{"id":38138,"date":"2017-05-04T08:56:02","date_gmt":"2017-05-04T06:56:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38138"},"modified":"2026-01-27T11:03:16","modified_gmt":"2026-01-27T10:03:16","slug":"eine-demokratie-in-der-es-keine-alternativen-gibt-ist-ueberfluessig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38138","title":{"rendered":"\u201eEine Demokratie, in der es keine Alternativen gibt, ist \u00fcberfl\u00fcssig\u201c"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170504_fisahn.jpg\" alt=\"Andreas Fisahn\" title=\"Andreas Fisahn\"><\/div><p><a href=\"http:\/\/www.vsa-verlag.de\/nc\/buecher\/detail\/artikel\/hinter-verschlossenen-tueren-halbierte-demokratie\/\">Hinter verschlossenen T&uuml;ren: Halbierte Demokratie?<\/a> so lautet der Titel eines soeben erschienenen Buches, das eine hei&szlig;e  Frage anpackt, n&auml;mlich: Wie ist es um unsere Demokratie bestellt? Um es vorwegzunehmen: Sowohl die Demokratie auf EU-Ebene als auch die der einzelnen Mitgliedsstaaten sind von einer schweren Schlagseite betroffen.<br>\nZu diesem Befund kommt der Bielefelder Jura-Professor <strong>Andreas Fisahn<\/strong>, der in vielerlei Hinsicht ein bemerkenswertes Werk abgeliefert hat: Ohne Aufregung, in klarer Sprache, gelingt es Fisahn den Formwandel der Demokratie hin zu einer &bdquo;neoliberalen Oligarchie&ldquo; zu beschreiben.<br>\nDas Ergebnis dieser ver&auml;nderten Demokratie ist f&uuml;r Fisahn ein &bdquo;autorit&auml;r halbierter Rechtsstaat&ldquo; mit einer &bdquo;autorit&auml;ren Wirtschaftsregierung&ldquo;.  Zu seinem Buch, von dem man sich w&uuml;nscht, dass es zur Pflichtlekt&uuml;re in den Schulen wird, hat <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong> f&uuml;r die NachDenkSeiten ein Interview mit Fisahn gef&uuml;hrt.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1835\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-38138-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170505_Demokratie_ohne_Alternativen_ist_ueberfluessig_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170505_Demokratie_ohne_Alternativen_ist_ueberfluessig_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170505_Demokratie_ohne_Alternativen_ist_ueberfluessig_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170505_Demokratie_ohne_Alternativen_ist_ueberfluessig_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=38138-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170505_Demokratie_ohne_Alternativen_ist_ueberfluessig_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"170505_Demokratie_ohne_Alternativen_ist_ueberfluessig_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Herausgekommen ist unter anderem ein Gespr&auml;ch &uuml;ber einen &bdquo;Feigenblattpluralismus&ldquo;, der daf&uuml;r sorgt, dass, wie Fisahn es bezeichnet, &bdquo;die Demokratie sich leerl&auml;uft&ldquo;, sowie &uuml;ber das &bdquo;neoliberale Subjekt.&ldquo;  Fisahn betont, dass &ndash; ganz im neoliberalen Geist &ndash; die Verlierer in diesem System versuchen, ihre prek&auml;re Situation neoliberal zu verarbeiten, sprich: &bdquo;individualistisch, nicht kollektiv, egoistisch, nicht solidarisch.&ldquo; &bdquo;Der neoliberale Konsens&ldquo;, erkl&auml;rt Fisahn, sei den Individuen &bdquo;in Mark und Bein gefahren&ldquo;. Innerhalb eines Konkurrenzkampfes suche man S&uuml;ndenb&ouml;cke, die &bdquo;f&uuml;r den Abstieg in der Gesellschaft verantwortlich gemacht werden k&ouml;nnen.&ldquo;<br>\nDer in einer prek&auml;ren Situation lebende und neoliberal sozialisierte Mensch denke seine Angst und seine Probleme nicht in einer &bdquo;solidarischen, gemeinschaftlichen Weise&ldquo;, sondern alleine &ndash; mit weitreichenden Konsequenzen. <\/p><p><strong>Herr Fisahn, eine These Ihres Buches lautet, dass in unserer Demokratie an die Stelle sozialer Integration &bdquo;Abschottung von Macht&ldquo; tritt.