{"id":38578,"date":"2017-06-02T08:51:17","date_gmt":"2017-06-02T06:51:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38578"},"modified":"2019-01-30T11:21:53","modified_gmt":"2019-01-30T10:21:53","slug":"wie-alles-anfing-zum-verhaeltnis-von-2-juni-1967-und-deutschem-herbst-1977","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38578","title":{"rendered":"Wie alles anfing &#8211; Zum Verh\u00e4ltnis von 2. Juni 1967 und Deutschem Herbst 1977"},"content":{"rendered":"<p>Heute vor 50 Jahren starb der Student Benno Ohnesorg durch die Kugel eines Polizisten. Aus Anlass des 40. Jahrestages dieses Mordes entstand der folgende Text. Er stammt also aus dem Jahr 2007. Er erschien damals in einer &bdquo;Jubil&auml;umsausgabe&ldquo; der Gie&szlig;ener Alternativzeitung &bdquo;Elephantenklo&ldquo;, die zwanzig Jahre zuvor ihr Erscheinen eingestellt hatte. Der Text scheint mir nach wie vor aktuell und die in ihm getroffenen Aussagen stimmen im Wesentlichen auch zehn Jahre sp&auml;ter. Von <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38578#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4733\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-38578-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170606_Wie_alles_anfing_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170606_Wie_alles_anfing_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170606_Wie_alles_anfing_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170606_Wie_alles_anfing_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=38578-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170606_Wie_alles_anfing_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"170606_Wie_alles_anfing_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Zwei Erg&auml;nzungen m&uuml;ssen allerdings erfolgen: Dass der &bdquo;islamistische Terror&ldquo; Deutschland bisher verschont hat, l&auml;sst sich nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt nicht mehr sagen. Als im Jahr 2009 bekannt wurde, dass der Polizist Kurras, der Ohnesorg v&ouml;llig unbedr&auml;ngt und aus geringer Distanz in den Kopf geschossen hatte, f&uuml;r die Stasi gearbeitet hatte, meinten einige, dass die Geschichte der Studentenrevolte umgeschrieben werden m&uuml;sse. Selbst ehemalige Linke behaupteten nun, Benno Ohnesorg sei im Auftrag des MfS get&ouml;tet und die Bewegung insgesamt von der DDR gelenkt worden. F&uuml;r die These vom Auftragsmord  gibt es indessen keine Belege. Kurras war ein alter Nazi, der angesichts rebellierender Studenten die Kellerratten der Revolution aus der Tiefe herausdr&auml;ngen sah. Im Bann alter Affektmuster und Vorurteile glaubte er, handeln zu m&uuml;ssen. Mit den Stasi-Honoraren soll er seinen kostspieligen Waffenfetischismus finanziert haben.