{"id":3755,"date":"2009-02-09T15:09:18","date_gmt":"2009-02-09T14:09:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3755"},"modified":"2019-06-02T11:45:35","modified_gmt":"2019-06-02T09:45:35","slug":"arbeits-unrecht-ein-aufruf-von-werner-ruegemer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3755","title":{"rendered":"Arbeits-Unrecht \u2013 ein Aufruf von Werner R\u00fcgemer"},"content":{"rendered":"<p>Rechtsbr&uuml;che, Unrechts-Gesetze, rechtliche Grauzonen, &ouml;ffentliche Diskriminierung, Erpressung: Besch&auml;ftigte wie Arbeitslose werden ausgequetscht und erniedrigt. Bestandsaufnahme und Widerstand sind n&ouml;tig. Werner R&uuml;gemer beschreibt die Brisanz der Entwicklung und weist auf eine Konferenz zum Thema hin: <a href=\"http:\/\/www.businesscrime.de\">www.businesscrime.de<\/a>. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Ein Aufruf von Werner R&uuml;gemer<\/strong><\/p><p>Der Neoliberalismus ist keineswegs am Ende, er hat nur krisenbedingt seine ideologische Fassade gewechselt. Die staatliche Rettung bankrotter Banken und weiterer spekulativer Finanzakteure und Unternehmen &auml;ndert an den neoliberalen Praktiken wenig &ndash; au&szlig;er dass der Staat, der von Anfang an als Mitt&auml;ter und Gewinngarant auftrat, dies nun direkter und in gr&ouml;&szlig;erem Umfang tut.<\/p><p>Die ver&ouml;ffentlichte Meinung wird beherrscht von der &bdquo;Finanzkrise&ldquo;, die sich als &bdquo;Wirtschaftskrise&ldquo; fortsetze. In Wirklichkeit handelt es sich, vereinfacht gesagt, zun&auml;chst und vom Ausgangspunkt her um eine &bdquo;Krise der Reichen&ldquo;, denn &bdquo;die Wirtschaft&ldquo; gibt es nicht. Die Finanz- und Wirtschaftskrise ist die Krise der neoliberalen Akteure, die ihre bisherigen Super-Renditen nicht mehr fortsetzen konnten. Die Regierungen, die der neoliberalen Doktrin am aggressivsten gefolgt sind, geb&auml;rden sich beim Bankrott ihrer Lieblinge auch als deren rigoroseste und gro&szlig;z&uuml;gigste Verstaatlicher. Selbst die Verpflichtungen, die aus den dubiosesten Finanzprodukten und Kapitalwetten resultieren, werden nun vom Staat ohne eigene Pr&uuml;fung akzeptiert und hinter verschlossenen T&uuml;ren erf&uuml;llt. <\/p><p>Die neoliberalen Propagandisten und Akteure hatten den ohnehin br&uuml;chigen Konsens &uuml;ber die &bdquo;soziale Marktwirtschaft&ldquo;, die sich in Deutschland rechtlich auch auf das Grundgesetz st&uuml;tzen kann, seit langem gek&uuml;ndigt. Das Grundgesetz gilt weiter, und die Menschenrechte werden so intensiv beschworen wie noch nie. Aber gleichzeitig wurde in den letzten Jahrzehnten die K&uuml;ndigung schrittweise vollzogen, der Verfassungs- und Rechtsstaat ausgeh&ouml;hlt. Dies &auml;ndert sich auch nicht bei der gegenw&auml;rtigen Form von &bdquo;Verstaatlichung&ldquo;, die nichts anderes als die Fortsetzung privatwirtschaftlicher Maximen mit (etwas) anderen Mitteln darstellt.<\/p><p>Die Insolvenz, die nach geltendem Recht und Gesetz und nach den st&auml;ndig wiederholten Prinzipien der Marktwirtschaft erkl&auml;rt werden m&uuml;sste, wird nicht erkl&auml;rt. Der Staat hilft beim Rechtsbruch. Die Krisen-Verursacher, die zuvor ihre Verantwortung beschworen haben, &uuml;bernehmen keine Verantwortung. Die Besch&auml;ftigten und Arbeitslosen werden weiter als st&ouml;rende Kostenfaktoren behandelt, die immer und gerade in der Krise zu hoch sind. Die in die Enge getriebenen Renditej&auml;ger und ihre staatlichen Mitorganisatoren verlangen neue Opfer von denen, die bereits bisher die gr&ouml;&szlig;ten Opfer bringen mussten. Dabei werden geltende Gesetze gebrochen und werden neue Gesetze gemacht, die neues Unrecht begr&uuml;nden.