<\/strong><br>\n<strong>Was meinen Sie damit?<\/strong><\/p><p>Damit werden zwei Dinge angesprochen: Erstens wurden Entscheidungen auf die europ&auml;ische Union verschoben. Das f&uuml;hrt zu einer Verw&auml;sserung der demokratischen Kontrolle, weil die Entscheidungen der EU weder auf der nationalen noch auf der europ&auml;ischen Ebene einer effektiven demokratischen Kontrolle unterliegen. Die nationalen Parlamente haben keinen Zugriff auf europ&auml;ische Entscheidungen. Das europ&auml;ische Parlament ist politisch zu schwach. Gleichzeitig sind die Grundz&uuml;ge der Politik in den europ&auml;ischen Vertr&auml;gen verankert, so dass sie der Politik entzogen werden. Auch ein Wechsel der politischen Mehrheiten k&ouml;nnte bei Einhaltung der europ&auml;ischen Vertr&auml;ge nicht zu einer anderen, sozialen, &ouml;kologischen Politik f&uuml;hren.<br>\nZweitens l&auml;sst sich feststellen, dass neben den politischen Institutionen, die von der Verfassung, dem Grundgesetz, als politische Organe vorgesehen sind, andere politische Gremien gebildet werden, in denen die tats&auml;chlichen Entscheidungen getroffen werden und d.h.: Sie werden ohne  demokratische Beteiligung und Kontrolle getroffen. Meistens sitzen hier Verwaltung und  &bdquo;die Wirtschaft&ldquo; unter sich. Man kann also sagen, dass hinter verschlossenen T&uuml;ren zwischen den Eliten Kompromisse ausgehandelt werden,  die dann vom Parlament allenfalls abgesegnet werden m&uuml;ssen.<\/p><p><strong>Nun hat es Hinterzimmerrunden schon immer gegeben. Aber bei dem, was Sie beobachtet haben, geht es um mehr, oder?<\/strong><\/p><p>W&auml;hrend in den Anf&auml;ngen der Bundesrepublik, der fordistischen &Auml;ra, Gremien pluralistisch besetzt waren, bleibt heute die Elite mehr oder weniger unter sich.<\/p><p><strong>Haben Sie Beispiele daf&uuml;r?<\/strong><\/p><p>Ja.  Pluralistisch besetzt sind etwa die Rundfunkr&auml;te, die mit der Entstehung des &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunks gegr&uuml;ndet wurden. Dort sitzen Vertreter von Parteien, Kirchen, Gewerkschaften und Arbeitgeber-Vereinigungen oder des Deutschen Roten Kreuzes mit gleichem Stimmrecht und bestimmen die Richtlinien der Politik. Das war schon immer eine asymmetrische Beteiligung, weil die Verb&auml;nde sehr unterschiedlich viele Mitglieder vertreten und repr&auml;sentieren. Der demokratische Grundsatz &bdquo;one man one vote&ldquo; galt hier nicht. Arbeitgebervereinigungen mit wenigen Mitgliedern haben das gleiche Stimmrecht und die gleiche Macht wie Gewerkschaften mit Millionen von Mitgliedern.<\/p><p>Um die Differenz deutlich zu machen, l&auml;sst sich auf die Wasserbeir&auml;te verweisen, die &uuml;ber die Wasserrahmenrichtlinie der Europ&auml;ischen Union in allen europ&auml;ischen L&auml;ndern installiert werden sollen. Die Wasserbeir&auml;te sollen Vorschl&auml;ge erarbeiten, wie Gew&auml;sser zu nutzen sind und vor allen Dingen, wie sie reinzuhalten sind. Dazu sollen sie Wasserpl&auml;ne erarbeiten. In diesen Gremien sitzen nur noch Vertreter der Verwaltung und der Industrie oder &bdquo;der Wirtschaft&ldquo;. Umweltverb&auml;nde oder andere Verb&auml;nde sind so sehr in der Minderzahl, dass sie allenfalls eine Feigenblattfunktion wahrnehmen. Der Staat verhandelt nur mit der &Ouml;konomie &uuml;ber allgemeine Interessen, n&auml;mlich die Wassernutzung. Das ist eine deutliche Verschiebung von den formalen Entscheidungsstrukturen zu den &ouml;konomisch M&auml;chtigen. Zwar werden die vorgeschlagenen Pl&auml;ne noch von gew&auml;hlten Parlamenten verabschiedet bzw. best&auml;tigt, aber die Inhalte werden in diesen Kungelgremien ausgearbeitet und sind letztlich f&uuml;r die Politik entscheidend.