{"id":38327,"date":"2017-05-16T12:25:10","date_gmt":"2017-05-16T10:25:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38327"},"modified":"2026-01-27T11:03:14","modified_gmt":"2026-01-27T10:03:14","slug":"politiker-muessen-sich-ernsthaft-ueberlegen-ob-unser-land-noch-nach-einem-solidaritaetsprinzip-aufgebaut-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38327","title":{"rendered":"\u201ePolitiker m\u00fcssen sich ernsthaft \u00fcberlegen, ob unser Land noch nach einem Solidarit\u00e4tsprinzip aufgebaut ist\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Zu Ihrer Information folgt hier ein Interview mit Julia Gajewski, der Leiterin einer &bdquo;Brennpunkt-Schule&ldquo;. Eigentlich h&auml;tten wir dieses Interview auch der Analyse der NRW-Wahl anf&uuml;gen k&ouml;nnen. Hier wird n&auml;mlich sichtbar, dass die allgemein verbreitete Behauptung, es gehe uns gut, f&uuml;r einen bemerkenswerten Teil unserer Mitb&uuml;rgerinnen und Mitb&uuml;rger nicht gilt. Auf dieses Thema gehen wir &uuml;brigens in den n&auml;chsten Tagen noch einmal ein &ndash; mit einem Interview mit Professor D&ouml;rre. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3377\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-38327-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170517_Politiker_muessen_ueber_das_Solidaritaetsprinzip_nachdenken_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170517_Politiker_muessen_ueber_das_Solidaritaetsprinzip_nachdenken_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170517_Politiker_muessen_ueber_das_Solidaritaetsprinzip_nachdenken_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170517_Politiker_muessen_ueber_das_Solidaritaetsprinzip_nachdenken_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=38327-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170517_Politiker_muessen_ueber_das_Solidaritaetsprinzip_nachdenken_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"170517_Politiker_muessen_ueber_das_Solidaritaetsprinzip_nachdenken_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Gebundener Asbest in W&auml;nden, br&ouml;ckelnder Beton an der Au&szlig;enfassade, fehlende Fenstergriffe, fehlende Jalousien zum Schutz vor Sonne, eine Fluchttreppe, an der jede einzelne Stufe mit Pfeilern abgest&uuml;tzt wird: Die Verh&auml;ltnisse an der Gesamtschule Bockm&uuml;hle im Essener Stadtteil Altendorf lassen tief blicken.  <\/p><p>&Uuml;ber viele Jahre haben politische Entscheider die Schule so vernachl&auml;ssigt, dass die notwendigen Renovierungen teurer werden d&uuml;rften als ein Neubau.<\/p><p>Die Schule, die zu Zweitdrittel von Sch&uuml;lern besucht wird, deren Eltern auf Transferleistungen angewiesen sind, steht f&uuml;r eine Entwicklung, die nicht nur im Stadtteil Altendorf sichtbar wird: Dort, wo die Armen und Abgeh&auml;ngten zu finden sind, schauen politisch Verantwortliche oft genug nicht hin.<\/p><p>Im Nachdenkseiten-Interview mit <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong> gibt die Leiterin der &bdquo;Brennpunkt-Schule&ldquo; <strong>Julia Gajewski<\/strong> einen verst&ouml;renden Einblick in den Alltag einer Schule, die man nicht in einem der reichsten L&auml;nder dieser Welt erwarten w&uuml;rde.<\/p><p>Sch&uuml;ler, die Probleme haben, mit einem Stift und Lineal einen geraden Strich zu zeichnen, Sch&uuml;ler, die in jungen Jahren bereits so schwere Probleme haben, dass sie sich selbst k&ouml;rperlichen Schaden zuf&uuml;gen, &uuml;berf&uuml;llte Klassen, Inklusion, die sich unter den gegebenen Bedingungen kaum erf&uuml;llen l&auml;sst, und all das in einem verfallenen Geb&auml;ude, das wie ein Sinnbild auf die politischen Verfehlungen der Politik verweist.