<\/p><p>Auch im Jahr 2017 droht die Erinnerung an die Ereignisse um die RAF im Jahr 1977 diejenige an die Ermordung Benno Ohnesorgs im Jahr 1967 zu &uuml;berlagern. Dabei fing mit diesem von einem Polizisten begangenen Mord &bdquo;alles an&ldquo;, wie Bommi Baumann seine Erinnerungen &uuml;berschrieb. Die Tat des Polizisten Kurras raubte der noch recht naiven linken Opposition ihre Unschuld und wurde zum Ausl&ouml;ser einer Radikalisierung, die dann irgendwann auch die RAF hervorbrachte. Aus den Biographien von Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin ist bekannt, dass der Tod von Benno Ohnesorg f&uuml;r sie ein einschneidendes Ereignis war. Endlich sei es mit der &bdquo;falschen Harmonie&ldquo; vorbei, schrieb Ulrike Meinhof. Und Gudrun Ensslin soll am Abend nach dem Mord auf einer spontanen Versammlung gesagt haben, man m&uuml;sse nun den Widerstand gegen diesen Staat organisieren, Gewalt k&ouml;nne nur mit Gewalt beantwortet werden. Horkheimers ber&uuml;hmtes Diktum abwandelnd k&ouml;nnte man sagen: Wer &uuml;ber die Ermordung Benno Ohnesorgs nicht reden will, sollte auch von der RAF schweigen!<\/p><p>Es liegt wahrscheinlich daran, dass die Zahl 50 im Jubil&auml;umsabstand zum 2. Juni 1967 vorkommt und die 40 zum <em>Deutschen Herbst<\/em> &ldquo;sticht&rdquo;, dass dieses Mal die Ermordung Ohnesorgs nicht komplett &uuml;bergangen wird. Obwohl auch dieses Jahr bereits die approbierten RAF-Kommentatoren in Talkshows auftraten: Stefan Aust und Gerhard Baum waren zum Beispiel Ende April in der Sendung <em>Lanz<\/em> zu Gast. Und man kann schon ahnen, was im Herbst noch alles auf uns zukommen wird. Es gab bisher zwei erw&auml;hnenswerte und erstaunlich gute Dokumentationen zum Mord an Benno Ohnesorg: Die ARD zeigte den Dokumentarfilm <em>Wie starb Benno Ohnesorg<\/em> von Margot Overath und Klaus Gietinger und am 16. Mai lief auf <em>Arte<\/em> der Film <em>Benno Ohnesorg &ndash; Sein Tod und unser Leben<\/em>.<\/p><p>Nun aber zu meinem Text aus dem Jahr 2007.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der Revolution&auml;r dient der Sache, das Mittel heiligt die Ziele. Und das Mittel verselbst&auml;ndigt sich und wird zum Ziel, und das Ziel krepiert. Man stampft auf ihm herum und sagt, man hat es erreicht.&ldquo;<br>\n(Man&egrave;s Sperber)\n<\/p><\/blockquote><blockquote><p>\n&bdquo;Die Freunde, die hier sich trafen und umarmten, sind fort,<br>\nJeder zu seinen eigenen Fehlern.&ldquo;<br>\n(W. H. Auden)\n<\/p><\/blockquote><p>Dieser Tage bricht eine wahre Erinnerungslawine &uuml;ber uns herein. Die 30. Wiederkehr des <em>Deutschen Herbstes<\/em> 1977 wird medial gro&szlig; in Szene gesetzt, um &ndash; wie es hei&szlig;t &ndash; der Opfer des Terrorismus zu gedenken. Eigentlich sind 30 Jahre kein traditioneller &bdquo;Jubil&auml;umsabstand&ldquo; wie 10 oder 50 Jahre. Wieso also diese Medienpr&auml;senz des Linksterrorismus in diesem Jahr? &Ouml;ffentliche Erinnerung wird von gesellschaftlichen Bed&uuml;rfnissen gesteuert und reguliert, und gegenw&auml;rtig scheint ein virulentes Interesse daran zu bestehen, sich mit der Geschichte der &bdquo;Roten Armee Fraktion&ldquo; und der von ihr begangenen Verbrechen zu besch&auml;ftigen. Aber neben den offiziell proklamierten Motiven f&uuml;r diese Auseinandersetzung existieren noch andere, unausgesprochene. Noch einmal m&ouml;chte man die 68er Revolte in Bausch und Bogen f&uuml;r den Terror der RAF verantwortlich machen und die Gesellschaft in Panik versetzen, um sie gegen ihre eigenen besseren M&ouml;glichkeiten zu immunisieren. Dabei ist es ein Gespenst, das da umgeht und beschworen wird, denn realiter hatte sich die RAF 1998 endg&uuml;ltig f&uuml;r aufgel&ouml;st erkl&auml;rt. Die Blutspur, die sie durch die