<br>\nSo komme ich dann zu der Aussage: Die Politik und mit ihr die parlamentarische Demokratie und die zivilgesellschaftliche Partizipation danken zugunsten von oligarchischen Expertengremien ab.<\/p><p><strong>Sie sprechen immer wieder auch von einem &bdquo;Feigenblattpluralismus&ldquo;.<\/strong><\/p><p>Nehmen wir noch einmal die Wasserbeir&auml;te. Wenn wenn dort 15 Vertreter der Wirtschaft, 15 Vertreter staatlicher B&uuml;rokratien, ein Vertreter des Angelverbandes und ein Vertreter des BUND sitzen, dann haben Letztere kaum eine Chance, ihre Position durchzusetzen. Sie werden schon alle M&uuml;he haben,  den Diskussionen und Vorschl&auml;gen der anderen zu folgen. Sie sitzen dort als Alibi f&uuml;r eine demokratische Beteiligung, haben eine Feigenblattfunktion. Oder nehmen wir den Hochschulrat der Universit&auml;t M&uuml;nchen. Von den nichtakademischen Mitgliedern werden sieben von der Wirtschaft und drei von der &ouml;ffentlichen Verwaltung gestellt. Demokratische Kontrolle muss anders aussehen.<\/p><p><strong>Was bedeutet das denn f&uuml;r eine Demokratie?<\/strong><\/p><p>Es bedeutet: Die Demokratie l&auml;uft sich leer, die faktischen Entscheidungskompetenzen der gew&auml;hlten Gremien werden ausgeh&ouml;hlt.<\/p><p><strong>Nun ist es aber nicht so, dass die politischen und &ouml;konomischen Eliten eine gemeinsame Einheit bilden, oder? Schlie&szlig;lich gibt es ja durchaus unter ihnen auch Meinungsunterschiede, Konkurrenzk&auml;mpfe usw.<\/strong><\/p><p>Das ist richtig. An die Stelle der pluralistischen, aber asymmetrischen Beteiligung der Zivilgesellschaft an staatlichen und halbstaatlichen Entscheidungen ist gewisserma&szlig;en ein Pluralismus der Oligarchien getreten. Die Wirtschaft ist kein homogener Block, ebenso wenig wie die Verwaltung und Politik, dort gibt es unterschiedliche Interessen und verschiedene Rationalit&auml;ten, das hei&szlig;t, die Umweltverwaltung folgt beispielsweise einer anderen Logik als die Polizei. Der Pluralismus der Oligarchien dient so auch dazu, diese unterschiedlichen Gesichtspunkte zu vereinheitlichen, um aus ihnen eine herrschende Politik zu destillieren.<\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie das noch n&auml;her erl&auml;utern. Wie sieht dieser dort auf den &bdquo;oberen R&auml;ngen&ldquo; vorherrschende Pluralismus aus?<\/strong><\/p><p>Einerseits werden die politischen Parteien beteiligt, soweit sie sich im Rahmen  der herrschenden Vorstellungen bewegen. Die Spitze der Sozialdemokratie hat das perfekt auf den Punkt gebracht.<\/p><p><strong>Wie meinen Sie das?<\/strong><\/p><p>Sie hat gesagt, dass eine Koalition mit den Linken nur m&ouml;glich sei, wenn die Linken sich uneingeschr&auml;nkt zur NATO und Europ&auml;ischen Union bekennen.<\/p><p>So kann man sagen: die Parteien werden beteiligt d.h., die verschiedenen Funktionen und P&ouml;stchen, die es von der Kommune bis zum Bund zu verteilen gibt, werden unter ihnen halbwegs gleichm&auml;&szlig;ig aufgeteilt.<\/p><p>Blickt man auf &bdquo;die Wirtschaft&ldquo;, muss man feststellen, dass die Finanzindustrie m&ouml;glicherweise andere Interessen hat als die Stahlindustrie, die Chemiekonzerne m&ouml;glicherweise andere Interessen haben als die Bauernverb&auml;nde, oder die Handwerkskammer andere Interessen hat als der Bund der Industrie. Pluralistische Beteiligung hei&szlig;t, dass diese verschiedenen &ouml;konomischen Interessen in die staatliche und halbstaatliche Willensbildung einflie&szlig;en k&ouml;nnen, d.h. &ouml;konomische Macht in politische Macht umgesetzt werden kann. Es hei&szlig;t aber auch, dass auf die unterschiedlichen Interessen R&uuml;cksicht genommen wird, die Politik nicht autorit&auml;r entscheidet. Deshalb ist es meines Erachtens nicht hilfreich, von einem autorit&auml;ren Staat oder autorit&auml;ren Kapitalismus zu sprechen, wenn man die unzweifelhaft vorhandene Krise der Demokratie in ihrer gegenw&auml;rtigen Form beschreiben will.