{"id":38642,"date":"2017-06-07T09:23:56","date_gmt":"2017-06-07T07:23:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38642"},"modified":"2017-06-07T13:27:20","modified_gmt":"2017-06-07T11:27:20","slug":"prof-dr-boom-journalismus-von-seiner-bizarrsten-seite","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38642","title":{"rendered":"Prof. Dr. Boom &#8230; Journalismus von seiner bizarrsten Seite"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/17067-boom-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Wussten Sie eigentlich schon, dass Deutschland momentan einen &bdquo;ph&auml;nomenalen Boom&ldquo; durchl&auml;uft? Dies ist zumindest die Geschichte, die uns SPIEGEL-Online-Autor Henrik M&uuml;ller <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/konjunkturboom-wahlkampf-gefahr-a-1150606.html\">auftischt<\/a>. Mit einem Boom ist bekanntlich nicht zu spa&szlig;en &hellip; erst recht dann nicht, wenn er ph&auml;nomenal ist. Daher ist es auch M&uuml;llers gr&ouml;&szlig;te Sorge, dass der aktuelle Boom bereits jetzt das Risiko f&uuml;r eine heftige kommende Krise in sich tr&auml;gt; zumindest dann, wenn die Politik nicht auf die Bremse tritt. Sie haben richtig gelesen: M&uuml;ller empfiehlt der Regierung allen Ernstes, jetzt eine Politik einzuleiten, mit der vor allem die Binnenkonjunktur gebremst wird &ndash; z.B. &bdquo;h&ouml;here Steuern f&uuml;r Normalverdiener&ldquo;. Das klingt nicht nur bizarr, sondern ist es auch. Noch bizarrer wird das Ganze, wenn man sich vor Augen h&auml;lt, dass M&uuml;ller nicht der neue SPON-Volont&auml;r ist, sondern <a href=\"https:\/\/journalistik.tu-dortmund.de\/institut\/hochschullehrer\/prof-dr-henrik-mueller\/?%2Finstitut%2Fhochschullehrer%2Fprof-dr-henrik-mueller%2F=\">im Hauptberuf als Professor Wirtschaftsjournalismus<\/a>  an der TU Dortmund lehrt. Was mag wohl dabei herauskommen, wenn man die schlimmsten Wirtschaftsjournalisten auch noch den Nachwuchs ausbilden l&auml;sst? Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7013\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-38642-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170607_Prof_Dr_Boom_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170607_Prof_Dr_Boom_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170607_Prof_Dr_Boom_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170607_Prof_Dr_Boom_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=38642-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/170607_Prof_Dr_Boom_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"170607_Prof_Dr_Boom_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Dem Physiker Hugh Everett zufolge gibt es unz&auml;hlige Parallelwelten, in denen jede nur denkbare Form der Geschichte real existent ist. In mindestens einer dieser Welten durchlebt Deutschland demnach momentan auch einen Wirtschaftsboom; die Unternehmen k&ouml;nnen sich vor Auftr&auml;gen kaum retten und investieren, was das Zeug h&auml;lt, es herrscht Vollbesch&auml;ftigung und da jede Hand ben&ouml;tigt wird, ist der Begriff &bdquo;Niedriglohn&ldquo; auch eine Reminiszenz an d&uuml;stere, l&auml;ngst vergessene Tage. In dieser Parallelwelt scheint Henrik M&uuml;ller zu Hause zu sein. Anders sind seine abenteuerlichen Analysen kaum nachzuvollziehen. So beschreibt er in seinem j&uuml;ngsten Bericht dann auch ein Land, das nur entfernt an das real existierende Deutschland erinnert.