{"id":3759,"date":"2009-02-11T09:22:22","date_gmt":"2009-02-11T08:22:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3759"},"modified":"2019-07-25T11:10:10","modified_gmt":"2019-07-25T09:10:10","slug":"engagierte-literatur-zum-erscheinen-des-vierten-bandes-der-roman-tetralogie-die-kinder-des-sisyfos-von-erasmus-schoefer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3759","title":{"rendered":"Engagierte Literatur &#8211; Zum Erscheinen des vierten Bandes der Roman-Tetralogie \u201eDie Kinder des Sisyfos\u201c von Erasmus Sch\u00f6fer"},"content":{"rendered":"<p>Mit der Ver&ouml;ffentlichung des vierten Bandes seines Roman-Zyklus hat der K&ouml;lner Schriftsteller Erasmus Sch&ouml;fer sein Prosawerk &uuml;ber die j&uuml;ngere deutsche und europ&auml;ische Geschichte der linken Arbeiter- und B&uuml;rgerrechtsbewegungen zwischen 1968 und 1990 abgeschlossen. Wie in den drei Romanen zuvor werden aus der Perspektive von Beteiligten die politischen und gesellschaftlichen Konflikte dieser Jahre literarisch rekonstruiert. Dabei nimmt Sch&ouml;fer nicht die Position des distanzierten Betrachters ein, der aus heutiger Sicht auf die Ereignisse von damals zur&uuml;ckblickt. Vielmehr  zeigt er, wie sich die Hauptfiguren seiner Romane durch ihre aktive Teilnahme an den zentralen Auseinandersetzungen selbst entwickeln. Wie sie in den jeweiligen Situationen gedacht, gef&uuml;hlt und gehandelt haben. Welche Hoffnungen, Entt&auml;uschungen und Niederlagen sie geteilt haben. So kann nur einer schreiben, der selbst in diese Auseinandersetzungen involviert war, der sie als aktiv Beteiligter aus der Binnenperspektive kennt. Von Joke Frerichs<\/p><p><!--more--><br>\nIn dem ersten Roman seines Zyklus mit dem Titel: &bdquo;Ein Fr&uuml;hling irrer Hoffnung&ldquo; schildert Sch&ouml;fer die Ereignisse des Jahres 1968: den Kampf um eine demokratische Hochschulreform; die Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg; die Unruhen nach dem Attentat auf Rudi Dutschke; die Anti-Springer Kampagnen; die Demonstrationen gegen die Verabschiedung der Notstandsgesetze. Sch&ouml;fer zeigt, wie diese Ereignisse im Leben seiner Hauptakteure &ndash; dem Historiker Bliss und seiner Frau Lena, die als Gewandmeisterin an den M&uuml;nchener Kammerspielen arbeitet &ndash; ihre Spuren hinterlassen. Wie sie aus ihrem normalen b&uuml;rgerlichen Leben herausgerissen werden. Wie sie sich sukzessive in die Ereignisse verstricken. Wie sie sich ihrer pers&ouml;nlichen Pr&auml;gungen durch Kindheit und Schule bewusst werden. Wie sie versuchen, ihre Hemmungen und &Auml;ngste zu &uuml;berwinden. Und wie sich ihre pers&ouml;nliche Beziehungsgeschichte entwickelt. Das versucht Sch&ouml;fer durch die Konfrontation der &bdquo;privaten&ldquo; Lebensgeschichten mit den historischen Ereignissen spannungsreich zu entfalten.