Geschichte der Bundesrepublik gezogen hatte und die 1970 mit der Baader-Befreiung begann, endete 1993 auf einem Bahnsteig in Bad Kleinen. <\/p><p>Leider gehen inzwischen auch ehemalige Linke mit der These hausieren, das Wesen der antiautorit&auml;ren Revolte sei in der RAF zur Erscheinung gekommen und zur Kenntlichkeit gebracht worden. Dass die RAF ein Zerfalls- und Spaltprodukt der Revolte ist, kann und soll nicht bestritten werden. Die Revolte hatte die unterschiedlichsten Intentionen f&uuml;r knapp zwei Jahre in sich geb&uuml;ndelt und zu einer gemeinsamen Praxis vereint, die sich dann nach 1969\/70 wieder entmischten und gegeneinander verselbst&auml;ndigten. Die RAF ist dabei genauso entstanden wie die K-Gruppen, die Spontis, die Frauenbewegung und der Psycho-Boom; Produkte der Revolte sind die Gr&uuml;nen, Kinderl&auml;den, die taz, Naturkostl&auml;den und Frauenh&auml;user. Die Geschichte der Revolte auf die Vorgeschichte der RAF zu verk&uuml;rzen, ist genauso t&ouml;richt, wie Auschwitz zur Inkarnation der abendl&auml;ndischen Vernunft zu erkl&auml;ren, was ja unter dem Einfluss gewisser franz&ouml;sischer Philosophen auch einmal eine Weile im Schwange war. Wer das ambivalente und mitunter laxe Verh&auml;ltnis der Revolte zum Thema Gewalt f&uuml;r die Entstehung der RAF verantwortlich macht, sollte auch die &uuml;berzogenen, harten Reaktionen des Staates auf die anfangs noch recht harmlosen Regelverst&ouml;&szlig;e der APO und deren Anteil an ihrer Radikalisierung in sein Kalk&uuml;l einbeziehen.<\/p><p>Der <em>Deutsche Herbst<\/em> 1977 begann eigentlich bereits im Fr&uuml;hjahr, als Generalbundesanwalt Buback erschossen wurde, und gipfelte in der Entf&uuml;hrung und T&ouml;tung von Arbeitgeberpr&auml;sident Hanns Martin Schleyer, der Entf&uuml;hrung einer Lufthansa-Maschine nach Mogadischu und der Selbstt&ouml;tung der ersten RAF-Generation, bestehend aus Baader, Ensslin und Raspe, in Stammheim. Ulrike Meinhof hatte sich bereits im Jahr zuvor das Leben genommen, nachdem ihr wohl bewusst geworden war, dass der Versuch, das &bdquo;Konzept Stadtguerilla&ldquo; von Lateinamerika nach Europa zu &uuml;bertragen, gescheitert war, wie hoffnungslos sich die RAF in ihre eigene Militanz entfremdet hatte und wie weit sie sich dadurch von der Mehrheit der Bev&ouml;lkerung entfernt hatte. Der &bdquo;bewaffnete Kampf&ldquo; hatte seine eigene Dynamik entfaltet und dabei moralische Erw&auml;gungen &uuml;ber Bord geworfen. Die Durchtrennung des Bandes zwischen Gewalt und Vernunft hatte dazu gef&uuml;hrt, dass die RAF auch innerhalb der Linken mehr und mehr an Unterst&uuml;tzung einb&uuml;&szlig;te und sich isolierte. Marcuse, Negt, Dutschke, B&ouml;ll, Br&uuml;ckner und andere hatten Theorie und Praxis der RAF zeitig einer heftigen Kritik unterzogen, sich im Namen ehemals gemeinsamer Ziele von der Praxis des bewaffneten Kampfes in den westlichen Metropolen distanziert und die RAF zur Umkehr aufgefordert. <\/p><p>Man h&auml;tte im Jahr 2007 auch den 2. Juni zum Anlass des Gedenkens nehmen k&ouml;nnen, an dem vor 40 Jahren der 26-j&auml;hrige Theologiestudent Benno Ohnesorg erschossen wurde. Hier und da wurde an dieses Ereignis erinnert, aber das war nichts im Vergleich zur medialen Mobilmachung, die wir jetzt erleben. Mit