{"id":37895,"date":"2017-04-19T10:36:03","date_gmt":"2017-04-19T08:36:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37895"},"modified":"2017-04-19T11:37:39","modified_gmt":"2017-04-19T09:37:39","slug":"diktator-erdogan-eine-stellungnahme-ergaenzungen-und-ein-leserbrief","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37895","title":{"rendered":"\u201eDiktator Erdogan\u201c \u2013 eine Stellungnahme, Erg\u00e4nzungen und ein Leserbrief"},"content":{"rendered":"<p>Mein gestriger Artikel <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37868\">&bdquo;Diktator Erdogan&ldquo; &ndash; so nun haben wir uns genug aufgeregt<\/a> hat f&uuml;r einige Resonanz unter unseren Lesern gesorgt. Es gab positives, aber leider auch sehr viel kritisches Feedback. Ein Gro&szlig;teil der Kritik ist dabei durchaus berechtigt, da ich leider den Begriff &bdquo;demokratisch&ldquo; in einem falschen Kontext benutzt habe und zudem auf eine klare kritische Einordnung der j&uuml;ngeren politischen Entwicklung in der T&uuml;rkei verzichtet habe. So konnte durchaus bei einigen Lesern der Eindruck entstehen, ich w&uuml;rde Erdogan verharmlosen oder gar seine Taten rechtfertigen. Das wollte ich nicht. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWenn ein Autor sich einen bestimmten Teilaspekt aus einem gr&ouml;&szlig;eren, komplexen Themenbereich heraussucht, steht er stets vor einem Problem: Einerseits will er nat&uuml;rlich seinen Artikel m&ouml;glichst kurz, knackig, kompakt und ohne lange Einleitungen schreiben, die viele Leser abschrecken und von der eigentlichen Botschaft ablenken. Andererseits l&auml;uft er dadurch jedoch auch stets Gefahr, dass er durch das n&ouml;tige Weglassen bestimmter Positionen die Leser nicht wie beabsichtigt aufkl&auml;rt, sondern an ihnen vorbeischreibt und dabei im schlimmsten Falle sogar eine v&ouml;llig unbeabsichtigte Reaktion ausl&ouml;st. Genau dies ist mir gestern mit meinem Erdogan-Artikel passiert. Selbstverst&auml;ndlich sehe ich die j&uuml;ngeren Entwicklungen in der T&uuml;rkei &auml;u&szlig;erst kritisch. Ich wei&szlig;, dass Journalisten dort systematisch verfolgt, Regierungskritiker mundtot gemacht und schlimmstenfalls sogar weggesperrt werden. Mir ist bekannt, dass Tausende Richter und Staatsbeamte nach dem vermeintlichen Putsch entlassen wurden, dass der t&uuml;rkische Staat die Opposition knechtet und in Kurdistan einen grausamen B&uuml;rgerkrieg f&uuml;hrt. Ich betrachte auch den zunehmenden Einfluss der Religion und die autorit&auml;re bis reaktion&auml;re Gesellschaftspolitik von Erdogans AKP kritisch, bin ausdr&uuml;cklich gegen die Unterdr&uuml;ckung der Frauen in der T&uuml;rkei und habe auch in der Vergangenheit im Kontext der Fl&uuml;chtlingskrise immer wieder darauf gepocht, dass man mit Politikern wie Erdogan keine wie auch immer gearteten &bdquo;Deals&ldquo; machen sollte. <\/p><p>All dies ist mir nat&uuml;rlich bewusst. Mir sollte als Autor jedoch auch bewusst sein, dass die Leser das nicht erahnen k&ouml;nnen, wenn ich es nicht explizit schreibe. Im gestrigen Artikel habe ich die gesamte Kritik an Erdogan, der AKP und der heutigen T&uuml;rkei in einem kurzen Absatz, beginnend mit &bdquo;Erdogan steht f&uuml;r [&hellip;]&ldquo;, zusammengefasst. Das war offensichtlich, vor allem im konkreten Zusammenhang mit dem Referendum, viel zu wenig. Dies m&ouml;chte ich hiermit korrigieren. <strong>Selbstverst&auml;ndlich hege ich &ndash; oder gar die NachDenkSeiten &ndash; keine Sympathien f&uuml;r Erdogan oder die AKP. H&auml;tte ich geahnt, dass ich mich mit diesem Artikel derart missverst&auml;ndlich ausdr&uuml;cke, h&auml;tte ich ihn sicherlich gr&uuml;ndlich &uuml;berarbeitet und um eine ausgiebige kritische Einf&uuml;hrung erg&auml;nzt.