<\/p><blockquote><p>\nDie Bundesrepublik erlebt derzeit einen ph&auml;nomenalen Boom. Die Besch&auml;ftigung, die Staatseinnahmen, der Export, die Stimmung der Unternehmen [&hellip;] &ndash; alles auf Rekordh&ouml;he. Die Immobilienpreise steigen rasant [&hellip;] Der Bausektor expandiert.<br>\nKonjunkturforscher sind sich weitgehend einig: Deutschlands Produktionskapazit&auml;ten arbeiten bereits seit einiger Zeit jenseits normaler Auslastungsgrade. [&hellip;] alle sagen vorher, dass die deutschen Wirtschaft auf Sicht &uuml;berhitzt bleiben wird.\n<\/p><\/blockquote><p>Das sind erstaunliche Aussagen. Einige Punkte (z.B. die Stimmung der Unternehmen) sind fragw&uuml;rdige Indikatoren noch fragw&uuml;rdigerer Wirtschaftsforschungsinstitute, die kaum &uuml;berpr&uuml;fbar sind. Andere Indikatoren, wie der Immobilienpreis, taugen nicht, um Aussagen &uuml;ber das Vorhandensein eines Wirtschaftsbooms zu machen. Weitere Indikatoren sind vor allem eine Frage der Perspektive oder sagen sogar das Gegenteil vom M&uuml;llers Boomstory aus.<\/p><ol>\n<li><strong>Der Arbeitsmarkt<\/strong>\n<p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170607_Arbeitsmarkt.png\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170607_Arbeitsmarkt-small.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p>\n<p>Mit aktuell <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38553#h03\">3,5 Millionen Erwerbslosen<\/a> sind wir weit von einer Vollbesch&auml;ftigung entfernt. M&uuml;llers &bdquo;Rekordh&ouml;he&ldquo; bezieht sich auf die Zahl der gesamten Erwerbst&auml;tigen. Das ist zwar korrekt, aussagekr&auml;ftiger ist jedoch eigentlich die Zahl der Vollzeitstellen und die liegt laut <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/ZahlenFakten\/GesamtwirtschaftUmwelt\/Arbeitsmarkt\/Erwerbstaetigkeit\/TabellenArbeitskraefteerhebung\/AtypKernerwerbErwerbsformZR.html\">Mikrozensus<\/a> immer noch rund zwei Millionen unter dem ersten Wert des wiedervereinigten Deutschlands aus dem Jahre 1991. Die Zahl der Besch&auml;ftigten in &bdquo;atypischen&ldquo; Arbeitsverh&auml;ltnissen hat indes im gleichen Zeitraum um drei Millionen zugenommen. Man kann diese Zahlen verschieden interpretieren. Aber von einem Boom kann man hier ganz sicher nicht sprechen. Noch nicht einmal die offizielle Arbeitslosenquote gibt dies her &ndash; sie liegt mit 5,6% gerade einmal 0,4 Prozentpunkte unter dem Vorjahreswert. Das ist freilich kein schlechter Wert, der jedoch auch unter dem Gesichtspunkt betrachtet werden muss, dass Deutschland nicht nur G&uuml;ter und Dienstleistungen, sondern durch seine Agenda-Politik auch massiv Arbeitslosigkeit <a href=\"http:\/\/www.fr.de\/politik\/meinung\/leitartikel-wirtschaftspolitik-exportschlager-arbeitslosigkeit-a-656388\">exportiert<\/a>. Die vergleichsweise ordentlichen Werte hierzulande stehen demnach direkt im Zusammenhang mit den schlechten Werten in unseren Nachbarl&auml;ndern.<\/p><\/li>\n<li><strong>Die Wirtschaftsentwicklung<\/strong>\n<p>Wenn man von einem &bdquo;Wirtschaftsboom&ldquo; spricht, muss nat&uuml;rlich zun&auml;chst einmal die Wirtschaft boomen. Das ist eigentlich selbstverst&auml;ndlich. Doch genau dies ist gar nicht der Fall.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170607_boom_bip.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170607_boom_bip-small.