaufrollen muss.<\/p><p>Ja, wir wollen, dass unser Publikum &bdquo;das Spiel besser versteht&ldquo;, indem wir versuchen, den Blick unserer Leserinnen und Leser hinter die Kulissen der Meinungsbeeinflussung und der t&auml;glichen Propaganda zu lenken. Wir meinen, dass wir vor allem dadurch &bdquo;etwas am Spiel &auml;ndern k&ouml;nnen&ldquo;, dass wir versuchen, am Aufbau einer Gegen&ouml;ffentlichkeit gegen die absolut vorherrschende Meinungsmache in den Medien und durch die etablierten Parteien mitzuwirken. Wir sehen eine wichtige Aufgabe darin, Menschen, die an den g&auml;ngigen Parolen und am Erfolg der Agenda-Politik zweifeln oder sogar verzweifeln, in ihrem Zweifel zu st&auml;rken, indem wir ihnen ein St&uuml;ck weit Sicherheit geben, dass sie mit ihren Ansichten und Erfahrungen, die so ganz anders sind, als ihnen t&auml;glich eingebl&auml;ut werden soll, nicht allein stehen, sondern dass es ziemlich viele Gleichgesinnte oder Kritiker am herrschenden Kurs gibt.<\/p><p>Indem wir &bdquo;Fehler und L&uuml;gen aufdecken&ldquo;, bef&uuml;rchten nicht, dass dadurch &bdquo;vor allem die Partei der Nichtw&auml;hler an Stimmen gewinnen&ldquo; wird. Aus den R&uuml;ckmeldungen an uns entnehmen wir vielmehr, dass die NachDenkSeiten jedenfalls viele unserer Leserinnen und Leser vor der Flucht in die politische Resignation abhalten und wir sie ganz im Gegenteil dazu ermuntern, sich wieder in die &ouml;ffentliche Debatte einzumischen. Was sehr viele auch tun, etwa wenn sie aufgrund unserer Argumente Briefe an Politiker oder Zeitungsredaktionen schreiben oder sich wirkungsvoll in die &uuml;blich gewordenen &bdquo;Chats&ldquo; nach Rundfunksendungen einschalten. Die meisten unserer Nutzerinnen und Nutzer durchschauen sehr wohl, dass sie durch Wahlenthaltung eher zu noch gr&ouml;&szlig;eren Wahl-&bdquo;Erfolgen&ldquo; (gemessen an der Zahl der abgegebenen Stimmen) der von ihnen kritisierten Parteien beitragen w&uuml;rden.<\/p><p>Wir stimmen Jens Berger zu, dass &ndash; jedenfalls der gr&ouml;&szlig;te Teil unserer Leserinnen und Leser &ndash; keineswegs &bdquo;politikverdrossen&ldquo; ist. Wir verstehen uns allerdings nicht &ndash; wie er meint &ndash; als &bdquo;systemverdrossen&ldquo;. Wir treten im Gegenteil aus voller &Uuml;berzeugung f&uuml;r die Demokratie unseres Grundgesetzes ein.<br>\nWas unsere Leserinnen und Leser und uns allerdings verdrie&szlig;t, das ist die mangelnde Vielfalt der &ouml;ffentlichen Debatte oder, um es hart zu sagen, die Gleichschaltung der &ouml;ffentlichen Meinung durch die etablierten Parteien und die meinungspr&auml;genden Medien.<\/p><p>Was die fehlende &bdquo;Internetkompatibilit&auml;t&ldquo; des deutschen Politiksystems anbetrifft, teile ich Jens Bergers Meinung weitgehend. <\/p><p><strong>Ich m&ouml;chte dem Aufsatz von Jens Berger noch ein paar eigene Thesen anf&uuml;gen:<\/strong><\/p><p><strong>I. M&ouml;glichkeiten und Grenzen von Blogs:<\/strong><\/p><ul>\n<li><strong>Blogs sind<\/strong> nach meiner Meinung &ndash; vielleicht neben Flugblatt oder Kleinverlagen oder dem Mittel der Demonstration &ndash; <strong>die einzig mir erkennbare Chance, mit denen sich einzelne ohne viel Kapital der &bdquo;Vermachtung der &Ouml;ffentlichkeit&ldquo; durch private oder kommerzielle Akteursgruppen, durch Staat, Parteien und Verb&auml;nde und vor allem auch den wenigen monopolartigen Medienunternehmen entgegenstellen k&ouml;nnen und vom Mainstream abweichenden Meinungen eine Stimme und ein Forum bieten k&ouml;nnen<\/strong>.