{"id":3769,"date":"2009-02-13T15:18:16","date_gmt":"2009-02-13T14:18:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3769"},"modified":"2014-01-29T12:42:55","modified_gmt":"2014-01-29T11:42:55","slug":"eine-frage-der-aechtung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3769","title":{"rendered":"Eine Frage der \u00c4chtung"},"content":{"rendered":"<p>Am 2. Dezember 2008 geh&ouml;rte zur Agenda der Vollversammlung der UNO ein Antrag auf &Auml;chtung von Uranmunition. Das Ergebnis war beeindruckend: 141 Nationen forderten, gest&uuml;tzt auf die internationale Rechtslage, die Herstellung, Verbreitung und Anwendung von Uranmunition und Uranwaffen k&uuml;nftig zu verbieten. Dass die Atomm&auml;chte  Frankreich, Gro&szlig;britannien, Israel und die USA dagegen votierten, &uuml;berraschte nicht; Russland enthielt sich der Stimme und China blieb der Abstimmung fern. Eine Resolution erging an die verantwortlichen UN-Organisationen, die gesundheitlichen Folgen zu &uuml;berpr&uuml;fen. <\/p><p>Uranmunition dient nicht der Sicherheit, sie gef&auml;hrdet die Sicherheit. Damit, so der V&ouml;lkerrechtler Manfred Mohr, sollten die umstrittenen Arsenale eigentlich Thema der j&auml;hrlichen Sicherheitskonferenzen in M&uuml;nchen sein. Waren sie nicht, denn dort bestimmt weitgehend die NATO das Programm. Eine weltweite Koalition blickt daher auf den neuen Konferenzleiter, Botschafter Wolfgang Ischinger, und erhofft sich einen neuen Wind. Einen Wind, der nicht mehr Nanostaub aus radioaktivem Schwermetall &uuml;bers Land weht, sondern einen Wind, der den Mantel des Vertuschens und Verschweigens hochbl&auml;st. Von Claus Biegert<br>\n<!--more--><\/p><p>Armeen sch&auml;tzen Uranmunition neben ihrer Durchschlagskraft auch wegen ihrer &ouml;konomischen Vorz&uuml;ge: Hergestellt werden die Geschosse aus abgereichertem Uran 238, einem Abfallprodukt der Atomenergie &ndash; die Produktionskosten sind also l&auml;cherlich. Im Reaktor wird Uran 235 ben&ouml;tigt, dies kommt im gef&ouml;rderten Uranerz kaum vor; es muss daher angereichert werden. Beim Prozess der Anreicherung auf Uran 235 bleibt Uran 238 in Massen &uuml;brig, man spricht dabei von abgereichertem Uran. Im Englischen Depleted Uranium, abgek&uuml;rzt DU. Hier sind wir gewisserma&szlig;en Zeuge eines Recycling-Prozesses, wie ihn die nukleare Kette sonst nicht aufweist: Statt teuer entsorgt zu werden, findet das nicht mehr gebrauchte Uran aus der Kernkraftproduktion als Rohstoff Aufnahme in die Waffenproduktion. Dort, dank seiner extrem hohen Dichte, h&auml;rtet es Projektile und erh&auml;lt damit das Pr&auml;dikat &bdquo;panzerbrechend&ldquo;. <\/p><p>Ein Panzer kostet um die acht Millionen Euro; eine Urangranate kostet kaum ein Tausendstel. Man ist also, milit&auml;risch und wirtschaftlich gesehen, auf der sicheren Seite. Vor allem England und die USA statten ihre Armeen mit DU-Geschossen aus. Im Kosovo wurde DU-Munition verwendet, in Bosnien und Serbien, ebenso in Kuwait, in Afghanistan, im Libanon, in Somalia, im Irak geschieht es weiterhin. <\/p><p>Was Munition und Granaten hart macht, ist die hohe Dichte von Uran, mit 19 g\/ccm neunzehn mal schwerer als Wasser, ein Schwermetall also. Schwermetalle aber sind toxisch und damit gef&auml;hrlich f&uuml;r den menschlichen Organismus. Gefahr geht auch von der radioaktiven Strahlung aus. Wer vergl&uuml;ht, mag vielleicht ein Argument lauten, ist eh tot. Stimmt, f&uuml;r die Insassen eines getroffenen Panzers besteht keine Chance, zu &uuml;berleben. Gefahr aber droht auch den Menschen der Umgebung, also Soldaten, und Gefahr besteht in der Region weiter nach dem Krieg, also f&uuml;r Zivilisten.<\/p><p>Was passiert, wenn eine stahlbrechende  Munition auf ihr Ziel trifft?  