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p>\n<p>Die aktuelle Wirtschaftsentwicklung ist auf niedrigem, aber stabilem Niveau. Wie man angesichts der Zahlen von einem Boom sprechen kann, ist jedoch ein R&auml;tsel. Aktuell w&auml;chst die Wirtschaft preis-, saison- und kalenderbereinigt um 0,6 Prozent pro Quartal. Schaut man auf die lange Reihe des Statistischen Bundesamts und vergleicht sie mit den Zahlen seit 1970, kommt man zum Ergebnis, dass dieser Wert das exakte Mittelma&szlig; ist. In 92 der 185 gelisteten Quartale ist die Wirtschaft gleichstark oder st&auml;rker gewachsen, in weiteren 92 Quartalen war das Wirtschaftswachstum schlechter. Die aktuellen Werte sind demnach kein Grund zur Panik, aber ganz sicher auch kein Grund, um von einem Boom zu sprechen. Ansonsten m&uuml;ssten wir feststellen, dass sich Deutschland seit 1949 im Dauerboom befindet, was ebenso absurd w&auml;re.<\/p><\/li>\n<li><strong>Die Investitionen<\/strong>\n<p>Glaubt man M&uuml;ller, sto&szlig;en momentan &bdquo;&uuml;beroptimistische Erwartungen die Investitionen an&ldquo;, man sei gar &bdquo;blind f&uuml;r die Risiken&ldquo;. Auch diese gewagte Aussage l&auml;sst sich nicht durch statistische Daten untermauern.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170607_boom_anlage.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170607_boom_anlage-small.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p>\n<p>Der Blick auf die Bruttoanlageinvestitionen zeigt vielmehr eine erschreckende Normalit&auml;t. Die Werte pendeln sich bei soliden zwei bis vier Prozent ein, was vor allem an den Investitionen in Immobilien h&auml;ngt, die in diese Statistik eingehen und im Schnitt einen bis zwei Punkte &uuml;ber den anderen Investitionen liegen. Dies nun aufzuteilen, w&auml;re ein akademisches &bdquo;Vergn&uuml;gen&ldquo;, das keine interessanten Erkenntnisse bringen d&uuml;rfte. Dass die deutsche Investitionsquote im internationalen Vergleich <a href=\"https:\/\/www.diw.de\/documents\/publikationen\/73\/diw_01.c.530771.de\/16-15.pdf\">eher d&uuml;rftig ist<\/a>, ist hinl&auml;nglich bekannt. Einer der Gr&uuml;nde daf&uuml;r ist das, <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17873\">was der &Ouml;konom Richard Koo<\/a> als &bdquo;Bilanzrezession&ldquo; bezeichnet hat: Die Haushalte und die Regierungen &bdquo;m&uuml;ssen&ldquo; ihre Schulden abbauen und Ausgaben k&uuml;rzen. Die Wirtschaft reagiert darauf mit r&uuml;ckl&auml;ufigen Investitionen und wartet erst einmal ab, wie sich die Nachfrage entwickelt. Vor allem Deutschland versch&auml;rft die Situation mit seiner zu geringen Lohnquote noch einmal. Womit wir schon beim n&auml;chsten Punkt w&auml;ren.<\/p><\/li>\n<li><strong>Der Konsum<\/strong>\n<p>Der Konsum hat es Henrik M&uuml;ller besonders angetan. Um die kommenden Konjunkturdellen abzufedern, will er gar die Nachfrage d&auml;mpfen und schl&auml;gt allen Ernstes vor, die Konsumausgaben dadurch zu d&auml;mpfen, dass man &bdquo;die Steuern f&uuml;r Normalverdiener&ldquo; erh&ouml;ht. Bevor man ernsthaft auf diese Forderung eingeht, sollte man erst einmal &uuml;berpr&uuml;fen, ob der Konsum denn tats&auml;chlich &bdquo;&uuml;berhitzt&ldquo; ist.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170607_boom_konsum.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170607_boom_konsum-small.