\n<p>Allerdings k&ouml;nnen Blogs derzeit allenfalls ein wenig Sand ins Getriebe der Maschinerie einer gesteuerten oder gelenkten Demokratie streuen.<\/p><\/li>\n<li><strong>Politische Blogs haben es bisher in Deutschland nicht leicht.<\/strong><br>\nUnter den ersten 100 der deutschen Blogcharts finden sich nur ganz wenige im engeren Sinne politische Blogs, (<a href=\"http:\/\/www.deutscheblogcharts.de\/archiv\/2009-5.html\">Blogcharts<\/a>). Unter den ersten 20 findet man gerade mal <a href=\"http:\/\/www.bildblog.de\">BildBlog<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/\">Stefan Niggemeier<\/a> oder die <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\">NachDenkSeiten<\/a>.<br>\nDanach kommt Bergers <a href=\"http:\/\/www.spiegelfechter.com\/wordpress\/\">Spiegelfechter<\/a> und ziemlich weit abgeschlagen folgen noch <a href=\"http:\/\/www.readers-edition.de\/\">Readers Edition<\/a>, <a href=\"http:\/\/blog.tagesschau.de\">blog.tagesschau.de<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.weissgarnix.de\/\">weissgarnix<\/a> und ein <a href=\"http:\/\/npd-blog.info\/\">npd-blog<\/a>, der sich mit den menschenfeindlichen Einstellungen dieser rechtsradikalen Partei auseinandersetzt.\n<p>Einigerma&szlig;en erfolgreich sind Kampagnen-Blogs wie <a href=\"http:\/\/www.campact.de\/campact\/home\">Campact<\/a> oder <a href=\"http:\/\/www.abgeordnetenwatch.de\/\">Abgeordneten-Watch<\/a> (da hilft der Sponsor Bonventure). Aber selbst wenn Campact es schafft, einige 10.000 Mails zu aktivieren, kann man noch kaum von einer Massenbewegung sprechen.<br>\nAuch die NachDenkSeiten haben schon mal Tell-a-Friend-Aktionen gemacht (d.h. die Weiterleitung von E-Mail Formularen). Das hat einige tausend Mails ausgel&ouml;st, aber von einer massenhaften Verbreitung sind wir noch weit entfernt.<\/p>\n<p>Einigerma&szlig;en vom Publikum angenommen sind auch Austauschportale f&uuml;r Internet-Freaks:<br>\nEtwa <a href=\"http:\/\/netzpolitik.org\">netzpolitik.org<\/a> (netzpolitik.org ist ein deutsches Blog &uuml;ber Themen der digitalen Gesellschaft, unter anderem staatliche &Uuml;berwachung, Open Source-Software, Telekommunikationsgesetze sowie Creative Commons und eine freie Wissensgesellschaft. Netzpolitik.org wurde 2002 von Markus Beckedahl gegr&uuml;ndet, der es noch heute betreibt).<br>\nAuch <a href=\"http:\/\/www.basicthinking.de\/blog\/\">Basic Tinking<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.nerdcore.de\/wp\/\">Nerdcore<\/a> und viele andere sind eher <strong>Austauschportale f&uuml;r Internet-Enthusiasten<\/strong>. <\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.spreeblick.com\/\">Spreeblick<\/a> bietet eher Buntes; <a href=\"http:\/\/blog.fefe.de\/\">Fefes Blog<\/a> ist wohl eher ein Portal f&uuml;r Verschw&ouml;rungstheoretiker.