{"id":3784,"date":"2009-02-20T16:42:03","date_gmt":"2009-02-20T15:42:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3784"},"modified":"2014-01-29T12:26:51","modified_gmt":"2014-01-29T11:26:51","slug":"armut-als-politisches-problem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3784","title":{"rendered":"Armut als Politisches Problem"},"content":{"rendered":"<p>Ein Referat von Johanno Strasser auf der Fachtagung &bdquo;Armut bedroht unsere Gesellschaft&ldquo; der AWO-Landesarbeitsgemeinschaft Nordrhein-Westfalen am 18. Februar 2009 in D&uuml;sseldorf.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Johano Strasser<br>\nArmut als politisches Problem<\/strong><\/p><p style=\"text-align: center; font-weight: bold\">1.<\/p><p>Armut als politisches Problem zu verstehen, ist keineswegs selbstverst&auml;ndlich. Im Mittelalter war die Ansicht verbreitet, Armut sei ein willkommener Anlass f&uuml;r den Christenmenschen, seine Mitmenschlichkeit durch das Geben von Almosen zu dokumentieren. Nat&uuml;rlich h&auml;tte Gott, so das Argument scharfsinniger Theologen, die Welt auch so einrichten k&ouml;nnen, dass alle Menschen reich w&auml;ren oder zumindest in Wohlstand lebten. Er habe es nicht getan, um den Reichen die M&ouml;glichkeit zu geben, sich von ihren S&uuml;nden durch Gaben an die Bed&uuml;rftigen freizukaufen. Die Argumentation konnte auch in eine Rechtfertigung des Reichtums umgem&uuml;nzt werden, wie es der Erzbischof Siegfried von Mainz in einem Brief an den im Jahr 1073 zum Papst gek&uuml;rten Hildebrand tat, als der sich gegen die eintr&auml;gliche Praxis des kirchlichen &Auml;mterverkaufs wandte:<br>\n&hellip;ein fr&ouml;hlicher Geber muss, um Gott viel geben zu k&ouml;nnen, auch selbst viel besitzen.<br>\nW&auml;re Herr Ackermann von der Deutschen Bank so fromm wie der gute Siegfried, der Ausspruch w&auml;re auch ihm zuzutrauen.                       <\/p><p>Dagegen sprach Franz von Assisi im 13. Jahrhundert vom &bdquo;Skandal der Armut&ldquo;. Ist Franz von Assisi der Vater des modernen Sozialstaates? Das w&auml;re wohl zu viel gesagt. Aber es gab sozial Gesinnte, die sp&auml;ter mit ihren Reformprojekten an ihn anschlossen.<br>\n1848 ver&ouml;ffentlicht der katholische Ordensgeistliche Antonio Rosmini-Serbati im Geiste des Franz von Assisi, La Costituzione Civile Secondo la Giustizia Sociale = das erste Konzept der sozialen Gerechtigkeit. Es kommt allerdings 1849 auf den Index verbotener B&uuml;cher, weil der Kurie so viel soziales Engagement nun doch zu umst&uuml;rzlerisch vorkam. Der Autor unterwirft sich als gehorsamer Sohn der Kirche der p&auml;pstlichen Autorit&auml;t und schweigt hinfort zu diesem Thema.<\/p><p>Die Mehrheit der Katholiken &ndash; und wohl auch die Mehrheit der Protestanten &ndash; blieben lange der traditionellen Sicht von der Gottgewolltheit von Reichtum und Armut verhaftet. Im Mittelalter wurde die Frage nach der gerechten Gesellschaft traditionell dadurch beantwortet, dass man jeder Gruppe ihren Platz zuwies: suum quique. Die Armen waren unten, Objekte der Mildt&auml;tigkeit, die Reichen oben, von Gott beg&uuml;nstigt und eben darum zu guten Taten verpflichtet. Dass die Abh&auml;ngigkeit vom Wohlwollen der Reichen die Menschenw&uuml;rde der Armen tangierte, wollte man zumeist nicht wahrhaben.<\/p><p>Immerhin galt Mildt&auml;tigkeit in den christlichen Kirchen traditionell als Tugend und Armut keinesfalls als Schande, vor allem dann nicht, wenn sie, wie in einigen christlichen Ordensgemeinschaften, selbstgew&auml;hlt war. Allen irdischen G&uuml;tern freiwillig zu entsagen, um allein Jesus nachzufolgen, galt vielen als ein bewundernswertes Lebenskonzept.