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p>\n<p>Wie kaum anders zu erwarten, ist dies nicht der Fall. Zwar steigen die Konsumausgaben der privaten Haushalte von Jahr zu Jahr &ndash; allerdings in einem bescheidenen Ma&szlig;stab, der nur leicht &uuml;ber der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung liegt. Dies ist kein Grund, nun hysterisch vor einer &bdquo;&Uuml;berhitzung&ldquo; zu warnen, aber auch kein Grund, sich zufrieden zur&uuml;ckzulehnen. Hinter den &bdquo;soliden&ldquo; Zahlen steht n&auml;mlich vor allem eine deutliche <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/ZahlenFakten\/GesellschaftStaat\/EinkommenKonsumLebensbedingungen\/Konsumausgaben\/Tabellen\/PrivateKonsumausgaben_D.html\">Preissteigerung<\/a> in den Bereichen &bdquo;Energie&ldquo; und &bdquo;Wohnen&ldquo;. Vor allem die punktuell stark steigenden Immobilienpreise haben auch zu h&ouml;heren Mieten gef&uuml;hrt. Dies ist gesamtwirtschaftlich jedoch &bdquo;nur&ldquo; eine Verteilung von unten nach oben. Wenn M&uuml;ller dieses partielle Wachstum durch eine st&auml;rkere Besteuerung der Normalverdiener &bdquo;ausbremsen&ldquo; will, ist dies gleich in vielfacher Weise kontraproduktiv. Die Betroffenen werden nat&uuml;rlich nicht weniger Geld f&uuml;r ihre Miete ausgeben, sondern an den variablen Ausgaben sparen, was die ohnehin auf Sparflamme laufende Binnenkonjunktur abw&uuml;rgen k&ouml;nnte.<\/p><\/li>\n<li><strong>Die Produktion<\/strong>\n<p>Last but not least ist Henrik M&uuml;ller davon &uuml;berzeugt, dass die Produktionskapazit&auml;ten aufgrund des &bdquo;Booms&ldquo; ausgesch&ouml;pft sind und dringend erweitert werden m&uuml;ssten. Ein Blick auf die Zahlen schafft &ndash; wie so oft &ndash; Klarheit.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170607_boom_produktion.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/170607_boom_produktion-small.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p>\n<p>Von einem Boom ist auch auf dem Produktionssektor trotz der starken Exportzahlen &uuml;berhaupt nichts zu registrieren. Es gibt keine fl&auml;chendeckenden Engp&auml;sse bei den Produktionskapazit&auml;ten. Daher ist auch M&uuml;llers ohnehin falsche Medizin zur Behandlung dieses nicht vorhandenen Problems unn&ouml;tig. F&uuml;r M&uuml;ller wird die Kapazit&auml;t n&auml;mlich haupts&auml;chlich durch den Mangel an fachkundigem Personal limitiert &ndash; der ber&uuml;hmt-ber&uuml;chtigte Fachkr&auml;ftemangel. Den gibt es aber &ndash; wie wir heute <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?cat=92\">ganz klar wissen<\/a>  &ndash; in dieser Form &uuml;berhaupt nicht. Es gibt regionale Engp&auml;sse, die vor allem etwas mit zu niedrigen L&ouml;hnen zu tun haben. Und es gibt sektorale Engp&auml;sse in Berufen, in denen die Wirtschaft nicht daf&uuml;r gesorgt hat, dass sie gen&uuml;gend Nachwuchs hat. All dies sind jedoch Probleme, die die Wirtschaft ohne gro&szlig;e Probleme mittelfristig l&ouml;sen kann &ndash; bessere L&ouml;hne, bessere Aus- und Fortbildung und schon ist der Engpass beseitigt. M&uuml;llers Rezepte sind vor allem in diesem Kontext gerade zu l&auml;cherlich. <\/p>\n<p>So fordert er beispielsweise &bdquo;Lohnsubventionen&ldquo;, um Langzeitarbeitslose in den Beruf zu bringen. Aber was hat dies mit dem Fachkr&auml;ftemangel zu tun? Wenn ein Betrieb einen Fachingenieur sucht, der beispielsweise praktisches und theoretisches Wissen auf dem Gebiet der Reinigung von Diesel-Abgasen hat, ist er h&ouml;chstwahrscheinlich kein Langzeitarbeitsloser. Auch klassische &bdquo;Mangelberufe&ldquo; wie examinierte Krankenpfleger, &Auml;rzte