<\/p><p>Gajewski, die sich zusammen mit anderen Lehrern seit Jahren f&uuml;r die Schule einsetzt, musste eine Rot-Gr&uuml;ne Regierung beobachten, die sich allenfalls im Zeitlupentempo auf die Schule zubewegt hat.<\/p><p>Mit ihrem Gang an die &Ouml;ffentlichkeit versucht Gajewski das, was politisch Verantwortliche offenbar nicht sehen wollen, sichtbar zu machen.<\/p><p>Im Interview merkt die Schulleiterin an, dass im Bereich Schule die Politik dem Willen der finanzstarken Eltern (und W&auml;hler) folge.<\/p><p>&bdquo;Es scheint so, als ob diesbez&uuml;glich jeder sich selbst am n&auml;chsten ist. Aufgabe eines Sozialstaates ist es doch, sich um alle Menschen &ndash; also auch die Armen &ndash; zu sorgen und zu k&uuml;mmern&rdquo;, sagt Gajewski.<\/p><p><strong>Marcus Kl&ouml;ckner: Frau Gajewski, es wird immer gesagt, Deutschland sei ein reiches Land, &bdquo;uns&ldquo; geht es gut. Wie sehen Sie das?<\/strong><\/p><p>Julia Gajewski: Hier geht es meiner Meinung nach zun&auml;chst einmal um die Definition von &bdquo;uns&ldquo;. Wenn ich alle Menschen mit einbeziehe, kann ich diesen Satz nicht best&auml;tigen. Es wird definitiv ein gro&szlig;er Teil der Kinder und Jugendlichen, die wir an unserer Schule unterrichten, nicht in Betracht gezogen, also solche mit Migrationshintergrund, die zum Teil auch aus den Parallelgesellschaften stammen (z. B. t&uuml;rkisch, syrisch, afrikanisch&hellip;), Kinder, deren Eltern arbeitslos sind, die Hartz IV beziehen (und das schon seit vielen Jahren). An unserer Schule sind etwa Zweidrittel von 1450 Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern betroffen.<\/p><p>Da in Deutschland aber insgesamt mehr als genug vorhanden ist, stimmt die Aussage im Allgemeinen. Die Situation der wirtschaftlich Schwachen in unserem Land, die wir an unseren Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern beobachten k&ouml;nnen, macht aber klar, dass in diesem Land die Armen alleine gelassen werden.<\/p><p><strong>Sehen Sie Armut an ihrer Schule?<\/strong><\/p><p>In erster Linie fehlt den Kindern ein Elternhaus mit Bildungshintergrund. Da viele Eltern selbst keine F&ouml;rderung erhalten haben, sind sie leider auch nicht in der Lage, ihre Kinder zu f&ouml;rdern und das formuliere ich ohne Vorwurf an die Eltern und Kinder. Hier geht es konkret z. B. um eine angemessene Zahl von Vorlesestunden, um Erziehung &ndash; also der Sicherung von demokratischen Grundlagen und Grundwerten, sozialem Miteinander, Empathie, Durchhalteverm&ouml;gen, Wecken von unterschiedlichen Interessen beim Kind (Kreativit&auml;t, Sport usw.). Eltern, die selbst wenig Empathie besitzen, k&ouml;nnen diese auch nicht vermitteln.<\/p><p>Der verpflichtende Besuch von Kinderg&auml;rten k&ouml;nnte die fehlende fr&uuml;hkindliche F&ouml;rderung ausgleichen und einen wichtigen Beitrag zur Chancengleichheit leisten.<\/p><p><strong>Was stellen Sie denn im Umgang mit Kindern, die aus diesen schwierigen famili&auml;ren Verh&auml;ltnissen stammen, fest?<\/strong><\/p><p>Die Kinder sind h&auml;ufig emotional verwahrlost, was im t&auml;glichen Miteinander zu vielen Konflikten f&uuml;hrt. Unterricht kann erst stattfinden, wenn die Konflikte bearbeitet sind. Die Kinder kommen als Bildungsverlierer aus den Grundschulen zu uns, das hei&szlig;t, sie haben bisher fast ausschlie&szlig;lich schulischen und sehr h&auml;ufig auch sozialen Misserfolg erlebt. Sie versuchen, das zu kompensieren, indem sie auff&auml;lliges Verhalten zeigen.