<br>\nDer Neoliberalismus hat die Rechtssicherheit der Finanzakteure  gest&auml;rkt, die Rechtssicherheit der Besch&auml;ftigten und Arbeitslosen geschw&auml;cht. Dies galt schon bisher in mehrfacher Hinsicht, und es soll nach dem Willen der bisherigen Entscheider unter den neuen Bedingungen noch sch&auml;rfer gelten.<\/p><p>Erstens: Bestehende Gesetze werden gebrochen, nicht eingehalten, unterlaufen. Das Betriebsverfassungs-Gesetz ist weitgehend Makulatur. Die Bildung von Betriebsr&auml;ten wird be- und verhindert. In hunderttausenden von Unternehmen gibt es gar keine Betriebsr&auml;te. Unternehmen f&ouml;rdern &bdquo;gelbe Gewerkschaften&ldquo;. Unternehmen versto&szlig;en gegen den Datenschutz  und bespitzeln Besch&auml;ftigte, auch Aufsichtsr&auml;te und Journalisten. Mit ungesetzlichen Mitteln gehen Unternehmen auf Krankenjagd. Vorgeschriebene Gef&auml;hrdungsanalysen von Arbeitspl&auml;tzen unterbleiben, Arbeitsschutz-Bestimmungen werden ignoriert, Besch&auml;ftigte werden Gefahren ausgesetzt. &Uuml;berlastungsanzeigen etwa in Krankenh&auml;usern und in der Altenpflege werden von den Gesch&auml;ftsf&uuml;hrungen nicht angenommen. Unternehmen und staatliche Verwaltungen mi&szlig;brauchen Ein-Euro-Jobber als gewerblich Besch&auml;ftigte. Illegale Besch&auml;ftigung ist in Branchen wie Bau und Gastronomie ein fl&auml;chendeckender Dauerzustand.<\/p><p>Zweitens: Die Verletzung von Menschen- und Sozialrechten wird in die Form neuer und komplizierter Gesetze gekleidet: Unrecht durch Rechtsbefolgung. Dies gilt etwa f&uuml;r die &bdquo;Hartz&ldquo;-Gesetze. Die niedrigen Zahlungen f&uuml;r Arbeitslose, verbunden mit extremer Ausforschung der privaten und finanziellen Verh&auml;ltnisse und der entsch&auml;digungslosen Enteignung angesparten Verm&ouml;gens, verletzen das Grundgesetz. Sie erlauben kein Leben in W&uuml;rde, Freiheit und staatsb&uuml;rgerlicher Teilhabe. Die Entwicklung und Bildung von Kindern und Jugendlichen auf dem schulisch geforderten Niveau wird verhindert. &bdquo;Hartz IV&ldquo; ist ein Unrechts- und Exklusions-Mechanismus. Und selbst die erniedrigenden Standards von &bdquo;Hartz IV&ldquo; werden fl&auml;chendeckend unterlaufen: Die geringen Auszahlungen werden wochen- und monatelang verz&ouml;gert, es werden willk&uuml;rliche K&uuml;rzungen verordnet. Mit &bdquo;Hartz I&ldquo; wurde die Leiharbeit als zeitlich unbefristeter Status erm&ouml;glicht. Unternehmen richten Leiharbeit als prek&auml;res Dauerverh&auml;ltnis ein, das sie jederzeit aus eigenem Ermessen beenden k&ouml;nnen.<br>\nDrittens: Mithilfe von hochdotierten Beratern und Wirtschaftskanzleien werden rechtliche Grauzonen entwickelt. Spezialisierte Anw&auml;lte bieten Schulung an zum Thema &bdquo;Gewerkschaftsvermeidung&ldquo;. Sie beraten Gesch&auml;ftsf&uuml;hrungen und Unternehmensvorst&auml;nde, wie man &bdquo;st&ouml;rrische&ldquo; und &bdquo;st&ouml;rende&ldquo; Betriebsr&auml;te und Betriebsratsgr&uuml;nder loswerden kann, wie man &bdquo;Verdachtsk&uuml;ndigungen&ldquo; durchzieht. Es werden Arbeitsvertr&auml;ge z.B. &uuml;ber 20 Wochenstunden abgeschlossen, aber die reale Arbeitszeit betr&auml;gt nicht selten das Doppelte (&bdquo;Zeitdiebstahl&ldquo;), ebenso werden in Arbeitsvertr&auml;gen Mindestl&ouml;hne vereinbart, aber durch unbezahlte Wartezeiten, St&uuml;ckentlohnung u.