<br>\nDaran &auml;nderte sich gr&uuml;ndlich erst etwas im 17. Jahrhundert. Die Puritaner, die mit der g&ouml;ttlichen Gnadenwahl so ihre Probleme hatten, kamen auf die Idee, dass die Auserw&auml;hltheit sich daran zeige, ob man im Leben &ouml;konomischen Erfolg habe oder nicht. Das f&uuml;hrte bei vielen zu einer &Auml;chtung der Armen, wie sie heute in der puritanisch gepr&auml;gten angels&auml;chsischen Welt immer noch anzutreffen ist.<br>\nAls, ebenfalls ab dem 17. Jahrhundert, das N&uuml;tzlichkeitskonzept die Staatstheorie des Merkantilismus zu beherrschen begann, war f&uuml;r die Armen kein Platz mehr in der Gesellschaft. Sie wurden kaserniert, und weil Armut in der Regel als pers&ouml;nliches Versagen oder als &auml;u&szlig;eres Zeichen g&ouml;ttlicher Verdammung interpretiert wurde, wurde den Armen in Arbeitsh&auml;usern mit brutalen Methoden die Faulheit ausgetrieben. <\/p><p>Ende des 17. Jahrhunderts sch&auml;tzt der Pionier der Statistik Gregory King, dass die Armen 47 % der englischen Gesellschaft ausmachen. Vauban, der zumeist nur als Festungsbaumeister bekannt ist, aber auch ein sozial engagierter Schriftsteller war, sch&auml;tzt zur gleichen Zeit die Anzahl der Armen und Bettler in Frankreich auf 40 %. Was hie&szlig; damals arm? Arm waren damals Menschen, die nicht genug hatten, sich und ihre Familie zu kleiden und zu ern&auml;hren. Oft wurden sie als &bdquo;unn&uuml;tz f&uuml;r die Gesellschaft&ldquo; und als potentielle Gefahr in Armen- oder Arbeitsh&auml;user gesperrt, die eher Gef&auml;ngnissen als Hilfseinrichtungen glichen. Dem aufkommenden B&uuml;rgertum erleichterte es das Gewissen, wenn die ausgehungerten und in Lumpen gekleideten Opfer des sich entwickelnden Kapitalismus in der &Ouml;ffentlichkeit nicht mehr zu sehen waren. <\/p><p>Zur Zeit der industriellen Revolution und bis in die Anf&auml;nge des 20. Jahrhunderts hinein wurden Massenarmut und Massenelend in Europa allm&auml;hlich zu einem Problem, das politisch nicht mehr negiert werden konnte. Mit der Entstehung der Arbeiterbewegung, die rasch an Bedeutung gewann, kam die Armut als soziale Frage auf die Tagesordnung der Politik. <\/p><p style=\"text-align: center; font-weight: bold\">2.<\/p><p>Wie ist die Lage heute? Armut wird heute im Unterschied zu absoluter Armut gemeinhin in Relation zum gesellschaftlichen Umfeld definiert: Aus dieser Sicht ist arm, wer weniger als 60 % des Durchschnittseinkommens in seinem Land zur Verf&uuml;gung hat. Also sind Arme in Deutschland am Einkommen gemessen nicht dasselbe wie in Polen, in der Slowakei oder in Portugal.  In der EU insgesamt sind Arme immer noch besser dran als in Afrika, Asien und Lateinamerika. Armut ist eben kein ganz und gar objektives, sondern auch ein subjektives Problem. Armut bedr&uuml;ckt durch den Vergleich mit dem, was normal ist, was anderen zur Verf&uuml;gung steht; Armut kann beschwerlicher oder weniger beschwerlich sein, je nachdem, welche Vorstellung von einem guten Leben in der jeweiligen Gesellschaft vorherrscht. In unserer &ouml;konomistischen Welt, in der die Meinung vorherrscht, dass das Gl&uuml;ck im Konsum zu suchen sei, dass die Vermehrung der Konsumoptionen der eigentliche Weg zu einem gl&uuml;cklichen Leben ist, ist Armut doppelt erniedrigend. Und wenn man in der Werbung t&auml;glich und st&uuml;ndlich vorgef&uuml;hrt bekommt, worin angeblich ein erf&uuml;lltes Leben besteht, wenn man Woche f&uuml;r Woche in der Regenbogenpresse nachlesen kann, wie die Reichen ihr Leben im Luxus genie&szlig;en, kann sogar das Leben in einigerma&szlig;en gesicherten &ouml;konomischen Verh&auml;ltnissen als elementare Lebensverfehlung erfahren werden.