<\/p><p><strong>Was hei&szlig;t &bdquo;auff&auml;lliges Verhalten&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Ich beobachte eine niedrige Aggressionsschwelle, Hilfestellungen und Anweisungen werden nicht akzeptiert, Verhaltens&auml;nderungen finden nur bei intensiver Betreuung statt. Hinzu kommen beispielsweise h&auml;ufige Fehlzeiten, die Kinder sind schnell krank.<\/p><p>Durch einige dieser Verhaltensweisen erfahren die Sch&uuml;ler, dass sich unsere Lehrer und Sozialp&auml;dagogen st&auml;rker um sie k&uuml;mmern (m&uuml;ssen).<\/p><p>Aber noch etwas: Die sprachlichen F&auml;higkeiten sind unabh&auml;ngig vom Migrationshintergrund sehr basal. In einem Sprachstandstest des jetzigen 5. Jahrgangs zeigt sich, dass der Durchschnitt unserer Kinder nicht nur die altersentsprechenden F&auml;higkeiten nicht erreicht, sondern sogar F&ouml;rderbedarf hat!<\/p><p>Den Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern fehlen motorische und feinmotorische Grundfertigkeiten im Bereich des Schreibens. Wie wird ein Stift gehalten, wie ziehe ich eine gerade Linie mit einem Lineal usw. Hier geht es noch nicht darum, ob korrekt geschrieben wird, sondern zun&auml;chst nur darum, ob die Schrift lesbar ist. Dies ist eine Form von Armut, die man nicht unbedingt vermutet.<\/p><p>Bei allen Beschreibungen liegt mir sehr daran, dass unser Kollegium diese schwierige Aufgabe im Umgang mit den Kindern und Jugendlichen mit viel Herzblut meistert. An unserer Schule ist den Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern Wertsch&auml;tzung gewiss. Circa 50 Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler verlassen pro Jahr die Schule mit dem Abitur als Abschluss, obwohl wir etwa 80 Prozent Kinder mit Hauptschulempfehlungen aufnehmen.<\/p><p><strong>Erz&auml;hlen Sie uns bitte etwas mehr von Ihren Beobachtungen. Was f&auml;llt Ihnen weiter ins Auge?<\/strong><\/p><p>H&auml;ufig geht es nicht darum, dass die Kinder zu wenig besitzen. Sie scheinen vielmehr sich selbst &uuml;berlassen zu sein und leben so nach ihren eigenen Regeln. Mich erinnern sie an Stra&szlig;enkinder, die ihre eigenen Regeln festlegen. Bei ihnen gilt das Recht des St&auml;rkeren und nicht das Recht des sozial Kompetenteren.<\/p><p>Eltern erscheinen nicht zu Elternabenden oder zu vereinbarten Terminen, sind telefonisch kaum zu erreichen, wechseln h&auml;ufig ihre Adresse oder Telefonnummer. Dies macht die Zusammenarbeit schwierig und sehr zeitintensiv. <\/p><p><strong>Gibt es besonders schwere oder schlimme F&auml;lle, die Ihnen in Erinnerung geblieben sind, also Beispiele, die zeigen, was Armut im Hinblick auf ihre Sch&uuml;ler bzw. deren Familien konkret bedeutet?<\/strong><\/p><p>Hier gibt es aus meiner Sicht viele Beispiele.<\/p><p>Eine Sch&uuml;lerin, die vor Weihnachten nicht nach Hause wollte (dies ist leider kein Einzelfall), f&uuml;gte sich selbst Ritzverletzungen zu und &bdquo;zwang&ldquo; so unsere zust&auml;ndigen Kolleginnen und Kollegen und die Sozialp&auml;dagogen am letzten Schultag vor Weihnachten, sich bis 18.00 Uhr um eine anderweitige Unterbringung zu k&uuml;mmern, was gl&uuml;cklicherweise auch klappte.<\/p><p>Der Absturz ins Drogenmilieu eines alleinreisenden, minderj&auml;hrigen Fl&uuml;chtlings, dessen Eltern nicht nachkommen konnten, war eine nachhaltige Erfahrung.