&auml;. l&auml;uft dies auf gesetz- und sittenwidrige Niedrigstl&ouml;hne bis hinunter auf zwei oder drei Euro pro Stunde hinaus. Auch mithilfe kaskadenartiger Subunternehmer-Systeme sichern Generalunternehmer solche Praktiken ab. Praktikanten werden jahrelang als vollg&uuml;ltige Arbeitskr&auml;fte eingesetzt, aber nicht bezahlt. <\/p><p>Viertens: Die gro&szlig;en Medien verletzen die Menschenw&uuml;rde, indem sie mehr oder weniger offen gegen Arbeitslose als Sozialschmarotzer und Betr&uuml;ger hetzen. Lobbyisten setzen Parlamente unter Druck, um gesetzliche Mindestl&ouml;hne zu verhindern. Die Bertelsmann-Stiftung forciert mit ihrem Entwurf eines neuen Arbeitsgesetzbuchs die weitere Aufweichung des K&uuml;ndigungsschutzes und des Rechtsstatus der Besch&auml;ftigten &uuml;berhaupt. <\/p><p>F&uuml;nftens: Unternehmen betreiben gezielte Falschinformation gegen&uuml;ber Besch&auml;ftigten und &Ouml;ffentlichkeit, um Entlassungen zu begr&uuml;nden, wie sich etwa im Fall Siemens\/Nokia zeigte. Der Staat verschleiert und besch&ouml;nigt durch getrickste Statistiken die Zahlen von Besch&auml;ftigten und Arbeitslosen sowie das Ausma&szlig; und die Folgen der Armut ebenso wie das Ausma&szlig; und die Folgen des Reichtums.<\/p><p>Arbeit und Arbeitslosigkeit unter diesen Umst&auml;nden grenzen aus, machen krank, verk&uuml;rzen das Leben, unterh&ouml;hlen die Demokratie. Das Unrecht wird m&ouml;glich durch neues Recht, durch Grauzonen , durch Diskriminierung, durch Erpressung, durch das Schweigen der gro&szlig;en Medien. Besch&auml;ftigte wie Arbeitslose haben Angst, ihre Rechte einzufordern. Sie scheuen vielfach den Gang zum Gericht. Besch&auml;ftigte werden zur Geheimhaltung &uuml;ber ihre Arbeitsbedingungen und Niedrigl&ouml;hne verpflichtet. Wenn sie ungerechte Behandlung und  Mi&szlig;st&auml;nde an die &Ouml;ffentlichkeit bringen wollen, stehen sie unter der Drohung der Entlassung. Die Pressefreiheit f&uuml;r die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung ist nur rudiment&auml;r vorhanden. <\/p><p>Der Neoliberalismus behandelt die Besch&auml;ftigten und Nicht(mehr)Besch&auml;ftigten in zweifacher, sich widersprechender Weise: zum einen als Kostenfaktor, der immer zu hoch ist, zum anderen und gleichzeitig als Konsumenten, die m&ouml;glichst viel kaufen und konsumieren sollen. Dieser Widerspruch kann nur dadurch zeitweise aufgel&ouml;st werden, dass die Menschen als &bdquo;Konsumenten&ldquo; sich hoch verschulden und anschlie&szlig;end enteignet werden. Wenn nicht das Recht auf Arbeit gesetzlich, auch in den Einzelgesetzen (z.B. Aktien- und GmbH-Gesetz) verankert wird, kann diese krisen- und armutsverursachende Doppelrolle nicht aufgehoben werden.