{"id":37751,"date":"2017-04-07T11:15:17","date_gmt":"2017-04-07T09:15:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37751"},"modified":"2019-01-31T10:15:23","modified_gmt":"2019-01-31T09:15:23","slug":"das-gespaltene-land-von-alexander-hagelueken-eine-rezension","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37751","title":{"rendered":"\u201eDas gespaltene Land\u201c von Alexander Hagel\u00fcken &#8211; Eine Rezension"},"content":{"rendered":"<p>Wenn <a href=\"https:\/\/www.droemer-knaur.de\/autoren\/9255816\/alexander-hagelueken\">ein Wirtschaftsjournalist der S&uuml;ddeutschen Zeitung (SZ)<\/a> ein Buch &uuml;ber Ungleichheit in Deutschland schreibt, macht das neugierig. Erst recht, wenn er zuvor den einen oder anderen bemerkenswerten Artikel verfasst hat. <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/robotersteuer-besteuert-gewinne-nicht-roboter-1.3388578\">Hier<\/a> z.B. und <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik-was-die-spd-jetzt-tun-muss-1.3362595\">hier<\/a>. Ich machte mich also in wohlwollender Erwartung an die Lekt&uuml;re von Hagel&uuml;kens Erstlingswerk. Ein ambivalentes Buch, das mich in einer Mischung aus Ratlosigkeit und Zorn zur&uuml;ckl&auml;sst. <strong>Anette Sorg<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWie der Untertitel des Buches verspricht, beginnt Hagel&uuml;ken mit einer Analyse der Ungleichheit unserer Gesellschaft, um im zweiten Teil L&ouml;sungsvorschl&auml;ge aufzuzeigen, die er als sogenannten neuen &bdquo;Gesellschaftsvertrag&ldquo; tituliert. Stilistisch stellt Hagel&uuml;ken die Spaltung mit der Schilderung von mehr oder weniger frei gew&auml;hlten Lebensentw&uuml;rfen in Pirmasens (Rheinland-Pfalz) und Starnberg (Bayern) lebender Menschen dar. <\/p><p>Viele seiner Analysen sind gut recherchiert und ebenso gut dargestellt. In Kapitel drei &bdquo;Todesurteil: zu wenig verdient&ldquo; schildert er drastisch, wie Gesundheit bzw. Krankheit und Lebenserwartung in enger Relation zur jeweiligen Einkommenssituation stehen. In Kapitel vier (Seite 71) schreibt er: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der Vergleich mit anderen europ&auml;ischen Nationen zeigt: das deutsche Modell ist ein Schlag ins Gesicht der Normalb&uuml;rger. Es versagt darin, die Fr&uuml;chte der wirtschaftlichen Leistung angemessen zu verteilen. Die n&auml;chste Bundesregierung muss eine v&ouml;llig andere Verteilungs- und Verm&ouml;genspolitik einschlagen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>In Kapitel f&uuml;nf kritisiert er (Seite 74), dass es ein typischer politischer Reflex sei, die Betroffenen f&uuml;r ihre finanzielle Not selbst verantwortlich zu machen:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Er wird sich schon selbst in diese Lage gebracht haben. Das Leben ist meist komplexer. Was einer verdient, h&auml;ngt auch von Herkunft, Ort, Schicksalsschl&auml;gen und Geschlechterrollen ab.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>In Kapitel sechs gei&szlig;elt er eine Politik, die zu unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig hohen Export&uuml;bersch&uuml;ssen gef&uuml;hrt hat. Ein ums andere Mal greift er die neoliberale Ideologie an. Im Kapitel &bdquo;Die neue Bildungskatastrophe&ldquo; stellt er fest: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Neoliberalen liegen ohnehin falsch, wenn sie die Ungleichheitsdebatte auf Chancengerechtigkeit reduzieren wollen. Sie klammern den Reichtum aus, der manchen ohne eigene Leistung vererbt wird und anderen nicht. Aber ihre Argumente &uuml;berzeugen nicht mal, wenn man ihre Verengung der Debatte akzeptiert. Denn es gibt in der Bundesrepublik keine Chancengerechtigkeit.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Weitere Fehlentwicklungen aufgrund dieser Ideologie kritisiert er ebenfalls: Arbeitseinkommen wird in Deutschland ab 4500 &euro; im Monat mit 42 %, die Kapitalertr&auml;ge (von Million&auml;ren) werden nur mit 25 % besteuert. Die Privatisierungswellen bei Post, M&uuml;llentsorgung und Telefon haben zu vielen prek&auml;ren Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnissen gef&uuml;hrt (Seite 115\/116).