den Sch&uuml;ssen des Polizeibeamten Karl-Heinz Kurras, der &ndash; ohne in Bedr&auml;ngnis zu sein &ndash; das Feuer er&ouml;ffnete und sp&auml;ter auch noch vom Vorwurf der fahrl&auml;ssigen T&ouml;tung freigesprochen wurde, fing tats&auml;chlich alles an. Alles andere ergibt sich, wenn man so will, aus dieser T&ouml;tung eines unbewaffneten und zu jeder Gewalt unf&auml;higen Studenten, der an jenem Abend friedlich gegen die Anwesenheit des Schahs von Persien in Berlin und dessen Terrorherrschaft im Iran protestieren wollte. Uwe Timm hat seine Erinnerungen an den einstigen Freund und Mitsch&uuml;ler in dem Buch <em>Der Freund und der Fremde<\/em> festgehalten, das jedem zur Lekt&uuml;re empfohlen sei, der wissen m&ouml;chte, wer dieser Benno Ohnesorg war, wie er gelebt und gedacht hat. <\/p><p>Ohne die Sch&uuml;sse des Polizisten Kurras h&auml;tte es m&ouml;glicherweise gar keinen <em>Deutschen Herbst<\/em> gegeben. In diesem Moment verlor die Bewegung ihre Unschuld und wurde eigentlich auch erst jetzt zu einer Bewegung, die &uuml;ber die Grenzen von West-Berlin hinaus Massen junger Leute im Bundesgebiet zu mobilisieren vermochte. Die Bewegung verlor ihre Unschuld meint auch, dass sich ab jetzt starke Zweifel gegen&uuml;ber Rechtsstaatlichkeit und Polizei breit machten und immer weniger junge Leute davon &uuml;berzeugt waren, dass sich in einer Demokratie alle und alles dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments zu beugen habe. Nicht umsonst ereignete sich bei der Trauerfeier f&uuml;r Benno Ohnesorg jener ber&uuml;hmte Zusammensto&szlig; zwischen J&uuml;rgen Habermas und Rudi Dutschke, als jener diesem wegen seines Pl&auml;doyers f&uuml;r den aktiven Widerstand und &bdquo;direkte Aktionen gegen die etablierte Ordnung&ldquo; vorwarf, einem &bdquo;linken Faschismus&ldquo; das Wort zu reden. <\/p><p>Die Gewaltfrage hat zu Beginn das herrschende System selbst auf die Tagesordnung gesetzt und sie zu einer f&uuml;r die Studentenbewegung h&ouml;chst praktischen Frage gemacht. Als dann Ostern 1968 der Malergehilfe Josef Bachmann, von der monatelangen Hetze der Bild-Zeitung angestachelt, aus M&uuml;nchen anreiste und auf Rudi Dutschke schoss, hatten die Verfechter der Gewaltlosigkeit einen immer schwereren Stand. Die Verh&auml;ltnisse selbst n&ouml;tigten einer anfangs beinahe naiv und blau&auml;ugig agierenden und demokratisch denkenden und argumentierenden Bewegung einen Lernprozess auf, der sich so beschreiben l&auml;sst: Wenn an dem d&uuml;nnen Firnis demokratisch-rechtsstaatlicher Verkehrsformen gekratzt und das herrschende System, wie partiell auch immer, in Frage gestellt wird, kommt, wie Kai aus der Kiste, die Gewalt hervor. Als Kern des b&uuml;rgerlichen Friedens wurde die permanente Kriegsdrohung erkennbar. Die manifeste Gewalt kann sich im b&uuml;rgerlichen Alltag in die Kulissen der Institutionen zur&uuml;ckziehen und &bdquo;strukturell&ldquo; werden, bleibt aber stets in Reserve. Eine Desillusionierung fand auch im Bezug auf die anfangs idealisierte westliche Demokratie statt, die sich der Bewegung nun als die dem hemmungslosen Geldverdienen g&uuml;nstigste Herrschaftsform erschloss, die das Privateigentum vor den Menschen sehr stark, den Menschen vor dem Privateigentum hingegen