{"id":38442,"date":"2017-05-26T09:23:48","date_gmt":"2017-05-26T07:23:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38442"},"modified":"2022-10-21T10:59:23","modified_gmt":"2022-10-21T08:59:23","slug":"gideon-levy-die-eu-verschliesst-ihre-augen-vor-den-verbrechen-israels","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38442","title":{"rendered":"Gideon Levy: \u201eDie EU verschlie\u00dft ihre Augen vor den Verbrechen Israels\u201c"},"content":{"rendered":"<div style=\"margin: 0 0 15px 15px; float: right;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170526_levy.jpg\" alt=\"Gideon Levy\" title=\"Gideon Levy\"><\/div><p>Der M&uuml;nchner NDS-Leser <strong>Rolf-Henning Hintze<\/strong> (RHH) [<a href=\"#foot_*\" name=\"note_*\">*<\/a>] sprach mit dem regierungskritischen israelischen Journalisten <strong>Gideon Levy<\/strong> (GL). Dieser &auml;u&szlig;ert sich zu Au&szlig;enminister Gabriels Gespr&auml;ch mit &bdquo;Breaking the silence&ldquo; und Netanyahus Reaktion darauf, er beschreibt die Wasserpolitik Israels als &bdquo;Apartheid&ldquo; und erl&auml;utert, warum Deutschland in besonderem Ma&szlig;e gegen&uuml;ber Israel, aber auch gegen&uuml;ber den Pal&auml;stinensern eine historisch begr&uuml;ndete Verantwortung hat. Wenn Sie Gideon Levy live erleben m&ouml;chten, k&ouml;nnen Sie das am 27.5. in Berlin und am 28.5. in Hannover tun. Lesen Sie hierzu N&auml;heres am Ende des Interviews. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n<strong>Rolf-Henning Hintze:<\/strong> Herr Levy, ist Ihnen bekannt, dass M&uuml;nchens 2. B&uuml;rgermeister, Josef Schmid von der CSU, &ouml;ffentlich gefordert hat, dass Menschen, die Ihre &Uuml;berzeugung teilen, keine  st&auml;dtischen R&auml;ume mehr f&uuml;r Reden bekommen sollen? <\/p><p><strong>Gideon Levy:<\/strong> Nein, das wusste ich nicht. Zweitens bin ich aber auch nicht sicher, ob der 2. B&uuml;rgermeister meine Ansichten kennt. Drittens finde ich es sehr interessant, dass Deutschland beginnt, alternative Stimmen zu zensieren.  Es ist sehr beunruhigend zu h&ouml;ren, dass in Deutschland 2017 alternative Stimmen in st&auml;dtischen R&auml;umen nicht mehr zugelassen werden sollen. <\/p><p><strong>RHH:<\/strong> Bei seinem Besuch in Israel hatte der deutsche Au&szlig;enminister Gabriel auch ein Gespr&auml;ch mit Vertretern der Organisation &bdquo;Das Schweigen brechen&ldquo; (Breaking the Silence), einer Organisation kritischer Soldaten. Daraufhin sagte Ministerpr&auml;sident Netanyahu ein <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/sigmar-gabriel-und-benjamin-netanyahu-eklat-um-treffen-mit-ngos-a-1144691.html\">Treffen mit ihm ab<\/a>. Was sagen Sie zu Gabriels Entscheidung?<\/p><p><strong>GL:<\/strong> Ich denke, er gab ein Beispiel, wie sich ein mutiger Staatsmann verhalten sollte: Man kommt in ein anderes Land und m&ouml;chte h&ouml;ren, was die Regierung, aber auch was die Zivilgesellschaft denkt. So sollte es sein. Wie Premierminister Netanyahu reagierte, war eine Schande. Dies hat tiefere Wurzeln, denn Netanyahu beschloss, &bdquo;Breaking the Silence&ldquo; den Krieg zu erkl&auml;ren. Es ist eine sehr mutige demokratische Organisation, eine Organisation, die Israel sehr viel mehr Ansehen verschafft als Netanyahu.