<\/p><p><strong>Welche Schwachstellen in unserem demokratischen System haben Sie denn noch ausgemacht?<\/strong><\/p><p>Eine der zentralen Schwachstellen habe ich schon angesprochen. Das ist die selbstproduzierte Unterwerfung unter den Sachzwang. Dieser hat verschiedene Facetten. Einerseits die &ouml;konomischen Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten, die Notwendigkeiten, die sich aus der Globalisierung scheinbar zwangsl&auml;ufig ergeben.<\/p><p><strong>Scheinbar?<\/strong><\/p><p>Ich sage deshalb scheinbar, weil die Ausdehnung der &Ouml;konomie, das wirtschaftliche Wachstum einschlie&szlig;lich der Erschlie&szlig;ung neuer Absatz- oder Rohstoffm&auml;rkte zu den Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten einer kapitalistischen &Ouml;konomie geh&ouml;rt. Aber die Politik kann unterschiedlich darauf antworten. Sie kann der Globalisierung Grenzen setzen oder sie forcieren. In den letzten Jahrzehnten ist sie &uuml;ber den Freihandel in der Europ&auml;ischen Union, der WTO und &uuml;ber internationale Freihandelsabkommen forciert und nicht eingeschr&auml;nkt und reguliert worden. Damit hat man Sachzw&auml;nge geschaffen, die die Entscheidungsspielr&auml;ume der nationalen Politik radikal einschr&auml;nken. Die Parlamente haben sich teilweise selbst entmachtet. Frau Merkel formuliert das ganz offen, wenn sie erkl&auml;rt: Unsere Politik ist alternativlos. Eine Demokratie, in der es keine Alternativen gibt, ist &uuml;berfl&uuml;ssig. Sie wird reduziert auf einen formalen Akt, durch den abgesegnet wird, was nicht anders zu entscheiden ist.<\/p><p><strong>Wie sieht es denn mit dem Einzelnen in unserer Gesellschaft im Hinblick auf das bestehende politische und wirtschaftliche System aus? Sie haben ein eigenes Kapitel dem &bdquo;neoliberalen Individuum&ldquo; gewidmet.<\/strong><br>\n<strong>Wodurch kennzeichnet sich der neoliberale B&uuml;rger?<\/strong><\/p><p>Der Umbau von &Ouml;konomie und Politik in den letzten 30 Jahren, weg von einem sozialstaatlichen Arrangement hin zu einer neoliberalen Konkurrenzwirtschaft, schl&auml;gt sich im Habitus der Individuen nieder. Unsere Zeit hat eine Krankheit zu einem Massenph&auml;nomen gemacht, wie es vorher nicht bekannt war.<\/p><p><strong>N&auml;mlich?<\/strong><\/p><p>Das Burnout und die Depression. Die Menschen in dieser Gesellschaft haben Konkurrenzdenken unter Leistungsdruck fest verinnerlicht.  Sie haben es akzeptiert, dass sich die Arbeit in die Freizeit verl&auml;ngert, dass man jederzeit erreichbar ist, dass man seine Kreativit&auml;t und Ressourcen vollst&auml;ndig dem &ouml;konomischen Konkurrenzgedanken zur Verf&uuml;gung stellt. An die Stelle der f&uuml;r das Flie&szlig;band erforderlichen Disziplin ist die Selbstoptimierung getreten. Die arbeitsteilige Flie&szlig;bandarbeit erforderte ungeheure Disziplin, man musste p&uuml;nktlich erscheinen und im Takt des Bandes arbeiten. Der neue Kapitalismus braucht mehr als Disziplin, n&auml;mlich die Kreativit&auml;t und Individualit&auml;t der Menschen. Sie k&ouml;nnen so einerseits ihre Individualit&auml;t ausleben, die gleichf&ouml;rmige Spie&szlig;igkeit des Fordismus wurde &uuml;berwunden. Individualisierung ist aber gleichzeitig Atomisierung,d.h. Vereinzelung des Menschen, er wird auf sich oder allenfalls die Familie zur&uuml;ckgeworfen. Und auch die Selbstoptimierung ist widerspr&uuml;chlich: &bdquo;Fitness und Sexness&ldquo; werden durchaus als pers&ouml;nliches Gl&uuml;ck oder Anliegen wahrgenommen, werden aber gleichzeitig in den Dienst des allgegenw&auml;rtigen Konkurrenzkampfes gestellt. &bdquo;Fitness und Sexness&ldquo; meint etwa das, was in &bdquo;fit for fun&ldquo; u.