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.bildblog.de\">BildBlog<\/a> ist erfolgreich, weil David gegen den Goliath &bdquo;Bild-Zeitung&ldquo; antritt, &auml;hnlich auch beim <a href=\"http:\/\/www.googlewatchblog.de\/\">GoogleWatchBlog<\/a>. <\/p>\n<p>H&auml;ufig aufgerufen werden nat&uuml;rlich die Internetangebote von <strong>NGOs<\/strong>, <strong>attac<\/strong> oder <strong>Greenpeace<\/strong>. Aber dahinter stecken schon wieder gr&ouml;&szlig;ere Organisationen, und vor allem sind diese Gruppen mitgliedschaftlich organisiert. <\/p>\n<p>Be&auml;ngstigend ist allerdings das Internet-Netzwerk der Neo-Nazi-Szene.<\/p><\/li>\n<li><strong>Um ein gr&ouml;&szlig;eres Publikum zu erreichen braucht man einen langen Atem, viel Ausdauer und viel Kraft und Flei&szlig; &ndash; und vor allem braucht man Verl&auml;sslichkeit und Qualit&auml;t.<\/strong>\n<p><strong>Blogs haben in Deutschland n&auml;mlich noch zahlreiche Barrieren zu &uuml;berwinden:<\/strong><\/p>\n<p><strong>Deutschland ist noch ein Blog-Entwicklungsland<\/strong> (<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/0,1518,567038,00.html\">Spiegel<\/a>). Nur jeder F&uuml;nfte Deutsche liest Blogs, in den USA und Japan jeder Dritte, in den Niederlanden 40 %. <\/p>\n<p>Auf einer Tagung des Instituts f&uuml;r Rund&ouml;konomie beim Deutschlandfunk am 15. Januar 2009 habe ich von dem Mediensoziologen Heiner Meulemann gelernt, dass derzeit immer noch nur 72% der Haushalte eine PC-Ausstattung und davon wiederum nur 70% einen DSL-Anschluss haben (Bei Radio\/TV sind es 98%). Fernsehen und Radio sind nach wie vor die elektronischen Leitmedien, mit einer Nutzungsdauer von 555 Minuten pro Tag (vor allem Radio aber auch Fernsehen als Hintergrundkulisse).<br>\nDen PC nutzen ihre Besitzer t&auml;glich 86 Minuten, unter den 14 &ndash; 19-J&auml;hrigen allerdings schon 147 Minuten. An den &uuml;ber 65-J&auml;hrigen geht das Internet praktisch vorbei.<\/p>\n<p>Die Hauptnutzer des Internets, also vor allem die <strong>Jungen<\/strong> haben ein distanziertes Verh&auml;ltnis zum Politikbetrieb. 40 Prozent der jungen Leute sind mit dem derzeitigen Funktionieren der Demokratie unzufrieden (Monitor). Die jungen Leute nutzen das Internet &uuml;berwiegend zur Unterhaltung, f&uuml;r Spiele oder vielfach zur Internetrecherche (z.B. Wikipedia).<br>\nNur 30% der PC-nutzer nehmen an Diskussionsforen teil oder besuchen Blogs, hat Meulemann erhoben.<\/p>\n<p><strong>Themen- oder einzelprojektbezogene Blogs sind f&uuml;r junge Leute<\/strong> spannender oder attraktiver. Viele Menschen engagieren sich etwa bei <strong>Wikipedia<\/strong>. Das deutschsprachige Lexikon ist immerhin das zweitgr&ouml;&szlig;te der Welt. (Allerdings bestimmen dort bei politischen Sachverhalten auch diejenigen die Inhalte, die es sich leisten k&ouml;nnen, st&auml;ndig kritische Eintr&auml;ge abzuwehren.)