<\/p><p>Im zweiten Roman mit dem Titel &bdquo;Zwielicht&ldquo; zeigt Sch&ouml;fer, wie sich im Verlauf der siebziger Jahre viele der Reformanst&ouml;&szlig;e der Achtundsechziger weiterentwickeln. Neue Bereiche einer bisher &bdquo;unterschlagenen Wirklichkeit&ldquo; werden zum Gegenstand von Literatur: die Arbeitswelt und die Natur. Bei der literarischen Darstellung des Kampfes um den Erhalt der Glash&uuml;tte S&uuml;&szlig;muth und eines Stahlwerks von Mannesmann sowie gegen das Atomkraftwerk Wyhl  entwickelt Sch&ouml;fer ein ganzes Spektrum von Stilformen &ndash; Montage; Tagebucheintr&auml;ge; Protokolle; Reportage; Dokumentation &ndash; die dazu beitragen, die Authentizit&auml;t der Ereignisse pr&auml;zise herauszuarbeiten. Faszinierend dabei, mit welcher Sensibilit&auml;t er die konkreten Abl&auml;ufe schildert; die involvierten Personen, ihre St&auml;rken und Schw&auml;chen. Wie &uuml;berhaupt die literarische Qualit&auml;t dieser Romane darin besteht, dass Sch&ouml;fer durch die Konfrontation der  pers&ouml;nlichen Geschichten der Protagonisten mit den situativen betrieblich-gesellschaftlichen Kontexten einen Spannungsraum erzeugt, der von gro&szlig;er Erz&auml;hlkunst zeugt. <\/p><p>Dass eine derartige literarische Qualit&auml;t nicht im luftleeren Raum entsteht, zeigt Sch&ouml;fer, wenn er von den Auseinandersetzungen im und um den &bdquo;Werkkreis Literatur der Arbeitswelt&ldquo; erz&auml;hlt, an denen er selbst ma&szlig;geblich beteiligt war. Mag diese Bewegung (wie so vieles andere) auch letztlich in einer &bdquo;Sackgasse&ldquo; geendet haben &ndash; es bleibt von h&ouml;chstem Reiz, nachzuvollziehen, mit welchem Elan damals dar&uuml;ber diskutiert wurde, wie die weitgehend unbeachtete Wirklichkeit der Lebens- und Arbeitswelt von Arbeitern und sozial Deklassierten literarisch ad&auml;quat dargestellt werden sollte.<\/p><p>Im dritten Band &bdquo;Sonnenflucht&ldquo; erweitert der Autor das Handlungsgeschehen um die Schilderung der politischen Verh&auml;ltnisse in Griechenland. Dorthin hatte sich die Hauptfigur Bliss nach etlichen politischen und pers&ouml;nlichen Niederlagen zur&uuml;ckgezogen, um mit seinen eigenen &bdquo;Besch&auml;digungen&ldquo; k&ouml;rperlicher und psychischer Art fertig zu werden. Gemeinsam mit seinem Freund, dem Betriebsrat Anklam, der versucht, Bliss aus dem &bdquo;griechischen Exil&ldquo; zur&uuml;ckzuholen, erlebt er die Ereignisse des Sommers 1980 in Athen und den Tod einer jungen Kommunistin w&auml;hrend einer Demonstration. Dieser Tod und die anschlie&szlig;ende Trauerfeier k&ouml;nnen als Symbol f&uuml;r die Niederlage der europ&auml;ischen Linken gelten. Auch in diesem Roman gelingt es Sch&ouml;fer erneut, die pers&ouml;nlichen Geschichten der Akteure mit den gesellschaftlichen Ereignissen dieser Jahre zu verschr&auml;nken. <\/p><p>Der jetzt vorliegende vierte Band &bdquo;Winterd&auml;mmerung&ldquo; schlie&szlig;t den Zyklus ab. Er begleitet die Romanfiguren durch die 80er Jahre bis zum Fall der Berliner Mauer. Noch einmal werden exemplarische gesellschaftliche Konflikte (der Kampf gegen die Startbahn West und f&uuml;r den Erhalt des Stahlwerks Reinhausen) thematisiert, die ebenfalls in Niederlagen m&uuml;nden. W&auml;hrend am Brandenburger Tor der Fall der Mauer gefeiert wird, f&uuml;hrt Sch&ouml;fer seine Protagonisten in der Silvesternacht 1989 noch einmal zusammen &ndash; zu einer privaten Silvesterfete und &ndash; wenn man so will &ndash; zu einem vorl&auml;ufigen Ende mit ungewissem Ausgang.