{"id":3865,"date":"2009-04-02T07:54:35","date_gmt":"2009-04-02T06:54:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3865"},"modified":"2014-01-28T16:13:45","modified_gmt":"2014-01-28T15:13:45","slug":"das-scheitern-der-wettbewerbsideologie-bei-einer-zukunftsfaehigen-entwicklung-der-bildungs-und-hochschullandschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3865","title":{"rendered":"Das Scheitern der Wettbewerbsideologie bei einer zukunftsf\u00e4higen Entwicklung der Bildungs- und Hochschullandschaft"},"content":{"rendered":"<p>Chaos bei der <a href=\"?p=3804\">Hochschulzulassung<\/a>, keine Einigung beim Hochschulpakt, bei Stipendien oder bei der Exzellenzinitiative, Abwerbung von Lehrern durch die reicheren L&auml;nder; kaum eine Woche vergeht, in der wir nicht das Scheitern des Wettbewerbsf&ouml;deralismus in der Bildungspolitik erleben m&uuml;ssen. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--> <\/p><p>In Deutschland wurde die Verhei&szlig;ung von der Weisheit der M&auml;rkte und der &Uuml;berfl&uuml;ssigkeit des Staates in den letzten zwei Jahrzehnten zur absolut herrschenden Lehre und zum politischen Leitbild, das s&auml;mtliche Reformen der letzten Jahre pr&auml;gte. Immer lautete die Botschaft Wettbewerb, Deregulierung, Privatisierung, Beschneidung der Arbeitnehmerrechte, Abbau der Mitbestimmung und der Selbstverwaltungsrechte und weniger Staat.<\/p><p>Der Wettbewerb wurde zur Lebensform, schrieb Susanne Gaschke in der ZEIT:<\/p><p><em>&bdquo;Effizienz. Rendite. &Ouml;konomisierung aller Lebensbereiche. Wer anders dachte, geriet schnell in die Defensive.&ldquo;<\/em><\/p><p>Die Finanzmarktkrise sollte allen die Augen ge&ouml;ffnet haben, dass Wettbewerb und freier Markt keineswegs Garanten f&uuml;r Effizienz und optimale Ergebnisse sind, sondern dass Deregulierung und Entstaatlichung auch geradewegs in die Katastrophe f&uuml;hren k&ouml;nnen.<\/p><p>Das zeigt sich gerade bei einem nicht unmittelbar marktg&auml;ngigen &bdquo;Produkt&ldquo; wie der Bildung und der Wissenschaft. <\/p><p>Damit kein Missverst&auml;ndnis aufkommt, ich rede nicht gegen einen Wettbewerb um die besten Forschungsleistungen. Einen solchen Wettbewerb unter Wissenschaftlern hat es immer gegeben. Wissenschaft ist genuin auf den Wettstreit um die richtige Antwort, pathetisch gesagt, auf den Wettstreit um Wahrheit angelegt. <\/p><p>Die Frage ist, ob der Wettbewerb unter den Hochschulen auf dem Ausbildungs- und Drittmittel-&bdquo;Markt&ldquo; und der Wettbewerb unter den L&auml;ndern in der Bildungspolitik geeignete Steuerungsinstrumente f&uuml;r die Entwicklung der Schul- und Hochschullandschaft sein k&ouml;nnen.<\/p><p>Sie erinnern sich sicherlich noch gut daran: Erst vor vier Jahren, Ende 2005, wurde die &bdquo;Mutter aller Reformen&ldquo;, die F&ouml;deralismusreform, verabschiedet. Ein wichtiger Bestandteil dieser Reform, war, dass die Rahmengesetzgebungs-Kompetenz des Bundes im Hochschulwesen zugunsten der L&auml;nderzust&auml;ndigkeit weitgehend abgeschafft wurde. Es war der Systemwechsel vom <a href=\"?p=267\">kooperativen F&ouml;deralismus zum Wettbewerbsf&ouml;deralismus<\/a>.