{"id":37937,"date":"2017-04-21T11:27:01","date_gmt":"2017-04-21T09:27:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37937"},"modified":"2017-04-21T11:41:38","modified_gmt":"2017-04-21T09:41:38","slug":"venezuela-rechte-offensive-defensiver-chavismus-und-die-plombierte-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37937","title":{"rendered":"Venezuela \u2013 Rechte Offensive, defensiver Chavismus und die \u201cplombierte\u201d Politik"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170421_Venezuela1.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Auch gestern waren die Demonstrationen in Venezuela eine der Top-Nachrichten in Deutschland. Leider konzentrieren sich die meisten deutschen Medien jedoch auf die Proteste gegen die venezolanische Regierung und ignorieren meist die nicht minder kleinen Aufm&auml;rsche der Anh&auml;nger der Regierung. Unser S&uuml;damerika-Korrespondent <strong>Federico F&uuml;llgraf<\/strong> versucht f&uuml;r die Leser der NachDenkSeiten eine Einordnung der j&uuml;ngsten Geschehnisse in Venezuela vorzunehmen.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Massenaufm&auml;rsche der Opposition konterkariert von Aufm&auml;rschen der Regierungsanh&auml;nger<\/strong><\/p><p>Wie bereits gegen die Anfang April vom Obersten Gericht verordnete und wieder zur&uuml;ckgenommene Ausschaltung des Parlaments und die Immunit&auml;t der Abgeordneten griff auch am Vorabend der Proteste die Generalstaatsanw&auml;ltin Luisa Ortega wieder in die &ouml;ffentliche Debatte ein: Es sei ein &ldquo;verfassungsm&auml;&szlig;iges Recht, zu friedlichen Demonstrationen aufzurufen&hellip; Die Verantwortlichen f&uuml;r die Sicherheitsorgane m&uuml;ssen das Recht auf friedliche Proteste bei strikter Einhaltung der Menschenrechte garantieren. &bdquo;Verhandlungsbereitschaft sollte vor jeder Anwendung staatlichen Gewalt voll ausgesch&ouml;pft werden&rdquo;, forderte Ortega, doch umsonst. Opposition und Regierung hatten l&auml;ngst auf Eskalierung gesetzt.<\/p><p>Die Bolivarische Nationalgarde (GNB) geriet unter Dauerbeschuss von Molotow-Cocktail-Artillerie sowie Steinhagel rechter Demonstranten und konterte mit Tr&auml;nengas und Gummigeschossen. Dutzende Festgenommene, Dutzende Verletzte, drei Tote. Regierung und Opposition beschuldigen sich gegenseitig der Erschie&szlig;ungen friedlicher Demonstranten in Caracas und T&aacute;chira.<\/p><p>W&auml;hrend die vom Oppositionsf&uuml;hrer Henrique Capriles landesweit angef&uuml;hrten Protestler &ldquo;&iexcl;No m&aacute;s dictadura!&rdquo; (&ldquo;Schluss mit der Diktatur!&rdquo;) skandierten, verk&uuml;ndete seinerseits Pr&auml;sident Nicol&aacute;s Maduro vor tausenden regierungstreuen Demonstranten, die Sicherheitskr&auml;fte h&auml;tten &ldquo;einen terroristischen Staatsstreich <em>auseinandergenommen<\/em>&rdquo;. In einem Atemzug bot er der Opposition die Wiederaufnahme des seit Monaten unterbrochenen Dialogs an, machte jedoch gleichzeitig einen R&uuml;ckzieher: Er werde &ldquo;keinen Millimeter nachgeben&rdquo;.<\/p><p>Soweit die vorl&auml;ufige Zahlen- und Wortbilanz der &ldquo;Mutter aller Demonstrationen&rdquo;, wie die konservative Opposition ihre diesw&ouml;chigen Aufm&auml;rsche ank&uuml;ndigte, die jedoch l&auml;ngst nicht den Zulauf der Massenproteste vom Monatsbeginn hatten.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170421_Venezuela2.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p><strong>Forderungen und Auftritt der Opposition <\/strong><\/p><p>Die neuerlichen, lautstarken Proteste sind u.a. eine Reaktion auf die vor wenigen Wochen von der Regierung Maduro dem Hauptf&uuml;hrer der Opposition und bisherigem Gouverneur des Bundesstaates Miranda, Henrique Capriles, auferlegte Aberkennung seiner politischen Rechte und &Auml;mterbekleidung f&uuml;r die Dauer der n&auml;chsten 15 Jahre. Das Verbot wurde mit der angeblichen Verwicklung Capriles in Korruption begr&uuml;ndet. <\/p><p>Der rechte Oppositionsf&uuml;hrer nannte jedoch vier Hauptforderungen der Massenproteste: die &ldquo;Ausrufung freier Wahlen&rdquo;, die &ldquo;Freilassung politischer Gefangener&rdquo; &ndash; darunter an erster Stelle der seit 2014 wegen Aufrufen zum gewaltsamen Sturz der Regierung inhaftierte Ex-B&uuml;rgermeister des Landkreises Chacao, Leopoldo L&oacute;pez -, ferner die Schaffung sogenannter &ldquo;humanit&auml;rer Kan&auml;le&rdquo; zur effizienteren Versorgung der Bev&ouml;lkerung mit Lebensmitteln und Medikamenten und schlie&szlig;lich die &ldquo;volle Anerkennung der Nationalversammlung&rdquo;, die mit Zweidrittelmehrheit von der rechten Opposition kontrolliert wird.