{"id":37641,"date":"2017-03-31T08:53:05","date_gmt":"2017-03-31T06:53:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37641"},"modified":"2026-01-27T11:03:24","modified_gmt":"2026-01-27T10:03:24","slug":"ein-teufelskreis-von-aufruestung-militarisierung-und-repression","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37641","title":{"rendered":"Ein \u201eTeufelskreis von Aufr\u00fcstung, Militarisierung und Repression\u201c"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170331_bickel.jpg\" alt=\"Markus Bickel\" title=\"Markus Bickel\"><\/div><p>Gibt es Profiteure des Krieges? &#8232;Nat&uuml;rlich gibt es sie. Und sie verdienen gigantische Summen. Der Journalist <strong><a href=\"http:\/\/weltreporter.net\/author\/markus_bickel\/\">Markus Bickel<\/a><\/strong>, der gerade ein Buch mit dem Titel &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/die-profiteure-des-terrors\/\">Die Profiteure des Terrors &ndash; Wie Deutschland an Kriegen verdient und arabische Diktaturen st&auml;rkt<\/a>&ldquo; ver&ouml;ffentlicht hat, zeigt im Interview mit <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong> f&uuml;r die NachDenkSeiten auf, welche Dimensionen die weltweite R&uuml;stungsindustrie mittlerweile angenommen hat. &#8232;Alleine f&uuml;r 2016 betrugen die globalen Milit&auml;rausgaben 1,5 Billionen US-Dollar bzw. 1.500 Milliarden US.-Dollar &ndash; Tendenz steigend. &#8232;Bickel, der in den letzten zwei Jahrzehnten als Redakteur und Reporter f&uuml;r zahlreiche Medien unter anderem aus Sarajevo, Beirut, Bagdad und Damaskus berichtet hat, erkannte im Laufe der Jahre, dass ein regelrechter &bdquo;Teufelskreis von Aufr&uuml;stung, Militarisierung und Repression&ldquo;&#8232;existiert. Im Interview sagt er: &bdquo;Nur ein breites B&uuml;ndnis aus friedensorientierten Politikern, kritischen Aktion&auml;ren und Akteuren aus der Zivilgesellschaft kann so viel Druck aufbauen, dass das Gesch&auml;ft mit dem Tod weitere gesellschaftliche &Auml;chtung erf&auml;hrt.&rdquo; <\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6886\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-37641-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170331_Teufelskreis_der_Aufruestung_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170331_Teufelskreis_der_Aufruestung_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170331_Teufelskreis_der_Aufruestung_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170331_Teufelskreis_der_Aufruestung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=37641-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170331_Teufelskreis_der_Aufruestung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"170331_Teufelskreis_der_Aufruestung_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Bickel, Kriege kommen und gehen, aber die Profiteure dieser Kriege bleiben die Gleichen. Ist das eine der zentralen Erkenntnisse Ihrer Arbeit?<\/strong><\/p><p>Mit Blick auf die arabischen Staaten, die ich f&uuml;r mein Buch bereist habe, stimmt das sicherlich. Allen voran nat&uuml;rlich im Irak: Bis auf eine kaum wahrnehmbare Atempause nach Ende des Iran-Irak-Kriegs haben die Irakerinnen und Iraker seit 1980 nichts Anderes erlebt als eine Aneinanderreihung bewaffneter Konflikte. Und die Waffen kamen immer aus den gleichen Staaten: Allen voran die USA haben seit der Invasion von 2003 mehr als zwanzig Milliarden US-Dollar in die Ausr&uuml;stung und Aufbau der irakischen Armee gesteckt. Nach der Flucht ganzer Divisionen aus Mossul vor Einheiten des Islamischen Staates im Sommer 2014 hat Washington eine weitere Milliarde in den Wiederaufbau der Streitkr&auml;fte gesteckt. Insgesamt haben in den Jahren seit dem Sturz Saddam Husseins mehr als drei&szlig;ig Staaten Kampfflugzeuge und -hubschrauber, Panzer, Infanteriewaffen und Munition aller Kaliber an den Irak geliefert. Zu Saddams Zeiten war das &uuml;brigens nicht besser: 28 Staaten versorgten in den 1980er Jahren sowohl Teheran wie Bagdad mit R&uuml;stungsg&uuml;tern.