<\/p><p>Es ist nicht verwunderlich, dass drei Viertel der Deutschen die Gesellschaft, in der sie leben, f&uuml;r ungerecht halten. Seit 1990 sind in Deutschland  Lohnquote und Sozialleistungsquote kontinuierlich gesunken, w&auml;hrend die Kapitaleinkommen drastisch gestiegen sind. Deutschland ist das Land in Europa, das dem US-amerikanischen Modell am n&auml;chsten kommt: w&auml;hrend in den USA 25 % der Besch&auml;ftigten im Niedriglohnsektor arbeiten, sind es in Deutschland mittlerweile 23 %. Kein anderes Land in Europa hat vergleichbare Zahlen. Und was das relative Rentenniveau angeht, rangiert Deutschland inzwischen auf Platz 26 in Europa; nach uns kommt nur noch die Slowakei. <\/p><p>In den letzten Jahren ist die Armut in Deutschland immens gestiegen, auch die Kinderarmut. Es ist ein Skandal, dass erst ein Gerichtsbeschluss die Politiker dazu zwingt, einzugestehen, dass die Hartz-IV-S&auml;tze f&uuml;r Kinder v&ouml;llig unzureichend sind. Aber auch die Altersarmut nimmt zu, und Arbeitslosigkeit und die wachsende Zahl unterbezahlter Jobs sorgen daf&uuml;r, dass dieses Problem uns schon bald &uuml;ber den Kopf wachsen wird, wenn wir nicht umsteuern. Die working poor, also Menschen, die trotz Vollzeitarbeit, von ihrer Arbeit nicht leben k&ouml;nnen, gehen auch in Deutschland in die Millionen, w&auml;hrend einige wenige viele Millionen Euro im Jahr verdienen und Milliardenverm&ouml;gen anh&auml;ufen. Und wer vom Elternhaus keinen Bildungsvorsprung mitbekommt, wem als Kind und Jugendlicher kein eigenes Zimmer zur Verf&uuml;gung steht, wer sich die teuren Nachhilfestunden nicht leisten kann, bleibt immer &ouml;fter in den unteren Etagen unseres hochselektiven Bildungssystems h&auml;ngen. Wir sind mit &Ouml;sterreich das einzige Land in Europa, das sich immer noch eine Halbtagsschule leistet. Heute studieren an deutschen Universit&auml;ten weniger Kinder aus Arbeiterhaushalten als in den 70er Jahren.<\/p><p>Und um uns herum in Europa? Die Einwohner der f&uuml;nf &auml;rmsten L&auml;nder der EU verf&uuml;gen &uuml;ber 32 % der Kaufkraft der Einwohner der f&uuml;nf reichsten L&auml;nder der EU. Und, was noch schlimmer ist, der Abstand zwischen den reichen und den armen L&auml;ndern in der EU nimmt zu. In der EU insgesamt leben 72 Mio. Menschen an der Armutsgrenze; das sind immerhin 16 % der EU-Bev&ouml;lkerung. Die Armen hungern in aller Regel nicht, obwohl das mittlerweile auch vorkommt, verhungern muss im reichen Europa keiner &ndash; auch dank der Arbeit sozialer Verb&auml;nde wie der AWO, der Caritas, der Diakonie etc. Aber Armut hei&szlig;t zumeist Exklusion,  Reduzierung der sozialen Kontakte, der kulturellen und politischen Teilhabe am Leben der Gesellschaft, und zumeist geht Armut mit einem prek&auml;ren Selbstwertgef&uuml;hl einher. Wer arm ist, kann sein Schicksal oft nicht mehr selbst in die Hand nehmen, wie es jemand mit einem ausreichenden Einkommen vermag. Er wird Objekt der gesellschaftlichen Dynamik, und oft gibt er alle Hoffnung auf, wird fatalistisch oder depressiv. Wer ausgeschlossen wird, schlie&szlig;t sich durch sein Verhalten oft selbst noch weiter aus. <\/p><p>Die Stigmatisierung der Ausgeschlossenen wirkt. Ihr gebrochenes Selbstbewusstsein, das oft auch dazu f&uuml;hrt, dass sie sich gar nicht mehr zutrauen, ihre Lage noch einmal verbessern zu k&ouml;nnen, macht die Rede von den faulen Arbeitslosen und Sozialhilfeempf&auml;ngern ohne Initiative scheinbar plausibel. In