{"id":38498,"date":"2017-05-29T10:35:00","date_gmt":"2017-05-29T08:35:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38498"},"modified":"2017-06-09T13:28:18","modified_gmt":"2017-06-09T11:28:18","slug":"der-verlust-des-kritischen-denkens-und-warum-wir-es-wieder-brauchen-der-text-eines-vortrags-zur-diskussion-in-heidelberg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38498","title":{"rendered":"\u201eDer Verlust des kritischen Denkens und warum wir es wieder brauchen\u201c \u2013 Der Text eines Vortrags zur Diskussion in Heidelberg."},"content":{"rendered":"<p>Hier ist die schriftliche Fassung eines Vortrags, den ich am 23. Mai in Heidelberg gehalten habe. Das Thema, die Abwesenheit von kritischem Denken auch bei gut ausgebildeten Mitmenschen, bewegt viele Leserinnen und Leser der NachDenkSeiten. Im Folgenden finden Sie eine Word Datei und <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/170523-Vortrag-Heidelberg-Villigster-Gruppe-Korrig-und-k.pdf\">hier auch eine PDF-Datei mit dem Text<\/a>. In den n&auml;chsten Tagen folgt auch noch das dazugeh&ouml;rige Video. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong><\/p><p>Einf&uuml;hrung zum Thema:<\/p><p><strong>Der Verlust des kritischen Denkens und warum wir es wieder brauchen<\/strong><\/p><p>In Heidelberg am 23. Mai 2017 19:30 Uhr im Foyer der Friedrich Ebert Gedenkst&auml;tte, Untere Stra&szlig;e 27 auf Einladung der Villigster Gruppe, Heidelberg <\/p><p>(Der Text entspricht dem Manuskript und ist etwas l&auml;nger, als am 23. Mai m&uuml;ndlich ausgef&uuml;hrt)<\/p><p>Danke vielmals f&uuml;r Ihre Einladung. Eingeladen hat die Regionalgruppe Heidelberg des Evangelischen Studienwerks Villigst. Eine Mehrheit unserer G&auml;ste wei&szlig; vermutlich nicht, was das ist, Villigst und Villigster. Es ist jedenfalls keine schlagende Verbindung, nicht einmal eine normale, und ohne jeden Hauch von Vetternwirtschaft. Damit jene, die Villigst nicht kennen, verstehen, um was es dabei geht, muss ich eine kleine Geschichte erz&auml;hlen, die unmittelbar ins Zentrum des Themas unseres Abends f&uuml;hrt: &bdquo;Der Verlust des kritischen Denkens und warum wir es wieder brauchen&ldquo;.<\/p><p>Meine &auml;ltere Schwester, die in Heidelberg Jura studierte, hatte ein Studentenp&auml;rchen zu Freunden, die zur damaligen Villigster Gruppe in Heidelberg geh&ouml;rten. Diese beiden erz&auml;hlten mir 1958 von den Motiven f&uuml;r die Gr&uuml;ndung des Evangelischen Studienwerkes: 1948 seien in Villigst in der N&auml;he von Schwerte an der Ruhr ein paar aufmerksame Zeitgenossen zusammengekommen. Sie hatten realisiert, dass das gebildete B&uuml;rgertum seine Funktion, das Geschehen kritisch und die junge Demokratie freundlich zu begleiten, in der Weimarer Zeit weitgehend vergessen hatte &ndash; die Familien der evangelischen Lehrer, Pfarrer, Gesch&auml;ftsleute, Wissenschaftler usw. hatten keine Ahnung vom Leben der Arbeiterfamilien, keine Ahnung von der sozialen Lage eines Gro&szlig;teils unseres Volkes, sie waren nicht gefeit gegen nationalistisches und militaristisches Denken, und sie waren schon gar nicht immun gegen die Manipulationstechniken der aufkommenden Nazis. Ihre b&uuml;rgerliche Mentalit&auml;t &uuml;berlagerte ihre Pflicht zur kritischen Begleitung des Geschehens.<\/p><p>Die an der Ruhr versammelten Personen zogen daraus konkrete Konsequenzen: Sie gr&uuml;ndeten ein Studienwerk f&uuml;r Studenten und Studentinnen. Im halbj&auml;hrlichen Rhythmus sollten 40-50 Studentinnen und Studenten in einem alten Gutshof an der Ruhr, eben in Villigst bei Schwerte, leben; sie sollten in Stahlwerken und anderen Industriebetrieben sowie sozialen Einrichtungen hart arbeiten. Dann sollten sie in den Universit&auml;tsst&auml;dten in Gruppen zusammenkommen, um fach&uuml;bergreifende Themen zu bearbeiten. Seminare und Freizeiten geh&ouml;rten zus&auml;tzlich noch zum Programm dieses Studienwerks. In einem solchen Seminar referierte ich 1966 &uuml;ber ein bis heute relevantes Thema &bdquo;&Uuml;ber die mit Vorurteilen beladene Sprache in der wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Diskussion&ldquo;. Denken Sie daran, was bei den Worten Wachstum und Export&uuml;bersch&uuml;sse an positiven Urteilen mitschwingt. Die damaligen Arbeiten waren eine Art Vorbereitung f&uuml;r die NachDenkSeiten und meine sp&auml;teren B&uuml;cher &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo; (2004) und &bdquo;Meinungsmache&ldquo; (2009). <\/p><p>Man m&uuml;sste Villigst heute neu erfinden. Man m&uuml;sste die Ein&uuml;bung in kritisches Denken nicht nur f&uuml;r die Jungen, nicht nur f&uuml;r die Studenten, auch f&uuml;r die Alten und die dazwischen neu erfinden. Denn, wie es wohl in Weimar war, haben die gut ausgebildeten Menschen, diese begabten Physiker und Chemiker, die kundigen Philosophen und Juristen, diese professionellen Lehrer und Mediziner verlernt, kritisch zu fragen und zu hinterfragen. Nicht alle von ihnen, aber zu viele. <\/p><p>Es gibt r&uuml;hmliche Ausnahmen. T&auml;glich erleben wir in Briefen, Diskussionsbeitr&auml;gen und E-Mails, dass es ein kritisches Potenzial gibt. Wir erleben sogar in den Medien, die im Durchschnitt auf erschreckende Weise angepasst sind, dennoch Leuchtfeuer an kritischem Verstand. Aber die &uuml;berwiegende Mehrheit ist angepasst und bereit, sich manipulieren zu lassen:<\/p><ul>\n<li>Sie leisten keinen Widerstand gegen Propaganda, kl&auml;ren nicht auf und sind selbst Opfer der gel&auml;ufigen Kampagnen der Meinungsmache. Ein Unterschied zwischen den Leserinnen und Lesern der Bild-Zeitung und jenen der &bdquo;Zeit&ldquo; oder des &bdquo;Spiegel&ldquo; oder der &bdquo;TAZ&ldquo; ist nur schwer auszumachen. Selig vereint mit der Mehrheit des Volkes glaubt auch das Bildungsb&uuml;rgertum nahezu jede Parole, wenn sie nur massiv und aus verschiedenen Ecken und taktisch clever platziert wird.