&auml;. Bl&auml;ttchen propagiert wird<\/p><p><strong>Was bedeutet es f&uuml;r eine Gesellschaft und ein politisches System, wenn Menschen, also Staatsb&uuml;rger, so &bdquo;unterwegs&ldquo; sind?<\/strong><\/p><p>Individualisierung und Atomisierung m&uuml;ssen dazu f&uuml;hren, dass Massenorganisation ihre Mitglieder verlieren.<\/p><p><strong>Und das k&ouml;nnen wir gerade beobachten, Stichwort: Parteien.<\/strong><\/p><p>So ist es. <\/p><p>Die Parteien haben insgesamt im Vergleich zu den 1970er Jahren ungef&auml;hr die H&auml;lfte ihrer Mitglieder verloren, der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist betr&auml;chtlich zur&uuml;ckgegangen und auch die unpolitischen Vereine klagen &uuml;ber Mitgliederschwund. Gleichzeitig ziehen sich ganze Generationen aus der Politik zur&uuml;ck, weil sie sich um ihre Karriere k&uuml;mmern m&uuml;ssen. Politik wird zu einer Variante des Karrieremachens. Demokratie ist aber auf die Beteiligung von Massen angewiesen. Und sie ist auf die Beteiligung von Menschen angewiesen, die nicht nur ihre individuellen Interessen vor Augen haben, sondern bereit und in der Lage sind, auch ein allgemeines Interesse zu verfolgen. Die Entfremdung der Politik von den Menschen ist die erste Folge dieses Strukturwandels der Gesellschaft. Man spricht auch von einer Krise der Repr&auml;sentation, weil die Distanz zwischen politischen Eliten, der politischen Kaste und den Menschen enorm gewachsen ist oder mindestens so wahrgenommen wird. Die erste Folge sind Wahlenthaltungen, die jemand bis in die letzten Jahre statistisch gut nachverfolgen konnte. Die Zahl der Nichtw&auml;hler stieg best&auml;ndig. Nun gibt es das neue Ph&auml;nomen der Wutb&uuml;rger, die sich national-chauvinistischen Parteien zuwenden.<\/p><p><strong>In Ihrem Buch gehen Sie soweit, dass Sie sagen: &bdquo;Die prek&auml;rer werdende oder so empfundene soziale Situation wird neoliberal verarbeitet, das hei&szlig;t: individualistisch, nicht kollektiv, egoistisch, nicht solidarisch. Der neoliberale Konsens ist den Individuen in Mark und Bein gefahren, wurde &lsquo;erfolgreich&rsquo; internalisiert und wird in der Krise keineswegs infrage gestellt, die Interpretation der Entwicklung nur leicht verschoben.&ldquo; Verstehe ich Sie richtig: Die Menschen, die neoliberal sozialisiert wurden, erkennen oftmals eigentlich gar nicht richtig, woher die Ursachen f&uuml;r ihr Leiden und ihre Probleme kommen?<\/strong><\/p><p>Das verstehen Sie richtig. Es werden einfache L&ouml;sungen f&uuml;r die sozialen Verwerfungen und &ndash; vor allen Dingen &ndash; f&uuml;r die Angst vor dem sozialen Abstieg gesucht. Weil diese nicht in einer solidarischen, gemeinschaftlichen Weise gedacht werden, sondern innerhalb des Konkurrenzkampfes, sucht man S&uuml;ndenb&ouml;cke, die f&uuml;r den Abstieg in der Gesellschaft verantwortlich gemacht werden k&ouml;nnen. Herauskommt das, was man vornehm gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und weniger vornehm: Rassismus nennen kann. In ganz Europa haben Bewegungen und Kr&auml;fte, die solche falschen, undemokratischen und scheinbar einfachen L&ouml;sungen propagieren, an Bedeutung gewonnen.<\/p><p><strong>Wir k&ouml;nnen nicht auf alle Punkte eingehen, &uuml;ber die Sie in Ihrem Buch sprechen, aber mal zusammengefasst: Wenn Sie all das, was Sie an &bdquo;Problemzonen&ldquo; zusammengetragen haben, sich vor Augen f&uuml;hren, w&uuml;rden Sie sagen, dass unsere Demokratie angeschlagen ist?<\/strong><\/p><p>Ja, so k&ouml;nnte man das zusammenfassen. Die Demokratie hat an Substanz verloren.