<\/p><p><strong>Wer sind diese Profiteure?<\/strong><\/p><p>Unter den Top Ten der gr&ouml;&szlig;ten R&uuml;stungskonzerne der Welt befinden sich ausschlie&szlig;lich Unternehmen aus Westeuropa und den USA. Und auch unter den gr&ouml;&szlig;ten hundert Unternehmen erwirtschafteten Betriebe in Gro&szlig;britannien, Frankreich, Deutschland, Belgien, Italien und den Vereinigten Staaten 2015 mehr als achtzig Prozent der Ums&auml;tze. Direkt dahinter folgen Firmen aus Russland, S&uuml;dkorea, Israel und Indien. <\/p><p><strong>Von welchen Summen reden wir hier? Um wie viel Geld geht es?<\/strong><\/p><p>Die weltweiten Milit&auml;rausgaben beliefen sich laut dem renommierten Branchendienst IHS Janes 2016 auf 1,5 Billionen US-Dollar &ndash; das sind 1.500 Milliarden, also eine Zahl mit zw&ouml;lf Nullen. Darin zusammengefasst sind die Ausgaben f&uuml;r staatliche Streitkr&auml;fte, aber auch f&uuml;r paramilit&auml;rische Gruppierungen und die milit&auml;rische Nutzung des Weltraums. Dieser Betrag soll bis 2020 auf mehr als 1,6 Billionen steigen. Und zwar nicht zuletzt, weil die Golfstaaten weiter m&auml;chtig aufr&uuml;sten: Mit Steigerungen um drei Prozent in den Verteidigungsetats der Staaten Nordafrikas und des Mittleren Ostens rechnet Janes in den n&auml;chsten drei Jahren. 2015 gab allein Saudi-Arabien 87 Milliarden US-Dollar f&uuml;r neue Waffensysteme und den Unterhalt seiner Streitkr&auml;fte aus &ndash; nur China und die USA investierten mehr in R&uuml;stung.<\/p><p><strong>Wie sieht es mit dem L&ouml;wenanteil bei den Ums&auml;tzen im internationalen Waffenhandel aus? <\/strong><\/p><p>Den machen weiter US-R&uuml;stungsbetriebe aus. 2015 beliefen sie sich laut dem Stockholmer Friedensinstitut SIPRI auf weltweit rund 370 Milliarden US-Dollar &ndash; davon erwirtschafteten amerikanische Firmen gut 200 Milliarden, das sind mehr als f&uuml;nfzig Prozent. Was die Profite anbelangt, stehen Lockheed Martin, Boeing, Raytheon, Northrop Grumman und General Dynamics ganz oben: Die globalen Top Five erwirtschafteten 2015 fast 16 Milliarden US-Dollar Gewinn.<\/p><p><strong>Wo stehen die westeurop&auml;ischen R&uuml;stungskonzerne?<\/strong><\/p><p>Auch diese machten zuletzt wieder Rekordums&auml;tze. Schauen Sie sich Unternehmen wie Airbus, ThyssenKrupp Marine Systems, Thales und die britische BAE Systems an. &#8232;2015 waren es mehr als 95 Milliarden US-Dollar, wobei die franz&ouml;sische Waffenindustrie durch den Verkauf von Kriegsschiffen und Kampfflugzeugen in die Golfregion und an &Auml;gypten eine Steigerung von mehr als 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahr erzielen konnte. Nicht zu vernachl&auml;ssigen auf diesem Gebiet ist Russland, das durch sein Eingreifen in den Syrien-Konflikt k&uuml;nftig Waffensysteme anbieten kann, die unter realen Kriegsbedingungen getestet wurden: 30 Milliarden US-Dollar setzten russische Firmen unter den Top 100 der Welt 2015 um.<\/p><p><strong>Wenn es um so viel Geld geht, dann m&uuml;ssen auch starke Interessen im Spiel sein, oder?