{"id":38207,"date":"2017-05-09T12:30:46","date_gmt":"2017-05-09T10:30:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38207"},"modified":"2017-05-10T13:45:49","modified_gmt":"2017-05-10T11:45:49","slug":"esc-2017-in-kiew-zaeune-errichten-statt-bruecken-zu-bauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38207","title":{"rendered":"ESC 2017 in Kiew \u2013 Z\u00e4une errichten, statt Br\u00fccken zu bauen"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160921_esc.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Wenn heute Abend der Eurovision Song Contest in Kiew mit dem ersten Halbfinale und gro&szlig;em Get&ouml;se vor Millionen Fernsehzuschauern aus der ganzen Welt er&ouml;ffnet wird, wird Julija Samoilowa vor wesentlich kleinerem Publikum in Sewastopol auftreten. Dabei hatte Samoilowa, die seit fr&uuml;her Kindheit auf einen Rollstuhl angewiesen ist, den russischen Vorentscheid gewonnen und war damit eigentlich als Interpretin f&uuml;r den ESC gesetzt. Doch die Ukraine hat die Russin eigenm&auml;chtig vom Wettbewerb ausgeschlossen &ndash; offiziell, weil sie ukrainisches Gesetz verletzt hat, da sie 2015 auf einem Galakonzert auf der Krim teilgenommen hat. Die veranstaltenden Rundfunkanstalten tragen f&uuml;r diese Eskalation ein geh&ouml;riges Ma&szlig; an Mitverantwortung &ndash; viel zu lange hat man die Eskapaden der immer chauvinistischer agierenden ukrainischen Offiziellen hingenommen und so der V&ouml;lkerverst&auml;ndigung einen B&auml;rendienst erwiesen. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nStellen Sie sich einmal vor, wie gro&szlig; die kollektive Emp&ouml;rung w&auml;re, wenn Katar als Veranstalter der Fu&szlig;ball-WM 2022 der israelischen Nationalmannschaft die Teilnahme am Turnier verweigern w&uuml;rde. Es ist schlie&szlig;lich g&auml;ngige Praxis, dass Katar sogar Touristen die Einreise verweigert, die ein israelisches Visum <a href=\"https:\/\/traveladept.com\/qatar-israeli-stamp-passport\/\">in ihrem Reisepass haben<\/a>. Die BILD-Zeitung w&uuml;rde vor lauter Protest wahrscheinlich vollends durchdrehen und der DFB das Turnier aus Solidarit&auml;t boykottieren. Bei so etwas verstehen DFB und BILD schlie&szlig;lich keinen Spa&szlig;, wie der aufgesetzte <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38030\">Sturm im Wasserglas<\/a> wegen angeblicher Akkreditierungsunregelm&auml;&szlig;igkeiten beim Confed-Cup in der letzten Woche vortrefflich demonstrierte. Dass die Ukraine gleich <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/esc-ukraine-105.html\">reihenweise<\/a> Journalisten, die f&uuml;r den ESC akkreditiert sind, keine Einreisegenehmigung erteilt, st&ouml;rt die BILD hingegen nicht sonderlich und ohnehin scheint es in Deutschland niemanden zu interessieren, solange die Opfer nur Russen sind.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170509_esc01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p><strong>ESC als Spielwiese f&uuml;r antirussische Propaganda<\/strong><\/p><p>Der ESC ist in den letzten Jahren geradezu zur Plattform f&uuml;r antirussische Propaganda geworden. 2014 wurden die russischen Interpreten in Kopenhagen vom Publikum <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/weltspiegel\/eurovision-song-contest-die-weltpolitik-praegt-esc-russland-wird-ausgebuht\/9858590.html\">lautstark ausgebuht<\/a> &ndash; nachdem es u.a. <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/unterhaltung\/musik\/eurovision-song-contest\/ukraine-zoff-traenen-35859888.bild.html#fromWall\">von BILD<\/a> vorher aufgehetzt wurde. Dies veranlasste 2015 <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25491\">den Stern dazu<\/a>, seine Leser ganz offen dazu aufzufordern, die russische K&uuml;nstlerin auszubuhen &ndash; das Publikum in Wien blieb jedoch vergleichsweise fair. 2016 ging die Ukraine in die Offensive und nominierte ein Lied der S&auml;ngerin &bdquo;Jamala&ldquo;, das die Vertreibung der Krimtataren 1944 durch Stalin zum Thema hatte und nach den Regeln des ESC eigentlich gar nicht h&auml;tte aufgef&uuml;hrt werden d&uuml;rfen, da es vor allem im aktuellen Kontext ein klares politisches Statement gegen die V&ouml;lkerverst&auml;ndigung ist. Zu allem &Uuml;berfluss gewann dieser Beitrag