unserer leistungsbesessenen Gesellschaft gelten nur so genannte Leistungstr&auml;ger etwas, auch wenn es oft mit ihrer Leistung, genau besehen, nicht weit her ist. In den letzten Jahren ist ein Teil der Armen in unserer Gesellschaft wieder sichtbar geworden. In jeder gr&ouml;&szlig;eren Stadt gibt es eine Suppenk&uuml;che, wo arme Menschen Schlange stehen, um wenigstens einmal am Tag ein warmes Essen zu bekommen. Wer hungrig ist, wer jeden Cent zweimal umdrehen muss, ehe er ihn ausgibt, wirkt oft auf andere nicht gerade sympathisch. Wer nicht gro&szlig;z&uuml;gig sein kann, st&ouml;&szlig;t viele ab; Arme wirken, auch wenn sie es gar nicht sind, oft ungewaschen und unordentlich. Das kann gelegentlich sogar einen mitf&uuml;hlenden Sozialdemokraten zu fragw&uuml;rdigen &Auml;u&szlig;erungen verleiten. Ein Armer ist selten sympathisch, Armut alles andere als &bdquo;ein stiller Glanz von innen&ldquo;, wie es in einem Gedicht von Rilke hei&szlig;t. <\/p><p>Wenn aber Arme sich zur Wehr setzen und ihre Rechte einfordern, ist schnell von &bdquo;Anspruchsdenken&ldquo; und &bdquo;Anspruchsinflation&ldquo; die Rede. Auch selbstbewusste Arme sind selten sympathisch.<\/p><p style=\"text-align: center; font-weight: bold\">3.<\/p><p>&Ouml;konomischer Fortschritt, Wachstum, Weltgeltung, das sind die G&ouml;tzen, denen wir im neoliberalen Zeitgeist Millionen von Menschen zum Opfer bringen, die angeblich nicht gebraucht werden. Was ist die L&ouml;sung? Noch mehr Wachstum?  Damit alle Arbeit, ausk&ouml;mmliche Arbeit finden? Schnellerer Verschlei&szlig; des Produzierten, damit wieder Platz wird f&uuml;r neue Produkte? Mehr Konsum? M&uuml;ssen wir Dinge und Leistungen kaufen, die wir nicht brauchen, damit wir die Arbeitslosigkeit und damit die wichtigste Quelle der Armut besiegen? Oder sollten wir vielleicht doch noch einmal etwas gr&uuml;ndlicher dar&uuml;ber nachdenken, ob eine gerechtere Verteilung des Erwirtschafteten, eine gerechtere Verteilung der Erwerbsarbeit und damit auch der freien Zeit nicht die bessere L&ouml;sung w&auml;re? Auf die Dauer kann es doch nicht als Sachzwang akzeptiert werden, dass die einen mehr arbeiten, als ihnen gut tut, und sich &ndash; wie eine Untersuchung der DAK aufgedeckt hat &ndash; in wachsender Zahl mit Aufputschmitteln &uuml;ber den stressigen Arbeitsalltag retten, w&auml;hrend die anderen von der Erwerbsarbeit ausgesperrt werden.<\/p><p>Besonders schlimm ist die Lage, wenn sich Arbeitslosigkeit und Armut vererben. Wir kennen Sozialhilfeempf&auml;nger der zweiten und dritten Generation. Hier vererbt sich mit der prek&auml;ren &ouml;konomischen Lage oft auch der Mangel an Selbstbewusstsein und Initiative. Oft sind dieselben Menschen, die in der 2. bzw. der 3. Generation arbeitslos und arm sind, auch schon seit mehreren Generationen Nichtw&auml;hler. Sie machen von ihren Rechten als Staatsb&uuml;rger keinen Gebrauch, weil sie sich nicht mehr als B&uuml;rger dieses Staates f&uuml;hlen. Auf die Idee, sich mit anderen zusammenzutun, sich zu organisieren, um f&uuml;r ihre Interessen einzutreten, kommen sie meist nicht. Das f&uuml;hrt dazu, dass die Armen bei uns oft keine Stimme haben, dass sie f&uuml;r die Politiker nicht zu den Gruppen geh&ouml;ren, auf deren Interessen sie R&uuml;cksicht nehmen m&uuml;ssten.  Zumeist haben diese Menschen ohnehin l&auml;ngst das Vertrauen auf die Demokratie verloren. Solange die Armen keine wirksame Lobby haben, wird sich daran nichts &auml;ndern.