<\/li>\n<li>Sie haben wenig Ahnung von der sozialen Lage der abh&auml;ngig Arbeitenden, insbesondere keine Ahnung vom Prekariat, obwohl ihre Kinder und Enkel oft zu diesem Prekariat geh&ouml;ren oder vor dessen Toren stehen. <\/li>\n<li>Uns geht es gut &ndash; diese Parole der Regierenden kommt bei den gebildeten St&auml;nden an. Was wir den V&ouml;lkern im S&uuml;den Europas antun und welche Folgen das f&uuml;r Europa haben wird, sehen sie nicht. <\/li>\n<li>Die meisten k&uuml;mmert auch nicht die Altersarmut, die in anderen Kreisen droht<\/li>\n<li>Der Feindbildaufbau mit Russland als dem neuen Feind st&ouml;&szlig;t nicht einmal in diesen Kreisen auf nachhaltigen Widerstand. Sie sind keine verl&auml;sslichen Partner friedlichen Zusammenlebens in Europa und haben offensichtlich keine Probleme damit, Milit&auml;r europaweit und weltweit einzusetzen.<\/li>\n<li>Sie haben die Agenda 2010 mitgemacht und waren nicht die verl&auml;ssliche Gruppe zum Schutz des europ&auml;ischen Sozialstaats vor der Zerst&ouml;rung.<\/li>\n<\/ul><p>Diese hart klingenden Beobachtungen m&ouml;chte ich im Folgenden unterf&uuml;ttern, belegen und ich bitte Sie einfach nur, f&uuml;r sich und anhand der Kenntnis ihres Umfelds zu pr&uuml;fen, ob der geschilderte Eindruck der Wirklichkeit entspricht.<\/p><p><strong>Krieg und Frieden<\/strong><\/p><p>Am 10. Oktober 1981 demonstrierten auf der Bonner Hofgartenwiese sch&auml;tzungsweise 300.000 Menschen gegen die atomare R&uuml;stung, gegen die Nachr&uuml;stung. Mit dabei waren Heinrich B&ouml;ll und Erhard Eppler und Petra Kelly.<\/p><p>Heute demonstrieren maximal 1500 Leute in Berlin oder in Ramstein.<\/p><p>Ist die Nachr&uuml;stung damals gef&auml;hrlicher gewesen als der Drohnenkrieg, der von deutschen Boden aus gesteuert wird? Ist die damalige atomare R&uuml;stung schlimmer gewesen als die Modernisierung der Atomwaffen auf dem US-St&uuml;tzpunkt im deutschen B&uuml;chel? Und schlimmer als der Aufmarsch von vielen Panzern in Osteuropa an der Grenze zu Russland? Und schlimmer als die Ausdehnung der NATO bis an die Grenze Russlands?<\/p><p>Von deutschem Boden geht Krieg aus. Die Bundeswehr ist beteiligt in Afghanistan, in Syrien, und in Afrika. Wo sind die machtvollen Demonstrationen gegen diese Beteiligung?<\/p><p>In der DDR verbreiteten sympathische Menschen die Parole: &bdquo;Schwerter zu Pflugscharen&ldquo;. Heute propagiert Verteidigungsministerin von der Leyen ganz selbstverst&auml;ndlich, dass wir Deutschen dem von den USA und der NATO proklamierten Ziel, 2 % des Bruttoinlandsproduktes f&uuml;r R&uuml;stung auszugeben, folgen wollen. Wo ist der Protest des kritischen B&uuml;rgertums?<\/p><p>In den sechziger Jahren haben die Evangelische Kirche mit ihrer Ostdenkschrift und die Studenten mit ihren Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg die Militarisierung der Politik bek&auml;mpft. Am Donnerstag wird der US-amerikanische Pr&auml;sident, der weltweit Kriege der USA gegen andere V&ouml;lker befehligte und &uuml;ber die Drohneneins&auml;tze, die vom pf&auml;lzischen Ramstein aus mit dirigiert werden, entschieden hat, auf dem evangelischen Kirchentag in Berlin empfangen. Ein bisschen Demonstrationen dagegen wird es geben. Aber der gro&szlig;e friedenspolitische Protest bleibt vermutlich aus<\/p><p>Heinrich B&ouml;ll hat in Bonn auf der Hofgartenwiese gesprochen. Heute wird sein Name f&uuml;r eine Stiftung benutzt, die den Konflikt in der Ukraine und den neuen Konflikt zwischen West und Ost angeheizt hat und anheizt.<\/p><p>Erhard Eppler hat 1981 auf der gro&szlig;en Friedens-Demo in Bonn gesprochen. Wo war dann sp&auml;ter seine Stimme gegen die v&ouml;lkerrechtswidrige Intervention der NATO einschlie&szlig;lich Deutschlands im Krieg gegen das Rest-Jugoslawien, im sogenannten Kosovokrieg? Der Einsatz der Bundeswehr im Kosovo Krieg war der &Uuml;bungsfall und Einstieg f&uuml;r die Mitwirkung Deutschlands an milit&auml;rischen Interventionen all &uuml;berall auf der Welt. Eppler hat diese milit&auml;rische Intervention genauso wie jene in Afghanistan bef&uuml;rwortet; heute warnt er immerhin vor einer weiteren Eskalation im West-Ostkonflikt. aber das kommt viel zu sp&auml;t. Den Einstieg in die Politik der milit&auml;rischen Intervention statt einer aktiven Friedenspolitik hat Eppler abgesegnet und war damit eine wichtige Berufungsinstanz f&uuml;r all die vielen kritischen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger, die einmal kritisch und Teil der Friedensbewegung waren und sich jetzt davon abgewandt haben. <\/p><p>Nicht nur er. Man k&ouml;nnte reihenweise Sozialdemokraten und Gr&uuml;ne beim Namen nennen, die dieses Spiel mit betrieben haben.