<\/p><p>Sch&ouml;fers Romanwerk ist gelegentlich mit den gro&szlig;en Romanwerken &ldquo;Jahrestage&ldquo; von Uwe Johnson und &bdquo;&Auml;sthetik des Widerstands&ldquo; von Peter Weiss verglichen worden. Zu recht. Er bedient sich literarischer Stilmittel, die nicht nur an Johnson und Weiss erinnern, sondern ebenso an Joyce oder Arno Schmidt. An die gr&ouml;&szlig;ten Vorbilder also. Gleichwohl bildet Sch&ouml;fer einen ganz eigenen Stil aus: durch die Vielzahl der verwendeten Formen. Durch wechselnde Erz&auml;hlperspektiven. Durch die konzentrierte und pr&auml;zise Darstellung der historischen Details. Durch die glaubw&uuml;rdige, authentische Konstruktion der Protagonisten. Und durch die Verlebendigung bedeutender Pers&ouml;nlichkeiten dieser Jahre,  wie etwa den einf&uuml;hlsam geschilderten Hochschullehrer Abendroth &ndash; einem Fossil in der bundesrepublikanischen Hochschullandschaft: Antifaschist; Demokrat; Sozialist und Wissenschaftler zugleich. <\/p><p>Bei aller Involviertheit in die Geschehnisse dieser Jahre, die man h&auml;ufig regelrecht k&ouml;rperlich zu sp&uuml;ren glaubt,  gelingt es Sch&ouml;fer souver&auml;n, eine gewisse kritische, auch ironische Distanz zu wahren. Er verf&uuml;gt &uuml;ber literarische Mittel, die es ihm gestatten, alles vordergr&uuml;ndig Ideologische zu hinterfragen und ein gewaltiges Kompendium historischer Fakten in &uuml;berzeugender Weise zu bew&auml;ltigen. <\/p><p>Wer den von Sch&ouml;fer geschilderten Zeitabschnitt bewusst erlebt hat, wird sich nicht nur an viele Begebenheiten zur&uuml;ck erinnern. Er wird auch mit Einsichten konfrontiert, die zum Nachdenken anregen. F&uuml;r den, der diese Zeit nur vom H&ouml;rensagen kennt, mag der Romanzyklus eine Fundgrube f&uuml;r Zeitgeschichte sein, die in dieser Form einmalig ist. Es ist im besten Sinne &bdquo;engagierte Literatur&ldquo; &ndash; nicht im Sinne einer falsch verstandenen &bdquo;Parteilichkeit&ldquo;, sondern (wie Sartre es 1947 in seinem Essay &bdquo;Was ist Literatur?&ldquo; gefordert hat), im Sinne einer &bdquo;Verantwortung&ldquo; des Schriftstellers f&uuml;r die wahrheitsgem&auml;&szlig;e Darstellung der Wirklichkeit, was einschlie&szlig;t, die &bdquo;Dinge beim Namen zu nennen&ldquo;. <\/p><p>Angesichts des aktuellen Versuchs der herrschenden Kreise, die Folgen der kapitalistischen Krise auf die Allgemeinheit abzuw&auml;lzen; vor allem aber wegen des nahezu vollst&auml;ndig fehlenden Widerstands gegen diese Form der &bdquo;Krisenbew&auml;ltigung&ldquo;; muten die K&auml;mpfe der Nach-68er-Jahre wie Berichte aus l&auml;ngst vergangenen Zeiten an. Dabei w&auml;chst w&auml;hrend der Lekt&uuml;re das Bewusstsein, dass viele der damaligen K&auml;mpfe (gegen Springer; die Atomlobby; Kriege) nichts an Aktualit&auml;t eingeb&uuml;&szlig;t haben.   <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der Ver&ouml;ffentlichung des vierten Bandes seines Roman-Zyklus hat der K&ouml;lner Schriftsteller Erasmus Sch&ouml;fer sein Prosawerk &uuml;ber die j&uuml;ngere deutsche und europ&auml;ische Geschichte der linken Arbeiter- und B&uuml;rgerrechtsbewegungen zwischen 1968 und 1990 abgeschlossen. Wie in den drei Romanen zuvor werden aus der Perspektive von Beteiligten die politischen und gesellschaftlichen Konflikte dieser Jahre literarisch rekonstruiert. 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