{"id":38265,"date":"2017-05-13T11:00:58","date_gmt":"2017-05-13T09:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38265"},"modified":"2019-01-30T11:22:37","modified_gmt":"2019-01-30T10:22:37","slug":"vom-recht-auf-stille","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38265","title":{"rendered":"Vom Recht auf Stille"},"content":{"rendered":"<p>Endlich mal ein sonniger Fr&uuml;hlingstag, dachte ich, und trug mein Fr&uuml;hst&uuml;ck auf einem Tablett auf den Balkon. Zur Feier des Tages hatte ich Br&ouml;tchen geholt und &ouml;ffnete ein Glas Johannisbeermarmelade, das eine Cousine mir im Herbst geschenkt hatte. Kaum sa&szlig; ich auf dem Balkon und freute mich, dass die Mauersegler um den Block schwirrten und dabei ihr fr&ouml;hliches srieh-srieh ausstie&szlig;en, begann unten ein Nachbar den Rasen zu m&auml;hen. Kurz darauf warf jemand seinen Laubbl&auml;ser an und schlie&szlig;lich wurde schr&auml;g gegen&uuml;ber bei ge&ouml;ffneten Fenstern Staub gesaugt. Die diversen Maschinen-Ger&auml;usche verbanden sich mit dem st&auml;dtischen Grundl&auml;rm zu einer schrillen Kakophonie. Ich zog mich fluchtartig ins Innere der Wohnung zur&uuml;ck. Was n&uuml;tzt die sch&ouml;nste Fr&uuml;hlingssonne, wenn man von allen Seiten mit L&auml;rm traktiert wird? Im alten China hat man Kriminelle, die sich eines besonders schweren Verbrechens schuldig gemacht hatten, durch L&auml;rm hingerichtet. Der Verurteilte wurde unter eine gro&szlig;e Glocke gelegt, die anschlie&szlig;end vom Henker geschlagen wurde. Es soll der qualvollste Tod sein, den ein Mensch erleiden kann. Ungef&auml;hr so f&uuml;hle ich mich manchmal in dieser Wohnung, in dieser Stadt, in dieser Gesellschaft &ndash; wie unter einer chinesischen Hinrichtungsglocke. Von <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2031\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-38265-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170516_Vom_Recht_auf_Stille_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170516_Vom_Recht_auf_Stille_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170516_Vom_Recht_auf_Stille_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170516_Vom_Recht_auf_Stille_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=38265-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170516_Vom_Recht_auf_Stille_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"170516_Vom_Recht_auf_Stille_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Zusammen mit der Zeit wird aber auch Stille zu einem raren Gut.&ldquo;<br>\n(Lothar Baier)\n<\/p><\/blockquote><p>St&auml;ndiger L&auml;rm l&ouml;st Alarm im K&ouml;rper aus und wird zu einer Quelle von Gereiztheit und ohnm&auml;chtiger Wut. Um diese zu sublimieren, beginne ich im Internet unter dem Stichwort &bdquo;L&auml;rm&ldquo; zu recherchieren und sto&szlig;e auf einen Aufsatz des Philosophen Theodor Lessing aus dem Jahre 1908. Es handelt sich um einen programmatischen Text f&uuml;r &bdquo;Den ersten deutschen Antil&auml;rmverein&ldquo;, der in jenem Jahr in Hannover gegr&uuml;ndet wurde und dessen Vereinsorgan &bdquo;Der Antir&uuml;pel&ldquo; hie&szlig;. Verein und Zeitschrift traten f&uuml;r ein &bdquo;Recht auf Stille&ldquo; ein und wandten sich gegen &bdquo;L&auml;rm, Roheit und Unkultur im deutschen Wirtschafts-, Handels- und Verkehrsleben&ldquo;. Im Zentrum der Lessingschen akustischen Qualen standen das &bdquo;Teppich-, Polster- und Bettenklopfen&ldquo;, das Peitschenknallen der Kutscher, das Kreischen der beschlagenen Wagenr&auml;der auf dem Pflaster und die &bdquo;grauenhafte Unsitte&ldquo; &ouml;ffentlichen