Beim Durchbohren der Panzerwand entsteht eine Reibungshitze von mehreren Tausend Grad Celsius. Uran hat die Eigenschaft, sich zu entz&uuml;nden. Die hohe Temperatur f&uuml;hrt zu einer Explosion, dabei verdampft der Uranmantel zu Nanopartikeln. Dieser stark toxische und schwach strahlende Feinstaub wird dann vom Wind auf dem Schlachtfeld verteilt. Nanopartikel kennen keine Barrieren, durch die Schleimh&auml;ute der Atmungsorgane wandern sie in die Blutbahn. Auch die Blutschranke zum Gehirn ist f&uuml;r sie kein Hindernis. <\/p><p>Geschosse, die ihr Ziel verfehlen, erodieren und k&ouml;nnen eine Gef&auml;hrdung des Grundwassers darstellen, in welchem Ausma&szlig; ist noch nicht erforscht. Ein Fall also f&uuml;r die WHO; doch die ist in Gesundheitsfragen nicht immer frei: Sobald Uran im Spiel ist, mu&szlig; die Weltgesundheitsorganisation ihre Befunde einer Agentur in Wien vorlegen, so regelt es ein Abkommen von 1959. Die Internationale Agentur f&uuml;r Atomenergie, IAEA, hat das Mandat, kursierendes spaltbares Material zu &uuml;berwachen und gleichzeitig die Nutzung von Kernenergie weltweit zu f&ouml;rdern. Sie poliert in WHO-Meldungen das Schadenausma&szlig;, reduziert die Gefahr und auch die Zahl von Toten und Kranken. Kein Wunder, dass sich mit den Jahren im Zentrum der WHO eine Selbstzensur eingenistet hat, die der Atom-Agentur nachtr&auml;gliche Korrekturen nahezu erspart. <\/p><p>Als der Chemiker Keith Baverstock 2001 einem WHO-Handbuch zur DU-Problematik im Kosovo aktuelle medizinische Studien anf&uuml;gen wollte, die auf neue Gesundheitsrisiken hinwiesen und damit fr&uuml;here Fallstudien in Frage stellten, kam ein Veto. Es handle sich um &bdquo;Fairy Tales&ldquo;, lie&szlig; man ihn wissen, also M&auml;rchen, unter Wissenschaftlern ein vernichtendes Urteil. Baverstock wollte daraufhin seinen Namen aus der Redaktion entfernen; dieser Wunsch wurde von seinen Vorgesetzten ignoriert. Inzwischen sind, laut Baverstock, mindestens sechzehn Aufs&auml;tze in medizinischen Fachzeitungen erschienen, die von einer Sch&auml;digung des Erbguts berichten. DU bedroht die DNA &ndash; die missgebildeten Neugeborenen im S&uuml;dirak f&uuml;llen bereits die Krankenh&auml;user. Als der UN-Generalsekret&auml;r 2008 die WHO um eine erneute Einsch&auml;tzung bat, blieben diese sogenannten &bdquo;Peer Reviews&ldquo; der medizinischen Fachliteratur unerw&auml;hnt. Keith Baverstock: &bdquo;Es ist nicht zu fassen!&ldquo;<\/p><p>Nicht zu fassen ist auch die Haltung der NATO. Auf der Internet-Seite steht zum Thema die Warnung: &bdquo;Wie bei allen Munitionstypen und Minen gilt auch bei DU das einfache Prinzip von &sbquo;Nicht Ber&uuml;hren&lsquo;&rdquo;. Die Frage nach gesundheitlichen Gefahren von Uranmunition wird in der Presseabteilung fast als Angriff empfunden. Es g&auml;be, so die Antwort aus Br&uuml;ssel, bis heute keinerlei Nachweise, dass abgereichertes Uran zu Gesundheitssch&auml;digungen f&uuml;hre. Jeder Widerspruch wird als unliebsame St&ouml;rung von Seiten der Friedensbewegung abgehakt, &uuml;ber die Arbeit von IPPNW (&Auml;rzte zur Verh&uuml;tung des Atomkriegs), immerhin Friedensnobelpreistr&auml;ger, und die Initiative &bdquo;International Coalition to Ban Uranium Weapons&ldquo;, scheint man nur unzureichend informiert. Eine &Auml;chtung, so der beigeordnete Generalsekret&auml;r f&uuml;r politische Fragen in der NATO, Martin Erdmann, sehe er &bdquo;nicht einmal am weiten Horizont&ldquo;.<\/p><p>In greifbarer N&auml;he wird die &Auml;chtung von der &bdquo;International Coalition to Ban Uranium Weapons&ldquo; gesehen, die es geschafft hat, 141 Staaten f&uuml;r ihr Ziel zu gewinnen. Federf&uuml;hrend an der Ausarbeitung eines k&uuml;nftigen Vertrages war der Berliner Jurist Manfred Mohr, der auch zu den Gr&uuml;ndern der weltweiten Koalition geh&ouml;rt. Der Rechtsprofessor orientiert sich am Oslo-Prozess zur &Auml;chtung von Splitterbomben und sieht den Einsatz von Uranwaffen &ndash; damit ist s&auml;mtliches Kriegsger&auml;t erfasst, das mit Uran geh&auml;rtet ist &ndash; ebenfalls in Kollision mit dem V&ouml;lkerrecht, da der Schutz der Kombattanten vor &bdquo;&uuml;berfl&uuml;ssigen Verletzungen und unn&ouml;tigen Leiden&ldquo;, sowie der Schutz der Zivilbev&ouml;lkerung nicht mehr gew&auml;hrleistet werden k&ouml;nnen. Die weltweite Koalition kann sich neben dem allgemeinen V&ouml;lkergewohnheitsrecht auf diverse Rechtsrahmen st&uuml;tzen: die Petersburger Deklaration von 1868, die Haager Landkriegsordnung von 1907, die Zusatzprotokolle zu den Genfer Konventionen von 1977. Immer geht es um die Gef&auml;hrdung der Zivilbev&ouml;lkerung, die den &bdquo;Grunds&auml;tzen der Proportionalit&auml;t und der ausreichenden Vorsichtsma&szlig;nahmen&ldquo; zuwiderl&auml;uft.