<\/p><p><strong>RHH:<\/strong> Wie ist es zu erkl&auml;ren, dass der Einfluss von &bdquo;Breakring the Silence&ldquo; sehr begrenzt ist?<\/p><p><strong>GL:<\/strong> Der Einfluss ist nicht nur begrenzt, er ist beinahe nicht vorhanden. Ungl&uuml;cklicherweise, weil die Medien, die Regierung und die Armee beschlossen haben, &bdquo;Breaking the Silence&ldquo; zu delegitimieren. Leider ist &bdquo;Breaking the Silence&ldquo; zu schwach, um diesem unglaublichen Druck der Medien, die diese h&ouml;chst legitimen und mutigen Stimmen delegitimieren, standzuhalten. <\/p><p><strong>RHH:<\/strong> Herr Levy, Sie haben den Hass rechtsgerichteter Israelis ganz besonders auf sich gezogen, weil Sie BDS (<a href=\"http:\/\/bds-kampagne.de\/\">Boycott, Divestment, Sanctions<\/a>), also die Boykottkampagne gegen israelische Produkte, unterst&uuml;tzen.  Welches sind die Hauptgr&uuml;nde f&uuml;r Ihre Unterst&uuml;tzung?<\/p><p><strong>GL:<\/strong> Ich denke, Boykott ist ein wichtiges gewaltloses Mittel des Widerstands. Israel boykottiert Hamas und ruft die Welt zum Boykott gegen Hamas auf, Israel boykottiert den Iran und ruft andere zum Boykott gegen L&auml;nder auf, die Israel nicht mag &ndash; das Mittel ist ein sehr legitimes. Es ist zudem ein sehr effektives. Wir wissen, wie wirksam es gegen das Apartheidsystem in S&uuml;dafrika war. Ohne Boykott w&uuml;rde S&uuml;dafrika bis heute das Apartheidsystem haben. Europa setzt dieses Mittel gegen eine andere Besetzung ein, gegen die Besetzung der Krim durch Russland. Warum ist es ein legitimes Mittel gegen die Besetzung der Krim und nicht gegen die Besetzung Pal&auml;stinas?  Der beste Beweis, dass BDS wirkt, ist die Tatsache, dass Israel deswegen so nerv&ouml;s ist. Diese Nervosit&auml;t zeigt, dass dies das richtige Mittel der Zivilgesellschaft ist, um die Besatzung zu beenden.<\/p><p><strong>RHH:<\/strong>  Ihnen ist sicher bekannt, dass viele Deutsche meinen, Israel sei das letzte Land, das &ndash; wegen unserer Geschichte &ndash; von Deutschen boykottiert werden sollte. Was w&uuml;rden Sie einem solchen Menschen antworten?<\/p><p><strong>GL:<\/strong> Wenn Deutschland wirklich um die Zukunft Israels besorgt ist, sollte es Israel und die Besatzung kritisieren. Ich denke, wenn Deutschland das nicht macht, dann verr&auml;t es das Erbe der Vergangenheit. Denn es ist kein Zeichen von Freundschaft, Israel in diesem korrumpierenden Prozess, ein anderes Volk so viele Jahre lang zu besetzen, zu belassen.  Au&szlig;erdem muss ich sagen, dass Deutschland mehr als eine Verantwortung tr&auml;gt: Die Deutschen haben eine tiefe Verantwortung gegen&uuml;ber dem israelischen Volk, aber sie haben auch einige Verantwortung gegen&uuml;ber dem pal&auml;stinensischen Volk. Ohne den Holocaust w&auml;ren die Juden nicht nach Pal&auml;stina gekommen. Ich sage nicht, dass das der Hauptgrund der Pal&auml;stinenser auf einen eigenen Staat ist, aber letztendlich hat Deutschland eine moralische Verpflichtung, Israel zu retten u n d f&uuml;r die Freiheit anderer V&ouml;lker zu k&auml;mpfen. <\/p><p><strong>RHH:<\/strong> Deutschland hat seit einer Reihe von Jahren U-Boote an Israel geliefert und tut das weiter. U-Boote, die umgebaut werden k&ouml;nnen, um Atomraketen abzufeuern. Was sagen Sie dazu?