{"id":380,"date":"2004-10-21T13:47:59","date_gmt":"2004-10-21T12:47:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=380"},"modified":"2016-03-24T11:35:52","modified_gmt":"2016-03-24T10:35:52","slug":"reinhard-mohns-strategie-von-1996-heute-umgesetzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=380","title":{"rendered":"Reinhard Mohns Strategie von 1996 \u2013 heute umgesetzt"},"content":{"rendered":"<p>Einer der beiden Autoren des gerade erschienenen Buches &uuml;ber &bdquo;Bertelsmann&ldquo;, Hersch Fischler, macht mich auf zwei interessante Vorg&auml;nge aufmerksam:<br>\nErstens auf ein Interview des Chefs von Bertelsmann, Reinhard Mohn, von 1996, in dem beachtlich viele Teile der jetzigen Reformpolitik und ihrer Begr&uuml;ndungen angelegt sind. Der Text offenbart auch die Strategie &ndash; ganz &auml;hnlich wie Strauss in seiner Sonthofener Rede von 1975 &ndash; : die Wirtschaft muss immer tiefer sinken und den Menschen muss es erst schlecht gehen, bis sie zur Vernunft kommen. Ausz&uuml;ge dieses Interviews finden Sie als Anlage 1.<br>\nZweitens macht Hersch Fischler darauf aufmerksam, dass man sich bei der Bertelsmann-Stiftung offenbar veranlasst sehe, auf unsere Kritik zu reagieren &ndash; siehe Anlage 2. Die k&ouml;nnten mein Buch (&bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo;) nicht mehr ignorieren, meint Hersch Fischler. Wohl auch nicht den Tagebucheintrag von Wolfgang Lieb in den NachDenkSeiten, m&ouml;chte ich erg&auml;nzen. Das spannende Buch von Frank B&ouml;ckelmann und Hersch Fischler mit dem Titel &bdquo;Bertelsmann &ndash; Hinter der Fassade des Medienimperiums&ldquo; ist bei Eichborn erschienen.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Anlage 1<\/strong><\/p><p><strong>&raquo;Ein Segen, da&szlig; uns das Geld ausgeht&laquo;<\/strong><\/p><p><em>Interview mit Reinhard Mohn (Ausz&uuml;ge) Das Interview wurde gef&uuml;hrt von Dr. Werner Funk, STERN-Chefredakteur und Dieter H&uuml;nerkoch, Ressortleiter der Wirtschaftsredaktion des STERN, und erschien erstmalig in der Ausgabe 27\/96 des STERN. <strong>(Hervorhebungen H.Fischler)<\/strong><\/em><\/p><p>Stern: Herr Mohn, Sie haben als einer der erfolgreichsten Nachkriegsunternehmer 50 Jahre Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland mitgeschrieben. <strong>Was ist Ihr Verm&auml;chtnis?<\/strong><\/p><p>R.M.: &hellip; Und daraus ergibt sich f&uuml;r mich die zentrale Erkenntnis: <strong>L&auml;nder mit Systemordnungen, die stehenbleiben, in Rechthaberei und Dogmatismus erstarren, werden sich mit ihren Volkswirtschaften sehr schnell am Ende der Liste der Industrienationen wiederfinden. Und keiner sollte glauben, wir h&auml;tten das Schlimmste schon hinter uns. Das kommt erst noch richtig auf uns zu.<\/strong><\/p><p>Stern: <strong>Ist Deutschland dabei, den Zug zu verpassen? Sind wir nicht reformf&auml;hig genug?<\/strong><\/p><p>R.M.: Wir w&auml;ren wieder reformf&auml;higer, wenn wir mehr Freiraum h&auml;tten. Wir haben in dem Bem&uuml;hen, alles besser zu machen, so viele Regulierungen eingef&uuml;hrt, da&szlig; die Freiheit f&uuml;r die Kreativen auf der Strecke geblieben ist. Das geschah im vermeintlichen Interesse der Gesellschaft. <strong>Herausgekommen sind dabei Gesetze, Regeln und Rituale einer sozialen Marktwirtschaft, die heute angesichts eines globalen Wettbewerbs nicht mehr durchzuhalten sind.