<\/p><p>F&uuml;r die meisten Menschen h&auml;ngt die Zustimmung zur Demokratie von Voraussetzungen ab: zum Beispiel, dass im politischen Betrieb unter dem Strich halbwegs gerechte Verh&auml;ltnisse herauskommen. Wo das Gef&uuml;hl sich ausbreitet, dass es in unserer Gesellschaft nicht gerecht zugeht, sinkt auch die Zustimmung zur Demokratie signifikant. Die H&auml;lfte der Deutschen, im Osten mehr als im Westen, verhalten sich heute skeptisch bis ablehnend zur Demokratie. Aus Parteien-, Politiker- und Politikverdrossenheit wird immer &ouml;fter eine diffuse Ablehnung des Systems der Demokratie. Die Frage ist: Wie lange kann unser politisches System es sich noch leisten, die Lebensinteressen so vieler Menschen zu vernachl&auml;ssigen, ohne seinen Bestand zu gef&auml;hrden?<\/p><p>Armut macht krank. Schlechte Ern&auml;hrung, Verzicht auf die teuren und von der Kasse oft nicht bezahlten Vorsorgeuntersuchungen, sinkender Lebensmut, &Uuml;berforderung bei der Organisation des Alltags, Einsamkeit, das tagt&auml;gliche Gef&uuml;hl der Erniedrigung, all das tr&auml;gt dazu bei, arme Menschen krank zu machen. Wenn sie aber erkranken, sind sie erst recht, wenn auch meist in unzureichendem Umfang, Objekte der Betreuung statt selbst&auml;ndig ihr Leben gestaltende Subjekte. <\/p><p style=\"text-align: center; font-weight: bold\">4.<\/p><p>Wachsende Armut f&uuml;hrt zum Zerfall der Gesellschaft. Wer die Gesellschaft zusammenhalten will, muss die Kluft zwischen Arm und Reich verkleinern, f&uuml;r mehr Gerechtigkeit sorgen. Wo aber die Gesellschaft auseinander bricht, wo immer mehr Menschen das Gef&uuml;hl haben, ohne Aussicht auf Besserung ihrer Lage ins Bodenlosen zu versinken, nehmen auch anomische Ph&auml;nomene zu: erratische Gewalt (auch in den Familien!), Kriminalit&auml;t, Drogensucht, Verwahrlosung &ouml;ffentlich R&auml;ume&hellip;                                                       <\/p><p>Armut ist nicht nur ein individuelles Problem, sondern in erster Linie ein kollektives, gesellschaftliches, ein politisches Problem. Die wachsende Armut in Deutschland ist nicht das unvermeidliche Ergebnis dramatischer Verwerfungen auf den globalen M&auml;rkten, sie ist vor allem das Ergebnis einer grundfalschen Politik, die die Arbeitseinkommen und die Ruhestandsbez&uuml;ge der gro&szlig;en Mehrheit<br>\nzwei Jahrzehnte lang kontinuierlich k&uuml;rzte, weil sie glaubte, nur auf diese Weise k&ouml;nnten mehr Arbeitspl&auml;tze geschaffen werden. Die st&auml;ndig steigenden Lohnnebenkosten, hie&szlig; es, vertrieben die Arbeit aus dem Land. Dabei sind die Lohnnebenkosten in Deutschland seit drei&szlig;ig Jahren nicht gestiegen.<\/p><p>Zum Armutsproblem geh&ouml;rt auch die &ouml;ffentliche Armut. &Ouml;ffentliche Armut, d.h. die mangelnde Ausstattung der &ouml;ffentlichen Institutionen mit Mitteln zur Erf&uuml;llung ihrer Aufgaben, verst&auml;rkt in aller Regel die individuelle Armut. Die neoliberalen Staatsfeinde haben Steuerzahlen zu einem vermeidbarem &Uuml;bel erkl&auml;rt, wollen alles durch den Markt und m&ouml;glichst nichts durch den Staat geregelt sehen. F&uuml;r die Reichen ist der von dem Neoliberalen Philip Bobbitt propagierte Marktstaat vielleicht von Vorteil, f&uuml;r Normalverdiener und Arme bedeutet er eine Versch&auml;rfung ihrer Benachteiligung. Der Satz Nur Reiche k&ouml;nnen sich einen armen Staat leisten ist ohne Abstriche zu bejahen. Ohne einen funktionierenden und finanziell abgesicherten &ouml;ffentlichen Sektor, der allen zug&auml;ngliche &ouml;ffentliche G&uuml;ter, z.B. Sicherheit, Bildung, Gesundheit, Kultur, bereitstellt, kann es eine demokratische und zivilisierte Gesellschaft, in der jeder eine faire Chance hat, sein Leben in W&uuml;rde und Selbst&auml;ndigkeit zu f&uuml;hren, nicht geben.