<\/p><p><strong>GL:<\/strong> Wenn Deutschland Israel U-Boote liefern will, hat es das Recht, das zu tun.  Ich wei&szlig; nicht, warum Israel so viele U-Boote braucht, auch Experten in Israel verstehen das nicht, aber wenn Israel und Deutschland das wollen, ist das in Ordnung. Das Einzige, was ich dann von Deutschland &ndash; wie auch von den USA &ndash;  erwarten w&uuml;rde, ist, wenn man Israel mit so vielen Waffen versorgt, hat man auch die Pflicht, Israel zu beraten, was zu tun ist und wie es sich verhalten sollte.  Das Minimum, was Deutschland von Israel fordern sollte, ist die Beachtung des V&ouml;lkerrechts. Und die Lieferung von U-Booten an ein Land, das das V&ouml;lkerrecht in einer solch arroganten Weise verletzt, halte ich f&uuml;r sehr problematisch. <\/p><p><strong>RHH:<\/strong> Seit l&auml;ngerer Zeit schon gibt es Forderungen, dass die EU ihr <a href=\"http:\/\/derstandard.at\/919556\/Assoziierungsabkommen\">Assoziierungsabkommen<\/a> mit Israel suspendieren sollte, denn dieses Abkommen enth&auml;lt ein Menschenrechtskapitel, das von Israel fortlaufend verletzt wird.<\/p><p><strong>GL:<\/strong> Die Tatsache, dass die EU und auch die USA ihre Augen vor den Verbrechen Israels verschlie&szlig;en, bringt die EU moralisch in eine sehr problematische Lage. Eines der Prinzipien der EU ist der Kampf f&uuml;r Menschenrechte, aber diesen Kampf sehe ich in diesem Fall nicht. Die wirtschaftlichen Verbindungen zur EU sind nicht nur wichtig f&uuml;r Israel, sie sind von vitaler Bedeutung. Ich finde das auch sehr gut, das Problem ist nur, dass die Vorteile, die Israel durch das Abkommen erh&auml;lt, von Bedingungen abh&auml;ngig gemacht werden sollten und nicht bedingungslos gew&auml;hrt werden sollten. <\/p><p><strong>RHH:<\/strong> Wie oft sind Sie in den besetzten Gebieten? <\/p><p><strong>GL:<\/strong> Jede Woche. Ich fahre nicht nur nach Ramallah, sondern in verschiedenste Orte, &uuml;berall im Land. Ich mache das seit 30 Jahren. Nach Gaza kann ich seit zehn Jahren allerdings nicht mehr.<\/p><p><strong>RHH:<\/strong> K&ouml;nnen Sie uns etwas zu einem ganz besonderen Problem der besetzten Gebiete sagen, der gro&szlig;en Wasserknappheit dort. Eigentlich hat Pal&auml;stina viel Wasser, aber es befindet sich unter der totalen Kontrolle Israels. Der Bau eigener Brunnen ist <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34769\">verboten<\/a>.<\/p><p><strong>GL:<\/strong> Beim Wasser kann jede ehrliche Person entscheiden, ob es sich hier um ein Apartheidsystem handelt oder nicht. Gehen Sie hin und sehen Sie sich an, wie Wasser den pal&auml;stinensischen St&auml;dten und D&ouml;rfern und wie es den j&uuml;dischen Siedlungen zugeteilt wird, und sagen Sie mir dann, ob das in irgendeiner anderen Form als Apartheid definiert werden kann. Das ist nur einer von vielen Aspekten.<\/p><p><strong>RHH:<\/strong> Am Mittwoch beging die j&uuml;dische Gemeinde M&uuml;nchens den j&auml;hrlichen &bdquo;Israel Tag&ldquo; und es ist bemerkenswert, dass sie diesmal zugleich &bdquo;50 Jahre Wiedervereinigung Jerusalems&ldquo; feierte. <\/p><p><strong>GL:<\/strong> Es gibt keine geteiltere Stadt auf der Welt als Jerusalem, von Wiedervereinigung zu sprechen, ist eine gro&szlig;e L&uuml;ge, denn Jerusalem ist nicht vereinigt. Diejenigen, die von Vereinigung sprechen, haben es nie gewagt, in den pal&auml;stinensischen Teil Jerusalems zu gehen, sie wissen nicht, was da vor sich geht, im Fl&uuml;chtlingslager Schoufat oder in anderen pal&auml;stinensischen Stadtvierteln, die stark diskriminiert werden.  