<\/p><p>&bdquo;Die Mission der venezolanischen Opposition besteht darin, die kapitalistischen Triebkr&auml;fte wieder in den Griff zu bekommen. Also Bedingungen zu schaffen f&uuml;r die Durchsetzung einer tiefgreifenden, wirtschaftspolitischen Radikalkur, mit Lohnk&uuml;rzungen und Demontage des chavistischen Schutznetzes zur sozialen Absicherung der &uuml;berwiegenden Mehrheit der werkt&auml;tigen Bev&ouml;lkerung, damit das Kapital wieder &Uuml;bersch&uuml;sse erzielt &rdquo;, kommentierte der uruguayische Wirtschaftswissenschaftler Rodrigo Alonso in der renommierten Wochenzeitschrift <em>Brecha<\/em> (&ldquo;El mismo laberinto&rdquo;, 10,04.2017).<\/p><p>Doch in der Einsch&auml;tzung Alonsos &bdquo;sind die besonneneren K&ouml;pfe der Opposition nicht darauf aus, schon kurzfristig den Regierungspalast Miraflores zu st&uuml;rmen, sondern weiterhin auf den Verschlei&szlig; der Regierung [Maduro]&rdquo; zu setzen&ldquo;. <\/p><p>Kurzfristig, so folgert der Uruguayer, komme eine &Uuml;bernahme der Regierung durch die Opposition nicht in Frage. Das Programm der venezolanischen Rechten h&auml;tte keine Aussichten auf Erfolg, es sei denn als Reaktion auf einen tosenden Zusammenbruch des <em>Chavismo<\/em>, der trotz aller R&uuml;ckschl&auml;ge noch &uuml;ber beachtliches politisches Kapital verf&uuml;ge.<\/p><p>Demnach f&auml;llt der Nationalversammlung die realpolitische Rolle in der Strategie der Rechten zu, die Regierungsf&auml;higkeit systematisch zu torpedieren und abzunutzen.<\/p><p><strong>Reaktionen der USA und ihrer lateinamerikanischen Verb&uuml;ndeten<\/strong><\/p><p>Donald Trumps Au&szlig;enminister Rex Tillerson warf am Mittwoch, den 19. April, Maduro vor, er &ldquo;verletze seine eigene Verfassung&rdquo;, vermied es aber, auf die Anschuldigung Maduros einzugehen, wonach die USA einen &ldquo;Staatsstreich&rdquo; gegen Venezuela vorbereiteten.<\/p><p>Kevin Sullivan wies als Vertreter der USA vor dem St&auml;ndigen Rat der Organisation der Amerikanischen Staaten (OAS) die Anschuldigung als v&ouml;llig &ldquo;unbegr&uuml;ndet&rdquo; zur&uuml;ck. &bdquo;Nichts liegt den USA ferner, so etwas haben wir nicht getan und w&uuml;rden es nicht tun&rdquo; (<em>sic!<\/em>), erkl&auml;rte Sullivan mit dem Brustton der &Uuml;berzeugung.<\/p><p>Sch&auml;rfere T&ouml;ne schlug allerdings Mark Toner, Sprecher des State Department, an. In einem Communiqu&eacute; forderte er, dass die Verantwortlichen f&uuml;r die &ldquo;kriminelle Repression der friedlichen und demokratischen Aktivit&auml;ten und die Untergrabung der demokratischen Institutionen und Handlungen wegen ihrer frontalen Verletzung der Menschenrechte einzeln zur Rechenschaft gezogen werden&rdquo;.<\/p><p>Angef&uuml;hrt von den Regierungen Brasiliens und Argentiniens schlossen sich Chile, Kolumbien, Costa Rica, Mexiko, Paraguay, Peru und Uruguay einer Erkl&auml;rung an, die &bdquo;aufs Energischste die in Venezuela entfachte Gewalt verurteilt und den Verlust weiteren menschlichen Lebens bedauert&rdquo;.<\/p><p>Allerdings bem&uuml;hte sich die am Abend des 20. April der Presse &uuml;berreichte Erkl&auml;rung nicht um politische Entspannung, sondern schloss sich nahezu 1:1 den Forderungen der rechten venezolanischen Opposition unter F&uuml;hrung Henrique Capriles an. <\/p><p>&bdquo;Es ist ein Imperativ der Stunde, dass die br&uuml;derliche Bolivarische Republik Venezuela auf den Boden der demokratischen Institutionen zur&uuml;ckkehrt und dass ihre Regierung verbindliche Termine des Wahlkalenders einh&auml;lt, die inhaftierten politischen Gefangenen freil&auml;sst und die Trennung der verfassungsm&auml;&szlig;igen Gewalten sicherstellt&rdquo;.