<\/p><p>Wir haben Schulverweigerer, die wir nicht mehr erreichen. Sie verlassen irgendwann ohne einen Abschluss die Schule. Was dann aus ihnen wird, wissen wir nicht. Das ist eine dauerhaft belastende Situation f&uuml;r Kolleginnen und Kollegen.<\/p><p>Eine Mutter einer Sch&uuml;lerin st&uuml;rmte das Geb&auml;ude und beleidigte diverse Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler sowie auch Kolleginnen und Kollegen. Sie weigerte sich, das Geb&auml;ude zu verlassen, tat es nach 45-min&uuml;tigem Beleidigungsschwall der derbsten Art. Wir erfuhren, dass die Mutter von ihrem Mann entsprechend behandelt wird, sie ihm nicht entkommen kann und ihre Wut bei uns abl&auml;sst. Das Schlimme ist, dass die Tochter den Habitus der Mutter &uuml;bernimmt. Einfluss haben wir in solchen F&auml;llen quasi keinen.<\/p><p>Bei diesen Beispielen lege ich nat&uuml;rlich mein vorher beschriebenes Armutsverst&auml;ndnis zugrunde.<\/p><p><strong>Nun ist Ihre Schule ja bereits rein optisch nicht unbedingt eine Schule, die man sich in einem &bdquo;reichen&ldquo; Land vorstellen w&uuml;rde.<\/strong><br>\n<strong>Woran mangelt es denn an Ihrer Schule?<\/strong><\/p><p>Seit der Gr&uuml;ndung 1972 wurde baulich immer nur an den n&ouml;tigsten Stellen investiert, es wurde st&auml;ndig Flickschusterei betrieben. Vorhaben, wie eine Sanierung der Au&szlig;enfassade, wurden im Haushalt st&auml;ndig verschoben. Es fehlen z. B. Verdunklungen an den Fenstern mit der Konsequenz, dass nicht die Methode die Sitzordnung im Unterricht bestimmt, sondern bei sonnigem Wetter die wenigen Schattenpl&auml;tze in der Klasse. Methoden des kooperativen Lernens bedingen jedoch auch variierende Sitzordnungen in der Klasse, die den kompletten Klassenraum einnehmen &ndash; nicht nur eine schattige H&auml;lfte. Unterricht nach modernen Standards ist unter diesen Bedingungen also nicht m&ouml;glich. Projektionen von Beamern sind nicht lesbar. Das schr&auml;nkt die Unterrichtsqualit&auml;t massiv ein.<\/p><p>Undichte, blinde Fenster, fehlende Fenstergriffe, br&ouml;ckelnder Beton an der Au&szlig;enfassade, eine Fluchttreppe, an der jede einzelne Stufe mit Pfeilern abgest&uuml;tzt werden muss, gebundener Asbest in W&auml;nden mit der Folge, dass kein Nagel in dieselbe geschlagen werden darf &ndash; usw.<\/p><p>Gut aussehende erneuerte Decken gibt es im Zusammenhang mit gesetzlich vorgeschriebenen Brandschutzma&szlig;nahmen, wenn die alten nicht mehr nutzbar sind.<\/p><p>Immerhin drei Dusch- und Waschr&auml;ume von insgesamt sieben wurden in den letzten vier Jahren in den Sporthallen sehr ansprechend erneuert. In den &uuml;brigen vier Waschr&auml;umen funktioniert zum Teil nur noch ein Wasserhahn. Der Ablauf ist kaputt und das Wasser l&auml;uft direkt auf den Boden.<\/p><p><strong>Das, was Sie aufz&auml;hlen, sind jetzt aber keine Probleme, die von heute auf morgen entstehen.<\/strong><br>\n<strong>Wie kann es sein, dass es solche Zust&auml;nde an Ihrer Schule gibt?<\/strong><\/p><p>Eltern unserer Kinder sind keine potenziellen W&auml;hler. Das Engagement der Eltern in der Schulpflegschaft beginnt gerade erst zu wachsen.<\/p><p>Fehlende Wertsch&auml;tzung gegen&uuml;ber allen an unserem Schulleben Beteiligten.<\/p><p><strong>Es gibt das Sprichwort: Wo ein Wille, da ein Weg. <\/strong><br>\n<strong>Was meinen Sie: Woran liegt es, dass ihre Schule offensichtlich von den politisch Verantwortlichen im Stich gelassen wird?