<\/p><p style=\"text-align: center; font-weight: bold\">5.<\/p><p>Armutsbek&auml;mpfung geschieht in der Perspektive der prinzipiellen Gleichwertigkeit aller Menschen. Im Gegensatz zu der g&auml;ngigen Vorstellung von einem unvermeidbaren Konflikt zwischen Gleichheit und Freiheit bin ich entschieden der Ansicht, dass es Freiheit ohne Gleichheit nicht geben kann, schon lange nicht auf Dauer. Alle Unterdr&uuml;ckungsverh&auml;ltnisse fu&szlig;en auf Ungleichheit: der Rasse, des Standes, des Geschlechts, der sozialen Lage etc.  Gleichheit im hier gemeinten politischen Sinn hei&szlig;t nicht Gleichmacherei. Gleichheit hei&szlig;t, dass alle Menschen in einer demokratischen Gesellschaft sich als Ebenb&uuml;rtige begegnen k&ouml;nnen m&uuml;ssen. Gleichheitspolitik muss die Voraussetzungen daf&uuml;r schaffen, dass alle Menschen in Freiheit am kulturellen, sozialen, politischen Leben der Gesellschaft teilnehmen k&ouml;nnen. <\/p><p>Es ist wichtig, die Politik der Angleichung der Lebenschancen und der Bek&auml;mpfung der Armut in die Perspektive der Freiheit zu stellen. Es geht nicht prim&auml;r um Verteilungsrelationen, sondern um die Verteilung von F&auml;higkeiten (Amartya Sen), F&auml;higkeiten der Teilhabe, f&uuml;r die es allerdings Voraussetzungen gibt, die erf&uuml;llt sein m&uuml;ssen. Eine demokratische Politik der Armutsbek&auml;mpfung schlie&szlig;t notwendig an das Freiheitsverst&auml;ndnis an, das die Arbeiterbewegung seit je geleitet hat. In dieser Perspektive sollte sie auch jede paternalistisch Erniedrigung jener Menschen vermeiden, die auf Hilfe angewiesen sind. Aus gn&auml;dig gew&auml;hrter Hilfe einen Rechtsanspruch auf Hilfe zur Selbsthilfe zu machen, ist ein emanzipatorisches Gleichheitsprogramm. Einer auf Emanzipation abzielenden Gerechtigkeitspolitik geht es in erster Linie darum, aus Ausgeschlossenen, aus duckm&auml;userischen oder listig-verschlagenen Almosenempf&auml;ngern selbstbewusste B&uuml;rger im Sinne des Citoyen zu machen. <\/p><p>Werfen wir, um unsere grunds&auml;tzliche Position zu kl&auml;ren, einen Blick auf die Entwicklung des Freiheitsbegriffs: Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein war von Freiheit so gut wie immer nur im Plural die Rede.  Freiheiten waren im Grunde Privilegien: des Adels, der Z&uuml;nfte, der reichsfreien St&auml;dte, die gegen die Zentralgewalt absolutistischer Staaten verteidigt werden mussten. Erst im 18. Jahrhundert wird Freiheit zum Singular: als Sammelbegriff von Rechten, die im Prinzip f&uuml;r alle Menschen gelten. Hier liegt das gro&szlig;e historische Verdienst der Aufkl&auml;rung und des politischen Liberalismus. Die Arbeiterbewegung kn&uuml;pft in dieser Hinsicht durchaus an den politischen Liberalismus an, fragt aber dar&uuml;ber hinaus nach den Realbedingungen universeller Freiheit. <\/p><p>Die Pointe der Arbeiterbewegung gegen&uuml;ber dem politischen Liberalismus besteht darin, dass sie den Blick auf die sozialen und kulturellen  Voraussetzungen lenkt, die erf&uuml;llt sein m&uuml;ssen, damit alle Menschen von ihren Freiheitsrechten tats&auml;chlich konkreten Gebrauch machen k&ouml;nnen.  