<\/p><p>1990, am Ende des Konfliktes zwischen Ost und West, zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt, hat man uns versprochen, jetzt w&uuml;rde der Versuch gemacht, gemeinsam eine Sicherheitsarchitektur in Europa aufzubauen. Man sprach von Gemeinsamer Sicherheit und von Abr&uuml;stung, von einem Ende der Bl&ouml;cke und einer Aufl&ouml;sung der Milit&auml;rb&uuml;ndnisse. So steht es sogar im Berliner Grundsatzprogramm der SPD. Aber: Das ist alles vergessen und das kritische B&uuml;rgertum schweigt.<\/p><p>Die Formel vom Wandel durch Ann&auml;herung ist auf den Kopf gestellt. Es wird angeheizt. Es wird nicht angen&auml;hert. Es wird an der Konfrontation gebastelt. Alles, was man an sinnvollen Regeln w&auml;hrend und in der Vorbereitung zur Ostpolitik gelernt hat und eingef&uuml;hrt hat, ist vergessen: &bdquo;Vertrauensbildende Ma&szlig;nahmen&ldquo;, hie&szlig; es damals, sollten den Umgang miteinander bestimmen. Stattdessen wird heute am Feindbild Russland und am Feindbild des dortigen Pr&auml;sidenten gezimmert. Ich f&uuml;hle mich erinnert an meine Studentenzeit in Berlin und auch an Auseinandersetzungen, die wir hier am Anfang der F&uuml;nfzigerjahre in Heidelberg und Umgebung mit Bef&uuml;rwortern der Wiederbewaffnung hatten. <\/p><p>Es gab die militanten Kalten Krieger. Jetzt kehren sie wieder zur&uuml;ck und dazu geh&ouml;ren heute nicht nur die Hardliner von der Jungen Union und vom Ring Christlich Demokratischer Studenten. Es geh&ouml;ren ganz andere Kreise dazu, solche, die man fr&uuml;her zum kritischen, gebildeten B&uuml;rgertum gez&auml;hlt h&auml;tte. Dann muss man heute froh sein, wenn man auf einen abgesprengten Christdemokraten wie den fr&uuml;heren Parlamentarischen Staatssekret&auml;r Willy Wimmer trifft. Er macht in seiner Partei und in der &Ouml;ffentlichkeit Front gegen den neuen Kalten Kriegskurs.<\/p><p>Die Kalten Krieger sitzen heute nicht nur beim Springer-Verlag oder in einzelnen rechtskonservativen Sendungen des ZDF. Sie sitzen &uuml;berall. auch bei der S&uuml;ddeutschen Zeitung und der Zeit und beim Spiegel. Ich zeige Ihnen mal einige Spiegel-Titel zu Putin: <\/p><p>Hier zur Vorbereitung des Geschehens auf dem Maidan im Dezember 2013:<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170523-Vortrag-Heidelberg-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Und hier eine weitere &bdquo;vertrauensbildende Ma&szlig;nahme&ldquo; des sogenannten Nachrichtenmagazins Der Spiegel &ndash; vom Juli 2014:<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170523-Vortrag-Heidelberg-02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>28.7.2014<\/p><p>Und hier werden die Opfer des abgeschossenen malaiischen Flugzeugs MH 17 ohne Z&ouml;gern dem russischen Pr&auml;sidenten pers&ouml;nlich zugeordnet. Das stammt auch vom Juli 2014:<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170523-Vortrag-Heidelberg-03.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Die hoch gesch&auml;tzte &bdquo;Zeit&ldquo; beteiligt sich an der Kampagne:<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170523-Vortrag-Heidelberg-04.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Das war eine b&ouml;sartige Interpretation der Rede des russischen Ministerpr&auml;sidenten auf der M&uuml;nchner Sicherheitskonferenz 2016. Eine Reihe von Medien haben &ndash; vermutlich abgesprochen &ndash; die Rede von Medwedew auf den Kopf gestellt. Umgedreht, verdreht, um die Stimmung anzuheizen. Ein Musterbeispiel f&uuml;r gemachte Gleichrichtung.<\/p><p>Das ist die heutige Lage. Der Geist entspricht dem alten Plakat der CDU, der CSU und der NPD, das Sie hier sehen.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170523-Vortrag-Heidelberg-05.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>So hart war das fr&uuml;her. Heute ist es nicht viel besser. Ja sogar schlimmer, weil dieser Geist inzwischen gebildete und intelligente Leute erfasst hat.<\/p><p>Das folgende Foto zeigt den deutschen Au&szlig;enminister und Innenminister w&auml;hrend <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/parlament\/geschichte\/gastredner\/putin\/putin_wort\/244966\">der Rede des russischen Pr&auml;sidenten Putin im deutschen Bundestag am 25. September 2001<\/a>. Putin warb damals um eine gemeinsame Sicherheitspolitik. Aber damals waren die W&uuml;rfel und die Bomben auf Jugoslawien schon gefallen, und insbesondere der deutsche Au&szlig;enminister war schon auf dem Weg in die enge Freundschaft mit der US-amerikanischen Au&szlig;enministerin Albright und deren milit&auml;rischer Interventionspolitik. Deshalb die betretenen Gesichter der rot-gr&uuml;nen Verantwortlichen.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170523-Vortrag-Heidelberg-06.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Vermutlich ist der hier sichtbare Schwenk der Meinungsf&uuml;hrer des kritischen B&uuml;rgertums mitverantwortlich f&uuml;r die Abkehr von der Friedensbewegung im weitesten Sinne.<\/p><p>Warum leistete das deutsche kritische B&uuml;rgertum keinen Widerstand gegen diese Abkehr von einer wirklich erfolgreichen Ostpolitik? Warum haben sie jede Kurve mitgemacht? Gab und gibt es keine eigene Substanz, kein R&uuml;ckgrat, keinen Kopf, kein Herz gegen die Ausflucht in die milit&auml;rische Intervention und Konfrontation?