nur sehr d&uuml;rftig oder gar nicht sch&uuml;tzt. <\/p><p>Staatliche &Uuml;berreaktionen auf studentische Proteste bewirkten eine Radikalisierung der Bewegung, in der Auseinandersetzung mit der Militanz des Staates wird die Bewegung selber militant. Im  Sommer 1967 traf man sich im Audimax der Freien Universit&auml;t in Berlin, um Herbert Marcuse zuzuh&ouml;ren, der am Schluss eines Vortrags &uuml;ber &bdquo;Das Problem der Gewalt in der Opposition&ldquo; unter Beifall ausrief: &bdquo;Und selbst wenn wir noch keine &Auml;nderung sehen, m&uuml;ssen wir weitermachen; m&uuml;ssen wir widerstehen, wenn wir noch als Menschen leben, arbeiten und gl&uuml;cklich sein wollen. Im B&uuml;ndnis mit dem System k&ouml;nnen wir das nicht mehr.&ldquo;<\/p><p>Warum f&auml;llt die Wahl des staatlich und medial inszenierten Gedenkens in diesem Jahr auf den <em>Deutschen Herbst<\/em> und nicht auf den 2. Juni? Weil man die Gesellschaft nachtr&auml;glich noch einmal gegen die Gefahr des gewaltsamen Umsturzes mobil machen m&ouml;chte. Dabei schieben sich, wie bei einem mehrfach belichteten Foto (so etwas kam fr&uuml;her gelegentlich vor), verschiedene Formen des Terrorismus &uuml;bereinander: Der &bdquo;bewaffnete Kampf&ldquo; der RAF aus den 70er Jahren, der islamistische Terror seit dem 11.9.2001 und ein sich m&ouml;glicherweise in Zukunft radikalisierender Widerstand gegen die Folgen der Globalisierung und Umweltzerst&ouml;rung. Da Deutschland (trotz Kofferbomben und den von den  k&uuml;rzlich im Sauerland Verhafteten m&ouml;glicherweise geplanten Anschl&auml;gen) im Vergleich zu den USA, England und Spanien vom islamistischen Terror bislang weitgehend verschont geblieben ist, l&auml;sst sich ein gesetzgeberischer Ausnahmezustand und ein neuerliches Drehen an der sicherheitspolitischen Schraube durch ihn allein schwerlich rechtfertigen. Also wird noch einmal die RAF bem&uuml;ht, um alle m&ouml;glichen Gesetzesvorhaben durchzupauken und den Umbau des demokratischen Rechtsstaats in den pr&auml;ventiven Sicherheitsstaat voranzutreiben. Dazu hatte sie in den 70er Jahren bereits einmal gedient, als man serienweise Gesetze versch&auml;rfte, die Rechte der Verteidigung beschnitt und die Zwangsmittel der Polizei ausbaute. An eine vom Schrottplatz der Geschichte geholte Lokomotive mit der Aufschrift &bdquo;RAF&ldquo; sollen jetzt noch einmal viele, viele G&uuml;terwaggons angeh&auml;ngt werden, voll beladen mit allen m&ouml;glichen neuen Paragraphen und sicherheitspolitischen Vorhaben, die &uuml;berwiegend mit Terrorismusbek&auml;mpfung wenig oder gar nichts zu tun haben, sondern das schier grenzenlose Kontrollbed&uuml;rfnis des Staates befriedigen und die B&uuml;rger im Namen der Sicherheit ihrer Freiheitsrechte berauben. Ein vom Denken der Studentenrevolte, also von Agnoli, Br&uuml;ckner, Marcuse und Krahl gesch&auml;rfter &bdquo;b&ouml;ser Blick&ldquo; auf die von Innenminister Sch&auml;uble, Beckstein und anderen geplanten Ma&szlig;nahmen wird in ihnen Instrumente einer &bdquo;pr&auml;ventiven Konterrevolution&ldquo; (Herbert Marcuse) erkennen. Heute schon m&ouml;chte man Vorkehrungen gegen zuk&uuml;nftige organisierte Ausbruchsversuche der Massen aus dem System treffen. Man will gewappnet sein, wenn dereinst die