<\/p><p>Wie bei den Rettungsma&szlig;nahmen f&uuml;r die Finanzakteure greift der Staat auch bei den konkursverursachenden Strukturen der Unternehmen nicht umgestaltend ein. Banken und Unternehmen d&uuml;rfen mit den gleichen F&uuml;hrungskr&auml;ften und den gleichen Praktiken weitermachen wie bisher. Populistisch und opportunistisch m&auml;&szlig;igen sie sich etwas bei den Boni f&uuml;r die Topmanager, aber sie sch&uuml;tten hohe Dividenden aus, dr&uuml;cken L&ouml;hne, behindern und verhindern Betriebsr&auml;te, verordnen Kurzarbeit und Entlassungen.<\/p><p>Durch die derartige Banken- und Unternehmensrettung schwillt die Staatsverschuldung sprunghaft an. Gleichzeitig richten die Staatsverschulder eine grundgesetzliche &bdquo;Schuldenbremse&ldquo; ein. Aber je kr&auml;ftiger auf diese Schuldenbremse zuk&uuml;nftig getreten wird, umso mehr wird nach der bisherigen und keineswegs ge&auml;nderten Logik dann bei denen &bdquo;gespart&ldquo; werden m&uuml;ssen, bei denen schon bisher &bdquo;gespart&ldquo; wurde.<\/p><p>Deshalb ist es notwendig, dass das Ausma&szlig; und die tiefgehenden und vielf&auml;ltigen Folgen des Arbeits-Unrechts bilanziert und &ouml;ffentlich dargestellt werden. Dies ist ein notwendiger Beitrag dazu, dass die Betroffenen aus ihrer Erpressungs- und Angstsituation herauskommen, ihre arbeits- und verfassungsrechtlichen sowie ihre gewerkschaftlichen M&ouml;glichkeiten &uuml;berhaupt wahrnehmen k&ouml;nnen. <\/p><p>Schlie&szlig;lich geht es darum, dass nicht nur die Betroffenen, sondern alle Demokraten auch in diesem Bereich Widerstand &uuml;ben und eigene Perspektiven entwickeln k&ouml;nnen. Die erpressungsbedingte L&auml;hmung der Besch&auml;ftigten und Arbeitslosen ist auch ein wesentliches Hindernis daf&uuml;r, dass die Demokratie gelebt und entfaltet werden kann. Die Wirtschaft muss demokratisiert werden. Aufkeimenden Formen neuer Solidarit&auml;t m&uuml;ssen &uuml;berregional dokumentiert und best&auml;rkt werden.<br>\nAm 14. M&auml;rz 2009 findet in K&ouml;ln die Konferenz &bdquo;Arbeits-Unrecht&ldquo; statt, mehr dazu hier: <a href=\"http:\/\/www.businesscrime.de\">www.businesscrime.de<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rechtsbr&uuml;che, Unrechts-Gesetze, rechtliche Grauzonen, &ouml;ffentliche Diskriminierung, Erpressung: Besch&auml;ftigte wie Arbeitslose werden ausgequetscht und erniedrigt. Bestandsaufnahme und Widerstand sind n&ouml;tig. Werner R&uuml;gemer beschreibt die Brisanz der Entwicklung und weist auf eine Konferenz zum Thema hin: <a href=\"http:\/\/www.businesscrime.de\">www.businesscrime.de<\/a>. Albrecht M&uuml;ller<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,126,205],"tags":[595,643,317,288,389],"class_list":["post-3755","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-erosion-der-demokratie","category-neoliberalismus-und-monetarismus","tag-betriebliche-mitbestimmung","tag-kuendigungsschutz","tag-mindestlohn","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-sozialrassismus"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3755","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3755"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3755\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":52242,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3755\/revisions\/52242"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3755"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3755"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3755"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}