<\/strong><\/p><p>Es war der amerikanische Pr&auml;sident Dwight D. Eisenhower, der in seiner Abschiedsrede 1961 vor dem wachsenden Einfluss eines milit&auml;risch-industriellen Komplexes warnte &ndash; und das, obwohl er von seiner Ausbildung an der Milit&auml;rakademie West Point bis zu seinem Abdanken aus der Armee mehr als vierzig Jahre in Uniform verbrachte. Doch er sah die Gefahr, dass durch anhaltende Konflikte und Militarisierung die amerikanische R&uuml;stungsindustrie zu einem Staat im Staat werden k&ouml;nnte. Mehr als ein halbes Jahrhundert sp&auml;ter wird diese Sorge durch die Ank&uuml;ndigung Donald Trumps neu befeuert, den US-Verteidigungsetat in den kommenden Jahren um 54 Milliarden US-Dollar zu erh&ouml;hen. Dass in Trumps Kabinett und engem Beraterkreis etliche fr&uuml;here Gener&auml;le sitzen, zeigt, wie stark beide Sektoren verwoben sind.<\/p><p><strong>Reden wir &uuml;ber Deutschland und die Bundesregierung. Zu welchen Erkenntnissen sind Sie bei Ihren Recherchen gelangt? Wie verhalten sich Deutschland bzw. die Bundesregierung, wenn es um die Militarisierung von &bdquo;problematischen&ldquo; Regionen geht?<\/strong><\/p><p>Die Politik von Schwarz-Rot ist gekennzeichnet von vielen Worten und wenig Taten. Einerseits hat sich Vizekanzler Sigmar Gabriel nach seinem Amtsantritt als Wirtschaftsminister redlich darum bem&uuml;ht, eine Reduzierung der deutschen R&uuml;stungsausfuhren in Krisenregionen durchzusetzen. Beim Export von Kleinwaffen ist ihm das in gewissem Ma&szlig;e auch gelungen. Gleichzeitig schnellen die Ausfuhren an Drittstaaten, die nicht der Nato oder der EU angeh&ouml;ren, und in Spannungsgebiete immer weiter in die H&ouml;he. Jahr f&uuml;r Jahr werden Genehmigungen in H&ouml;he von vielen Milliarden Euro erteilt &ndash; und das, obwohl die Anzahl der Konflikte auf der Welt so hoch ist wie seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr.<\/p><p><strong>Wie sieht es mit deutschen R&uuml;stungsexporten in &bdquo;Staaten des arabischen Kriseng&uuml;rtels&ldquo; aus, wie Sie es in Ihrem Buch formulieren?<\/strong><\/p><p>Laut dem renommierten Branchenfachdienst Jane&rsquo;s verkauften deutsche Firmen 2015 R&uuml;stungsg&uuml;ter im Wert von fast f&uuml;nf Milliarden Euro ins Ausland. Ein Drittel davon ging nach Nahost und Afrika. Und auch 2016, f&uuml;r das noch keine Verkaufszahlen vorliegen, genehmigte der geheim tagende Bundessicherheitsrat Exporte in H&ouml;he von 6,9 Milliarden Euro &ndash; unter anderem an Algerien, Saudi-Arabien, &Auml;gypten und die Vereinigten Arabischen Emirate. 2015 war Katar der gr&ouml;&szlig;te Importeur deutscher R&uuml;stungsg&uuml;ter &ndash; die Lieferung von Kampfpanzern vom Typ Leopard 2 A7 an einen Staat, der aktiv an der Bombardierung des Jemens beteiligt ist und islamistische Milizen sowohl in Syrien wie in Libyen unterst&uuml;tzt, ist skandal&ouml;s! Das gleiche gilt f&uuml;r die Ausfuhr von Gro&szlig;waffensystemen und Munition an Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate.<\/p><p><strong>Nun k&ouml;nnte man annehmen, dass es doch klare Richtlinien f&uuml;r den Export von Waffen in Krisenstaaten gibt. Wo liegt das Problem?