Massenloyalit&auml;t br&ouml;ckelt und die aus dem System des losgelassenen Marktes Herausgefallenen und &Uuml;berfl&uuml;ssigen sich daran begeben, den &bdquo;Wahnsinn der rasenden Industrie&ldquo; (Max Horkheimer) zu stoppen und diese in eine neue und wahrhaft solidarische Gesellschaftlichkeit einzubinden. Auf die selbst produzierte Lockerung der inneren Selbstzw&auml;nge und den antizipierten Schwund der Massenloyalit&auml;t antwortet der Staat mit der Militarisierung der inneren Sicherheit. Immer offensichtlicher werden Ghettos produziert, in denen sich die Erniedrigten und Beleidigten sammeln, deren Unterdr&uuml;ckung immer weniger aus dem Verh&auml;ltnis von Lohnarbeit und Kapital herr&uuml;hrt, sondern aus Erfahrungen von Ausschluss und &Uuml;berfl&uuml;ssigkeit, die irgendwann zu blinder Wut werden und sich raptusartig entladen k&ouml;nnen.  <\/p><p>Man macht der RAF schlie&szlig;lich noch einmal den Prozess, weil sie gegenw&auml;rtig sehr viel mehr Sympathien auf sich zieht als zu der Zeit, da sie agierte, wobei diese Sympathien teilweise von tr&uuml;ben Quellen dumpfen kleinb&uuml;rgerlicher Ressentiments gespeist werden. Unl&auml;ngst sagte der Metzger, bei dem ich seit Jahrzehnten auf dem Wochenmarkt meine grobe Bratwurst kaufe, unvermittelt zu mir: &bdquo;Die Baader-Meinhof-Gruppe war 30 Jahre zu fr&uuml;h. Heut br&auml;uchten wir Leute wie die!&ldquo; Damals geh&ouml;rte er zu denen, die die Stammheimer Gefangenen am liebsten &bdquo;an die Wand stellen&ldquo; wollten. Die RAF bev&ouml;lkert inzwischen die Rachephantasien des von Konkurrenz- und Verlust&auml;ngsten umgetriebenen und durch die sozialen Umbr&uuml;che der Gegenwart verunsicherten &bdquo;<em>kleinen Mannes<\/em>&ldquo; und verschafft ihr nachtr&auml;glich so etwas wie die ehemals vergeblich ersehnte Resonanz. Um den Leuten diese aufkeimenden Sympathien auszutreiben und sie bei der Stange der herrschenden Realit&auml;t zu halten, werden ihnen massiv die Bilder des von der RAF verbreiteten Schreckens noch einmal vor Augen gef&uuml;hrt.<\/p><p>Zur Ehrenrettung der Erinnerungskampagne sei angemerkt, dass sie in ihren aufkl&auml;rerischen Varianten (zum Beispiel beim damaligen Staatssekret&auml;r und sp&auml;teren Innenminister Gerhart Baum) auch ein Element von Schuldeingest&auml;ndnis und sp&auml;ter Wiedergutmachung enth&auml;lt und transportiert. Schuldgef&uuml;hle dar&uuml;ber, dass man in ma&szlig;loser &Uuml;bersch&auml;tzung der terroristischen Bedrohung der Bundesrepublik und ihrer staatlichen Ordnung durch eine Handvoll zu allem entschlossener Desperados glaubte, hart bleiben zu m&uuml;ssen und den Forderungen der Entf&uuml;hrer nicht nachgeben zu d&uuml;rfen. Der Krisenstab unter der F&uuml;hrung von Helmut Schmidt h&auml;tte die Gefangenen freilassen und das Leben Schleyers retten k&ouml;nnen, wie man es zwei Jahre vorher im Falle des entf&uuml;hrten Peter Lorenz getan hatte. Stattdessen beschwor Kanzler Schmidt die Gefahr st&auml;ndig neuer Erpressungsversuche und neuen Blutvergie&szlig;ens, das dann ja auch trotz (oder vielleicht sogar wegen) der gezeigten Unnachgiebigkeit die n&auml;chsten 15 Jahre noch stattfand und mit dem Tod Schleyers und der Stammheimer H&auml;ftlinge ja bereits einsetzte. Aus der Distanz von 30 Jahren setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass ein seiner freiheitlich-demokratischen Identit&auml;t sicheres Gemeinwesen sich nichts vergeben h&auml;tte, nachzugeben, um das Leben eines seiner Repr&auml;sentanten zu retten. In Uwe Wesels Buch <em>Die verspielte Revolution. 