Wo Menschen all ihre Zeit und Kraft aufwenden m&uuml;ssen, um ihre blo&szlig;e Lebensfristung sicherzustellen wie in den Slums von Kalkutta, Rio oder Abidjan, bleibt die Proklamation der Meinungsfreiheit weitgehend folgenlos. Wo Menschen de facto keinen Zugang zu Bildung und Informationen haben und nicht &uuml;ber wirklich freie Zeit verf&uuml;gen, k&ouml;nnen sie in aller Regel auch Partizipationsrechte nicht wahrnehmen. Bis heute besteht die Besonderheit des sozialdemokratischen Freiheitsverst&auml;ndnisses darin, dass es nicht nur, wie in der liberalen Tradition, universell gedacht ist, sondern auch die Verpflichtung enth&auml;lt, die gesellschaftlichen Bedingungen zu schaffen und zu erhalten, unter denen m&ouml;glichst alle Menschen von ihren Freiheitsrechten konkreten Gebrauch machen k&ouml;nnen. <\/p><p>Die Grundwerte des demokratischen Sozialismus, Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarit&auml;t bilden f&uuml;r uns auch deshalb einen unaufhebbaren Zusammenhang, weil nur so das Ziel der gleichen Freiheit f&uuml;r alle erreichbar ist. Der Gleichheitsgedanke in dieser freiheitlichen Tradition hatte nie etwas mit &ouml;der Gleichmacherei zu tun. Ziel war nicht ein Gemeinwesen gleicher Individuen, sondern ein Gemeinwesen, in dem alle Menschen das gleiche Recht und die reale M&ouml;glichkeit haben sollten, ihre je unverwechselbare Individualit&auml;t zu entfalten.  <\/p><p style=\"text-align: center; font-weight: bold\">6.<\/p><p>Armutsbek&auml;mpfung ist Gesellschaftspolitik in dem ganz konkreten Sinn, dass sie die Voraussetzungen daf&uuml;r schafft und erh&auml;lt, dass ein Zusammenleben in einem zivilen und demokratischen Gemeinwesen auf Dauer &uuml;berhaupt m&ouml;glich ist. Weil die Armutsursachen und die Armutsformen heute vielf&auml;ltig sind, geh&ouml;rt dazu ein ganzes B&uuml;ndel unterschiedlicher Strategien und Instrumente. Entscheidend ist aber, dass angesichts der Vielfalt der Einzelprobleme die wichtigsten generellen Voraussetzungen f&uuml;r gesellschaftliche Integration und die Wiederherstellung von halbwegs plausibler Gerechtigkeit nicht &uuml;bersehen werden. Zweifellos geh&ouml;ren hierzu allgemeine und verpflichtende Mindestl&ouml;hne, damit der Skandal endlich beendet wird, dass Menschen von ihrer Arbeit nicht leben k&ouml;nnen. Zentral ist eine aktive Besch&auml;ftigungspolitik, die sich vor allem darauf konzentriert, zukunftssichere, d.h. auch &ouml;kologisch verantwortbare, Arbeitspl&auml;tze in den Bereichen schaffen, in denen auf Dauer menschliche Arbeit nicht durch Maschinen ersetzt werden kann. In diesem Zusammenhang ist die Rehabilitierung des in den letzten Jahren von den Marktradikalen erfolgreich diffamierten und demontierten &ouml;ffentlichen Sektors von gr&ouml;&szlig;ter Wichtigkeit.  Im Marktstaat, wie ihn die Neoliberalen empfehlen, wird alles zur Ware: Kultur, Bildung, Absicherung gegen Krankheit und Arbeitslosigkeit, Altersvorsorge, Schutz vor Verbrechen und Gewalt. Wenn aber alles zur Ware wird, l&auml;uft dies darauf hinaus, dass die Spaltung der Gesellschaft vertieft wird, weil einige sich Kultur, Bildung, Gesundheitsleistungen und Sicherheit kaufen k&ouml;nnen und andere nicht. Darum muss jede verantwortliche Politik entschlossen gegen die Privatisierungswut der Neoliberalen antreten, die Rehabilitierung des &ouml;ffentlichen Sektors betreiben und am Primat der Politik festhalten. <\/p><p>Faire Lebenschancen f&uuml;r alle, das muss auch hei&szlig;en, die Lebensinteressen k&uuml;nftiger Generationen in unseren heutigen Entscheidungen zu ber&uuml;cksichtigen. Wir d&uuml;rfen nicht darin fortfahren, unsere Probleme auf Kosten unserer Kinder und Enkel l&ouml;sen zu wollen. Nachhaltigkeit ist nicht nur eine wichtige Richtschnur &ouml;kologischen Handelns, sondern auch eine notwendige Dimension jeder Gerechtigkeitspolitik.