und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/MINT-F%C3%A4cher\">MINT-Akademiker<\/a> sind eher selten arbeitslos und fallen auch nicht wirklich in den Lohnbereich, der subventioniert werden k&ouml;nnte. Arbeitskr&auml;fte, die in der Tat ein so geringes Einkommen beziehen, dass eine &bdquo;Lohnsubvention&ldquo; hier positive Besch&auml;ftigungseffekte h&auml;tte, z&auml;hlen nicht zu den Mangelberufen und haben nichts mit M&uuml;llers &bdquo;Produktionskapazit&auml;ten&ldquo; zu tun. Es geht hier &ndash; das muss man klar und deutlich sagen &ndash; um etwas ganz anderes: M&uuml;ller will den Mindestlohn (neben dem Boom und der Inflation eines seiner <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=25641#h18\">Lieblingsthemen<\/a>) durch &bdquo;Lohnsubventionen&ldquo; aushebeln, uns also eine klassische neoliberale Reform unter falschen Vorzeichen schmackhaft machen. Wen wundert es da, wenn er mit derselben Begr&uuml;ndung auch noch das Renteneintrittsalter nach hinten verschieben will.<\/p><\/li>\n<\/ol><p><strong>Ist das noch Journalismus?<\/strong><\/p><p>Henrik M&uuml;llers Artikel ist ein echtes St&uuml;ck aus dem Skurrilit&auml;tenkabinett. Er begr&uuml;ndet eine steile These mit faktisch falschen Aussagen, stellt daf&uuml;r dann eine aberwitzige Diagnose aus und verordnet eine Therapie, die selbst dann kontraproduktiv w&auml;re, wenn seine Diagnose korrekt w&auml;re. Dabei liegt M&uuml;ller mit seiner Einsch&auml;tzung so meilenweit daneben, dass einem wirklich schwerf&auml;llt, an etwas anderes wie eine Parallelwelt zu glauben, wenn man ihm nicht entweder Unwissen oder aber Vorsatz unterstellen will.<\/p><p>W&auml;re Henrik M&uuml;ller ein unbedarfter Volont&auml;r, den man trotzt erwiesener Ahnungslosigkeit auf dem breiten Feld des Wirtschaftsjournalismus an ein solches Thema gelassen h&auml;tte, k&ouml;nnte man die ganze Groteske ja noch verstehen. Aber Henrik M&uuml;ller ist neben seinem Job als Wirtschaftskolumnist bei SPIEGEL Online auch noch <a href=\"https:\/\/journalistik.tu-dortmund.de\/institut\/hochschullehrer\/prof-dr-henrik-mueller\/?%2Finstitut%2Fhochschullehrer%2Fprof-dr-henrik-mueller%2F=\">Professor f&uuml;r Wirtschaftsjournalismus<\/a>. Das klingt eher so, als sei man mitten in einem <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ATmWeEvW-Ec\">Monty-Python-Sketch<\/a>. Zynisch k&ouml;nnte man sogar sagen, dass M&uuml;ller eigentlich genau der richtige Lehrer ist, verk&ouml;rpert er die Fehler der Branche doch hervorragend in seiner Person.<\/p><p>Ginge es nach M&uuml;llers fr&uuml;herem Geschw&auml;tz, h&auml;tten wir beispielsweise heute keinen Boom, sondern eine &bdquo;Inflation schlimmen Ausma&szlig;es&ldquo;. Das prognostizierte er n&auml;mlich in seinem 2009 erschienenen Buch &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.perlentaucher.de\/buch\/henrik-mueller\/sprengsatz-inflation.html\">Sprengsatz Inflation &ndash; K&ouml;nnen wir dem Staat noch vertrauen?<\/a>&ldquo;. So hat man damals <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14074\">geschrieben<\/a> und auch der SPIEGEL war stets <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14711\">vorne mit dabei<\/a>. 