<\/p><p><strong>Agenda 2010<\/strong><\/p><p>Springen wir in die Innenpolitik: zur Agenda 2010 oder anders ausgedr&uuml;ckt zur sogenannten Reformpolitik der Regierung Schr&ouml;der. Als Schr&ouml;der die Summe dieser seiner Politik zog, vorgetragen beim Wirtschaftsgipfel in Davos, also in den passenden Kreisen, da sagte er 2005 in Davos:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Wo war der Protest des kritischen B&uuml;rgertums in Deutschland. Hier erkennt man die gleiche Schw&auml;che, wie die Gr&uuml;nder des Evangelischen Studienwerks das 1948 f&uuml;r die Weimarer Republik festgestellt hatten: keine Ahnung von der sozialen Lage jener Menschen, die im Niedriglohnsektor zurechtkommen m&uuml;ssen. Keine Ahnung und keine Solidarit&auml;t.<\/p><p><strong>Konjunkturprogramme und Reservearme<\/strong><br>\nDer Niedriglohnsektor, d.h. ein gro&szlig;er Bereich von Besch&auml;ftigung zu niedrigen L&ouml;hnen, ist nicht vom Himmel gefallen. Mehreres hat dazu beigetragen: <\/p><ul>\n<li>die Agenda 2010 mit der Streichung der Arbeitslosenversicherung nach einem Jahr,<\/li>\n<li>die massive F&ouml;rderung von Leiharbeit und befristeter Arbeitsvertr&auml;ge,<\/li>\n<li>die Kampagne gegen Konjunkturprogramme und aktive Besch&auml;ftigungspolitik.<\/li>\n<\/ul><p>Die Arbeitslosigkeit wurde nicht mehr bek&auml;mpft, sondern verwaltet. Das war der Kern der damaligen Wende. Die Existenz einer Reservearmee von Arbeitslosen und von schlecht bezahlten Menschen in unsicheren Arbeitsverh&auml;ltnissen und in Leiharbeit bildet seitdem die Drohkulisse auch f&uuml;r jene Menschen, die einen Arbeitsplatz haben. Sie wissen, dass sie im ung&uuml;nstigsten Fall auch in ungesicherte Arbeitsverh&auml;ltnisse und schlecht bezahlte Jobs abgleiten. In dem Interview mit Klaus D&ouml;rre, das die NachDenkSeiten am 19. Mai ver&ouml;ffentlicht haben, werden diese Zusammenh&auml;nge erl&auml;utert und begr&uuml;ndet. (Siehe hier <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38356\">Die Renaissance der Klassengesellschaft. Ein Interview mit dem Soziologen Prof. Dr. Klaus D&ouml;rre &uuml;ber Lebens- und Arbeitsbedingungen in Deutschland.<\/a>)<\/p><p>Die Zusammenh&auml;nge zwischen Reservearmee auf dem Arbeitsmarkt und dem Druck auf die L&ouml;hne wurden von unseren ehedem kritischen Mitb&uuml;rgern nicht gesehen. Nicht einmal sogenannte linke Intellektuelle haben diesen Zusammenhang wahrgenommen und haben sich in die Polemik gegen Konjunkturprogramme und aktive Besch&auml;ftigungspolitik eingereiht. Herausragendes Beispiel daf&uuml;r ist wiederum Erhard Eppler. Es war Mode im Deutschland nach 1973, gegen Konjunkturprogramme zu polemisieren. Derart modisch gekleidet war ein breites B&uuml;ndnis, vom CDU-Vorsitzenden bis zu vermeintlich linken &Ouml;konomen und Soziologen, die in st&auml;ndig wiederholenden Schleifen behaupteten, Keynes sei out, die Konjunkturpolitik habe bei Kanzler Schmidt versagt, usw. &ndash; und es gab keinen Widerstand vom aufgekl&auml;rten B&uuml;rgertum.<\/p><p><strong>Demographie und Altersvorsorge<\/strong><\/p><p>Die Debatte um den angeblich dramatischen demographischen Wandel und die f&uuml;r die Altersvorsorge daraus folgenden Konsequenzen ist das eindrucksvollste Beispiel f&uuml;r das Versagen des kritischen B&uuml;rgertums. Die Ausgangslage war durchaus zu durchschauen, wenn man wollte. Aber viele, ja die meisten, wollten offensichtlich nicht sehen, dass am Anfang die &Uuml;berlegung der Banken und der Versicherungswirtschaft stand, ein neues Gesch&auml;ftsmodell aufzutun. Ich zitiere zum Beleg einen Text von 1997, er ist also 20 Jahre alt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die privaten Lebensversicherungsgesellschaften nehmen heute knapp 90 Milliarden (damals DM) an Pr&auml;mien ein. Sie wittern jetzt das Gesch&auml;ft des Jahrhunderts. Schlie&szlig;lich hat die gesetzliche Rentenversicherung einen Leistungsumfang von ca. 300 Milliarden. Nur ein Zehntel dieses Kuchens heraus zu schneiden br&auml;chte den privaten Lebensversicherungen einen Zuwachs ihrer Pr&auml;mien von 33 %, also einen au&szlig;erordentlich gro&szlig;en Gesch&auml;ftszuwachs.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dieses Zitat stammt aus einem beim Aufbau-Verlag erschienenen Taschenbuch mit dem Titel &bdquo;Mut zur Wende&ldquo;. Autor war ich. Sie k&ouml;nnen sich vorstellen, wie bedr&uuml;ckend es ist, wenn man seit 20 Jahren darauf hinweist, wie verlogen die Demographiedebatte ist und wie mutwillig eine der besten gesellschaftlichen Einrichtungen unseres Landes, die Gesetzliche Rente, der Erosion preisgegeben worden ist. Nicht allein mutwillig, auch getrieben von politischer Korruption der involvierten Professoren, Medien und Politiker wurde trotzdem der angeblich dramatische demographische Wandel benutzt, um dem Einstieg der staatlich gef&ouml;rderten Privatvorsorge den Weg zu bereiten.<\/p><p>Das gebildete B&uuml;rgertum hat in der Debatte um demographischen Wandel und Altersvorsorge total versagt. Sie haben alles geglaubt: <\/p><ul>\n<li>dass es dramatisch sei, wenn ein Arbeitsf&auml;higer f&uuml;r immer mehr Alte arbeiten m&uuml;sse. <\/li>\n<li>Sie haben nicht nachgefragt, ob die Produktivit&auml;tsentwicklung unserer Volkswirtschaft nicht etwa ausreicht, um die Mehrbelastung aufzufangen. Der Sozialpolitiker Professor Richard Hauser hatte dies schon Anfang des Jahrhunderts in seiner Abschiedsvorlesung belegt. Die Produktivit&auml;tsentwicklung w&uuml;rde ausreichen, um den Arbeitenden, den Alten und den Jungen auch in Zukunft ihr Auskommen zu sichern.