musikalischen Dilettierens. Die von Lessing aufgelisteten und vor ihm schon von Schopenhauer beklagten L&auml;rmquellen muten uns heute wie die Ger&auml;uschkulisse eines romantischen Films an. <\/p><p>Die Lekt&uuml;re der Lessingschen Kampfschrift hat mir zu einer Distanz zur unmittelbaren Unertr&auml;glichkeit des L&auml;rms verholfen und die Unm&ouml;glichkeit des Lebens unter solchen Bedingungen vor&uuml;bergehend aufgehoben. &bdquo;Wohin&ldquo;, fragte Lessing 1908, &bdquo;sollen wir Tr&auml;umer entfliehen? Vielleicht zu den Sternen hinauf?&ldquo; Wir Heutigen liefen Gefahr, bereits auf dem Weg Zeugen eines Satelliten-Zusammensto&szlig;en zu werden und nach unserer Ankunft selbst dort auf Bohrmaschinen, Dampframmen und andere Insignien der Zivilisation zu sto&szlig;en. <\/p><p>Die Lekt&uuml;re von Theodor Lessings Aufsatz hat mich inspiriert, in meiner mitten in der Stadt gelegenen Wohnung eine Art <em>L&auml;rmprotokoll<\/em> von einer beliebigen halben Stunde zu erstellen. Beim Rechtsanwalt gegen&uuml;ber werden quietschend die metallenen Rolll&auml;den hochgezogen. Zwei H&auml;user weiter wird ein Ger&uuml;st aufgebaut. Metallstangen fallen scheppernd zu Boden. Laute Zurufe und gellende Kommandos. In der Wohnung &uuml;ber mir zieht jemand einen Stuhl &uuml;bers Linoleum, was ein kreischendes Ger&auml;usch erzeugt, das durch Mark und Bein dringt. Stampfende Schritte von hier nach dort. Eine T&uuml;r wird krachend zugeschlagen. &bdquo;Es gibt ein Wesen, das vollkommen unsch&auml;dlich ist, wenn es dir in die Augen kommt, du merkst es kaum und hast es gleich wieder vergessen. Sobald es dir aber unsichtbar auf irgendeine Weise ins Geh&ouml;r ger&auml;t, so entwickelt es sich dort, es kriecht gleichsam aus, und man hat F&auml;lle gesehen, wo es bis ins Gehirn vordrang und in diesem Organ verheerend gedieh, &auml;hnlich den Pneumokokken des Hundes, die durch die Nase eindringen. Dieses Wesen ist der Nachbar&ldquo;, hei&szlig;t es bei Imre Kert&eacute;sz. <\/p><p>Im Garten gegen&uuml;ber wird ein Baum abges&auml;gt und das Ge&auml;st geschreddert. Unten auf der Stra&szlig;e fahren zwei Jungen auf ihren Skateboards vor&uuml;ber. Wie kann ein so kleines, harmloses Gef&auml;hrt so einen L&auml;rm erzeugen? Ein Motorradfahrer l&auml;sst die Maschine aufr&ouml;hren. Beim Nachbarhaus f&auml;llt das Hoftor krachend ins Schloss. Aus vorbeifahrenden Autos dringt wummernde Musik nach oben. Autos als regelrechte Klang-Bomben. Ein Autofahrer tritt, obwohl ein paar hundert Meter weiter die Ampel rot ist, noch einmal das Gaspedal voll durch, um dann quietschend zu bremsen. Der Deckel eines M&uuml;llcontainers wird scheppernd fallengelassen. Ein hupender Autokonvoi auf dem Anlagenring zeugt davon, dass irgendwelche Menschen in die Ehefalle gegangen sind, aus der sie sich mit hoher statistischer Wahrscheinlichkeit in ein paar Jahren unter Schmerzen und gro&szlig;en Kosten, aber wenigstens ohne &ouml;ffentlichen L&auml;rm, wieder befreien werden. In der Wohnung &uuml;ber mir beginnt die Waschmaschine ihren Schleudergang. Minutenlang dr&ouml;hnt, wackelt und klirrt alles. <\/p><p>Abends, wenn der allgemeine st&auml;dtische L&auml;rmpegel etwas absinkt, wird der Hausmeister von gegen&uuml;ber sein Lieblingsspielzeug, den Laubbl&auml;ser hervorholen. &bdquo;Das gew&ouml;hnliche Ungl&uuml;ck tritt ein&ldquo;, hei&szlig;t es bei Wilhelm Genazino, &bdquo;wenn ein Mann und eine Maschine zueinander finden&ldquo;, und er stellt die Gleichung auf: Mann + Motor = L&auml;rm. Das gilt besonders f&uuml;rs Wochenende, wenn die Zeit der rasenden Heimwerker anbricht. &Uuml;berall heulen