<\/strong><br>\n<strong>Fehlt es am Willen?<\/strong><\/p><p>Hier kann ich nur mutma&szlig;en. Wir haben die schulpolitischen Sprecher der Parteien aus dem Landtag zu uns eingeladen, um ihnen unsere Gesamtsituation zu verdeutlichen. Hier gab es durchaus Betroffenheit, die in einem Fall Frau Sylvia L&ouml;hrmann auch zur&uuml;ckgemeldet wurde. Hier ist mein Eindruck, dass sich die Verantwortlichen extrem weit von der real existierenden Basis entfernt haben und es ist Ihnen zum Teil sehr schwergefallen, L&ouml;sungsans&auml;tze zu formulieren. Sie wirken wie gefangen in ihrem System.<\/p><p><strong>Im <a href=\"http:\/\/www.daserste.de\/information\/reportage-dokumentation\/beckmann\/videosextern\/aufstieg-fuer-alle-der-mythos-chancengleichheit-112.html\">Interview mit Reinhold Beckmann<\/a> hat sich Sylvia L&ouml;hrmann, Ministerin f&uuml;r Schule und Weiterbildung in NRW, zu Ihrer Schule ge&auml;u&szlig;ert. Wie haben Sie die Einlassungen von L&ouml;hrmann wahrgenommen?<\/strong><\/p><p>Wir wurden von ihr f&uuml;r unsere p&auml;dagogisch erfolgreiche Arbeit gelobt &ndash; was f&uuml;r mich die Frage aufwirft: Woher wei&szlig; sie das? Sie hatte sich selbst nie &uuml;berzeugt. Es wirkte auf mich, wie eine Rechtfertigung ihrerseits. Zudem sprach sie von den ca. 6300 Stellen, die die Landesregierung ins &bdquo;System&ldquo; gebracht hat. Dies f&uuml;hrte aber nicht dazu, Ungleiches ungleich zu behandeln bzw. den &uuml;berf&auml;lligen Sozialindex (z.B. verbesserter Personalschl&uuml;ssel) umzusetzen.<\/p><p><strong>Was bedeutet es denn, wenn Kinder aus armen Familien auf eine Schule gehen, die alleine schon vom baulichen Zustand eine Zumutung darstellt?<\/strong><\/p><p>Absolut keine Wertsch&auml;tzung, was von den Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern auch genauso wahrgenommen wird.<\/p><p><strong>Wie viel Geld w&uuml;rden Sie denn konkret ben&ouml;tigen, um Ihre Schule in Schuss zu bekommen, vorzeigbar zu machen?<\/strong><\/p><p>Wahrscheinlich werden wir mehr Geld ben&ouml;tigen, als ein Neubau kosten w&uuml;rde. 35 Millionen Euro werden wir aus dem Paket Gute Schule 2020 erhalten. Im Vergleich dazu w&uuml;rde aber die Renovierung eines gro&szlig;en Flachdachs schon 12 Millionen Euro kosten. Dieses Beispiel relativiert die erstgenannte Zahl. Eine Sanierung halte ich f&uuml;r fahrl&auml;ssig, einen Neubau f&uuml;r die einzig sinnvolle L&ouml;sung.<\/p><p><strong>Welche Rolle spielt das Thema Inklusion an Ihrer Schule?<\/strong><\/p><p>Eine sehr wichtige Rolle, da wir uns vor 6 Jahren &uuml;berzeugt auf den Weg zum Gemeinsamen Lernen gemacht haben. Inzwischen lernen &uuml;ber 140 Kinder und Jugendliche mit F&ouml;rderbedarf bei uns. Wir haben aber erleben m&uuml;ssen, dass die personelle Unterst&uuml;tzung von Jahr zu Jahr geringer wurde und wir damit gro&szlig;e Sorgen haben, den Kindern und Jugendlichen nicht mehr gerecht werden zu k&ouml;nnen. Beispiel: Kinder mit dem F&ouml;rderbedarf E-S (emotional-sozial) m&uuml;ssen auf der Beziehungsebene eng betreut werden. Wenn ein Sonderp&auml;dagoge aber 15 Kinder in unterschiedlichen Klassen und Jahrg&auml;ngen zu betreuen hat, ist es ihm nicht m&ouml;glich, diese Beziehung aufzubauen. Somit ist die Prognose f&uuml;r eine erfolgreiche Arbeit negativ. Wer h&auml;lt das dauerhaft aus?<\/p><p><strong>Ein Gedankenspiel: Mal angenommen, Sie w&auml;ren auf politischer Ebene in entscheidender Position t&auml;tig. Was w&uuml;rden Sie tun, um dieser Schule zu helfen?