<\/li>\n<li>Auch die gebildeten B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger haben geglaubt, dass mit Privatvorsorge das angebliche demographische Problem gel&ouml;st werden k&ouml;nnte. Wie soll das denn gehen? Werden mehr Kinder geboren, wenn die Altersvorsorge zus&auml;tzlich zur geschm&auml;lerten Gesetzlichen Rente auf subventionierte Privatvorsorge abgest&uuml;tzt wird? <\/li>\n<li>Und sie und wir haben dann gegen alle sonst verbreitete Vernunft, Subventionen f&uuml;r die Riester-Rente und die R&uuml;rup-Rente und die private betriebliche Altersvorsorge bereitgestellt.<\/li>\n<\/ul><p>Diese neuen Formen der Altersvorsorge sind durchgehend Flops geworden. Teure Flops. Aber diese Politik wurde in einer gro&szlig;en Propagandaschlacht und dem dazugeh&ouml;rigen T&auml;uschungsman&ouml;ver von Politik und Medien, von Wissenschaft und Finanzwirtschaft den Menschen eingetrichtert. Ohne nennenswerten Widerstand des gebildeten B&uuml;rgertums. Das ist ein trauriger Befund von versagender demokratischer Willensbildung.<\/p><p>Im Schnelldurchgang folgen ein paar Dokumente zur Medienarbeit zur &bdquo;Bew&auml;ltigung des demographischen Wandels&ldquo;. Das ist ironisch gemeint. Schauen Sie hier, das gab&rsquo;s in der Bild-Zeitung am 31. Januar 2006:<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170523-Vortrag-Heidelberg-07.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Und hier wird die junge Generation gegen die Alten aufgehetzt:<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170523-Vortrag-Heidelberg-08.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Nebenbei: das ist die Bestellung des Feldes f&uuml;r Pegida und AfD im Zentralorgan der angeblich demokratischen Medien unseres Landes, in der Bild-Zeitung: <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170523-Vortrag-Heidelberg-09.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Das war die Bild-Zeitung, wie sie leibt und lebt; tja und das gab&rsquo;s f&uuml;r die gebildeten St&auml;nde:<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170523-Vortrag-Heidelberg-10.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Hemmungslose Dramatisierung. Aber die Macher wussten, dass der Spiegel das mit seinen Leserinnen und Lesern anstellen kann.<br>\nHier liegt der einsame k&uuml;nftige Ern&auml;hrer ganzer Rentnergenerationen:<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170523-Vortrag-Heidelberg-11.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Der Spiegel ist sich f&uuml;r nichts zu bl&ouml;de und zu schade: &bdquo;Raum ohne Volk&ldquo; hie&szlig; es am 23. Oktober des Jahres 2000. Zur Einsch&auml;tzung sollte man wissen: Damals lebten mehr Menschen auf dem deutschen Staatsgebiet als 1939, als die Nazis propagierten, wir seien ein &bdquo;Volk ohne Raum&ldquo; und auch damit den Krieg gegen die Sowjetunion begr&uuml;ndeten.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170523-Vortrag-Heidelberg-12.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Im Einleitungstext hei&szlig;t es:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ohne Zuzug droht ein Kollaps der Volkswirtschaft, denn die einheimische Bev&ouml;lkerung schrumpft in diesem Jahrhundert dramatisch.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Eigentlich h&auml;tten nach diesen Leistungen &uuml;ber den letzten Deutschen und den Raum ohne Volk alle denkenden Menschen ihr Abo beim &bdquo;Spiegel&ldquo; k&uuml;ndigen m&uuml;ssen. Wir haben das leider nicht vernommen, w&uuml;rden aber immer noch daf&uuml;r werben, das Abo von &bdquo;Zeit&ldquo; und &bdquo;Spiegel&ldquo; und &bdquo;TAZ&ldquo; und &bdquo;Frankfurter Rundschau&ldquo; gegen eine F&ouml;rderung der NachDenkSeiten einzutauschen.<\/p><p>Bei weitem nicht nur der &bdquo;Spiegel&ldquo;, auch die &bdquo;Zeit&ldquo;, nahezu alle Regionalzeitungen und Illustrierten und das Erste und das Zweite Deutsche Fernsehen haben in Sachen demographischer Wandel get&auml;uscht und betrogen. Hier ein Beispiel einer als Dokumentation und Faktenrecherche aufgemachten Agitation des ZDF:<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170523-Vortrag-Heidelberg-13.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Die gebildeten St&auml;nde sind genauso manipulierbar wie die weniger gut ausgebildeten. Das ist das bittere Fazit. Und da gibt es nichts daran zu deuteln. Deprimierend. <\/p><p>Einer, der am Anfang bei der Dramatisierung mitmachte, war Frank Schirrmacher, der damalige Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. In seinem Bestseller,&nbsp;Methusalem-Komplott, hat er &uuml;bertrieben. Sp&auml;ter sind wir uns dann in einem regen Gedankenaustausch nahe gekommen. Das war das Erfreuliche an diesem Menschen und Intellektuellen. Er konnte nachdenken und hatte die Kraft und die Gr&ouml;&szlig;e zur Revision einer Fehleinsch&auml;tzung. <\/p><p>Mehr w&auml;re auch von anderen nicht zu verlangen. Die Welt ist so verr&uuml;ckt. Es wird so schrecklich vieles behauptet, Propaganda, Verf&uuml;hrung, Agitation bestimmt unser Leben. Deshalb sind gedankliche Irrwege nicht auszuschlie&szlig;en.