auch noch &ndash; und dies aufgrund des politischen Votums der westeurop&auml;ischen Jurys, die 50% der Gesamtpunkte liefern, w&auml;hrend das gesamteurop&auml;ische Publikum relativ klar den russischen S&auml;nger gew&auml;hlt hatte. Wenn Jamala nicht auf gro&szlig;er ESC-B&uuml;hne unterwegs ist, <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35102\">tr&auml;llert<\/a> sie ihr &bdquo;1944&ldquo; &uuml;brigens mit Vorliebe auf ukrainischen Neonazi-Festivals wie dem &bdquo;Banderstadt&ldquo; in Luzk, das dem Nazi-Kollaborateur und Kriegsverbrecher Stephan Bandera gewidmet ist. Man stelle sich nur einmal vor, Deutschland w&uuml;rde eine Band aus dem rechten politischen Spektrum zum ESC schicken, die dort musikalisch an die Vertreibung der Schlesier durch die Polen erinnert.<\/p><p>Diese aggressive politische Instrumentalisierung des ESC durch die Ukraine h&auml;tte die Europ&auml;ische Rundfunkunion (EBU) als Veranstalter schon fr&uuml;h deeskalieren m&uuml;ssen. Ein Song wie &bdquo;1944&ldquo; h&auml;tte nie beim ESC starten d&uuml;rfen. Mittlerweile <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Eurovision-Song-Contest\/!5401148\/\">bezeichnet<\/a> sogar der alles andere als russlandfreundliche taz-Redakteur Jan Feddersen das Lied als &bdquo;gesungenen Affront gegen Russland&ldquo;. In diesem Jahr tritt &uuml;brigens die Rockband &bdquo;O.Torvald&ldquo; f&uuml;r die Ukraine an, deren S&auml;nger sich gerne patriotisch gibt und sich beim Vorentscheid durch zwei Platzpatronen rote Flecken auf seine Brust &bdquo;schie&szlig;en&ldquo; lie&szlig; &hellip; mit den Br&uuml;cken und ein bisschen Frieden scheinen die Verantwortlichen in der Ukraine nicht viel anfangen zu k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Das kam alles nicht &uuml;berraschend<\/strong><\/p><p>Bereits im September letzten Jahres deutete sich an, dass die Ukraine den ESC zur politischen Propaganda nutzen und russische Teilnehmer ausschlie&szlig;en will. Damals machte eine &bdquo;Schwarze Liste&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35102\">die Runde<\/a>, auf die die ukrainischen Beh&ouml;rden russische K&uuml;nstler setzten, die &bdquo;[&ouml;ffentlich] die Annexion der zur Ukraine geh&ouml;renden Halbinsel Krim durch Russland zustimmten oder gar sie bejubelten&ldquo; &ndash; unter einer &bdquo;Zustimmung&ldquo; der Annexion verstehen die Beh&ouml;rden &uuml;brigens bereits einen Auftritt auf der Krim. Zuvor kursierten bereits schwarze Listen mit den Kontaktdaten von 4.000 Journalisten, die im Donbass akkreditiert waren und denen ebenfalls eine Einreise in die Ukraine untersagt wurde.<\/p><p>Am 21. September <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35102\">griffen auch die NachDenkSeiten das Thema auf<\/a> und merkten an, dass es an der Zeit sei, dass der f&uuml;r Deutschland federf&uuml;hrende ESC-Sender NDR seinen Einfluss geltend macht, um die ukrainische Regierung ultimativ aufzufordern, den Geist des ESC nicht zu verh&ouml;hnen. Sollte die Ukraine dies nicht befolgen, so schrieben wir damals, w&auml;re es wohl besser, der Ukraine die Austragungsrechte f&uuml;r den ESC 2017 wieder wegzunehmen. Passiert ist bis vor wenigen Wochen relativ wenig. <\/p><p>Im M&auml;rz 2017 wurde es dann pl&ouml;tzlich ernst. Russland nominierte Julija Samoilowa und die Ukraine gab bereits <a href=\"http:\/\/derstandard.at\/2000054635207\/Song-Contest-in-der-Ukraine-Einreiseverbot-fuer-Russlands-Kandidatin\">am Tag darauf bekannt<\/a>, Samoilowa die Einreise zu verweigern. Sie hatte 2015 in Kertsch an einer Galaveranstaltung teilgenommen und war nicht &uuml;ber die ukrainische Grenze auf die Krim eingereist &hellip; so wie jeder Besucher, der auf dem Luftweg auf die Krim reist. Nach ukrainischen Bestimmungen wird ein solches &bdquo;Vergehen&ldquo; mit einem dreij&auml;hrigen Einreiseverbot geahndet, wobei jedoch anzumerken ist, dass derartige Sanktionen von den ukrainischen Beh&ouml;rden sehr selektiv und in der Regel rein politisch verh&auml;ngt werden. Ministerpr&auml;sident und Pr&auml;sident h&auml;tten &ndash; so das Gesetz &ndash; der russischen S&auml;ngerin und ihrem Tross sehr wohl eine Sondergenehmigung erteilen k&ouml;nnen und genau darauf pochte auch die EBU; jedoch erfolglos. Anfang April verteidigte Petro Poroschenko <a href=\"http:\/\/www.eurovision.de\/news\/Keine-Einigung-im-Fall-Samoylova-in-Sicht,russland1048.html\">erneut<\/a> das Einreiseverbot f&uuml;r die russische K&uuml;nstlerin. Einen nicht ganz ernst gemeinten Kompromissvorschlag, der besagte, dass Samoilowa &uuml;ber Satellit hinzugeschaltet werden solle, lehnten beide Seiten ab.