{"id":3772,"date":"2009-02-16T09:21:45","date_gmt":"2009-02-16T08:21:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3772"},"modified":"2014-01-29T12:42:09","modified_gmt":"2014-01-29T11:42:09","slug":"hessen-streicht-sozial-aus-dem-sozialministerium","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3772","title":{"rendered":"Hessen streicht \u201esozial\u201c aus dem Sozialministerium"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Als bisher einziges Bundesland hat Hessen das Wort Soziales aus dem bisher kurz &bdquo;Sozialministerium&ldquo; genannten Ressort getilgt. Auf ausdr&uuml;cklichen Wunsch des neuen Ressortchefs J&uuml;rgen Banzer hei&szlig;t es nun offiziell: &bdquo;Ministerium f&uuml;r Arbeit, Familie und Gesundheit&ldquo;&hellip; &bdquo;Sozialministerium klingt abstrakt, theoretisch und nach Metaebene&ldquo;<br>\nDer CDU-Politiker, der das Ressort von der acht Jahre lang nur &bdquo;Sozialministerin&ldquo; genannten Parteifreundin Silke Lautenschl&auml;ger &uuml;bernahm, hat inoffiziell sogar einen noch neueren Namen kreiert. Im Gespr&auml;ch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagte Banzer: &bdquo;Es ist f&uuml;r mich das ,Gesellschaftsministerium`, es ist das Haus, in dem Gesellschaftspolitik gemacht wird&ldquo;, <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1\/Doc~EF8DF6434F60B49269634ADD583E9904D~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">berichtet die FAZ<\/a>. Dem Wirtschaftsministerium steht somit in Hessen kein Sozialministerium mehr gegen&uuml;ber. Die hessische CDU streicht also das &bdquo;Soziale&ldquo; aus der &bdquo;sozialen Marktwirtschaft&ldquo;. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nIn Artikel 79 Absatz 3 des Grundgesetzes hei&szlig;t es:<\/p><blockquote><p>Eine &Auml;nderung dieses Grundgesetzes, durch welche die Gliederung des Bundes in L&auml;nder, die grunds&auml;tzliche Mitwirkung der L&auml;nder bei der Gesetzgebung oder die in den Artikeln 1 und 20 niedergelegten Grunds&auml;tze ber&uuml;hrt werden, <strong>ist unzul&auml;ssig<\/strong>.<\/p><\/blockquote><p>Die Fundamentalenscheidungen des Artikels 20 GG, n&auml;mlich f&uuml;r die republikanische Staatsform, f&uuml;r das demokratische Prinzip, f&uuml;r die Bundesstaatlichkeit und <strong>f&uuml;r den Sozialstaat<\/strong>, unterliegen also der so genannten &bdquo;Ewigkeitsgarantie&ldquo;.<\/p><p>&bdquo;Sozial&ldquo; ist nach unserer Verfassung auch nicht nur eine programmatische Aussage, sondern eine &bdquo;alle Staatsgewalten bindende Staatsleitlinie&ldquo;, schrieb einstmals der konservative Roman Herzog in seinem Kommentar zum Grundgesetz.<\/p><p>Das Bundesverfassungsgericht hat mehrfach zur Auslegung des &bdquo;Sozialen&ldquo; in Art. 20 GG entschieden. Danach ist Ziel des Sozialstaates der Abbau erheblicher sozialer Unterschiede und die Sicherung eines angemessenen Lebensstandards f&uuml;r alle Teile der Bev&ouml;lkerung. Ausgef&uuml;llt wird das Sozialstaatsprinzip durch die F&uuml;rsorge f&uuml;r Hilfsbed&uuml;rftige, die Schaffung sozialer Sicherungssysteme (BVerfGE 28, 324, 348ff), die Herstellung von Chancengleichheit und einer gerechten, f&uuml;r Ausgleich der sozialen Gegens&auml;tze sorgenden Sozialordnung (BVerfGE 22, 180, 204).<\/p><p>Das alles ist dem neuen Ressortchef J&uuml;rgen Banzer (CDU) zu &bdquo;abstrakt&ldquo; und theoretisch&ldquo;; sozial klingt f&uuml;r ihn &bdquo;nach Metaebene&ldquo;. Eine &bdquo;Metaebene&ldquo; ist laut Wikipedia eine von der grundlegenden Ebene abstrahierte Ebene, oder umgekehrt gesagt: das Soziale hat nach Banzer mit der konkreten Politik keinen unmittelbaren Zusammenhang. Er will ein &bdquo;Gesellschaftsministerium&ldquo; ohne verpflichtende soziale Orientierung.<\/p><p>Da wirbt die Kanzlerin angesichts der Finanzkrise <em><a href=\"?p=3678\">&bdquo;f&uuml;r internationale Regeln, die sich an den Prinzipien der <strong>sozialen Marktwirtschaft<\/strong> orientieren. Ich werde nicht locker lassen, bis wir solche Regeln erreicht haben.&ldquo;<\/a><\/em>, und die Hessen nehmen dem Sozialen seinen Kabinettsrang. Aus dem nun offiziell als &bdquo;Ministerium f&uuml;r Arbeit, Familie und Gesundheit&ldquo; genannten Ressort ist die bindende Leitlinie &bdquo;sozial&ldquo; getilgt.<\/p><p>Bei der Arbeit gilt also die Sicherung eines angemessenen Lebensstandards oder des Existenzminimums, wie es das Bundesverfassungsgericht fordert (BVerfGE 82, 60, 80), nicht mehr als politischer Gestaltungsauftrag. Bei Familie und Gesundheit soll es auf eine gerechte, f&uuml;r einen Ausgleich der sozialen Gegens&auml;tze sorgende Sozialordnung nicht mehr ankommen.<\/p><p>Deutlicher als durch die Umbenennung des &bdquo;Sozialministeriums&ldquo; kann man die Hinwendung zu einer Politik der sozialen K&auml;lte programmatisch nicht ausdr&uuml;cken. Wenn Ministerpr&auml;sident Koch den Begriff der &bdquo;sozialen Marktwirtschaft&ldquo; k&uuml;nftig noch einmal in den Mund nimmt, sollte jeder wissen, dass dies eine glatte L&uuml;ge ist, denn das Soziale wurde in seiner Regierung ausdr&uuml;cklich getilgt. <\/p><p>Solche &bdquo;Wort-Br&uuml;che&ldquo; werden wohl nicht zu einer Medienkampagne f&uuml;hren, wie sie gegen seine fr&uuml;here Herausforderin Ypsilanti inszeniert worden ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Als bisher einziges Bundesland hat Hessen das Wort Soziales aus dem bisher kurz &bdquo;Sozialministerium&ldquo; genannten Ressort getilgt. 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