<\/p><p>Hauptsache, die Menschen finden wieder zur&uuml;ck zur Vernunft. Nur daf&uuml;r werbe ich.<\/p><p><strong>Es gibt eine F&uuml;lle anderer Beispiele f&uuml;r den Niedergang des kritischen Verstandes und f&uuml;r das Versagen. Mit groben Strichen will ich ein paar andere Beispiele skizzieren:<\/strong><\/p><p><strong>Uns geht es gut. Die S&uuml;dl&auml;nder sind selbst schuld.<\/strong><\/p><p>Was in der Eurozone falsch gelaufen ist und falsch l&auml;uft, ist schwer zu durchschauen, das gebe ich zu. Der Durchblick verlangt ein bisschen &ouml;konomische Schulung, aber eigentlich noch mehr einfach nur kritischen Verstand. In diesem Sinne w&auml;re zu fragen:<\/p><ul>\n<li>wenn wir Deutschen nun schon seit Jahren Export&uuml;bersch&uuml;sse &ndash; genauer gesagt: Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse &ndash; haben und akkumulieren, dann m&uuml;ssen nach einfacher Saldenmechanik andere V&ouml;lker Defizite haben. Und wenn man das nicht will, weil es auf Dauer dazu f&uuml;hrt, dass einzelne L&auml;nder sich bei anderen L&auml;ndern immer mehr verschulden, dann muss man daf&uuml;r sorgen, dass die Volkswirtschaften sich einigerma&szlig;en im Geleitzug entwickeln. Oder man muss auf die gemeinsame W&auml;hrung verzichten. Deshalb muss ein denkender Mensch eigentlich klar sehen: Dass sich Herr Sch&auml;uble und Frau Merkel der Export&uuml;bersch&uuml;sse r&uuml;hmen, ist nicht akzeptabel. Wenn sie das trotzdem tun, m&uuml;ssen sie als Feinde Europas betrachtet werden. Diese Qualifizierung ist ernst gemeint! Merkel und Sch&auml;uble sind die eigentlichen Totengr&auml;ber Europas, auch wenn sie einen ganz anderen Eindruck erwecken.<\/li>\n<li>&Uuml;ber eine l&auml;ngere Periode hinweg Export&uuml;bersch&uuml;sse zu haben, hei&szlig;t Arbeitslosigkeit zu exportieren. So ist es. Die grandiose Arbeitsmarkt-Bilanz unserer Regierung baut auf dem Elend anderer V&ouml;lker auf. Das allein h&auml;tte schon den Aufschrei der denkenden Mitmenschen ausl&ouml;sen m&uuml;ssen.<\/li>\n<li>Noch mehr gilt das, wenn offen dar&uuml;ber schwadroniert wird, dass wir Deutschen ja die arbeitslosen Jugendlichen aus Spanien oder Italien oder Griechenland hierherholen k&ouml;nnten. Das ist offen proklamierte Ausbeutung anderer V&ouml;lker, die ihre Jugendlichen ausgebildet haben. Ich stehe sprachlos am Rande solcher Debatten. <\/li>\n<\/ul><p><strong>Letzthin hat eine K&ouml;lner Freundin, eine alte Sozialdemokratin, erz&auml;hlt, dass in ihren Kreisen schon herumerz&auml;hlt wird, Angela Merkel sei ja gut, aber sie sei in der falschen Partei, und dass diese Einsch&auml;tzung und Wertsch&auml;tzung vor allem ihrer Fl&uuml;chtlingspolitik zu verdanken sei.<\/strong><\/p><p>Ja, so einfach ist der Umgang mit Deutschlands gebildetem B&uuml;rgertum. Man macht sich &uuml;ber die Griechen her, l&auml;sst sie durch die Bild-Zeitung mies beschimpfen &hellip; So:<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170523-Vortrag-Heidelberg-14.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Oder so:<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170523-Vortrag-Heidelberg-15.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Und wenn dann der Ruf unseres Landes und auch der Kanzlerin ruiniert ist, dann macht man die Arme auf und ist offen f&uuml;r alle Fl&uuml;chtlinge, jedenfalls tut man so.<\/p><p>Dann kann man als Bundeskanzlerin fest darauf vertrauen, dass das deutsche Bildungsb&uuml;rgertum Eins und Eins und noch mal Eins nicht zusammenz&auml;hlt. Wir denken nicht in Zusammenh&auml;ngen, auch nicht mit Abitur und Studium:<\/p><ul>\n<li>Wir sehen nicht, dass der Westen mit seiner Agrarpolitik ein gro&szlig;es St&uuml;ck Mitverantwortung f&uuml;r die schlechte wirtschaftliche Entwicklung in afrikanischen L&auml;ndern und die Fluchtbewegung tr&auml;gt.<\/li>\n<li>Wir sehen nicht, dass die Kriege des Westens von Libyen bis nach Afghanistan Millionen von Menschen entwurzelt und vertrieben haben und diese armen Menschen jetzt vor unserer T&uuml;r stehen.<\/li>\n<li>Wir sehen nicht, dass unsere eigene Regierung an dieser Milit&auml;rpolitik beteiligt ist.<\/li>\n<li>Wir sehen nicht einmal, dass die offenen Arme von Frau Merkel von einem Deal mit dem t&uuml;rkischen Pr&auml;sidenten Erdogan gest&uuml;tzt sind.<\/li>\n<\/ul><p>Viele Mitmenschen denken nicht in Zusammenh&auml;ngen. Sie sind emotional ber&uuml;hrt. Und wehe, es macht jemand wie Sahra Wagenknecht darauf aufmerksam, dass die emotionale Betroffenheit nicht reicht, dann stecken wir sie in die Querfrontkiste und stellen sie damit unter den Verdacht der Abweichung nach rechts.<\/p><p><strong>Es w&auml;ren noch eine Reihe anderer Themata anzuf&uuml;gen, bei deren politischer Behandlung und Meinungsbildung sichtbar wird, wie wenig kritisch auch Menschen mit einer guten Ausbildung und hohem Wissensstand mit dr&auml;ngenden Fragen unserer Zeit umgehen. Dazu geh&ouml;ren zum Beispiel:<\/strong><\/p><ul>\n<li>Die Bewunderung f&uuml;r Macron. <\/li>\n<li>Oder das Desinteresse und die wenig kritische Betrachtung der Einkommensverteilung und Verm&ouml;gensverteilung in Deutschland. Wenn Thomas Piketty einen Bestseller landet, dann sind wir begeistert &ndash; aber nur kurz.