<\/strong> (&hellip;) <strong>Wir m&uuml;ssen beispielsweise den Begriff Solidarit&auml;t heute v&ouml;llig neu definieren. Das Erfolgskonzept der Vergangenheit wird sonst zur Hypothek.<\/strong><\/p><p>Stern: Das bisherige Solidarit&auml;tskonzept ist ohnehin nicht mehr zu finanzieren. <\/p><p>R.M.: Ja. <strong>Es ist ein Segen, da&szlig; uns das Geld ausgeht. Anders kriegen wir das notwendige Umdenken nicht in Gang.<\/strong> M&uuml;ssen wir uns vielleicht statt &uuml;ber Solidarit&auml;t nicht l&auml;ngst viel mehr &uuml;ber Subsidiarit&auml;t unterhalten?<\/p><p>Stern: <strong>Sie erw&auml;hnten zu Beginn unseres Gespr&auml;ches die Notwendigkeit einer grundlegenden Reform unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Wie weit ist diese Erkenntnis verbreitet?<\/strong><\/p><p>R.M.: <strong>Im Augenblick ist in diesem Land noch nicht begriffen worden, warum wir im Weltvergleich abst&uuml;rzen. Unsere Situation wird deshalb noch schlechter werden, davon bin ich &uuml;berzeugt. Wir alle werden erleben, da&szlig; unser Lebensstandard auch mal merklich zur&uuml;ckgeht.<\/strong><\/p><p>(&hellip;)<\/p><p>Stern: <strong>Also Bezahlung auch notfalls unter Tarif?<\/strong><\/p><p>R.M.: Ja. Wir haben doch das Problem mangelnder Dienstleistungsarbeitspl&auml;tze in Deutschland. Warum k&ouml;nnen wir nicht soviel Freiheit wie die Amerikaner ertragen? Oder: Warum haben wir noch einen K&uuml;ndigungsschutz, der l&auml;ngst nicht mehr sachgerecht ist. Das ist in Deutschland eine heilige Kuh. Wir m&uuml;ssen Vorschriften abbauen, dann entstehen auch Arbeitspl&auml;tze, die derzeit schlummern, weil wir zu viele Regulierungen haben. Aber die Regierung und die Parteien sind zur Zeit nicht in der Lage, die Grundfragen der Gesellschaft neu zu ordnen. Wir m&uuml;ssen deshalb dem Schicksal danken, da&szlig; jetzt schmerzliche Sachzw&auml;nge entstehen, die neue Schubkraft bringen.<\/p><p>Zitiert nach:<\/p><p>Mohn, Reinhard: <\/p><p>&ldquo;Ein Segen, da&szlig; uns das Geld ausgeht&rdquo;: Interview mit Reinhard Mohn<br>\nG&uuml;tersloh: Verlag der Bertelsmann-Stiftung, 1996<br>\nISBN 3-89204-265-9<br>\n2. Auflage 1998<\/p><p><strong>Anlage 2: <\/strong><\/p><p>Kommentar der Bertelsmann Stiftung<\/p><p>G&uuml;tersloh, 15.10.2004<br>\nReden wir Deutschland in die Krise? <\/p><p>Kommentar von Dr. Thorsten Hellmann zum Internationalen Standort-Ranking 2004 <\/p><p>Die Ergebnisse des dieser Tage ver&ouml;ffentlichten Internationalen Standort-Ranking der Bertelsmann Stiftung stellen dem<br>\nStandort Deutschland ein denkbar schlechtes Zeugnis aus: Letzter Platz bei Wachstum und Besch&auml;ftigung unter den 21<br>\nwichtigsten Industriel&auml;ndern. Dass ein solches Ergebnis niemanden in Hochstimmung versetzt, ist mehr als verst&auml;ndlich. Unverst&auml;ndlich sind hingegen Vorw&uuml;rfe, die Ver&ouml;ffentlichung der Ergebnisse w&uuml;rde dazu beitragen, die ohnehin schon miese Stimmung am Wirtschaftsstandort Deutschland weiter zu verschlechtern und das Land noch tiefer in die Krise zu st&uuml;rzen. <\/p><p>Einem Sch&uuml;ler, der dauerhaft unterdurchschnittliche Leistungen erbringt, wird