<\/p><\/li>\n<li><strong>Der Vorteil des Internets &ndash; n&auml;mlich dass jeder seine Stimme &ouml;ffentlich erheben kann, ist gleichzeitig wieder ein Nachteil zur Schaffung einer relevanten Gegen&ouml;ffentlichkeit.<\/strong>\n<p>Laut <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Weblog\">Wikipedia<\/a> gab es 2005 rd. 20 Millionen Blogs. Laut einer Allensbacher Computer- und Technikanalyse <strong>betreiben 8,4% der Internetnutzer ein eigenes Blog<\/strong>. Laut Spiegel gibt es sch&auml;tzungsweise <strong>500.000 deutschsprachige Blogs, darunter etwa 200.000 aktivere<\/strong>.<br>\nWill sagen: <strong>Aufgrund dieser Un&uuml;bersichtlichkeit ist es ungeheuer schwierig f&uuml;r einen einzelnen Blog, an sein Publikum heranzukommen.<\/strong> <\/p>\n<p>Selbst als aktiver Blogger verfolge ich allenfalls ein dutzend Blogs regelm&auml;&szlig;iger und ich bin immer wieder &uuml;berrascht, wenn ich eher zuf&auml;llig auf Blogs ziemlich guter Qualit&auml;t sto&szlig;e, die ich bisher nicht kannte.<\/p><\/li>\n<li>Ich kann das nicht beweisen, aber meine subjektive Empirie sagt mir, dass <strong>Blogs in den Suchmaschinen<\/strong> gegen&uuml;ber den etablierten Medien, gegen&uuml;ber den Webangeboten der Wirtschaft oder den gro&szlig;en Verb&auml;nden und gegen&uuml;ber PR-Agenturen benachteiligt sind und es recht selten auf die ersten Seiten schaffen. Wenn man auf den Suchmaschinen ein politisches Suchwort eingibt, st&ouml;&szlig;t man erst sehr sp&auml;t und recht selten auf Blogs.<\/li>\n<li><strong>Epidemische Ausbreitungen<\/strong> von Mitteilungen sind in Deutschland <strong>nicht sehr h&auml;ufig<\/strong> und beziehen sich meist auf Gags oder irgendwelche Sonderlichkeiten (z.B. das gef&auml;lschte Tucholsky-Gedicht &uuml;ber die Finanzkrise) oder You-Tube-Videos.<br>\nSo haben sich die NachDenkSeiten &uuml;berwiegend &uuml;ber den <strong>Mundfunk<\/strong> durchgesetzt, aber wir erleben auch Spr&uuml;nge nach oben bei den Zugriffen, etwa durch die erfolgreichen B&uuml;cher von Albrecht M&uuml;ller oder wenn er oder ich z.B. im Rundfunk auftreten. D.h. ohne das B<strong>ekanntwerden &uuml;ber die Massenmedien<\/strong> ist es schwer, aus einem Nischendasein herauszutreten.<\/li>\n<li><strong>Zwar<\/strong> hat sich ein <strong>weltweites Netz<\/strong> von verschiedenen Netzwerken herausgebildet, wie etwa indymedia-Gruppen, Videokollektive oder Freie Radios, aber sie k&ouml;nnen allenfalls kleinere, selten gro&szlig;e <strong>Protestkampagnen oder Mailkampagnen<\/strong> begleiten oder ansto&szlig;en.<br>\n(Jedenfalls schaffen sie bisher keine dauerhafte konsistente Gegen&ouml;ffentlichkeit.)<\/li>\n<li><strong>web 2.0 oder twitters<\/strong> (StudiVz o.&auml;.) sind eher pers&ouml;nliche Austauschforen, als eine politische Bewegung. Sie sind allenfalls <strong>in dem Sinne politisch, dass sie unpolitisch sind<\/strong>.<\/li>\n<li><strong>Was bei Vergleichen von Internetkampagnen zwischen den USA und Deutschland immer wieder unter den Tisch f&auml;llt, ist das Geld und das Personal.