<\/li>\n<li>Oder die Ignoranz gegen&uuml;ber den massiven Nachteilen der Privatisierung wichtiger &ouml;ffentlicher Einrichtungen.<\/li>\n<li>Oder das Schlucken der Schuldenbremse &ndash; einer wahrlich irren Einrichtung zur Kastration der Parlamente.<\/li>\n<li>Oder die Bewunderung f&uuml;r Pisa.<\/li>\n<li>Oder die mangelnde Distanz zu Bertelsmann.<\/li>\n<li>Oder: wo blieb eigentlich das wache Auge gegen G8?<\/li>\n<\/ul><p>Ich denke, es ist ausreichend belegt, dass wir akut und massiv unter dem Verlust von kritischer Begleitung des Zeitgeschehens leiden.<\/p><p><strong>Zur Entschuldigung kann man auf die Medien und die Ver&auml;nderungen in diesem wichtigen Bereich der Meinungsbildung und Entscheidungsfindung hinweisen. Dieser Hinweis ist berechtigt:<\/strong><\/p><p>Vor dem Versagen des kritischen B&uuml;rgertums rangiert das Versagen der Medien und das hat wiederum mit verschiedenen Entwicklungen im Bereich der Medien zu tun. Vier gravierende Ver&auml;nderungen nenne ich:<\/p><p>Erstens: Die Kommerzialisierung der elektronischen Medien mit vielen Konsequenzen. Die &ouml;ffentlich-rechtlichen Sender haben sich den Kommerziellen angepasst. Der Kampf um die Einschaltquoten bestimmt Formate und das Gewicht der Informationen im Kampf mit Unterhaltung und Manipulation.<\/p><p>Zweitens: Die Wirtschaft und die CDU\/CSU haben eine rigorose Personalpolitik bei den &Ouml;ffentlich-rechtlichen Sendern durchgesetzt, bei den kommerziellen Sendern herrschen sie sowieso. Die Konsequenz sieht man deutlich beim WDR, beim NDR und beim Hessischen Rundfunk. Die Qualit&auml;t hat nachgelassen. <\/p><p>Drittens gab es einen Schub an neuer Konzentration der Medien.<\/p><p>Und viertens ist der Arbeitsmarkt f&uuml;r Journalistinnen und Journalisten so miserabel, dass sich nur berufliche Selbstm&ouml;rder eine kritische Lippe leisten k&ouml;nnen.<\/p><p>Bei wichtigen Medien, die sich bisher zur Orientierung f&uuml;r das kritische B&uuml;rgertum eigneten, ist die Ordinate nach rechts verschoben worden: Bei der Frankfurter Rundschau, bei der TAZ, bei der S&uuml;ddeutschen Zeitung, beim Spiegel, bei der Zeit, beim Stern &ndash; und bei den &ouml;ffentlich-rechtlichen Sendern und ihren kritischen Formaten wie Panorama und Report sowieso.<\/p><p>Die Nutzerinnen und Nutzer dieser Medien, auch jene, die ich kritische B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger nenne, sind aber oft ihren vertrauten Medien treu geblieben. Damit hat sich ihr Weltbild oft auch nach rechts verschoben.<br>\nN&ouml;tig war das nicht. Eigentlich k&ouml;nnten diese gut ausgebildeten Menschen die Verschiebung bemerken und h&auml;tten Widerstand leisten m&uuml;ssen. Aber offensichtlich ist das zu viel erwartet.<\/p><p><strong>Es gibt noch eine andere Entschuldigung daf&uuml;r, dass das kritische B&uuml;rgertum so orientierungslos ist und so unkritisch.<\/strong><\/p><p>Viele Zusammenh&auml;nge sind schwer zu verstehen. Oft geht es um &ouml;konomische Zusammenh&auml;nge. Hier hatte die b&uuml;rgerliche Welt noch nie einen richtigen Durchblick. Aber das kann doch nicht daf&uuml;r entschuldigen, sich nicht darum zu k&uuml;mmern. So schwer ist es doch auch wieder nicht, die &ouml;konomischen Zusammenh&auml;nge zu verstehen. Nehmen wir das Beispiel der Export&uuml;bersch&uuml;sse und das Auseinanderdriften Europas, weil die Wettbewerbsf&auml;higkeit &ndash; &ouml;konomisch gesprochen: die Lohnst&uuml;ckkosten &ndash; sich verschieden entwickelt haben, mit der Konsequenz, dass die Einen sich mit Import&uuml;bersch&uuml;ssen verschulden und die Anderen mit Export&uuml;bersch&uuml;ssen Forderungen aufbauen. Dass die deutsche Politik mit dem Pochen auf Export&uuml;bersch&uuml;sse und der damit verbundenen Selbstbeweihr&auml;ucherung ein Desaster ist, h&auml;tte auch ein Nicht-&Ouml;konom bemerken k&ouml;nnen.<\/p><p>Au&szlig;erdem: Nicht alles ist &Ouml;konomie. Um zu verstehen und zu durchschauen, dass der demographische Wandel zum bedrohlichen Hirngespinst aufgeblasen worden ist, muss man ja kein &Ouml;konom sein. Ein bisschen historische Bildung hilft zu erkennen, dass es diesen demographischen Wandel immer schon gab &ndash; sp&auml;testens seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Sie hilft dabei zu erkennen, dass trotz zweier Weltkriege die Versorgung der Rentner auch von einer geschm&auml;lerten Generation der Arbeitsf&auml;higen geschafft wurde.<\/p><p>Auch um zu begreifen, dass die Ostpolitik mit ihrer gro&szlig;en strategischen &Uuml;berlegung &bdquo;Wandel durch Ann&auml;herung&ldquo; seit 1990 auf den Kopf gestellt und damit kr&auml;ftig besch&auml;digt worden ist, braucht man kein &ouml;konomisches Verst&auml;ndnis. Nur Verstand. Und auch ein bisschen Erinnerungsverm&ouml;gen und auch ein bisschen Kenntnis der Strategien der deutschen Bundesregierung in den sechziger und siebziger Jahren, und auch ein bisschen Erinnerungsverm&ouml;gen an das hilfreiche Wirken der Evangelischen Kirche in Deutschland, zum Beispiel mit der Ost-Denkschrift von 1965. Das war n&auml;mlich ein eindringlicher Aufruf zur Vers&ouml;hnung zwischen West und Ost und damit eine Hilfe f&uuml;r die gerade begonnene und dann in der Regierung fortgef&uuml;hrte Entspannungspolitik Willy Brandts.<\/p><p><strong>Was tun?