<\/strong><\/p><p>Ich w&uuml;rde als erstes den Sozialindex umsetzen, indem ich die personelle Ausstattung massiv erh&ouml;hen w&uuml;rde. Konkret bedeutet dies eine Klassenst&auml;rke von h&ouml;chstens 20 Kindern mit dauerhafter Doppelbesetzung. Langfristig gesehen muss sich die Zusammensetzung der Sch&uuml;lerschaft &auml;ndern, denn gerade Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler mit schlechteren Voraussetzungen ben&ouml;tigen positive Vorbilder, um schulisch erfolgreicher zu agieren.<\/p><p><strong>Nun mal ein Blick auf die Bundespolitik.<\/strong><br>\n<strong>Was m&uuml;sste getan werden, um Armut in Deutschland entgegenzutreten? <\/strong><\/p><p>Die Antwort k&ouml;nnte ja B&uuml;cher f&uuml;llen. Ich versuche es: Zun&auml;chst muss jeder einzelne Politiker dieses Thema zu seinem eigenen machen und sich dann ernsthaft &uuml;berlegen, ob unser Land noch nach einem Solidarit&auml;tsprinzip aufgebaut ist. Dies erscheint mir nicht der Fall. Im Bereich Schule folgt die Politik dem Elternwillen der finanzstarken Eltern der Gymnasien. Es scheint so, als ob diesbez&uuml;glich jeder sich selbst am n&auml;chsten ist. Aufgabe eines Sozialstaates ist es doch, sich um alle Menschen &ndash; also auch die Armen &ndash; zu sorgen und zu k&uuml;mmern. Gelder m&uuml;ssen also umverteilt werden, um sie in Bildung zu investieren, damit tats&auml;chlich jedes Kind auch eine Chance hat, angemessene Bildung zu erhalten. Die Idee der Gesamtschule ist eine, in der leistungsst&auml;rkere Kinder als Vorbild f&uuml;r die anderen fungieren. So profitieren erwiesenerma&szlig;en alle Lernenden mehr als im Vergleich zu einem selektiven Schulsystem. Angemessene Bildung sorgt f&uuml;r eine aktive und reflektierende Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und diese hat jedes Kind verdient. Auch Deutschland hat die UN-Konvention &uuml;ber die Rechte des Kindes, insbesondere <a href=\"https:\/\/www.dkhw.de\/unsere-arbeit\/schwerpunkte\/kinderrechte\/un-kinderrechtskonvention-im-wortlaut\/\">das Recht auf Bildung Artikel 28 ratifiziert<\/a>. Da unser Staat Verantwortung f&uuml;r alle Kinder hat, muss er sich entsprechend um alle Kinder k&uuml;mmern &ndash; auch um die armen.<\/p><p><strong>Nun setzen Sie und die Lehrer der Schule sich sehr ein.<\/strong><br>\n<strong>Wie gehen Sie denn vor, was unternehmen Sie, um den Sch&uuml;lern Hilfestellung auf ihrem Bildungs- und Lebensweg zu geben?<\/strong><\/p><p>Wir versuchen als erstes, unser System Schule f&uuml;r die Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler mit Lernerfolgen &ndash; also positiven Erfahrungen &ndash; zu verkn&uuml;pfen. Zudem muss jeder Sch&uuml;ler und jede Sch&uuml;lerin lernen, f&uuml;r sein eigenes Handeln und Lernen verantwortlich zu sein, es hilft ihnen nicht, wenn die Lehrenden diese Verantwortung &uuml;bernehmen. Seit 2006 sind wir Teamschule (das bedeutet z. B. wenige, aber stabile Bezugspersonen in den Klassen mit einem hohen Anteil an f&uuml;r den Lehrer fachfremden Unterricht) und vor zwei Jahren haben wir unser p&auml;dagogisches Konzept grundlegend ver&auml;ndert. Mit diesen Ma&szlig;nahmen erhoffen wir uns, auch die Kinder mit F&ouml;rderbedarf &ndash; trotz der mangelnden personellen Ressourcen &ndash; halbwegs angemessen f&ouml;rdern zu k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Was tun Sie noch?