<\/strong><\/p><p>Die gibt es, sowohl auf nationalstaatlicher wie auf europ&auml;ischer Ebene. In Deutschland sind es die R&uuml;stungsexportrichtlinien aus dem Jahr 2000, die eine Ausfuhr in Spannungsgebiete eigentlich nur im Einzelfall erlauben. Und auch der 2008 verabschiedete Gemeinsame Standpunkt der EU bekr&auml;ftigt eine zur&uuml;ckhaltende Exportpolitik in Krisengebiete. Doch davon kann in der Praxis nicht die Rede sein. Dass 2015 zwei Drittel der genehmigten Ausfuhren von Kriegswaffen in Drittstaaten au&szlig;erhalb von EU und Nato gingen und 2016 immer noch mehr als die H&auml;lfte aller R&uuml;stungsg&uuml;ter, zeigt, wie sehr das Gesch&auml;ft mit dem Krieg boomt &ndash; und wie lax das existierende deutsche Kontrollregime ist. Au&szlig;erdem entwickeln immer mehr Konzerne Strategien, um die bestehenden Ausfuhrkriterien zu umgehen. <\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie uns genauer aufzeigen, wie die konkrete Praxis aussieht? Es scheint da ja eine gewisse &bdquo;Kreativit&auml;t&ldquo; vorzuherrschen, wenn es darum geht, R&uuml;stungsexporte zu betreiben.<\/strong><\/p><p>Die D&uuml;sseldorfer Rheinmetall AG beispielsweise, die erst vor kurzem ihren Gesch&auml;ftsbericht f&uuml;r 2016 vorlegte, betreibt ganz selbstbewusst eine Strategie der Internationalisierung, wie es Vorstandsvorsitzender Armin Papperger nennt. Das brachte dem Konzern im vergangenen Jahr einen Rekordumsatz von knapp drei Milliarden Euro ein, ein Zuwachs von 14 Prozent gegen&uuml;ber 2015. &#8232;<\/p><p><strong>Was meinen Sie hier mit Internationalisierung? <\/strong><\/p><p>Internationalisierung hei&szlig;t hier, dass man sich mit einheimischen Firmen in Staaten wie S&uuml;dafrika, aber auch Italien zu Joint Ventures zusammenschlie&szlig;t, also L&auml;nder, in denen die Ausfuhrbestimmungen f&uuml;r Milit&auml;rtechnologie und R&uuml;stungsg&uuml;ter weitaus weniger strikt gehandhabt werden als in Deutschland. So gelangten von der italienischen Rheinmetall-Tochter RWM Italia produzierte Bomben der MK-80-Serie an die saudische Luftwaffe, die sie wiederum &uuml;ber einem Wohngebiet in Aden abwarf. Und die Rheinmetall Denel (RMD), an der der Mutterkonzern in D&uuml;sseldorf 51 Prozent h&auml;lt, betreibt in den Vereinigten Arabischen Emiraten eine Munitionsfabrik. <\/p><p><strong>Und das Ganze versucht man dann noch in einer geschickten Sprache zu verkaufen. Was denken Sie, wenn Sie mal wieder in den Medien davon h&ouml;ren, dass Deutschland &bdquo;mehr au&szlig;enpolitische Verantwortung&ldquo; &uuml;bernimmt oder &uuml;bernehmen soll?<\/strong><\/p><p>Ich bin kein Pazifist und habe in meiner Zeit als Balkan-Korrespondent in den 2000er Jahren die friedenserhaltende Wirkung von UN-Missionen in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo durchaus zu sch&auml;tzen gelernt. Dass sich die Bundeswehr daran beteiligt, halte ich f&uuml;r richtig und konsequent &ndash; Engagement f&uuml;r den Abbau gewaltt&auml;tiger Konflikte muss einhergehen mit der Schaffung eines Umfelds, in dem Menschen in Sicherheit und ohne Angst vor einem Wiederaufflammen bewaffneter Konflikte leben k&ouml;nnen. Das ist in den Staaten Exjugoslawiens lange gegl&uuml;ckt, auch wenn die neue nationalistische Rhetorik von Skopje bis Sarajevo Schlimmes bef&uuml;rchten l&auml;sst. Daran schuld sind aber nicht SFOR, KFOR oder EUFOR, sondern die lokalen Eliten.<\/p><p><strong>Also von Ihrer Seite gibt es keine Kritik, wenn es hei&szlig;t, dass Deutschland mehr politische Verantwortung &uuml;bernehmen soll?<\/strong><\/p><p>Nein, Sie verstehen mich falsch. Was ich gerade dargelegt habe, schlie&szlig;t Kritik an der Formel von der &Uuml;bernahme mehr au&szlig;enpolitischer Verantwortung nicht aus. <\/p><p><strong>Wie meinen Sie das?