Bohr-, Schleif- und Fr&auml;smaschinen auf, Rasenm&auml;her, elektrische Heckenscheren und Hochdruckreiniger werden angeworfen. <\/p><p>Jeder zweite Passant telefoniert im Gehen mit seinem Handy und l&auml;sst einen, wenn man auf dem Balkon sitzt oder die Fenster offenstehen hat, an diesen Gespr&auml;chen teilhaben. &bdquo;bin jetzt g&ouml;testra&szlig;e, gehe jetzt mc donald&ldquo; ist so ein typischer Handy-Stakkato-Satz, der zu mir hinaufweht. Nachts ziehen betrunkene junge M&auml;nner gr&ouml;lend durch die Stra&szlig;e, st&uuml;rzen M&uuml;lltonnen und Blumenk&uuml;bel um und werfen leere Flaschen gegen die H&auml;userw&auml;nde. Radfahrer und Passanten beschallen zu jeder Tages- und Nachtzeit ihre Umgebung mit Bluetooth-Lautsprechern, die sie in Rucks&auml;cken mit sich f&uuml;hren. <\/p><p>Der L&auml;rm nimmt keinen Anfang und findet kein Ende. Wie soll man da nicht krank oder verr&uuml;ckt werden? Vielleicht ist mein beinahe phobisches Verh&auml;ltnis zum L&auml;rm auch eine Begleiterscheinung meiner Leidenschaft f&uuml;rs Schreiben und Lesen. Beides sind monologische T&auml;tigkeiten und gedeihen nur unter leidlich ruhigen Umst&auml;nden. In einem Roman von Ralf Rothmann fand ich in der Schilderung der L&auml;rmempfindlichkeit eines Schriftstellers eine Best&auml;tigung:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Er f&uuml;hlte sich wie geh&auml;utet von der Scharfkantigkeit der Ger&auml;usche und machte die banale Erfahrung, dass Sprache, in der mehr anklingt als das Allt&auml;gliche, nicht ohne Stille zu haben ist.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Statt &bdquo;monologisch&ldquo; hatte ich eben zun&auml;chst &bdquo;mongolisch&ldquo; geschrieben, ein keineswegs zuf&auml;lliger Verschreiber, denn tats&auml;chlich verhalte ich mich vielen Ph&auml;nomenen der so genannten Modernisierung gegen&uuml;ber &bdquo;mongolisch&ldquo;, was auf Herbert Achternbuschs &bdquo;Rede zum eigenen Land&ldquo; zur&uuml;ckgeht, die er irgendwann in M&uuml;nchen gehalten hat. Dort hat er gesagt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Chinesen, die ich eigentlich nur r&uuml;hmend erw&auml;hnen m&ouml;chte, nennen die Mongolen die Affen. Die Mongolen schauen der selbstlosen Betriebsamkeit der Chinesen blasiert zu. Die Chinesen bauen den Mongolen Schulen und Fabriken, die die Mongolen meiden. Die Mongolen machen den Eindruck, als w&auml;ren sie mit etwas anderem besch&auml;ftigt, vielleicht mit nichts. Wenn die flei&szlig;igen Chinesen meine Achtung haben, so haben diese Mongolen mein, wie soll ich es nennen? Was soll ich ihr Eigenleben irgendwie noch bezeichnen? Sie haben mein Vertrauen. Ich bin ihnen irgendwie zu eigen. Die Mongolei ist das Land meiner inneren Emigration.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Von manchen traumatisierten Menschen wird berichtet, dass sie derart ger&auml;uschempfindlich werden, dass sie bereits das Ticken einer Uhr in den Wahnsinn treiben kann und sie die ber&uuml;hmten Fl&ouml;he husten h&ouml;ren. Gelegentlich liest man von Kriegsveteranen, die auf spielende Kinder schie&szlig;en, die unter ihren Fenstern l&auml;rmen. Die ausgepr&auml;gte Empfindlichkeit gegen&uuml;ber dem L&auml;rm reflektiert die lebensgeschichtliche Besch&auml;digung von Ich-Funktionen, die f&uuml;r die Reizverarbeitung zust&auml;ndig sind und normalerweise daf&uuml;r sorgen, dass L&auml;rm durch selektive Wahrnehmungsprozesse derart gefiltert wird, dass wir nur h&ouml;ren, was wir h&ouml;ren wollen. <\/p><p>W&auml;hrend der Bl&uuml;tezeit der Anti-Psychiatrie war folgende Geschichte in vielen verschiedenen Varianten im Umlauf: Ein Mann schaut in einem psychiatrischen Krankenhaus aus dem Fenster und sieht M&auml;nner, die mit Motors&auml;gen B&auml;ume f&auml;llen. &bdquo;Warum werden diese wunderbaren alten Ulmen gef&auml;llt&ldquo;, fragt er einen Arzt. &bdquo;Wir m&uuml;ssen Platz schaffen f&uuml;r einen Erweiterungsbau&ldquo;, erwidert dieser. &bdquo;Warum m&uuml;ssen Sie anbauen?