<\/strong><\/p><p>Wir haben begonnen, die Problematik &ouml;ffentlich zu machen, was zu vielen Gespr&auml;chen und Diskussionen, aber noch zu (zu) wenigen konkreten Ergebnissen gef&uuml;hrt hat. Die Thematik muss im Land und im Bund eine zentrale Rolle spielen, ansonsten wird sich meiner Meinung nach die Spaltung zwischen Arm und Reich weiter dramatisch verschlechtern. Das Thema Integration &ndash; hier bezogen auf F&ouml;rderkinder, Kinder mit Migrationshintergrund aus den Parallelgesellschaften, Kinder aus armen Verh&auml;ltnissen; Fl&uuml;chtlingskinder &ndash; sprechen wir best&auml;ndig mit an.<\/p><p>Wir sind im Gespr&auml;ch mit der Stadt und arbeiten gemeinsam an einem Stadtteilkonzept, in dem die Schule eine wesentliche Rolle spielt.<\/p><p><strong>Sie kennen die Sch&uuml;ler, Sie d&uuml;rften auch einen Einblick in deren Gedanken und Psyche haben.<\/strong><br>\n<strong>Wie gehen Ihre Sch&uuml;ler mit ihrer Lebenssituation um?<\/strong><\/p><p>Sie wissen sehr genau, wo sie in der Gesellschaft stehen und wie wenig Wertsch&auml;tzung ihnen entgegengebracht wird.<\/p><p><strong>Wie ist es um die Chancengleichheit in Deutschland bestellt?<\/strong><\/p><p>Chancen(<em>gleichheit<\/em>) in Deutschland sind\/<em>ist<\/em> abh&auml;ngig von der Herkunft. Das ist in diversen Studien nachgewiesen und wird immer wieder best&auml;tigt. Somit gibt es in Deutschland keine Chancengleichheit. Wenn es sie g&auml;be, h&auml;tten wir kein selektives Schulsystem, sondern eine Schule f&uuml;r alle Kinder. F&uuml;r schwierige Standorte in Brennpunkten w&uuml;rde es eine bessere personelle Ausstattung geben, da die Kinder eine intensivere Betreuung ben&ouml;tigen, um deren Chancen zu wahren. Solch ein Vorgehen w&auml;re Konsens in der Politik, da alle dies f&uuml;r grundlegend in einem Sozialstaat halten w&uuml;rden. <\/p><p><strong>Wie wichtig f&uuml;r das sp&auml;tere Vorw&auml;rtskommen im Leben sind gute Ausgangsvoraussetzungen?<\/strong><\/p><p>Ohne diese gibt es keine ad&auml;quate Teilhabe am gesellschaftlichen Leben auf allen Ebenen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu Ihrer Information folgt hier ein Interview mit Julia Gajewski, der Leiterin einer &bdquo;Brennpunkt-Schule&ldquo;. Eigentlich h&auml;tten wir dieses Interview auch der Analyse der NRW-Wahl anf&uuml;gen k&ouml;nnen. Hier wird n&auml;mlich sichtbar, dass die allgemein verbreitete Behauptung, es gehe uns gut, f&uuml;r einen bemerkenswerten Teil unserer Mitb&uuml;rgerinnen und Mitb&uuml;rger nicht gilt. Auf dieses Thema gehen wir &uuml;brigens<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38327\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,151,206,209,146,132],"tags":[430,409,1282,1494,408],"class_list":["post-38327","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-bildungspolitik","category-chancengerechtigkeit","category-interviews","category-soziale-gerechtigkeit","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-bildungsausgaben","tag-bildungschancen","tag-bildungsinklusion","tag-infrastruktur","tag-soziale-herkunft"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38327","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=38327"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38327\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":89523,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38327\/revisions\/89523"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=38327"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=38327"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=38327"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}