{"id":38623,"date":"2017-06-06T09:01:42","date_gmt":"2017-06-06T07:01:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38623"},"modified":"2019-07-11T10:04:37","modified_gmt":"2019-07-11T08:04:37","slug":"macron-als-hoechstes-stadium-der-post-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38623","title":{"rendered":"\u201eMacron als h\u00f6chstes Stadium der Post-Politik\u201c"},"content":{"rendered":"<p>In einem <a href=\"http:\/\/www.lemonde.fr\/idees\/article\/2017\/06\/01\/chantal-mouffe-m-macron-stade-supreme-de-la-post-politique_5136932_3232.html\">Debattenbeitrag<\/a> in der Pariser Tageszeitung Le Monde wirft die belgische Politologin <strong>Chantal Mouffe<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38623#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] dem franz&ouml;sischen Pr&auml;sidenten Macron vor, in perfekter Art und Weise eine Politik zu verk&ouml;rpern, die Debatten dadurch verhindert, dass sie jede Opposition zu Extremisten abstempelt &ndash; um ihr eigenes liberales Gedankengut durchzusetzen. <strong>Gerhard Kilper<\/strong> hat den &uuml;beraus interessanten Beitrag f&uuml;r die NachDenkSeiten ins Deutsche &uuml;bersetzt.<br>\n<!--more--><br>\nSeit der Wahl Emmanuel Macrons ins Pr&auml;sidentenamt &uuml;berbieten sich die Medien in Bewunderung vor der &bdquo;originellen Neuartigkeit&ldquo; seines Programmes. Durch die &Uuml;berwindung der Spaltung in &bdquo;links&ldquo; und &bdquo;rechts&ldquo; stelle sein Programm <em>die<\/em> L&ouml;sung f&uuml;r die ewig bestehenden Blockaden der franz&ouml;sischen Gesellschaft dar. Seine &bdquo;La R&eacute;publique en marche&ldquo; sei Tr&auml;ger einer demokratischen Revolution, die die ganze Energie der progressiven Kr&auml;fte &ndash; bisher von den traditionellen Parteien gebremst &ndash; zur Entfaltung zu bringen in der Lage sei.<\/p><p>Es ist gleichwohl ziemlich paradox, als Heilmittel einer die westlichen Demokratien heimsuchenden tiefgehenden Repr&auml;sentationskrise genau die Art von Politik vorzuschlagen, die den Ursprung eben dieser Krise darstellt. Denn die Krisensituation ist das Resultat der &Uuml;bernahme &ndash; in den meisten europ&auml;ischen L&auml;ndern &ndash; der Politik des Dritten Weges. Diese Politik wurde in Gro&szlig;britannien theoretisch vom Soziologen Anthony Giddens vorbereitet und unter Tony Blair von New Labour in die Praxis umgesetzt.<\/p><p>Diese Dritte-Weg-Strategie erkl&auml;rte die &bdquo;rechts-links&ldquo;-Spaltung als obsolet und predigte den &bdquo;radikalen Zentrismus&ldquo; als neue Form der Regierungsf&uuml;hrung. Nach Tony Blair waren die alten Spaltungen verschwunden und somit das alte Politikmodell &uuml;berholt. Blair behauptete: &bdquo;Wir sind alle Teil der Mittelklasse&ldquo;. Es gebe keine rechte oder linke Wirtschaftspolitik mehr, sondern nur noch eine &bdquo;gute Politik&ldquo; oder eine &bdquo;schlechte Politik&ldquo;. Dieser post-politischen Sichtweise lag das ber&uuml;hmte TINA (There is no Alternative) Margret Thatchers zugrunde, die &Uuml;berzeugung, es gebe keine Politik-Alternativen zur neoliberalen Globalisierung.