&ldquo;, fragt der Besucher weiter. &bdquo;Weil so viele Menschen wegen des L&auml;rms der Motors&auml;gen und der gef&auml;llten Ulmen verr&uuml;ckt werden&ldquo;, erl&auml;utert der Arzt.<\/p><p>F&uuml;r Traumatisierte und andere Empfindsame hielt Kierkegaard den Rat bereit:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wenn ich Arzt w&auml;re und man mich fragte: Was r&auml;tst Du? Ich w&uuml;rde antworten: Schaffe Schweigen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>St&auml;ndiger L&auml;rm, so hatte ich gesagt, versetzt den K&ouml;rper in einen Alarmzustand. Damit ruft er uns die Herkunft seines Namens ins Ged&auml;chtnis. Das Wort &bdquo;L&auml;rm&ldquo; leitet sich etymologisch vom italienischen Ausruf &bdquo;all&rsquo;arma&ldquo; ab, der soviel bedeutete wie: &bdquo;Zu den Waffen!&ldquo; Dieser Ruf war vor allem in den Kriegen des 16. und 17. Jahrhunderts in Gebrauch, aber auch wir Heutigen werden durch <em>L&auml;rm<\/em> zu den Waffen gerufen, <em>alarmiert<\/em>, aber zu welchen Waffen sollen wir greifen und gegen wen sie kehren? Uns bleibt gegen L&auml;rm-Attacken nur eine hilflose Defensive: Plastik- oder Wachsst&ouml;psel &ndash; mit begrenzter Wirksamkeit und den bekannten Nachteilen. Die Unm&ouml;glichkeit, auf eine im Grunde unertr&auml;gliche Situation mittels Angriff oder Flucht zu reagieren, wird zur Quelle von Stress, der auf Dauer krank machen kann. Zielgehemmte Aggressionen verwandeln sich in ein chiffriertes Ausdrucksgeschehen. Teilweise entspannen sie sich dabei und bleiben nach au&szlig;en hin stumm oder aber sie erzwingen einen Daueralarm vegetativer Leistungen. Wegen der blockierten Handlung kommt es zu einer Aggressionsbereitschaft im physiologischen Bereich, die sich nicht mehr zur&uuml;ckbildet und die Form diverser Krankheiten, zum Beispiel eines chronisch gesteigerten Blutdrucks, annehmen kann. <\/p><p>Angesichts eines Alltags aus &Uuml;berf&uuml;llung, L&auml;rm, Hektik und Nervosit&auml;t sto&szlig;en unsere aggressiven Impulse ins Leere. Die Wut dreht sich im Kreis und wendet sich &ndash; je nach Temperament und Charakter &ndash; gegen S&uuml;ndenb&ouml;cke im Nahbereich (Frauen, Kinder, Haustiere) oder in Gestalt von Krankheiten gegen die eigene Person. Die ins Leere laufende Wut droht sich zum Hass zu verallgemeinern, der nach einem Ausbruch nicht mehr verraucht, sondern w&auml;chst und sich versteift, sich in uns einfrisst und unser Wesen verzehrt und schlie&szlig;lich zerst&ouml;rt. &Uuml;berliefert sind als extreme Reaktionen auf l&auml;rminduzierten Stress sowohl F&auml;lle von Selbstt&ouml;tung als auch raptusartige Gewaltausbr&uuml;che, die sich gegen die L&auml;rmquelle oder zuf&auml;llig gew&auml;hlte Opfer wenden und die wir &bdquo;Amok&ldquo; nennen. So hat im Oktober 2009 ein 55-j&auml;hriger Mann in der N&auml;he von Paris vier seiner Nachbarn erschossen, deren Neigung zum n&auml;chtlichen Feiern ihm offenbar schon l&auml;nger auf die Nerven gegangen war. Anschlie&szlig;end t&ouml;tete er sich selbst. <\/p><p>Menschen, die etwas nicht mehr aushalten, ertragen es oft noch lang, bis dann irgendein f&uuml;r sich genommen l&auml;ppisches Ereignis die ganze gestaute Wut zur Explosion bringt. Michael Douglas hat in dem Film &bdquo;Falling