<\/strong><\/p><p><strong>Mein Ziel war es jedoch, auf die Bigotterie deutscher Medien und westlicher Politik hinzuweisen.<\/strong> Ich finde es nach wie vor &auml;u&szlig;erst kritikw&uuml;rdig, in welcher Form man &uuml;ber das Referendum berichtete und dass man die D&auml;monisierung vor allem deshalb so schrill betrieben hat, da man sich selbst in einem besseren Licht darstellen wollte. <\/p><p>Auch meine Kritik an der mangelnden F&auml;higkeit, sich selbstkritisch mit der Entwicklung in der T&uuml;rkei auseinanderzusetzen, verliert durch dieses Vers&auml;umnis nicht an Bedeutung. Ich bleibe dabei: Hauptverantwortlich f&uuml;r den Siegeszug der AKP und Erdogan sind westliche Politiker &ndash; allen voran die christlich-konservativen Staatschefs Sarkozy und Merkel, die der T&uuml;rkei gezeigt haben, dass sie nie ein vollwertiges Mitglied Europas sein wird, und der konservative George W. Bush, der durch seine Kriege im Nahen und Mittleren Osten eine neue Kluft zwischen Christentum und Islam hat entstehen lassen, die dem Islam in der T&uuml;rkei erst den R&uuml;ckenwind gegeben hat, der zur heutigen Situation gef&uuml;hrt hat.<\/p><p>Last but not least ging es mir im gestrigen Artikel darum, noch einmal darauf hinzuweisen, in welch grotesker Art und Weise der Begriff &bdquo;Demokratie&ldquo; von den westlichen Medien und der westlichen Politik als Kampfbegriff missbraucht wird. Auf die demokratischen Defizite im freien, ach so demokratischen Westen weisen wir in den NachDenkSeiten ja Tag f&uuml;r Tag hin. Wo war denn beispielsweise die offene Debatte um den Kriegseinsatz der Bundeswehr in Syrien? Geh&ouml;rt es nicht zu den elementaren demokratischen Gepflogenheiten, &uuml;ber Dinge wie Krieg und Frieden ehrlich und offen zu debattieren? Die wirklich wichtigen Fragen werden auch im demokratischen Deutschland hinter verschlossenen T&uuml;ren entschieden. So demokratisch, wie wir uns selbst gerne darstellen, sind wir auch nicht. Vielleicht sollten Politik und Medien daher die &bdquo;Offensivverteidigung&ldquo; der Demokratie in anderen Staaten auch etwas vorsichtiger angehen und sich zun&auml;chst einmal selbstkritisch an die eigene Nase fassen.<\/p><p>Dass Medien und Politik zudem stets sehr kleinlaut werden und den Begriff &bdquo;Demokratie&ldquo; unter den Tisch fallen lassen, wenn es um Mehrheitsvoten geht, die gegen &bdquo;unsere&ldquo; Interessen gerichtet sind und dann auch noch die Position einer muslimischen, konservativen Mehrheit widerspiegeln (Wahlsiege FIS, Hamas, Muslimbr&uuml;der und nun das Referendum in der T&uuml;rkei), l&auml;sst meines Erachtens schon aufhorchen. Damit sage ich aber nicht, dass all diese Wahlen und Entscheidungen lupenrein demokratisch waren. Das waren sie sicher nicht. Bei all diesen Wahlen gab es Beschwerden &ndash; doch darin unterscheiden sie sich nicht von Wahlen und Referenden in der gleichen Region, bei denen die pro-westliche Seite den Sieg davongetragen hat und die von den westlichen Medien und der westlichen Politik in der Regel nicht angezweifelt werden.