1968 und die Folgen<\/em> (M&uuml;nchen 2002) hei&szlig;t es abschlie&szlig;end zu diesem Thema: &bdquo;Wof&uuml;r ist Hanns Martin Schleyer geopfert worden? Die Antwort ist leider eindeutig: f&uuml;r die Staatsraison, ein imagin&auml;res Gebilde aus l&auml;ngst vergangenen Zeiten, das einer freiheitlichen Demokratie und B&uuml;rgern mit aufrechtem Gang fremd sein sollte.&ldquo; In diesem Sinne w&auml;re es ein deutliches Zeichen gewesen, wenn man den 2. Juni 1967 ins Zentrum der erinnernden Aufmerksamkeit ger&uuml;ckt h&auml;tte. Es w&auml;re das einer demokratischen Gesellschaft angemessene Eingest&auml;ndnis, dass staatliche &Uuml;berreaktionen und pure H&auml;rte am Anfang einer Entwicklung standen, die schlie&szlig;lich den Terrorismus und den <em>Deutschen Herbst<\/em> hervorgebracht hat.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitete mehr als drei Jahrzehnte lang als Gef&auml;ngnispsychologe im Erwachsenenstrafvollzug. In der &raquo;Edition Georg B&uuml;chner-Club&laquo; erschien im Juli 2016 unter dem Titel &raquo;Zwischen Arbeitswut und &Uuml;berfremdungsangst&laquo; der zweite Band seiner &raquo;Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus&laquo;. Dort hat er im Herbst 2016 unter dem Titel: &raquo;Es ist besser, stehend zu sterben als kniend zu leben! No pasar&aacute;n!&laquo; auch ein B&auml;ndchen zum Spanischen B&uuml;rgerkrieg ver&ouml;ffentlicht.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute vor 50 Jahren starb der Student Benno Ohnesorg durch die Kugel eines Polizisten. Aus Anlass des 40. Jahrestages dieses Mordes entstand der folgende Text. Er stammt also aus dem Jahr 2007. Er erschien damals in einer &bdquo;Jubil&auml;umsausgabe&ldquo; der Gie&szlig;ener Alternativzeitung &bdquo;Elephantenklo&ldquo;, die zwanzig Jahre zuvor ihr Erscheinen eingestellt hatte. Der Text scheint mir nach<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38578\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,126,212,60,11,166],"tags":[352,356,282,459,1437,1155,1221,421,2105,399,559],"class_list":["post-38578","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-gedenktagejahrestage","category-innere-sicherheit","category-strategien-der-meinungsmache","category-terrorismus","tag-68er","tag-apo","tag-buergerproteste","tag-bild","tag-dutschke-rudi","tag-habermas-juergen","tag-perspektivlosigkeit","tag-polizei","tag-raf","tag-schmidt-helmut","tag-stasi"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38578","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=38578"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38578\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48880,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38578\/revisions\/48880"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=38578"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=38578"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=38578"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}