down&ldquo; vorgef&uuml;hrt, wie am Ende ein Verkehrsstau, Hitze und eine Schmei&szlig;fliege zu Ausl&ouml;sern eines sich entgrenzenden Hasses werden k&ouml;nnen, der alles in den eigenen Untergang mit hineinziehen m&ouml;chte. K&uuml;rzlich stie&szlig; ich in der Zeitung auf die Meldung, dass ein Rentner aus dem Elsass aus Zorn &uuml;ber n&auml;chtlichen L&auml;rm in eine Gruppe Jugendlicher geschossen und dabei einen von ihnen get&ouml;tet und einen anderen schwer verletzt hat. <\/p><p>Der Durchschnitts-L&auml;rmpegel in den Industriel&auml;ndern ist seit Lessings Zeiten pro Jahr um rund ein Dezibel gestiegen. H&auml;tten wir also nicht triftige Gr&uuml;nde, fl&auml;chendeckend &bdquo;Antil&auml;rmvereine&ldquo; ins Leben zu rufen und angesichts der grassierenden R&uuml;cksichtslosigkeit Zeitschriften mit dem Titel &bdquo;Der Antir&uuml;pel&ldquo; zu gr&uuml;nden? Es st&uuml;nde der Linken gut zu Gesicht, Begriffe wie Langsamkeit, Stille und Schweigen kritisch zu besetzen und f&uuml;r sich zu reklamieren. <\/p><p>Herbert Marcuse hielt den L&auml;rm f&uuml;r die akustische Begleitung eines im Kern gewaltf&ouml;rmigen und destruktiven kapitalistischen Fortschritts, das Bed&uuml;rfnis nach Ruhe f&uuml;r ein revolution&auml;res Ferment und Stille f&uuml;r eine wesentliche Qualit&auml;t einer befreiten Gesellschaft. In einem 1968 gef&uuml;hrten Gespr&auml;ch &bdquo;&Uuml;ber Revolte, Anarchismus und Einsamkeit&ldquo; sagte er:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Es gibt keine freie Gesellschaft ohne Stille, ohne einen inneren und &auml;u&szlig;eren Bereich der Einsamkeit, in dem sich die individuelle Freiheit entfalten kann.&ldquo;<\/p><\/blockquote><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em><strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitete mehr als drei Jahrzehnte lang als Gef&auml;ngnispsychologe im Erwachsenenstrafvollzug. In der &raquo;Edition Georg B&uuml;chner-Club&laquo; erschien im Juli 2016 unter dem Titel &raquo;Zwischen Arbeitswut und &Uuml;berfremdungsangst&laquo; der zweite Band seiner &raquo;Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus&laquo;. Dort hat er im Herbst 2016 unter dem Titel: &raquo;Es ist besser, stehend zu sterben als kniend zu leben! No pasar&aacute;n!&laquo; auch ein B&auml;ndchen zum Spanischen B&uuml;rgerkrieg ver&ouml;ffentlicht.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Endlich mal ein sonniger Fr&uuml;hlingstag, dachte ich, und trug mein Fr&uuml;hst&uuml;ck auf einem Tablett auf den Balkon. Zur Feier des Tages hatte ich Br&ouml;tchen geholt und &ouml;ffnete ein Glas Johannisbeermarmelade, das eine Cousine mir im Herbst geschenkt hatte. Kaum sa&szlig; ich auf dem Balkon und freute mich, dass die Mauersegler um den Block schwirrten und<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38265\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,149,161],"tags":[865,1365],"class_list":["post-38265","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-gesundheitspolitik","category-wertedebatte","tag-amok","tag-suizid"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38265","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=38265"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38265\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48882,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38265\/revisions\/48882"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=38265"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=38265"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=38265"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}