{"id":37997,"date":"2017-04-24T15:22:10","date_gmt":"2017-04-24T13:22:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37997"},"modified":"2019-01-30T09:54:09","modified_gmt":"2019-01-30T08:54:09","slug":"verlogene-empoerung-anmerkungen-von-goetz-eisenberg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37997","title":{"rendered":"Verlogene Emp\u00f6rung. Anmerkungen von G\u00f6tz Eisenberg"},"content":{"rendered":"<p>Als von Seiten der Ermittler verlautete, dass hinter dem Anschlag auf die Mannschaft von Borussia Dortmund mutma&szlig;lich ein Aktienspekulant steckt, war die Emp&ouml;rung gro&szlig;. Politiker aller Parteien beeilten sich, ihre Betroffenheit &uuml;ber die Tat und ihre Abscheu vor dem Motiv des T&auml;ters zu &auml;u&szlig;ern: Habgier. Die zur Schau gestellte und lautstark vorgetragene Emp&ouml;rung &uuml;ber die Tat von Dortmund ist insofern verlogen, als sie von einem Schweigen &uuml;ber den Handel mit Derivaten und die Spekulation mit Nahrungsmitteln begleitet wird, die rund um den Globus t&auml;glich massenhaft Tote produzieren. Habgier nennt man auf dieser Ebene Profit, und an diesem Motiv wagt kaum noch jemand Kritik zu &uuml;ben.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5912\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-37997-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170425_Verlogene_Empoerung_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170425_Verlogene_Empoerung_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170425_Verlogene_Empoerung_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170425_Verlogene_Empoerung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=37997-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170425_Verlogene_Empoerung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"170425_Verlogene_Empoerung_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Nat&uuml;rlich ist der T&auml;ter von Dortmund, wenn ihm der Anschlag im Rahmen einer Gerichtsverhandlung nachgewiesen werden kann, im juristischen und auch moralischen Sinn schuldig. Und dennoch n&ouml;tigt uns dieser Fall, in besonderer Weise zu fragen, wie es um die Mitschuld einer Gesellschaft bestellt ist, die sich als Ganze den Imperativen des Marktes ausliefert und deren einziger kategorischer Imperativ der der schnellen Bereicherung ist. Wenn die Menschen vollends vom Kapitalprinzip durchdrungen und von Indifferenz und K&auml;lte gepr&auml;gt sind und sich auch so verhalten, tut man so, als handele es sich um Monster von einem fremden Stern.<\/p><p>Ein 28-j&auml;hriger Mann wollte Fu&szlig;ballprofis t&ouml;ten, um sich zu bereichern. Er hatte nach den Erkenntnissen der Ermittler f&uuml;r circa 80.000 Euro Optionsscheine erworben, die meisten davon wenige Stunden vor dem Bombenanschlag am 11. April. Der Plan des Mannes: Die T&ouml;tung von Spielern des Bundesliga-Vereins Borussia Dortmund sollte zu einem massiven Kursverlust der BVB-Aktien f&uuml;hren und ihm dank der auf diesen Verfall abgeschlossenen Wetten zu einem immensen Gewinn verhelfen. Dieser h&auml;tte wegen der sogenannten Hebelwirkung solcher Papiere ein Vielfaches des Einsatzes betragen und im Millionenbereich liegen k&ouml;nnen. <\/p><p>Heribert Prantl hat kurz nach der Lehman-Brother-Pleite in einem Kommentar der <em>S&uuml;ddeutschen Zeitung<\/em> unter R&uuml;ckgriff auf eine Anekdote, auf die er in der Zeitschrift <em>Die Gazette<\/em> gesto&szlig;en war, erkl&auml;rt, was ein Derivat ist und wie die ganze zeitgen&ouml;ssische Woodoo-&Ouml;konomie funktioniert:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Chuck kauft f&uuml;r 100 Dollar einen Esel. Das Tier stirbt vor der Lieferung. Chuck will sein Geld zur&uuml;ck, aber der ehemalige Besitzer hat es angeblich bereits ausgegeben. Nun will Chuck den toten Esel, um ihn zu verlosen. Verlosen? Ich sag den Leuten einfach nicht, sagt Chuck, dass er tot ist. Einen Monat sp&auml;ter trifft der Farmer Chuck wieder und erkundigt sich, was aus dem Esel geworden ist. Ich hab&rsquo; ihn verlost, 500 Lose zu zwei Dollar verkauft und 998 Dollar Gewinn gemacht. Hat sich keiner beschwert? Nur der Kerl, der den Esel gewonnen hat. Dem habe ich seine zwei Dollar zur&uuml;ckgegeben.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Prantls Erz&auml;hlung endet mit der Bemerkung:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Heute arbeitet Chuck f&uuml;r Goldman-Sachs und das Esel-Modell ist zum Weltfinanzprinzip geworden.