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170421_Venezuela3.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p><strong>&ldquo;Wie entkommt man dem Labyrinth?&rdquo;<\/strong><\/p><p>Die Frage soll Hugo Ch&aacute;vez einst mit Blick auf die Zukunft seiner &ldquo;bolivarischen Revolution&rdquo; gestellt haben. Sie ist aktueller denn je.<\/p><p>Zwischen 2013 und 2016 schrumpften die Deviseneinnahmen Venezuelas aus dem &Ouml;lexport von j&auml;hrlich 80 Milliarden Dollar auf 18 Milliarden Dollar. Die Devisenverknappung machte eine gleichzeitige Abbremsung der Importe n&ouml;tig, die allein zwischen 2015 und 2016 um 50 Prozent einbrachen und das Land vor zus&auml;tzliche Versorgungsprobleme stellte.<\/p><p>&bdquo;Der Chavismo z&ouml;gert mit der Durchsetzung der einschneidenden wirtschaftlichen Ma&szlig;nahmen, die der venezolanische Kapitalismus einfordert, ist aber gleichzeitig zu schwach, um eine radikalere Rationierung und eine Wirtschaftsplanung zur &Uuml;berwindung der Krise und zum Schutz der sozio&ouml;konomischen Rechte seiner Bev&ouml;lkerung durchzusetzen&rdquo;, gibt Rodrigo Alonso zu bedenken.<\/p><p>Einerseits versucht die Regierung Maduro mit der Wette auf den Wiederanstieg des &Ouml;lpreises und dem Werben f&uuml;r ausl&auml;ndische Investitionen den Devisenfluss wiederherzustellen, ohne jedoch die Verschuldung mit noch drakonischeren Importk&uuml;rzungen zu stabilisieren. Andererseits bem&uuml;ht sie sich um die soziale Absicherung ihrer politischen Basis mit der direkten Preis- und Versorgungskontrolle von lebensnotwendigen G&uuml;tern und der Beibehaltung von Zusch&uuml;ssen und Sozialprogrammen. <\/p><p>&bdquo;Doch angesichts der tiefgreifenden Probleme verliert die soziale F&ouml;rderung st&auml;ndig an Kaufkraft, die Preiskontrollen bewirken nur noch mehr Versorgungsengp&auml;sse und die Schwarzm&auml;rkte versch&auml;rfen die Szenerie um ein Vielfaches mehr&rdquo;, kommentiert Alonso. Und sieht keinen Ausweg aus dem Labyrinth: &bdquo;So gesehen, befindet sich der Kapitalismus in Venezuela im <em>plombierten<\/em> Zustand&hellip; Um diesen Widerspruch kreist die Konjunktur des Landes seit drei Jahren&rdquo;. <\/p><p>Das Grundproblem Venezuelas dreht sich daher um die Frage, wie kann das gegenw&auml;rtige Gleichgewicht der politischen Kr&auml;fte &uuml;berwunden werden, das das Land in ein Szenario des handlungsunf&auml;higen, &ldquo;katastrophalen Patts&rdquo; versenkt hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170421_Venezuela1.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Auch gestern waren die Demonstrationen in Venezuela eine der Top-Nachrichten in Deutschland. Leider konzentrieren sich die meisten deutschen Medien jedoch auf die Proteste gegen die venezolanische Regierung und ignorieren meist die nicht minder kleinen Aufm&auml;rsche der Anh&auml;nger der Regierung. Unser S&uuml;damerika-Korrespondent <strong>Federico F&uuml;llgraf<\/strong> versucht<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37937\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,20,145,30],"tags":[282,1334,2071,849,312,1556,1333],"class_list":["post-37937","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-landerberichte","category-sozialstaat","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-buergerproteste","tag-erdoel","tag-maduro-nicolas","tag-nahrungsmittel","tag-reformpolitik","tag-usa","tag-venezuela"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/37937","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=37937"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/37937\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":37939,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/37937\/revisions\/37939"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=37937"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=37937"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=37937"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}