<\/strong><br>\nEiner der Mitbegr&uuml;nder von Twitter sammelte zun&auml;chst 22 Millionen Dollar Risikokapital.<br>\nDer vielleicht gr&ouml;&szlig;te amerikanische Blog &bdquo;Huffington Post&ldquo; wurde von der Multimillion&auml;rin Huffington und einem fr&uuml;heren AOL Manager gegr&uuml;ndet und hatte mehrere Millionen Startkapital.<br>\n&bdquo;HuffPo&ldquo; hat 46 Angestellte, darunter 27 Reporter und Redakteure, eine Anzeigenabteilung, einen Marketingstab und einen Pressesprecher. Obama hatte f&uuml;r seine Kampagne 90 Internetexperten, die Vollzeit f&uuml;r ihn arbeiteten und die meisten waren noch hoch motiviert und nicht nur angeheuerte Consulting-S&ouml;ldner.\n<p>Dass Blogger in Deutschland nicht so erfolgreich sind wie in den USA, liegt auch an dem unterschiedlichen Mediensystem. In Deutschland gibt es nach wie vor erheblich <strong>bessere Angebote<\/strong>, und die meisten Menschen haben <strong>noch gar nicht bemerkt, dass Spiegel, STERN oder die &Ouml;ffentlichrechtlichen auch nur &uuml;berwiegend Mainstreamjournalismus<\/strong> betreiben. Ein so eklatantes Versagen wie der meisten amerikanischen Medien etwa bei der Berichterstattung zu Beginn des Irak-Krieges ist in Deutschland noch nicht aufgefallen.<\/p><\/li>\n<li><strong>Die etablierten Medien und insbesondere die Massenmedien tragen eher zur Apathie als zur politischen Aktivierung gro&szlig;er Bev&ouml;lkerungsteile bei.<\/strong> (Laut Monitor sind zwei Drittel damit zufrieden alle paar Jahre mal zu Wahl zu gehen.)<\/li>\n<\/ul><p><strong>II. In Deutschland w&auml;re eine Internetwahlkampagne wie die von Obama nicht oder noch nicht m&ouml;glich.<\/strong><\/p><p><em>(Siehe dazu auch Markus Beckedahl in <a href=\"http:\/\/netzpolitik.org\/2008\/vergleich-obama-kampagne-und-deutscher-internetwahlkampf\/\">netzpolitik<\/a>)<\/em> <\/p><ul>\n<li>Wahlk&auml;mpfe sind in Deutschland nicht so emotionalisiert wie in den USA. (Und solche Jubel-Parteitage wie dort empf&auml;nde ich sogar eher als Gr&auml;uel.)<br>\nWo f&auml;nde man in Deutschland soviel (teils naive) Leidenschaft wie bei den Amerikanern? (Allerdings muss man hinzuf&uuml;gen, dass Obamas Auftritt in Berlin offenbar auch bei vielen Deutschen die Emotionen hochschlagen lie&szlig;.)<br>\nWelche Partei k&ouml;nnte derzeit solche charismatischen Hoffnungstr&auml;ger bieten und kommunizieren, wie Obama als ein solcher aufgebaut werden konnte?<br>\n<strong>Heribert Prantl<\/strong> schrieb in der SZ zum Jahresbeginn &uuml;ber die deutschen Verh&auml;ltnisse ziemlich zutreffend: <strong>Alle Parteien leiden an Perspektivlosigkeit und &Uuml;berzeugungsfreiheit.<\/strong> (Das trifft zumindest auf die CDU, SPD, FDP aber zunehmend auch auf die Gr&uuml;nen zu.) Obama konnte allerdings auch weniger durch sein Programm als durch die Wechselstimmung nach 8 Jahren Bush die Menschen mitrei&szlig;en.