man kaum mit dem Argument &ldquo;Schlechte Noten sorgen f&uuml;r schlechte Stimmung&rdquo; ein gutes Zeugnis ausstellen. Die Folgen w&auml;ren fatal: Der Sch&uuml;ler w&auml;re mit seiner Leistung zufrieden und w&uuml;rde kaum Anstrengungen unternehmen, sich zu verbessern. Wie sollte er auch? Da er nur gute Noten bekommt, wei&szlig; er ja nicht einmal, in welchen F&auml;chern seine Schw&auml;chen liegen. Auf lange Sicht wird er somit kaum die angestrebten Lernziele erreichen und in letzter Konsequenz den Anschluss an den Rest der Klasse verlieren. Nur in der Dokumentation der Schw&auml;chen liegt die Chance, diese zu erkennen und an ihnen zu arbeiten! <\/p><p>Auch dem Standort Deutschland w&auml;re kaum geholfen, w&uuml;rde man die offensichtlich vorhandenen Defizite unter den Teppich kehren, frei nach dem Motto: Wir kommen da schon irgendwie wieder raus, wir m&uuml;ssen nur f&uuml;r gute Stimmung sorgen. Dies kann und darf nicht der Anspruch des Internationalen Standort-Ranking sein.<\/p><p>Zwar gleicht das Ranking durchaus einem Zeugnis, in dem die Leistungen von Politik, Wirtschaft und Tarifparteien benotet und Schw&auml;chen aufgedeckt werden, die in den Disziplinen &ldquo;Arbeitsmarkt&rdquo; und &ldquo;Wachstum&rdquo; bestehen. Es geht jedoch nicht darum, den Zeigestock zu heben und auf den &ldquo;Sch&uuml;ler&rdquo; Deutschland einzupr&uuml;geln. Vielmehr werden gleichzeitig Lernhilfen in Form von L&ouml;sungsans&auml;tzen angeboten, die zu einer Verbesserung der wirtschaftlichen Situation Deutschlands beitragen k&ouml;nnen. Zudem erm&ouml;glicht die international vergleichende Perspektive, erfolgreiche Strategien anderer L&auml;nder zu identifizieren. So k&ouml;nnen gute Praktiken der einzelnen Staaten herausgearbeitet werden, die im Sinne eines &ldquo;Lernen von den Besseren&rdquo; als Module f&uuml;r die Reform von Arbeitsmarkt und Sozialstaat in Deutschland genutzt werden k&ouml;nnen. <\/p><p>Nur so kann das Repertoire m&ouml;glicher Probleml&ouml;sungen gegen&uuml;ber einem rein nationalen Horizont erweitert werden. Zudem werden Anst&ouml;&szlig;e f&uuml;r strukturelle Reformen geliefert, da die Beobachtung von Schw&auml;chen gegen&uuml;ber den Vergleichsl&auml;ndern und die daraus abgeleiteten Handlungsempfehlungen die nationalen Entscheider unter Legitimations- und Rechtfertigungsdruck setzen. Auf diese Weise wird das mit dem Internationalen Standort-Ranking angestrebte Ziel erreicht, die notwendigen politischen Lernprozesse anzusto&szlig;en, damit endlich zielf&uuml;hrende Reformen f&uuml;r mehr Wachstum und mehr Besch&auml;ftigung auf den Weg gebracht werden und es in Zukunft nicht mehr hei&szlig;t: Setzen, Deutschland, ungen&uuml;gend! <\/p><p>R&uuml;ckfragen an: <strong>Dr. Thorsten Hellmann, Telefon: 0 52 41 \/ 81-81 236<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einer der beiden Autoren des gerade erschienenen Buches &uuml;ber &bdquo;Bertelsmann&ldquo;, Hersch Fischler, macht mich auf zwei interessante Vorg&auml;nge aufmerksam:<br \/> Erstens auf ein Interview des Chefs von Bertelsmann, Reinhard Mohn, von 1996, in dem beachtlich viele Teile der jetzigen Reformpolitik und ihrer Begr&uuml;ndungen angelegt sind. 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