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Als herauskam, dass hinter dem Anschlag auf die Mannschaft des Fu&szlig;ball-Bundesligisten Borussia Dortmund mutma&szlig;lich ein Aktienspekulant steckt, war die Emp&ouml;rung gro&szlig; und einhellig. Politiker aller Parteien beeilten sich, ihre Betroffenheit &uuml;ber die Tat und ihre Abscheu vor den Motiven des T&auml;ters zu &auml;u&szlig;ern. So sagte zum Beispiel Justizminister Heiko Maas:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Sollte der Beschuldigte tats&auml;chlich aus blo&szlig;er Geldgier versucht haben, mehrere Menschen zu t&ouml;ten, w&auml;re das einfach grauenhaft.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Hat man jemals erlebt, dass sich unsere Spitzenpolitiker &auml;hnlich aufregen, wenn infolge von Spekulationen mit Nahrungsmitteln Massen von Menschen hungers sterben? Sind die Motive von Gro&szlig;banken und Hedgefonds andere als die des T&auml;ters von Dortmund? Ist dieser Mann mit seiner Tat nicht vollkommen auf der H&ouml;he der Zeit? Hat er den neoliberalen Zeitgeist nicht perfekt verinnerlicht? Der Mann ist das, was man einen &bdquo;devianten Konformisten&ldquo; nennen k&ouml;nnte: Er will, was alle wollen und was das Grundprinzip des neoliberal entfesselten Kapitalismus ist. Der Unterschied: Er handelt auf eigene Faust und nicht im Auftrag und Namen einer Bank. Das macht es m&ouml;glich, sein Agieren als &bdquo;abweichendes Verhalten&ldquo; zu behandeln und zu kriminalisieren. <\/p><p>Die Finanzpsychopathen und Bankster &uuml;berschwemmen seit Jahren den Markt mit toxischen Produkten; sie spekulieren mit Grundnahrungsmitteln und agrarischen Rohstoffen und tragen so dazu bei, dass in der sogenannten Dritten Welt die Lebensmittelpreise steigen und Menschen hungers sterben; sie verwandeln Banken in Spielcasinos und schlie&szlig;en &ndash; vom Geruch des Blutes angezogen &ndash; Wetten ab auf den Niedergang ganzer Volkswirtschaften und den Bankrott von Staaten; sie verkaufen ihrem Nachbarn eine Brandschutzversicherung, und wetten gleichzeitig darauf, dass es in B&auml;lde bei ihm brennen wird &ndash; und schicken schlie&szlig;lich Leute, die es anz&uuml;nden. <\/p><p>Die Deutsche Bank hatte eine Weile einen Lebensversicherungsfonds namens <em>Kompass Life 3<\/em> im Angebot, der mit der Lebenserwartung von Menschen spekulierte. Man konnte Wetten auf den Tod anderer Menschen abschlie&szlig;en und damit Geld verdienen. Nach Kritik an diesen Todeswetten aus den eigenen Reihen ruderte die Deutsche Bank zur&uuml;ck und bot den Kunden den Ausstieg aus dem Fonds an. Diese Wetten auf das Leben Fremder existieren auch nach dem R&uuml;ckzug der Deutschen Bank aus diesen Gesch&auml;ften weiter. Sie hatten im Jahr 2012 ein Volumen von 30 Milliarden Dollar angenommen. Das funktioniert so: Man kauft die Lebensversicherungspolice einer erkrankten oder &auml;lteren Person, bezahlt die laufenden Pr&auml;mien und kassiert nach dem Todesfall die Versicherungssumme, in manchen F&auml;llen Millionen. Je fr&uuml;her der Unbekannte stirbt, desto besser f&uuml;r den K&auml;ufer. Erinnern Sie sich an einen Aufschrei der Emp&ouml;rung von Seiten der politischen Klasse und der Medien?<\/p><p>Bei Goldman-Sachs hat man nach dem Esel-Prinzip faule Immobilienkredite mit anderen Papieren zu einem Finanzpaket verschn&uuml;rt, sich von willf&auml;hrigen Ratingagenturen ein Triple A f&uuml;r dieses hochtoxische Produkt beschafft, sie sodann an Banken in aller Welt verkauft und gleichzeitig Wetten auf den Niedergang dieses Produkts abgeschlossen.<\/p><p>Die Welt der losgelassenen M&auml;rkte ist eine Konkurrenzh&ouml;lle, die mehr und mehr von sozial gest&ouml;rten Menschen bev&ouml;lkert ist. Sie sind blo&szlig;e Tauschmaschinen, Geldsubjekte, innerlich abgestumpfte Rest-Menschen, denen jedes Mittel Recht ist, um immer h&ouml;here Gewinne zu erzielen. Man geht buchst&auml;blich &uuml;ber Leichen. Wer bilanziert eigentlich das Leiden, das Banker und Spekulanten &uuml;ber die Menschheit bringen? In welcher Statistik tauchen die Selbstmorde, psychosomatischen Krankheiten und die Verzweiflung auf, die die Finanz-Psychopathen zu verantworten haben?