<\/p><p>Der AfD widmet er ein ganzes Kapitel. Ein ambivalentes Kapitel! Seine Analyse &uuml;ber die Ursachen des Erfolges der AfD w&uuml;rde man den etablierten Parteien gerne ins Stammbuch schreiben:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Um den unheimlichen Charme der AfD zu verstehen, muss man den Charme des universellen Nein begreifen. Es ist ein Nein zu den herrschenden Zust&auml;nden, zur eigenen Situation. Von B&uuml;rgern, die sich vom politisch-wirtschaftlichen System an den Rand gedr&auml;ngt f&uuml;hlen und die nicht angeh&ouml;rt werden. Bei den Landtagswahlen im Mecklenburg-Vorpommern und Berlin gaben 70 % der AfD-W&auml;hler an, sie h&auml;tten die Partei aus Entt&auml;uschung &uuml;ber die anderen Parteien gew&auml;hlt..&hellip;. Die AfD erntet die politischen Fr&uuml;chte der Ungleichheit im Land.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>So weit, so zufriedenstellend. Ab hier f&auml;ngt es bei mir an zu grummeln.<\/p><p>Beginnend im AfD-Kapitel verarbeitet Hagel&uuml;ken einige &bdquo;Glaubenss&auml;tze&ldquo;, die seinem Hauptberuf &ndash; Redakteur im Wirtschaftsressort der SZ &ndash; geschuldet sein d&uuml;rften und &uuml;ber die ich stolpere, so zum Beispiel:<\/p><ul>\n<li>&bdquo;Seit der Jahrtausendwende verzichteten die Arbeitnehmer auf nennenswerte Lohnsteigerungen&ldquo;<\/li>\n<li>&bdquo;Griechen, Iren, Spanier, &hellip; haben jahrelang &uuml;ber ihre Verh&auml;ltnisse gelebt&ldquo;<\/li>\n<li>&bdquo;Addiert man die Zustimmung zu AfD und Linke, auch wenn die Parteien einiges unterscheidet, zeigt sich das Ausma&szlig; des Protestes.&ldquo;<\/li>\n<li>Populisten stellen eine gro&szlig;e Gefahr dar, weil sie die anderen Parteien beeinflussen: &bdquo;der Streit um TTIP zeigt beispielhaft, was der Populismus zerst&ouml;rt. Ein solches Freihandelsabkommen zwischen den beiden gr&ouml;&szlig;ten Wirtschaftsbl&ouml;cken der Welt bildet die Basis daf&uuml;r, dass Unternehmen mehr exportieren k&ouml;nnen. Nat&uuml;rlich m&uuml;ssen Regierungen die Sorgen der Kritiker ernst nehmen und Europas Umwelt- und Sozialstandards verteidigen &hellip; Es w&auml;re aber ein fataler Fehler, grunds&auml;tzlich auf ein Abkommen wie TTIP und auf mehr Freihandel zu verzichten. Es ist die &Ouml;ffnung von Grenzen und M&auml;rkten seit Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, die den Menschen im Westen einen historisch nie gekannten Wohlstand beschert hat. Die Globalisierung h&auml;lt diesen Motor am Laufen &ndash; gerade in der Bundesrepublik.&hellip;.&ldquo;<\/li>\n<li>&bdquo;Linke und rechte Politiker in Europa und den USA wollen ausl&auml;ndische Waren an der Grenze aufhalten und neue Freihandelsvertr&auml;ge wie TTIP stoppen.&ldquo;<\/li>\n<\/ul><p>Richtig ist: weder haben Arbeitnehmer auf Lohnsteigerungen verzichtet, sondern sie wurden durch die Agenda-2010-Politik von der europ&auml;ischen Entwicklung bewusst abgeh&auml;ngt, noch haben die s&uuml;deurop&auml;ischen Menschen &uuml;ber ihre Verh&auml;ltnisse gelebt. AfD und Linke in einen Topf zu werfen, bedient die <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33793\">&bdquo;Querfront&ldquo;-Theoretiker<\/a> und wenn Hagel&uuml;ken verharmlosend das Hohelied auf Freihandelsabkommen singt, konterkariert er damit viele seiner vorherigen richtigen Analysen.<\/p><p>Ich habe trotzdem noch ein wenig weitergelesen, um mich von des Autors L&ouml;sungsans&auml;tzen &uuml;berzeugen zu lassen: Vern&uuml;nftige Erbschaftssteuer, Abschaffung des Ehegattensplittings, Einf&uuml;hrung einer Verm&ouml;genssteuer, die &bdquo;kalte Progression&ldquo; ausgleichen, also die Forderung, mittels Steuern umzusteuern, ist richtig, aber es ist keineswegs eine revolution&auml;re Forderung. Sie k&ouml;nnte aus einem Parteiprogramm der &bdquo;Linken&ldquo; abgeschrieben sein. &Uuml;berrascht hat mich allerdings, dass Hagel&uuml;ken die Idee einer Beteiligung am Unternehmenskapital f&uuml;r die Besch&auml;ftigten propagiert. Ob Aktienbesitz aber der richtige Weg ist, dar&uuml;ber l&auml;sst sich vermutlich trefflich streiten.<\/p><p>Zwei Aussagen in den letzten Kapiteln machen mich einigerma&szlig;en sprachlos. <\/p><ul>\n<li>Zu einem Redakteur im Wirtschaftsressort einer gro&szlig;en Zeitung m&uuml;sste zwischenzeitlich vorgedrungen sein, dass es nicht stimmt, wenn er schreibt: &bdquo;zwar werden Kapitalertr&auml;ge kaum besteuert, aber die bestverdienenden 10 % Einkommenssteuerzahler tragen die H&auml;lfte des Aufkommens.