<\/strong><\/p><p>Ich meine, das Gegenteil ist der Fall: Die Beteiligung der Bundeswehr an der Operation &bdquo;Inherent Resolve&ldquo; im Irak und Syrien bedeutet eine Z&auml;sur. Zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich deutsche Soldaten klar auf eine Seite gestellt: auf die der irakischen Kurden. Dass die Peschmerga die Streitkraft eines nach Unabh&auml;ngigkeit strebenden Teilstaates sind, blendet die Bundesregierung dabei bewusst aus. Dabei sind seit dem Bundestagsbeschluss 2014 zahlreiche Berichte von Human Rights Watch und Amnesty International erschienen, die den irakisch-kurdischen K&auml;mpfern Kriegsverbrechen und schwere Menschenrechtsverletzungen vorwerfen. Die Politik der Bundesregierung treibt die Dreiteilung des Iraks in sunnitisch, schiitisch und kurdisch kontrollierte Gebiete weiter voran.<\/p><p><strong>Sie schreiben in Ihrem Buch, dass &bdquo;eine wertegeleitete Au&szlig;enpolitik &uuml;ber die Eigeninteressen der deutschen Exportwirtschaft hinausgehen&ldquo; muss. Tut sie das nicht? Oder, anders gefragt: Woran orientiert sich denn aus Ihrer Sicht das Vorgehen der Bundesregierung im Hinblick auf die R&uuml;stungsexportpolitik und die &bdquo;Antiterroreins&auml;tze&ldquo; &uuml;ber Syrien und dem Irak?<\/strong><\/p><p>Die deutsche Au&szlig;enpolitik ist von einer starken Handelsfixierung gepr&auml;gt. So hat sie sich auch aus wirtschaftlichen Gr&uuml;nden gegen Forderungen des Europaparlaments gesperrt, den Export von Milit&auml;rg&uuml;tern an Saudi-Arabien wegen des Jemen-Kriegs auszusetzen. Vier Millionen Barrel Erd&ouml;l passieren t&auml;glich die Meerenge von Bab al-Mandab an der K&uuml;ste vor dem Jemen &ndash; eine Lebensader der Weltwirtschaft. Die zu verteidigen, ist der deutschen Diplomatie wichtiger als der Einsatz f&uuml;r ein sofortiges Ende der verheerenden Luftangriffe, bei denen in den vergangenen beiden Jahren seit Beginn des Kriegs mehr als 10.000 Menschen get&ouml;tet wurden. Und durch den anhaltenden Export von Kriegsschiffen an Saudi-Arabien wird die Seeblockade des Jemens sicherlich auch nicht beendet. Dabei ist diese daf&uuml;r verantwortlich, dass humanit&auml;re Hilfe nicht an die Bev&ouml;lkerung gelangen kann &ndash; obwohl mehr als die H&auml;lfte der 24 Millionen Bewohner diese dringend ben&ouml;tigt.<\/p><p><strong>Wenn man bisweilen die Aussagen von so manchem Politiker, aber auch die Berichterstattung mancher Medien verfolgt, kommt man zu dem Eindruck: In all diesen Konflikten und Kriegen, die wir derzeit sehen, sind die westlichen Staaten einzig aus edlen Motiven involviert. Schuld an den Konflikten tragen sie auf keinen Fall und eigene Interessen, die vielleicht auf nicht ganz so edlen Motiven beruhen, sind ihnen v&ouml;llig fremd. Ein sch&ouml;nes Narrativ?<\/strong><\/p><p>Aufschlussreicher als Politikerstatements finde ich da noch das Narrativ, das die Vertreter gro&szlig;er R&uuml;stungskonzerne zu zeichnen versuchen: Wenn wir nicht verkaufen, tun das andere, behauptet man seitens von Rheinmetall oder Diehl Defence immer wieder. Und ganz demonstrativ wird auf die vermeintlich friedenstiftende Wirkung ihrer Produkte verwiesen: Gepanzerte Fahrzeuge seien bei Blauhelmeins&auml;tzen der Vereinten Nationen doch unumg&auml;nglich, hei&szlig;t es dann etwa. Oder: ohne Minenr&auml;umger&auml;te keine Stabilit&auml;t in Nachkriegsregionen. Dass mit der Ausfuhr von Munition und Munitionskomponenten die gr&ouml;&szlig;ten Gewinne erzielt werden, wird dabei verschwiegen. So entfielen von den 147 Millionen Euro Gewinn, die die R&uuml;stungssparte von Rheinmetall 2016 erwirtschaftete, auf den Sektor Waffen und Munition 108 Millionen. Das hei&szlig;t: Drei Viertel der Profite werden mit der Ware erwirtschaftet, ohne die jeder Krieg zum Erliegen kommen w&uuml;rde: Munition. Diesen Gesch&auml;ften m&uuml;ssen seitens der Politik Riegel vorgeschoben werden.