2010 bef&uuml;rchtete M&uuml;ller gar eine &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/unternehmen\/lohn-preis-spirale-teure-rohstoffe-heizen-weltweite-inflation-an-a-711064.html\">Lohn-Preis-Spirale<\/a>&ldquo;, die in Deutschland die Inflation anheizt. Schon damals empfahl er die gleiche &bdquo;Medizin&ldquo; wie heute &hellip; freilich f&uuml;r eine komplett andere Diagnose. M&uuml;ller &auml;hnelt hier einem hausierenden Scharlatan, der seinen Patienten f&uuml;r jedes Krankheitsbild die gleiche &bdquo;Wundertinktur&ldquo; verkauft. Auch in diesem Punkt ist Professor M&uuml;ller durchaus repr&auml;sentativ f&uuml;r seine Zunft.<\/p><p>Die Sache mit dem &bdquo;Boom&ldquo; scheint &uuml;brigens ein echtes Steckenpferd von ihm zu sein. Schon Anfang 2014 <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20439#h07\">machte M&uuml;ller einen &bdquo;Boom&ldquo; aus<\/a> &ndash; damals war es allerdings noch ein &bdquo;heimlicher&ldquo; Boom, da die statistischen Daten sehr zu M&uuml;llers Unbill nicht zu seinem Boom passten. Daran hat sich freilich nichts ge&auml;ndert. Dennoch griff M&uuml;ller auch Ende 2015 das Thema <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=29386#h04\">noch mal auf<\/a> und diagnostizierte nun bereits eine &bdquo;&Uuml;berhitzung&ldquo; der Konjunktur. <\/p><p>Die M&uuml;llersche Parallelwelt folgt offenbar zumindest einem durchg&auml;ngigen Skript. Nun befinden wir uns demnach auf dem H&ouml;hepunkt des sagenhaften Booms und die Rezession steht vor der T&uuml;r. Warten wir also gespannt ab, mit welchen Crash-, Rezessions- und Depressionsgeschichten Prof. Dr. Boom uns k&uuml;nftig erfreuen wird. Es bleibt spannend, auch wenn die Grenzen zwischen Fiktion und Realit&auml;t in dieser speziellen Form des Borderline-Journalismus nicht mehr erkennbar sind.<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/9d521559fcf84453967671f2c0b4339a\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/17067-boom-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Wussten Sie eigentlich schon, dass Deutschland momentan einen &bdquo;ph&auml;nomenalen Boom&ldquo; durchl&auml;uft? Dies ist zumindest die Geschichte, die uns SPIEGEL-Online-Autor Henrik M&uuml;ller <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/konjunkturboom-wahlkampf-gefahr-a-1150606.html\">auftischt<\/a>. Mit einem Boom ist bekanntlich nicht zu spa&szlig;en &hellip; erst recht dann nicht, wenn er ph&auml;nomenal ist. Daher ist es auch<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=38642\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,13,123,183,133],"tags":[290,365,2052,689,552,317,288,301,479,1177,420,405,488,510,402],"class_list":["post-38642","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienkritik","category-wichtige-wirtschaftsdaten","tag-binnennachfrage","tag-inflation","tag-investitionen","tag-konsumlaune","tag-lohnquote","tag-mindestlohn","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-rentenalter","tag-reservearmee","tag-rezession","tag-spiegel","tag-statistisches-bundesamt","tag-steuererhoehungen","tag-vollbeschaeftigung","tag-wachstum"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38642","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=38642"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38642\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":38646,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/38642\/revisions\/38646"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=38642"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=38642"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=38642"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}