\n<p>In Deutschland ist der Wahlkampf (noch) nicht so stark auf die Spitzenkandidaten fixiert. Das Kanzleramt ist eben auch etwas anderes als das amerikanische Pr&auml;sidentenamt. Es gibt auch nicht diese mittelbare Direktwahl von Kandidaten wie in den USA. Es ist einfacher, im Netz f&uuml;r einen Kandidaten als f&uuml;r ein Programm zu werben. <\/p>\n<p>Wahlkampf ist bei uns dezentraler (auf Wahlkreise) angelegt. Trotz Listenwahl und obwohl die Parteien zur Wahl stehen, stehen vor Ort immer auch noch die Kandidaten, die gegeneinander antreten. <\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/my.barackobama.com\">my.barackobama.com<\/a> konnte auf die Open-Source-Strukturen und auf die Erfahrungen von Howard Dean aufbauen (5 Jahre zuvor). Solche Strukturen gibt es bei uns nicht.<\/p>\n<p>Was beim Vergleich von Internetkampagnen zwischen den USA und Deutschland immer wieder unter den Tisch f&auml;llt, das ist das <strong>Geld und das Personal<\/strong> (siehe oben).<\/p>\n<p>Zum Gl&uuml;ck l&auml;sst es der <strong>Datenschutz<\/strong> in Deutschland auch nicht zu, dass Mails mit massenhaften Adressdaten versandt werden d&uuml;rfen.<\/p>\n<p><strong>Dennoch, die Parteien werden im Fr&uuml;hjahr alle Blogs, Twitter und Podcasts aus dem Werkzeugkoffer holen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Aber:<\/strong><\/p><\/li>\n<li><strong>Die etablierten Parteien haben letztlich kaum ein Interesse, die Leitmedien zu umgehen.<\/strong> (Sie meinen, damit ganz gut leben zu k&ouml;nnen &ndash; auch die SPD.)\n<p>Die Netzauftritte der Parteien selbst laden weder die Mitglieder noch das Internetvolk zum Engagement und zum Mitmachen ein.<br>\nSPD will zwar &ldquo;Internetpartei Nummer 1&rdquo; sein. SPD-Wahlkampfmanager Kajo Wasserh&ouml;vel erkl&auml;rte, in den ersten 24 Stunden nach dem Relaunch habe die SPD mehr als eine Million Besucher auf ihrer neuen Internet-Plattform gez&auml;hlt. Doch es bleibt bei einer Plattform, auf der sich im Wesentlichen der Absender an die Adressaten richtet. Der Werbungscharakter steht weit vor dem Dialogprinzip. <\/p>\n<p>Angesichts der deutschen Parteistrukturen engagieren sich nicht sehr viele junge Menschen in Parteien und schon gar nicht die Internet-Freaks. Parteiengagement gilt als ziemlich &bdquo;un-cool&ldquo;. <strong>Auf parteibetriebenen Websites wird den Nutzerinnen und Nutzern nicht wirklich die Chance gegeben, sich einzumischen oder gar etwas zu ver&auml;ndern.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Gelingen k&ouml;nnte so etwas mit W&auml;hlerinitiativen oder Parallelorganisationen zu den Parteien, wie etwa im Willy-Wahlkampf 1972.<\/strong> Aber es gibt halt derzeit auch keinen Brandt und keinen Strau&szlig;.<\/p><\/li>\n<li><strong>Parteien setzen nach wie vor eher auf &bdquo;Glotze und Bild&ldquo;. Das Internet ist in der Politik noch nicht angekommen.<\/strong>\n<p>Au&szlig;erdem: K&ouml;nnen etwa CDU und SPD bei den negativen Umfragewerten, die sie in zentralen Feldern der Politik erfahren (z.B. Rente mit 67, Kriegseins&auml;tze, Hartz usw.) &uuml;berhaupt ein Interesse an einem offenen Meinungsbildungsprozess haben?