<\/strong><\/p><p>Wenn ich f&uuml;r die Hochschulpolitik verantwortlich w&auml;re, w&uuml;rde ich auch heute und zwar fl&auml;chendeckend eine angepasste Version des Konzeptes der Villigster Gr&uuml;nder von 1948 einf&uuml;hren. Aber das bin ich nicht. Und andere mit dem gleichen Impetus sind es auch nicht. Also backen wir kleinere, jedenfalls andere Br&ouml;tchen.<\/p><p><strong>Eine neue Offensive der Aufkl&auml;rung:<\/strong><\/p><p>Packen wir die gut situierten und gut ausgebildeten Mitb&uuml;rgerinnen und Mitb&uuml;rger bei ihrem Sinn f&uuml;r &ouml;ffentliche Verantwortung, und sei es nur den noch vorhandenen Rest. <strong>Ihr Sein darf nicht das Bewusstsein bestimmen<\/strong>.<\/p><p>Fundament der Aufkl&auml;rung ist zun&auml;chst einmal die bewusste Wahrnehmung des Zustands unserer Medien. Zu ihnen muss jeder, der auf seine Eigenst&auml;ndigkeit achtet, Distanz schaffen.<\/p><p>Fundament der Aufkl&auml;rung in der heutigen Zeit ist das Bewusstsein und die Kenntnis dessen, dass wir immer wieder penetrant und intensiv manipuliert und fremdbestimmt werden. Deshalb ist der fundamentale Grundsatz wohl der: Glaubt nicht, was Ihr h&ouml;rt, lest und seht.<\/p><p>Entwickelt die F&auml;higkeit, hinter die Kulissen zu schauen.<\/p><p>Entwickelt die F&auml;higkeit, die Methoden zu durchschauen, mittels derer ihr manipuliert werdet.<\/p><p>Befasst euch mit den gro&szlig;en F&auml;llen der Irref&uuml;hrung. Lernt zu durchschauen, wenn Kampagnen der Meinungsbeeinflussung aufgelegt werden, nicht erst, wenn sie ihre Wirkung entfaltet haben. Widersprecht schon zu Anfang.<\/p><p>Redet mit euren Freunden, mit euren Nachbarn, mit euren Kindern, Enkeln und Eltern &uuml;ber die st&auml;ndige Bedrohung der demokratischen Willensbildung. Macht Ihnen bewusst, dass diese Bedrohung nicht nur von den Trumps, der AfD oder von Pegida ausgeht, auch nicht nur von Le Pen &ndash; auch von Macron, auch von Hillary Clinton und von Obama. Und bei uns von den etabliertesten der etablierten Medien. Leider von den &Ouml;ffentlich-rechtlichen Sendern genauso wie von den kommerziellen. Leider von der &bdquo;Zeit&ldquo; und dem &bdquo;Spiegel&ldquo; genauso wie von der Bild-Zeitung.<\/p><p><strong>Unserem Denken und Analysieren der &ouml;ffentlichen Vorg&auml;nge muss sozusagen als Klammer vorgeschaltet sein: Vorsicht! Es k&ouml;nnte Manipulation sein. Sehr wahrscheinlich sogar. <\/strong><\/p><p>Lernt von Orwell:<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170523-Vortrag-Heidelberg-16.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Diese von Orwell formulierte Erkenntnis geh&ouml;rt als Aufkleber auf Ihren Computer und auf den Fernseher, fr&uuml;her h&auml;tte man gesagt: an den K&uuml;chenschrank.<\/p><p>Nutzen Sie kritische Medien des Internets. Auch die NachDenkSeiten. Sie sind gegr&uuml;ndet worden, um t&auml;glich Manipulationen aufzudecken. Das liefern wir frei Haus. Bedienen Sie sich. Und werden Sie selbst aktiv bei der Aufkl&auml;rungsarbeit.<br>\nDas zu tun ist spannend.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hier ist die schriftliche Fassung eines Vortrags, den ich am 23. Mai in Heidelberg gehalten habe. Das Thema, die Abwesenheit von kritischem Denken auch bei gut ausgebildeten Mitmenschen, bewegt viele Leserinnen und Leser der NachDenkSeiten. Im Folgenden finden Sie eine Word Datei und <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/170523-Vortrag-Heidelberg-Villigster-Gruppe-Korrig-und-k.pdf\">hier auch eine PDF-Datei mit dem Text<\/a>. In den n&auml;chsten Tagen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38498\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[110,105,35,170,123,145],"tags":[1572,635,459,2013,1654,1055,1120,904,499,2023,1268,299,1156,319,300,315,893,466,1554,397,288,273,487,915,1367,1352,312,479,259,440,786,411,420,221,244],"class_list":["post-38498","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-agenda-2010","category-aktuelles","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-friedenspolitik","category-kampagnentarnworteneusprech","category-sozialstaat","tag-abruestung","tag-altersarmut","tag-bild","tag-entspannungspolitik","tag-eppler-erhard","tag-fluechtlinge","tag-friedensbewegung","tag-grv","tag-handelsbilanz","tag-jugendarbeitslosigkeit","tag-kalter-krieg","tag-konjunkturprogramme","tag-leiharbeit","tag-lohnentwicklung","tag-mueller-albrecht","tag-merkel-angela","tag-militarisierung","tag-nato","tag-orwell-2-0","tag-ostpolitik","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-privatvorsorge","tag-produktivitaet","tag-putin-wladimir","tag-ruestungsausgaben","tag-rechtsruck","tag-reformpolitik","tag-reservearmee","tag-russland","tag-schaeuble-wolfgang","tag-schirrmacher-frank","tag-schroeder-gerhard","tag-spiegel","tag-versicherungswirtschaft","tag-vierte-gewalt"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38498","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=38498"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38498\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":38506,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38498\/revisions\/38506"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=38498"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=38498"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=38498"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}