<\/p><p><strong>Nun tut man so, als sei man zerknirscht<\/strong><\/p><p>Mitte April war es nat&uuml;rlich schon zu sp&auml;t, der Ukraine jetzt noch die Veranstaltung zu entziehen &ndash; die Vorbereitungen waren abschlossen, Tausende Journalisten und Fans hatten bereits Fl&uuml;ge und Hotelzimmer gebucht. Freilich kam die Eskalation nicht &uuml;berraschend, hatte die EBU die Ukraine doch stets an der langen Leine gew&auml;hren lassen und den Zeitpunkt, an dem eine Intervention noch m&ouml;glich gewesen w&auml;re, fahrl&auml;ssig verstreichen lassen. <\/p><p>Deutsche Medien machen derweil Russland f&uuml;r das Desaster <a href=\"http:\/\/www.eurovision.de\/feddersens_kommentar\/Kommentar-zum-Rueckzug-Russlands-vom-ESC-in-Kiew,russland1076.html\">mitverantwortlich<\/a> &ndash; die Nominierung einer Rollstuhlfahrerin sei volle Absicht, um Mitleid zu erregen und &uuml;berhaupt sei das Ganze doch ein kalkulierter Eklat. Russland habe nie am ESC teilnehmen wollen. Das liest sich in etwa so, als mache man einem Vergewaltigungsopfer Vorw&uuml;rfe. Sie sei doch selbst schuld, schlie&szlig;lich habe es doch einen kurzen Rock getragen. Sie habe es doch darauf abgesehen! Wenn es um Russland geht, wird offenbar jede noch so krumme Argumentation pl&ouml;tzlich druckreif.<\/p><p>Die Verantwortlichen geben sich derweil <a href=\"http:\/\/www.eurovision.de\/news\/Interview-mit-Thomas-Schreiber-zum-ESC-Rueckzug-Russlands,russland1074.html\">dezent zerknirscht<\/a>, zeigen dabei jedoch immer noch Verst&auml;ndnis f&uuml;r die Ukraine. Die Androhung von <a href=\"http:\/\/www.laut.de\/News\/ESC-2017-Strafen-fuer-Ukraine-und-Russland-04-05-2017-13621\">Strafen f&uuml;r die Ukraine und(!) Russland<\/a> wird den Ukrainern sicher keine unruhigen N&auml;chte bereiten, da die Verantwortlichen sich ohnehin erst im Juni dazu beraten wollen. Und dann ist der Kuchen l&auml;ngst gegessen. F&uuml;r Julija Samoilowa k&ouml;nnte der Traum der gro&szlig;en B&uuml;hne jedoch noch in Erf&uuml;llung gehen. Die russischen Verantwortlichen <a href=\"https:\/\/eurovoix.com\/2017\/03\/22\/russia-regardless-host-country-yulia-will-compete-eurovision-2018\/\">sagten ihr bereits zu<\/a>, 2018 f&uuml;r Russland an den Start gehen zu d&uuml;rfen. Das klappt nat&uuml;rlich nur, wenn die Ukraine in diesem Jahr nicht schon wieder gewinnt.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/53b70344d5324aa5979101f0cdc548f4\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160921_esc.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Wenn heute Abend der Eurovision Song Contest in Kiew mit dem ersten Halbfinale und gro&szlig;em Get&ouml;se vor Millionen Fernsehzuschauern aus der ganzen Welt er&ouml;ffnet wird, wird Julija Samoilowa vor wesentlich kleinerem Publikum in Sewastopol auftreten. Dabei hatte Samoilowa, die seit fr&uuml;her Kindheit auf einen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38207\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[181,123,917],"tags":[459,2092,1678,1313,1315,259,393,260],"class_list":["post-38207","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-europapolitik","category-kampagnentarnworteneusprech","category-kultur-und-kulturpolitik","tag-bild","tag-eurovision-song-contest","tag-kuenstler","tag-krim","tag-poroschenko-petro","tag-russland","tag-stern","tag-ukraine"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38207","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=38207"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38207\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":38229,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38207\/revisions\/38229"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=38207"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=38207"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=38207"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}