<\/p><p><strong>Dennoch ist der von mir verwendete Begriff &bdquo;demokratisches Referendum&ldquo; eine &ndash; wie sagt man so sch&ouml;n &ndash; intellektuelle Minderleistung.<\/strong> Nat&uuml;rlich verbindet man mit dieser Formulierung als erstes die Aussage, das Referendum sei demokratisch zustande gekommen und nach demokratischen Regeln durchgef&uuml;hrt worden. Beides war in der T&uuml;rkei nicht der Fall. Mit meinem Verweis wollte ich vielmehr auf die blo&szlig;e technisch-abstrakte Ebene hinweisen, dass westliche Politiker und Kommentatoren die &bdquo;Bewahrung der Demokratie&ldquo; als sehr abstrakte Begr&uuml;ndung gegen ein Referendum aus dem Hut zaubern, das zumindest in der Theorie ja gerade eben ein demokratisches Werkzeug ist. Diesen Widerspruch h&auml;tte man weitaus eleganter und vor allem weitaus unmissverst&auml;ndlicher formulieren k&ouml;nnen. <\/p><p><strong>Sollte bei Ihnen aufgrund der beschriebenen Fehler und schlechten Formulierungen ein falscher Eindruck entstanden sein, so bitte ich dies ausdr&uuml;cklich zu entschuldigen.<\/strong> Sie k&ouml;nnen mir auch gerne unter <a href=\"mailto:leserbriefe@nachdenkseiten.de\">leserbriefe(at)nachdenkseiten.de<\/a> ihr kritisches Feedback mitteilen. Ich versuche auch, auf jede Mail zu antworten.<\/p><p>Stellvertretend f&uuml;r die rund ein Dutzend kritischer Zuschriften, die uns gestern erreichten, m&ouml;chte ich an dieser Stelle noch die Zuschrift von unserem Leser Alf Hammelrath ver&ouml;ffentlichen, die sicher ein guter Denkansto&szlig; ist. Gleichzeitig m&ouml;chte ich jedoch auch konkret anhand dieser Zuschrift noch einmal darauf hinweisen, dass ich an keiner Stelle ein Pr&auml;sidialsystem im Allgemeinen oder ein solches der genannten Staaten im Konkreten verteidigt oder gar empfohlen habe. Im Gegenteil &ndash; pers&ouml;nlich w&uuml;rde ich immer ein System, bei dem das Parlament m&ouml;glichst viel Macht innehat, bevorzugen.<\/p><p>Jens Berger<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><blockquote><p>\nLiebe NDS,<\/p>\n<p>ich teile die Auffassung von Jens Berger nicht &ndash; zu erheblichen Teilen.<\/p>\n<p>Richtig ist: es geh&ouml;rt zur selbstverst&auml;ndlichen und legitimen M&ouml;glichkeit der T&uuml;rken, sich eine Verfassung zu geben, wie sie sie f&uuml;r richtig halten. Dies kann auch eine autorit&auml;re Pr&auml;sidialverfassung sein oder meinetwegen eine (absolute) Monarchie, die zun&auml;chst einmal nicht von vorneherein &ldquo;schlecht&rdquo; ist. Ich halte auch die mitteleurop&auml;ische, zumal deutsche Arroganz, nur das gut zu finden, was den eigenen Anschauungen entspricht, f&uuml;r h&ouml;chst bedenklich.<\/p>\n<p>Ich stimme aber nicht zu:<\/p>\n<p>Die Pr&auml;sidialverfassung der USA, darauf ist oft genug hingewiesen worden, ist historisch gewachsen, mit checks and balances versehen &ndash; und birgt dennoch gro&szlig;e Gefahren. Wir erleben dies gerade.