<\/p><p>Diese Gef&auml;hrdung wird von den Milit&auml;rs jedoch abgestritten. Dabei treten Zauberer auf, Rudolf Scharping war einer von ihnen, in der Wochenzeitung DIE ZEIT war es 2001 nachzulesen. Der Minister wurde zum Magier und sprach: &bdquo;Uran wird als Metall, nicht als strahlendes Material verwendet. Deshalb haben auch alle Untersuchungen ergeben, dass die Strahlung aus diesem Uran unterhalb der nat&uuml;rlichen Umwelteinfl&uuml;sse liegt.&ldquo; Anschlie&szlig;end stellte der Magier einen Stab aus Journalisten und Milit&auml;rs zusammen, der seine Aussage erh&auml;rten sollte. Der Stab erf&uuml;llte seine Aufgabe. Den Blick hinter die Kulissen verdanken wir dem Erlanger &bdquo;Institut f&uuml;r Medienverantwortung&ldquo;, das sich auf Entlarvung von Medienzauberern spezialisiert hat.  <\/p><p>Aus den eigenen Reihen erheben immer wieder Warner ihre Stimmen. Zum Beispiel die internationale Milit&auml;rgewerkschaft EuroMil: Der Dachverband europ&auml;ischer Soldaten fordert eine &Auml;chtung und verlangt eine Aufkl&auml;rung der Soldaten. Ein anderes Beispiel ist der US-amerikanische Physiker und Experte f&uuml;r chemische und biologische Kampfstoffe, Doug Rokke: Er war beteiligt an der Entwicklung von Uranmunition und stieg nach dem ersten Golfkrieg aus. Heute reist er um die Welt, um sein Gewissen zu erleichtern. Er wei&szlig;, wovon er spricht, wenn er sagt: &bdquo;Uranmunition ist ein Verbrechen gegen die Menschheit&ldquo; und: &bdquo;Wir f&uuml;hren einen Krieg gegen uns selbst&ldquo;. <\/p><p>Uranmunition dient nicht der Sicherheit, sie gef&auml;hrdet die Sicherheit. Damit, so der V&ouml;lkerrechtler Manfred Mohr, sollten die umstrittenen Arsenale eigentlich Thema der j&auml;hrlichen Sicherheitskonferenzen in M&uuml;nchen sein. Waren sie nicht, denn dort bestimmt weitgehend die NATO das Programm. Eine weltweite Koalition blickt daher auf den neuen Konferenzleiter, Botschafter Wolfgang Ischinger, und erhofft sich einen neuen Wind. Einen Wind, der nicht mehr Nanostaub aus radioaktivem Schwermetall &uuml;bers Land weht, sondern einen Wind, der den Mantel des Vertuschens und Verschweigens hochbl&auml;st.<\/p><p><em>Claus Biegert hat uns die Originalfassung seines Beitrags zur Verf&uuml;gung gestellt, der 7.\/8.2.2009 in der S&uuml;ddeutschen Zeitung erschienen ist.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 2. Dezember 2008 geh&ouml;rte zur Agenda der Vollversammlung der UNO ein Antrag auf &Auml;chtung von Uranmunition. Das Ergebnis war beeindruckend: 141 Nationen forderten, gest&uuml;tzt auf die internationale Rechtslage, die Herstellung, Verbreitung und Anwendung von Uranmunition und Uranwaffen k&uuml;nftig zu verbieten. Dass die Atomm&auml;chte Frankreich, Gro&szlig;britannien, Israel und die USA dagegen votierten, &uuml;berraschte nicht; Russland<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3769\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[172,1,170,171],"tags":[351,641,462,640,639,631,439],"class_list":["post-3769","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aufruestung","category-das-kritische-tagebuch","category-friedenspolitik","category-militaereinsaetzekriege","tag-afghanistan","tag-irak","tag-jugoslawien","tag-somalia","tag-uno","tag-uranmunition","tag-who"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3769","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3769"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3769\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20504,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3769\/revisions\/20504"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3769"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3769"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3769"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}