<\/p><p><strong>Wie sieht es denn auf EU-Ebene aus?<\/strong><\/p><p>Das Demokratiedefizit der Europ&auml;ischen Union ist eine der zentralen Ursachen f&uuml;r den Substanzverlust der Demokratie, der nationalen wie der europ&auml;ischen Demokratie. Das Demokratiedefizit der Europ&auml;ischen Union hat zwei Seiten.<\/p><p><strong>Welche?<\/strong><\/p><p>Es gibt eine prozedurale und eine inhaltliche, substanzielle Seite.<\/p><p><strong>Was meinen Sie damit?<\/strong><\/p><p>Mit der prozeduralen Seite ist gemeint, dass die Institutionen der Europ&auml;ischen Union immer noch nicht den nationalen demokratischen Standards entsprechen. Das europ&auml;ische Parlament ist immer noch nicht die erste Kammer in der Gesetzgebung, sondern nur die zweite Kammer. Zentrale Gesetzgeber sind Kommission und Rat und damit eigentlich die Exekutive. Das europ&auml;ische Parlament kann allenfalls im Detail korrigieren. Es gibt immer noch kein einheitliches europ&auml;isches Wahlrecht und es gilt nicht das demokratische Prinzip &bdquo;one man &ndash; one Vote&ldquo;, denn die B&uuml;rger der Europ&auml;ischen Union werden in sehr unterschiedlichem Ma&szlig;e im Parlament repr&auml;sentiert.<\/p><p><strong>Und die substanzielle Seite?<\/strong><\/p><p>Die substanzielle Seite des Demokratiedefizits ist gravierender.<br>\nDie europ&auml;ische Verfassung, d.h. der Lissabon-Vertrag, legt die europ&auml;ische Union auf eine marktradikale Politik fest. Das wird in den Vertr&auml;gen explizit formuliert: Die EU muss danach dem Prinzip einer offenen Marktwirtschaft mit freiem Wettbewerb folgen. Das hat gravierende Konsequenzen, die in allen Politikbereichen die Regeln der EU bestimmen. Ich will nur ein Beispiel nennen: Die europ&auml;ische Zentralbank ist ausschlie&szlig;lich auf Inflationsbek&auml;mpfung festgelegt, nicht etwa auf ein wirtschaftliches Gleichgewicht unter Einbeziehung der Handelsbilanzen oder der H&ouml;he der Arbeitslosigkeit. Wenn Arbeitslosigkeit und Inflation in einem umgekehrt proportionalen Verh&auml;ltnis stehen, l&auml;sst sich leicht ersehen, welche Folgen diese Festlegung hat. Im Ergebnis ist eine andere Politik in der Europ&auml;ischen Union nicht m&ouml;glich, auch ein Wechsel der politischen Mehrheiten kann nicht zu einer anderen Politik f&uuml;hren. Dabei muss man nicht einmal eine system&uuml;berwindende Politik vor Augen haben. Schon der Wechsel von einer neoliberalen, angebotsorientierten zu einer nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik ist im Rahmen der geltenden Vertr&auml;ge beinahe ausgeschlossen. Seit der Wirtschaftskrise 2008\/2009 hat sich die Situation noch versch&auml;rft. Die Mitgliedsstaaten haben sich darauf verst&auml;ndigt, dass die EU-Kommission weitgehende Kontrollrechte &uuml;ber die Haushalts- und Wirtschaftspolitik der Nationalstaaten erh&auml;lt.<\/p><p><strong>Was auch einen Politikwechsel in den Nationalstaaten ausschlie&szlig;t?<\/strong><\/p><p>Ja, und das gilt nicht nur f&uuml;r die verschuldeten Staaten wie Griechenland, Portugal oder Spanien, denen zum Teil gegen die Wahlentscheidung der Bev&ouml;lkerung eine rigide K&uuml;rzungspolitik diktiert wurde. Mit Demokratie hat das nicht mehr viel zu tun. Gew&auml;hlte Regierungen wurden teilweise auf Druck der Europ&auml;ischen Union abgesetzt und durch sogenannte Expertenregierungen ersetzt. Da l&auml;uft die Demokratie nicht nur leer, sondern wird abgeschafft. Ich nenne das autorit&auml;re Wirtschaftsregierung.<\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie ein Beispiel nennen f&uuml;r die Verwerfungen auf europ&auml;ischer Ebene im Zusammenhang mit der Demokratie?