<br>\nVon der s&uuml;dkoreanischen Pr&auml;sidialverfassung habe ich jedenfalls nie viel gehalten; ich habe sie auch nie f&uuml;r &ldquo;demokratisch&rdquo; gehalten. Hervorgegangen aus dem autorit&auml;r-milit&auml;rischen Regime des Herrn Park (Vater der jetzt geschassten Frau Park), hat es niemals entwickelten demokratischen Anspr&uuml;chen gen&uuml;gt; man sehe sich nur die korrupten Verbindungen zur Wirtschaft an.<\/p>\n<p>Die s&uuml;damerikanischen Regime lassen sich nicht einfach als gleich darstellen, da gibt es viele Differenzierungsm&ouml;glichkeiten. Aber die gegenw&auml;rtigen brasilianischen, argentinischen, venezoelansichen u.a.m. Pr&auml;sidialregime als problemlos zu bezeichnen, ist schlicht falsch.<\/p>\n<p>Was das franz&ouml;sische Regime angeht: der Pr&auml;sident hat seit de Gaulle eine machtvolle Rolle, aber die demokratische Kontrolle funktioniert. Presse und &Ouml;ffentlichkeit sind nicht wirklich schikaniert.<\/p>\n<p>Nun aber Erdogan:<\/p>\n<p>Nein, das Referendum ist NICHT demokratisch zustande gekommen. Dagegen spricht schon die Tatsache, dass es &ndash; inhaltlich l&auml;ngst vorbereitet &ndash; w&auml;hrend eines Ausnahmezustandes durchgef&uuml;hrt wird, die Opposition massiv eingeschr&auml;nkt wird, Wissenschaftler entlassen und Journalisten eingekerkert sind &ndash; in einem Ausma&szlig;, das sich mit demokratischen Anspr&uuml;chen nicht vereinbaren l&auml;sst. Dagegen hat die Regierung alle Staatsm&ouml;glichkeiten f&uuml;r ein EVET eingesetzt.<\/p>\n<p>W&auml;re Herrn Erdogan an einer demokratischen Entscheidung gelegen gewesen, er h&auml;tte einen Diskurs auf Augenh&ouml;he nicht nur zugelassen, sondern gef&ouml;rdert.<\/p>\n<p>Was die von Ihnen genannten &ldquo;Vorz&uuml;ge&rdquo; der neuen Verfassung anbelangt: was bedarf es noch besonderer Berechtigungen f&uuml;r das Milit&auml;r, wenn diese vollst&auml;ndig auf eine andere autokratische Institution &uuml;bergehen? Historisch sehe ich Erdogan als &Uuml;berwinder des Kemalismus; denn immerhin ging die Rolle des Milit&auml;rs als H&uuml;ter der Verfassung ja auf Atat&uuml;rk zur&uuml;ck. Damit erreicht Erdogan, nach meiner Einsch&auml;tzung, sein Ziel: sozusagen als der wahre Atat&uuml;rk (&ldquo;Vater des T&uuml;rkentums&rdquo;) sich zu inszenieren und zu erscheinen.<\/p>\n<p>Wenn die T&uuml;rken tats&auml;chlich mehrheitlich einen neuen Sultan wollten, w&auml;re dies nicht illegitim. Aber es ist auch nicht illegitim, wenn wir dies beurteilen und bewerten, denn: die T&uuml;rkei ist unser Nachbar, und es kann uns nicht gleichg&uuml;ltig sein, mit wem wir es zu tun haben.<\/p>\n<p>Letzte Bemerkung: das Referendum h&auml;lt uns, der deutschen Gesellschaft oder besser gesagt: der Gesellschaft in Deutschland, allerdings einen Spiegel vor. Ich glaube, dass diejenigen Recht haben, die sagen: da ist einiges, nein: sehr vieles schiefgelaufen in Deutschland. Aber das ist ja auch nicht neu.<\/p>\n<p>Mit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en<br>\nAlf Hammelrath\n<\/p><\/blockquote><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/501691258068457f81e886a1f7a88a0e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein gestriger Artikel <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37868\">&bdquo;Diktator Erdogan&ldquo; &ndash; so nun haben wir uns genug aufgeregt<\/a> hat f&uuml;r einige Resonanz unter unseren Lesern gesorgt. Es gab positives, aber leider auch sehr viel kritisches Feedback. 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