<\/p><p>Nachdem dieser Dritte Weg Blairs in Deutschland durch Gerhard Schr&ouml;der und seine &bdquo;Neue Mitte&ldquo; mit Applaus bedacht wurde, setzte er sich in den meisten sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien durch. Diese definieren sich seither als &bdquo;linkes Zentrum&ldquo;. So wurde in Europa der &bdquo;Zentrums-Konsens&ldquo; geschaffen, der durch Verwischung der Grenzen zwischen rechts und links den B&uuml;rgern die M&ouml;glichkeit genommen hat, in Wahlen zwischen unterschiedlichen Politik-Projekten w&auml;hlen zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Das Fehlen von Alternativen ist der Ursprung vieler Probleme, mit denen wir heute konfrontiert sind: die Diskreditierung demokratischer Institutionen, die Zunahme von Wahlenthaltungen und der zunehmende Erfolg rechtspopulistischer Parteien. Diesen Parteien, die vorgeben, den V&ouml;lkern ihre von den Eliten konfiszierte Macht wieder zur&uuml;ckzugeben, ist es gelungen, sich in vielen L&auml;ndern dauerhaft zu etablieren. F&uuml;r die Sozialdemokratie war das Abdriften in die linke Mitte fatal und sie befindet sich heute fast &uuml;berall in Europa in einer Krise.<\/p><p><strong>Unvereinbare Positionen<\/strong><\/p><p>Wie wir seit Machiavelli wissen, gibt es in der Gesellschaft unvereinbare, gegens&auml;tzliche Interessen und Positionen. Es reicht nicht aus, diese Antagonismen einfach zu ignorieren, um sie zum Verschwinden zu bringen. Ziel einer pluralistischen Demokratie ist es nicht, zu einem Konsens zu gelangen, sondern den Streitparteien die M&ouml;glichkeit zu er&ouml;ffnen, ihrer Sichtweise durch Institutionen Ausdruck zu verleihen, die diese &bdquo;agonistische Sicht&ldquo; ins Szene zu setzen verm&ouml;gen.<br>\nIn den antagonistischen K&auml;mpfen einer pluralistischen Demokratie betrachten sich die Kontrahenten nicht als Feinde, sondern als Gegner. Sie wissen, dass es Probleme gibt, bei denen man sich nicht einigen k&ouml;nnen wird. Doch respektieren die Gegner ihr gegenseitiges Recht, f&uuml;r ihre Sicht und Ziele zu k&auml;mpfen, um ihr Lager siegen lassen zu k&ouml;nnen. Die Rolle demokratischer Institutionen besteht daher darin, einen Rahmen daf&uuml;r zu schaffen, dass die Gegner &bdquo;sich gegeneinander stellen k&ouml;nnen, ohne sich zu massakrieren&ldquo;, wie der Anthropologe Marcel Mauss betonte.<\/p><p>In republikanischer Tradition ist die Opposition zwischen &bdquo;rechts&ldquo; und &bdquo;links&ldquo; der Weg, wie der Spaltung der Gesellschaft Rechnung getragen und ihr eine Form gegeben werden kann. Die pluralistische Demokratie ist der Ort der Spannung zwischen den Idealen Gleichheit und Freiheit, einer Spannung, die permanent in antagonistischer Konfrontation zwischen &bdquo;rechts&ldquo; und &bdquo;links&ldquo; neu verhandelt werden muss. &Uuml;ber die Spannung antagonistischer Konfrontation zwischen &bdquo;rechts&ldquo; und &bdquo;links&ldquo; kommt die Volkssouver&auml;nit&auml;t zum Ausdruck, diese Spannung ist einer der Pfeiler des demokratischen Ideals. Und genau hier steht eine authentisch-demokratische Politik auf dem Spiel.<br>\nWenn man (&ouml;ffentlich) behaupten kann, wir lebten nun in &bdquo;post-demokratischen&ldquo; Gesellschaften, ist das Ausdruck des Triumphs neoliberaler Hegemonie, der Volkssouver&auml;nit&auml;t wurde der Platz f&uuml;r K&auml;mpfe und Auseinandersetzungen genommen. Der post-politische Konsens l&auml;sst nur noch Raum f&uuml;r Regierungsalternativen zwischen rechter und linker Mitte, die neoliberalen Diktatvorgaben unterworfen sind. Alle Parteien, die dieses Szenario nicht akzeptieren wollen, werden zu &bdquo;Extremen&ldquo; abgestempelt und beschuldigt, die Demokratie in Gefahr zu bringen. Emmanuel Macron schiebt diese Logik noch weiter voran und seine sogenannte &bdquo;originelle Neuartigkeit&ldquo; besteht darin, den Anschein von Protest und Disput, der mit dem Zwei-Parteien-System noch bestand, zu beseitigen. Von nun an wird schon die M&ouml;glichkeit von Protest und Disput durch das Verschwinden von &bdquo;rechts&ldquo; und &bdquo;links&ldquo; im Keime erstickt und zur&uuml;ckgewiesen. Das ist wirklich das h&ouml;chste Stadium von Post-Politik.