<\/p><\/li>\n<\/ul><p><strong>Fazit:<\/strong><\/p><p>Der wortm&auml;chtige Paul Sethe, Ressortchef der Springer-Zeitung &bdquo;Die Welt&ldquo;, hat schon 1965 in einem Leserbrief an den SPIEGEL so pr&auml;gnant geschrieben: <\/p><blockquote><p>Im Grundgesetz stehen wundersch&ouml;ne Bestimmungen &uuml;ber die Freiheit der Presse. Wie so h&auml;ufig, ist die Verfassungswirklichkeit ganz anders als die geschriebene Verfassung. Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten. Journalisten, die diese Meinung teilen, finden sie immer. Ich kenne in der Bundesrepublik keinen Kollegen, der sich oder seine Meinung verkauft h&auml;tte. Aber wer nun anders denkt, hat der nicht auch das Recht, seine Meinung auszudr&uuml;cken? Die Verfassung gibt ihm das Recht, die &ouml;konomische Wirklichkeit zerst&ouml;rt es. Frei ist, wer reich ist.<\/p><\/blockquote><p>Die zweihundert reichen Leute, die sich eine Zeitung oder einen Sender leisten k&ouml;nnen, sind inzwischen vielleicht auf ein Dutzend geschrumpft.<\/p><p>Dennoch: Das Internet bietet jedenfalls das technologische Potential zur Wahrnehmung der Meinungs- und Pressefreiheit, ohne reich zu sein. Bis Blogs als Faktor und Medium der Meinungsbildung die bestehende Meinungsmacht wieder von unten und demokratisch aufbrechen k&ouml;nnen, wird es noch l&auml;ngere Zeit dauern. Aber immerhin; Das Medium dazu w&auml;re da und Ans&auml;tze dazu gibt es auch.<\/p><p>Dazu ein aktuelles Beispiel:<\/p><p><strong>Bahn gibt Kampf gegen Weblog auf<\/strong><br>\nMit einer Abmahnung gegen das Weblog Netzpolitik wollte die Bahn die Verbreitung eines internen Memos zum Datenskandal unterbinden. Doch der Blogger wehrte sich erfolgreich.<br>\nDer Vorgang ist ein Zeichen daf&uuml;r, dass sich die medialen Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse durch das Netz zunehmend ver&auml;ndern. Noch vor ein paar Jahren h&auml;tte ein Vorgang wie die Abmahnung vermutlich erst nach mehreren Tagen eine derartige mediale &Ouml;ffentlichkeit bekommen &ndash; wenn &uuml;berhaupt. Und es waren nicht zuletzt Beckedahls Nachrichten auf dem Micro-Blogging-Dienst Twitter, die den Vorgang so rasant zum &ouml;ffentlichen Thema machten. &bdquo;Die Vernetzung von sozialen Medien ist besser als ihr Ruf&ldquo;, sagt Beckedahl. &bdquo;Die Aktion hat gezeigt, dass Blogs ernster zu nehmen sind.&rdquo;<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.focus.de\/digital\/internet\/netzpolitik-org-bahn-gibt-kampf-gegen-weblog-auf_aid_368728.html?drucken=1\">FOCUS<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unser Blogger-Kollege Jens Berger, der den lesenswerten und gut gemachten Blog &bdquo; Der Spiegelfechter&ldquo; herausgibt, hat einen interessanten Artikel im <a href=\"http:\/\/www.freitag.de\/wochenthema\/0906-der-wandel-scheitert-am-proporz\">Freitag<\/a> geschrieben, in dem er sich mit den Unterschieden der politischen Bedeutung von Blogs, ihrem Selbstverst&auml;ndnis und den Einflussm&ouml;glichkeiten des &bdquo;Graswurzeljournalismus&ldquo; in den USA und Deutschland auseinandersetzt. 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