<br>\nDie wesentlichen Ursachen f&uuml;r Armut und Benachteiligung zu bek&auml;mpfen, ist allemal nachhaltiger als blo&szlig;e Symptombehandlung. Auch darum ist es so wichtig, dass unser Bildungssystem allen jungen Menschen die Chance zum Erwerb der notwendigen Berufs- und Lebensqualifikationen bietet, dass wir niemand verloren geben und die allzu fr&uuml;he Selektion endlich durch die Einf&uuml;hrung einer demokratischen Gemeinschaftsschule abschaffen. <\/p><p>Aber nicht nur in zeitlicher, sondern auch in r&auml;umlicher Hinsicht ist die Perspektive der Gerechtigkeitspolitik zu erweitern. In unserer globalisierten Welt sind die Armen, die Arbeitslosen, die Elenden und Unterdr&uuml;ckten in einstmals fernen L&auml;ndern auch unser Problem. Darum braucht eine wirksame soziale Politik eine europ&auml;ische und dar&uuml;ber hinaus eine globale Dimension. Europa wird nur eine Zukunft haben, wenn es mehr ist als ein Markt, wenn es zu einem sozialen Europa umgestaltet wird. Und dieses Europa muss mit seinem &ouml;konomischen und politischen Gewicht in und mit den Vereinten Nationen daf&uuml;r sorgen, dass Armutsbek&auml;mpfung endlich als eine Menschheitsaufgabe begriffen wird, bei der die Verantwortung vor allem bei den reichen L&auml;ndern liegt.<\/p><p>Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit waren die objektiven, die wissenschaftlich-technischen Voraussetzungen f&uuml;r die Befreiung der Arbeit, f&uuml;r die Angleichung der Lebenschancen, f&uuml;r die &Uuml;berwindung von Hunger und Elend, f&uuml;r die nachhaltige Organisation des Stoffwechsels von Mensch und Natur so gro&szlig; wie heute. Zugleich aber w&auml;chst die Gefahr, dass ein au&szlig;er Rand und Band geratener globaler Finanzmarkt, eine abermals gesteigerte Ausbeutung von Mensch und Natur, dass Hungerkatastrophen und m&ouml;rderische Kriege um schwindende Ressourcen die Welt in den Abgrund f&uuml;hren. Die alte von Hegel auf Marx &uuml;berkommene geschichtsmetaphysische &Uuml;berzeugung, dass der Gang der Geschichte selbst, seiner inneren Logik folgend, auf die gro&szlig;e Befreiung programmiert sei, kann Hoffnung nicht mehr n&auml;hren. Umso wichtiger ist es, dass wir selbst, die B&uuml;rger dieses Landes, die B&uuml;rger dieser Welt, die Dinge in die Hand nehmen. <\/p><p>Die Chancen, dass wir einige Schritte vorankommen auf dem Weg zu einer Neuordnung der Welt im Interesse aller Menschen, sind seit dem Ende der Bush-&Auml;ra und dem Regierungsantritt von Barack Obama gewachsen. Die Neoliberalen, die mit ihrer Verhimmelung des Marktes und der Abwertung und Verhinderung demokratischer Regulierung die gr&ouml;&szlig;te Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ausgel&ouml;st haben, haben ihre fatale Verf&uuml;hrungskraft weitgehend eingeb&uuml;&szlig;t. Sorgen wir bei uns, vor der eigenen Haust&uuml;r, daf&uuml;r, dass  Leute wie Westerwelle und Merz, die stets jede staatliche Intervention zum Schutz Benachteiligter als marktwidrig verteufelten, dass die, die noch vor kurzem auf dem Leipziger Parteitag der Union die Freiheit der M&auml;rkte bejubelten und die Folgen f&uuml;r Millionen Menschen &uuml;berall auf der Welt als Kollateralsch&auml;den abtaten, jetzt nicht auch noch zu Krisengewinnlern werden. <\/p><p>Johanno Strasser ist Politologe, Publizist und Schriftsteller und seit 2002 Pr&auml;sident des P.E.N.-Zentrums Deutschland, eine Vereinigung von deutsch schreibenden oder in Deutschland lebenden Schriftstellern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Referat von Johanno Strasser auf der Fachtagung &bdquo;Armut bedroht unsere Gesellschaft&ldquo; der AWO-Landesarbeitsgemeinschaft Nordrhein-Westfalen am 18. 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