<\/p><p>Da es aber keine Grenze mehr zwischen einem &bdquo;wir&ldquo; und einem &bdquo;sie&ldquo; gibt, muss Macron eine andere, die zwischen &bdquo;Progressiven&ldquo; und &bdquo;Konservativen&ldquo; schaffen. Eine solche Grenze schafft aber kein politisches Ordnungsverh&auml;ltnis zwischen Gegnern. Indem die Inhalte m&ouml;glicher Regierungsentw&uuml;rfe nicht mehr offen sind, dient die Abgrenzung nur noch dazu, verschiedene Formen der Opposition zu disqualifizieren und sie unter dem Begriff &bdquo;Konservative&ldquo; zusammenzufassen. Infolgedessen nimmt es sich Emmanuel Macron heraus, die gro&szlig;e Zahl von Franzosen, die in Opposition zu seiner Politik stehen, gering zu sch&auml;tzen und die Forderungen des &bdquo;Frankreich-von-unten&ldquo; einfach zu ignorieren.<\/p><p>Dass eine solche Politik unvermeidlich zu einer Revolte der unteren Bev&ouml;lkerungs-Schichten f&uuml;hren wird, beunruhigt ihn nicht weiter &ndash; eine eigentlich unglaubliche Verblendung. Denn die Wiederauflage einer Politik des Dritten Weges kann, anstatt wie er sich das vorstellt, den Front National einzud&auml;mmen, zu dessen Verst&auml;rkung und sogar zu dessen Wahlsieg im Jahr 2022 f&uuml;hren. Zum Gl&uuml;ck zeigt uns das sehr gute Ergebnis von Jean-Luc M&eacute;lenchon bei der Pr&auml;sidentenwahl und der seiner &bdquo;La France insoumise&ldquo;-Bewegung von unten entgegengebrachte Enthusiasmus, dass auch ein anderer Weg m&ouml;glich ist, der einer B&uuml;rger-Revolution.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Chantal Mouffe<\/strong> ist Professorin f&uuml;r Politik-Theorie an der Westminster-Universit&auml;t London.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem <a href=\"http:\/\/www.lemonde.fr\/idees\/article\/2017\/06\/01\/chantal-mouffe-m-macron-stade-supreme-de-la-post-politique_5136932_3232.html\">Debattenbeitrag<\/a> in der Pariser Tageszeitung Le Monde wirft die belgische Politologin <strong>Chantal Mouffe<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38623#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] dem franz&ouml;sischen Pr&auml;sidenten Macron vor, in perfekter Art und Weise eine Politik zu verk&ouml;rpern, die Debatten dadurch verhindert, dass sie jede Opposition zu Extremisten abstempelt &ndash; um ihr eigenes liberales Gedankengut durchzusetzen. <strong>Gerhard Kilper<\/strong> hat den &uuml;beraus<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38623\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,124,20,11],"tags":[1162,2106,2091,1043,1299,2066,2040,708,733,1352,411,1254],"class_list":["post-38623","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-demokratie","category-landerberichte","category-strategien-der-meinungsmache","tag-blair-tony","tag-dritter-weg","tag-en-marche-renaissance","tag-frankreich","tag-front-national-rassemblement-national","tag-macron-emmanuel","tag-melenchon-jean-luc","tag-nichtwaehler","tag-pluralitaet","tag-rechtsruck","tag-schroeder-gerhard","tag-tina"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38623","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=38623"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38623\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53302,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38623\/revisions\/53302"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=38623"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=38623"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=38623"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}