&ldquo;\n<p>Richtig ist &ndash; und ich bin sicher, Hagel&uuml;ken wei&szlig; das genau &ndash; dass es sich hier eben nur um die H&auml;lfte der Einkommenssteuer handelt und nicht um die H&auml;lfte des Gesamtsteueraufkommens. Eine L&uuml;ge, die penetrant verbreitet wird. In einem kritischen Buch &uuml;ber Ungleichheit darf sie nicht stehen.<\/p><\/li>\n<li>Hagel&uuml;ken erz&auml;hlt zur Situation der heutigen und k&uuml;nftigen Rentner (auf den Seiten 158 ff) die Geschichten der &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo;. In Stichworten: Demografie (zu viele Rentner auf zu wenige Beitragszahler), notwendige Absenkung des Rentenniveaus, &bdquo;Geschenke&ldquo; der Bundesregierung an die Rentnergeneration (Rente mit 63), Konflikt zwischen Beitragszahlern und Rentnern (Fixierung der Politik auf die heutige Seniorengeneration), jeder vierte Steuer-Euro flie&szlig;t an Renten-, Kranken- und Vorsorgekassen, und so weiter. Die Aussagen, mit denen wir schon seit Einf&uuml;hrung der Riesterrente manipuliert werden, scheint Hagel&uuml;ken total verinnerlicht zu haben, wenn er schreibt: &ldquo;nach dem Zweiten Weltkrieg war es gelungen, die Armut im Alter zu bannen, die die Deutschen jahrhundertelang erlitten hatten. Dieser Erfolg steht nun auf der Kippe, weil die Deutschen l&auml;nger leben und weniger Kinder bekommen.&ldquo;<\/li>\n<\/ul><p>Falls Herr Hagel&uuml;ken bisher nicht verstanden hat, dass Produktivit&auml;t Demografie schl&auml;gt und dass die Riesterrente nur ein gigantisches Programm zur F&ouml;rderung der privaten Versicherungswirtschaft war, <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?cat=40\">kann ihm geholfen werden<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/comedy\/die-anstalt\/die-anstalt-rente-100.html\">hier<\/a>.<\/p><p><strong>Mein Fazit:<\/strong><\/p><p>Wer &uuml;ber viele Buchseiten hinweg die neoliberale Politik folgerichtig anprangert, um dann im letzten Drittel seines Buches zu offenbaren, dass er selbst entweder ein Opfer neoliberaler Propaganda oder mindestens ein Besch&ouml;niger neoliberaler Politik ist, dessen Buch mag ich nicht empfehlen. Schade eigentlich. Es hatte so gut begonnen mit uns beiden. Dem Buch und mir.<\/p><p><strong>Bibliografische Angaben:<\/strong> Alexander Hagel&uuml;ken: Das gespaltene Land. Wie Ungleichheit unsere Gesellschaft zerst&ouml;rt &ndash; und was die Politik &auml;ndern muss. 236 Seiten, 12,99 &euro;. Erschienen bei Knaur, M&uuml;nchen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn <a href=\"https:\/\/www.droemer-knaur.de\/autoren\/9255816\/alexander-hagelueken\">ein Wirtschaftsjournalist der S&uuml;ddeutschen Zeitung (SZ)<\/a> ein Buch &uuml;ber Ungleichheit in Deutschland schreibt, macht das neugierig. Erst recht, wenn er zuvor den einen oder anderen bemerkenswerten Artikel verfasst hat. <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/robotersteuer-besteuert-gewinne-nicht-roboter-1.3388578\">Hier<\/a> z.B. und <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik-was-die-spd-jetzt-tun-muss-1.3362595\">hier<\/a>. Ich machte mich also in wohlwollender Erwartung an die Lekt&uuml;re von Hagel&uuml;kens Erstlingswerk. Ein ambivalentes Buch, das mich<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37751\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[208,146,132],"tags":[1550,635,442,427,535,2072,499,1147,1758,288,487,301,1912,894,687,520,291],"class_list":["post-37751","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen","category-soziale-gerechtigkeit","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-agenda-2010","tag-altersarmut","tag-eigenverantwortung","tag-einkommensteuer","tag-erbschaftsteuer","tag-hagelueken-alexander","tag-handelsbilanz","tag-kalte-progression","tag-lohnsteuer","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-produktivitaet","tag-rentenalter","tag-rentenniveau","tag-ttip","tag-ungleichheit","tag-vermoegensteuer","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/37751","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=37751"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/37751\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48925,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/37751\/revisions\/48925"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=37751"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=37751"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=37751"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}