Es ist keineswegs eine vereinte Stadt &ndash; sie sollte es auch nicht sein, weil es eine Stadt zweier V&ouml;lker ist. Eine Besatzung zu feiern, ist sehr problematisch, die j&uuml;dische Gemeinde sollte sich fragen: gibt es wirklich einen Grund, die brutale Besatzung eines anderen Volkes zu feiern? Ich bin nicht sicher, dass das ein Grund zum Feiern ist.<\/p><p><strong>RHH:<\/strong> Wie beurteilen Sie es, dass M&uuml;nchens Oberb&uuml;rgermeister Dieter Reiter, ein Sozialdemokrat, die Schirmherrschaft dieser Veranstaltung &uuml;bernommen hat? <\/p><p><strong>GL:<\/strong> Wenn er Schirmherr einer Veranstaltung sein will, die eine brutale milit&auml;rische Besatzung feiert, ist das seine Entscheidung, er ist ein freier B&uuml;rger. Er muss sich nur dar&uuml;ber im Klaren sein, zu welch einer Feier er beitr&auml;gt. Es ist die Feier einer brutalen Besatzung im Westjordanland und in Jerusalem, mit denselben Instrumenten, derselben Brutalit&auml;t. Kein Land der Welt erkennt diese Besatzung an, auch die Jerusalems nicht, aber wenn der B&uuml;rgermeister M&uuml;nchens das tut, ist es sein Recht. Das zu beurteilen, ist Sache der B&uuml;rger.<\/p><p><strong>Hinweis:<\/strong><\/p><p>Am Samstag, 27.5 spricht Gideon Levy in Berlin-Marzahn im Rahmen des Thementages &ldquo;50 Jahre israelische Besatzung &ndash; wir d&uuml;rfen nicht schweigen&rdquo; (Evangelisches Gemeindezentrum Marzahn-Nord, Schleusinger Str. 12),<br>\nVeranstalter: Kairos Pal&auml;stina-Solidarit&auml;tsnetz Deutschland<\/p><p>Am Sonntag, 28. Mai spricht Levy in Hannover (17 Uhr, Lister Turm, Walderseestr. 100),<br>\nVeranstalter: BIB &ndash; B&uuml;ndnis zur Beendigung der israelischen Besatzung e.V.<br>\nund Pal&auml;stinensische Gemeinde Hannover e.V..<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_*\" name=\"foot_*\">&laquo;*<\/a>] Rolf-Henning Hintze war fr&uuml;her Redakteur bei der Frankfurter Rundschau, dem NDR (H&ouml;rfunk) und der Deutschen Welle, danach freie journalistische Arbeit. Er war als Landesbeauftragter des Deutschen Entwicklungsdienstes in Sambia t&auml;tig und hat als Journalist und f&uuml;r Entwicklungsorganisationen mehrere Jahre im s&uuml;dlichen Afrika gearbeitet. Starkes Interesse an Nahost nach f&uuml;nf alternativen Studienreisen nach Pal&auml;stina und Israel. Bei Attac auf EU-Handelsabkommen wie CETA, EPA, TTIP und TiSA spezialisiert. Lebt in M&uuml;nchen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"margin: 0 0 15px 15px; float: right;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170526_levy.jpg\" alt=\"Gideon Levy\" title=\"Gideon Levy\"\/><\/div>\n<p>Der M&uuml;nchner NDS-Leser <strong>Rolf-Henning Hintze<\/strong> (RHH) [<a href=\"#foot_*\" name=\"note_*\">*<\/a>] sprach mit dem regierungskritischen israelischen Journalisten <strong>Gideon Levy<\/strong> (GL). 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