<\/strong><\/p><p>Der Umgang mit der griechischen Regierung, also der Syriza-Regierung, entsprach nicht der feinen englischen Art. Das, was wir gesehen haben, war schlicht ein Schlag ins Gesicht f&uuml;r alle, die an  demokratischen Grunds&auml;tzen festhalten wollten. Syriza ist explizit gew&auml;hlt worden, um die Sparpolitik der Europ&auml;ischen Union zu beenden, und hat dieses Vorhaben durch einen Volksentscheid best&auml;tigen lassen. Den Institutionen der Europ&auml;ischen Union war dies v&ouml;llig egal,  sie zwangen Griechenland zu einer Sparpolitik, die nicht nur unsozial und undemokratisch war, sondern auch noch  kontraproduktiv.  Im Ergebnis ist das Defizit des griechischen Staates nicht gesunken, sondern gestiegen. Seit 2009 befindet sich die Wirtschaft in der Krise, die Wirtschaftsleistung ist  um ca. 25 % gesunken. So k&ouml;nnen nur bornierte Ideologen agieren, die sich um demokratische Grunds&auml;tze nicht scheren.<\/p><p><strong>Gibt es aus dieser Situation &uuml;berhaupt ein Entkommen?<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich gibt es auch einen demokratischen Ausweg. Die Geschichte ist nie wirklich alternativlos. Daf&uuml;r braucht man aber einen radikalen Umbau der Europ&auml;ischen Vertr&auml;ge, eine Abkehr von der Freihandelsideologie und ein Ende der Umverteilung von unten nach oben, kurz ein Ende der neoliberalen &Auml;ra. Die Frage scheint auch nicht zu sein, ob diese ihren Zenit &uuml;berschritten hat, sondern in welche Richtung es geht. Auf der einen Seite steht die national-chauvinistische Richtung, die durch Trump, Le Pen oder May repr&auml;sentiert wird und den Ausweg in einem nationalen Egoismus und Isolationismus sieht. Auf der anderen Seite stehen die leider im Augenblick eher schwachen Kr&auml;fte, die weiter f&uuml;r Demokratie und internationale Solidarit&auml;t eintreten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170504_fisahn.jpg\" alt=\"Andreas Fisahn\" title=\"Andreas Fisahn\"\/><\/div>\n<p><a href=\"http:\/\/www.vsa-verlag.de\/nc\/buecher\/detail\/artikel\/hinter-verschlossenen-tueren-halbierte-demokratie\/\">Hinter verschlossenen T&uuml;ren: Halbierte Demokratie?<\/a> so lautet der Titel eines soeben erschienenen Buches, das eine hei&szlig;e Frage anpackt, n&auml;mlich: Wie ist es um unsere Demokratie bestellt? Um es vorwegzunehmen: Sowohl die Demokratie auf EU-Ebene als auch die der einzelnen Mitgliedsstaaten sind<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38138\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,126,22,209,127,205,125],"tags":[423,1448,1364,1504,374,1759,615,1600,2088,895,2460,866,1185,233,708,633,1224],"class_list":["post-38138","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-europaische-union","category-interviews","category-lobbyismus-und-politische-korruption","category-neoliberalismus-und-monetarismus","category-rechte-gefahr","tag-austeritaetspolitik","tag-burnout","tag-depressionen","tag-egoismus","tag-eliten","tag-entsolidarisierung","tag-eu-kommission","tag-eu-parlament","tag-fisahn-andreas","tag-freihandel","tag-gruppenbezogene-menschenfeindlichkeit","tag-konkurrenzdenken","tag-marktkonforme-demokratie","tag-marktliberalismus","tag-nichtwaehler","tag-politikerverdrossenheit","tag-syriza"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38138","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=38138"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38138\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":89524,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38138\/revisions\/89524"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=38138"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=38138"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=38138"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}