<\/p><p><strong>Sie sprechen in Ihrem Buch von einem &bdquo;Teufelskreis von Aufr&uuml;stung, Militarisierung und Repression&ldquo;. Wie kann man diesen Teufelskreis aufbrechen?<\/strong><\/p><p>Nur ein breites B&uuml;ndnis aus friedensorientierten Politikern, kritischen Aktion&auml;ren und Akteuren aus der Zivilgesellschaft kann so viel Druck aufbauen, dass das Gesch&auml;ft mit dem Tod weitere gesellschaftliche &Auml;chtung erf&auml;hrt. Ein erster Schritt w&auml;re ein R&uuml;stungsexportgesetz, dass die Ausfuhr in Krisenregionen und Spannungsgebiete ohne Wenn und Aber verbietet. Gestoppt w&uuml;rde dadurch auch die Praxis der Einzelfallgenehmigungen, die den Konzernen immer neue Schlupfl&ouml;cher bietet, die Ausfuhrbestimmungen zu umgehen.<\/p><p><strong>Was m&uuml;sste noch getan werden?<\/strong><\/p><p>In Kriege verwickelte, autorit&auml;re Staaten wie Saudi-Arabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate m&uuml;ssten auf eine Rote Liste gesetzt werden. Und die Politik der Internationalisierung, die es deutschen R&uuml;stungskonzernen erm&ouml;glicht, Schwellenl&auml;nder beim Aufbau eigener Waffen- und Munitionsfabriken zu unterst&uuml;tzen, sollte unter ein viel st&auml;rkeres Kontrollregime gestellt werden &ndash; auf Bundes-, aber auch auf europ&auml;ischer Ebene.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170331_bickel.jpg\" alt=\"Markus Bickel\" title=\"Markus Bickel\"\/><\/div>\n<p>Gibt es Profiteure des Krieges? &#8232;Nat&uuml;rlich gibt es sie. Und sie verdienen gigantische Summen. Der Journalist <strong><a href=\"http:\/\/weltreporter.net\/author\/markus_bickel\/\">Markus Bickel<\/a><\/strong>, der gerade ein Buch mit dem Titel &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/die-profiteure-des-terrors\/\">Die Profiteure des Terrors &ndash; Wie Deutschland an Kriegen verdient und arabische Diktaturen st&auml;rkt<\/a>&ldquo; ver&ouml;ffentlicht<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37641\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,172,170,209,171],"tags":[1223,358,1334,1043,401,641,1573,462,1479,304,893,2058,1878,1367,906,259,1054,1553,1800,1556,2068,1122],"class_list":["post-37641","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-aufruestung","category-friedenspolitik","category-interviews","category-militaereinsaetzekriege","tag-afrika","tag-bundeswehr","tag-erdoel","tag-frankreich","tag-gabriel-sigmar","tag-irak","tag-jemen","tag-jugoslawien","tag-katar","tag-kriegsverbrechen","tag-militarisierung","tag-militaerisch-industrieller-komplex","tag-naher-osten","tag-ruestungsausgaben","tag-ruestungsindustrie","tag-russland","tag-saudi-arabien","tag-syrien","tag-trump-donald","tag-usa","tag-vae","tag-waffenexporte"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/37641","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=37641"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/37641\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":89528,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/37641\/revisions\/89528"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=37641"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=37641"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=37641"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}