<\/p><p>Max Horkheimers ber&uuml;hmtes Diktum abwandelnd k&ouml;nnte man sagen: Wer &uuml;ber die Praxis der Finanzmarkt-Hasardeure nicht reden will, sollte auch vom privaten Terrorismus eines kleinen Elektrotechnikers schweigen. Seit der Kapitalismus von der Leine sozialstaatlicher Regulierung gelassen wurde, haben es die M&auml;rkte und das Geld geschafft, unser Leben komplett in Beschlag zu nehmen und bis in die letzten Poren vorzudringen. Der Tauschwert ist zur Leitw&auml;hrung auch der intimen Binnenwelten geworden. Alles rutscht, wie Brecht sagte, in die Funktionale und wird ausschlie&szlig;lich nach seinem &ouml;konomischen Wert und seiner N&uuml;tzlichkeit beurteilt. Warum sollte diese Tendenz vor dem Menschen haltmachen? Aus einer ausschlie&szlig;lich &ouml;konomisch begr&uuml;ndeten Vernunft l&auml;sst sich kein Einwand gegen den Mord herleiten. Von der wertzynischen Motorik des Geldes werden sozial-moralische Polster und Traditionsbest&auml;nde verzehrt, ohne die ein Gemeinwesen nicht existieren kann. Export, Wohlstand, Markt und Macht, Geld und Karriere, das ganze Sortiment der Wertabstraktion, halten eine Gesellschaft auf Dauer nicht zusammen. Die Geldsubjekte verwildern moralisch und werden psychisch frigide und gef&uuml;hllos. Der Psychopath mit seiner Skrupel- und Empathielosigkeit droht zum dominanten Sozialcharakter des neoliberalen Zeitalters zu werden. &Uuml;ber den Gesellschaften des losgelassenen Marktes breitet sich ein moralisches Ozonloch aus, im Inneren ihrer Bewohner grassieren Zynismus und Egomanie. Das Schlimme ist, dass das, was da an moralischer Substanz auf der Strecke bleibt und in den Individuen abstirbt, unwiederbringlich verloren zu gehen droht. Wenn wir noch etwas retten wollen, m&uuml;ssen wir das Steuer schleunigst herumrei&szlig;en und den Wahnsinn des losgelassenen Marktes und den Amoklauf des Geldes stoppen. Welche menschlichen Haltungen gedeihen eigentlich in einem gegebenen sozialen Klima, welche verdorren? Unter den gegenw&auml;rtig herrschenden Verh&auml;ltnissen entsteht ein hemmungsloser Individualismus, in dem niemand mehr Weggef&auml;hrte der anderen ist, sondern nur noch Gegner, vor dem man auf der Hut sein muss. Wir ben&ouml;tigen eine solidarische &Ouml;konomie, die sich ihre Ziele von der Gemeinschaft m&uuml;ndiger B&uuml;rger vorgeben l&auml;sst. Das erst w&auml;re gelebte Demokratie, die die Entfaltung wahrhaft menschlicher  Eigenschaften wie Solidarit&auml;t und gegenseitige Hilfe beg&uuml;nstigen w&uuml;rde. <\/p><p>Der menschenfeindliche Charakter einer auf K&auml;lte, Konkurrenz und Gleichg&uuml;ltigkeit gestimmten Gesellschaft und ihre Tendenz zur Selbstzerst&ouml;rung werden vom Amokl&auml;ufer und Terroristen gleichsam aus der Abstraktion gerissen und zur Kenntlichkeit gebracht. Der destruktive Wahn, der individuelle T&auml;ter zu ihren Taten treibt, ist Teil und Ableger eines Wahns, von dem das gesellschaftliche Ganze befallen ist. Je direkter dieser sich in jenem ausdr&uuml;ckt, je offensichtlicher der T&auml;ter also das Ensemble seiner und unserer gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse ist, desto lauter der Aufschrei der Emp&ouml;rung und desto vehementer der Wunsch nach individueller Schuldzuschreibung und harter Bestrafung. Je direkter die privat angewandte Gewalt ein Ableger der Gewalt des gesellschaftlichen Ganzen ist, desto mehr wird sie betrachtet, als stamme sie von einem fremden Stern.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em><strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitete mehr als drei Jahrzehnte lang als Gef&auml;ngnispsychologe im Erwachsenenstrafvollzug. In der &raquo;Edition Georg B&uuml;chner-Club&laquo; erschien im Juli 2016 unter dem Titel &raquo;Zwischen Arbeitswut und &Uuml;berfremdungsangst&laquo; der zweite Band seiner &raquo;Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus&laquo;. Dort hat er im Herbst 2016 unter dem Titel: &raquo;Es ist besser, stehend zu sterben als kniend zu leben! No pasar&aacute;n!&laquo; auch ein B&auml;ndchen zum Spanischen B&uuml;rgerkrieg ver&ouml;ffentlicht.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als von Seiten der Ermittler verlautete, dass hinter dem Anschlag auf die Mannschaft von Borussia Dortmund mutma&szlig;lich ein Aktienspekulant steckt, war die Emp&ouml;rung gro&szlig;. Politiker aller Parteien beeilten sich, ihre Betroffenheit &uuml;ber die Tat und ihre Abscheu vor dem Motiv des T&auml;ters zu &auml;u&szlig;ern: Habgier. 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