<\/p><p>Als Begr&uuml;ndung f&uuml;r die Vermehrung der L&auml;nderzust&auml;ndigkeiten h&ouml;rte man landauf landab, dass die gr&ouml;&szlig;ere Autonomie mehr Wettbewerb zwischen den L&auml;ndern und zwischen den Hochschulen erm&ouml;gliche und dass dies unser Land &ndash; endlich &ndash; voranbr&auml;chte. <\/p><p>Schon vier Jahre sp&auml;ter muss man aber nun erkennen, dass der Wettbewerb zu Partikularismus und Kleinstaaterei f&uuml;hrte, z.B. zu einem Verlust der Vergleichbarkeit der Abschl&uuml;sse und zu einem Chaos bei den Zugangsbedingungen. Man beginnt zu begreifen, dass nationale Standards und Rahmensetzungen unumg&auml;nglich sind.<\/p><p>Ende Oktober 2008 fand in Dresden der sog. Bildungsgipfel statt. Neben dem wichtigen Thema einer erh&ouml;hten &bdquo;gemeinsamen  Bildungsfinanzierung&ldquo; standen &bdquo;gemeinsame Leitlinien&ldquo; von Bund und L&auml;ndern im Bereich der Bildung an erster Stelle der Agenda. Also etwa die Forderung nach nationalen Bildungsstandards, nach vergleichbaren Zugangsregeln zu den Hochschulen, nach einem bundesweiten Stipendiensystem, nach der Fortentwicklung des nationalen Hochschulpakts. <\/p><p>Kurz: Es hat sich offenbar ein dringender Bedarf nach Gemeinsamkeit und l&auml;nder&uuml;bergreifenden staatlichen Rahmensetzungen herausgestellt. <\/p><p>Es ist geradezu ein Schildb&uuml;rgerstreich: Zuerst mauern die L&auml;nder die T&uuml;r zum Bund zu und jetzt will der Bund z.B. im Rahmen des Konjunkturprogramms Geld auch in Bildung investieren. Aber das darf er eigentlich gar nicht. Also muss man die so dringend notwendigen Investitionsmittel in Schulen und Hochschulen <a href=\"http:\/\/www.linksfraktion.de\/rede.php?artikel=1351435815\">als &bdquo;energetische&ldquo; Sanierung umdefinieren<\/a>. Das ist zwar nicht schlecht, aber die Hochschulen brauchen mehr und anderes als Fassadend&auml;mmung und w&auml;rmeisolierte Fenster.<\/p><p>Es ist schon ziemlich grotesk: Da bietet der Bund auf dem Bildungsgipfel im letzten Herbst f&uuml;r die Fortf&uuml;hrung des Hochschulpakts Milliarden f&uuml;r den Ausbau der Hochschulen um 275 000 Studienpl&auml;tze an, damit der demografisch bedingte Anstieg der Studierendenzahlen und die <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/handelsblatt-kommentar\/hochschulen-gefahr-im-verzug;2220139\">doppelten Abiturjahrg&auml;nge aufgefangen werden k&ouml;nnen<\/a>.<\/p><p>Doch die im Wettbewerb stehenden L&auml;nder haben zwischenzeitlich kein Konzept zustandegebracht, wie <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/debatte\/kommentar\/artikel\/1\/keine-peanuts-fuer-abiturientinnen\/\">sie die Mittel verteilen wollen<\/a>. <\/p><p>&bdquo;Wir erleben mittlerweile im Wochentakt, wie sich Bund und L&auml;nder in Bildungsfragen nicht einigen k&ouml;nnen und am Ende mit einer schlichten Vertagung der kritischen Punkte verbleiben&ldquo; sagt <a href=\"http:\/\/www.fzs.de\/show\/214807.html\">Florian Keller vom freien Zusammenschluss von Studentinnenschaften<\/a>. <\/p><p>Die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und L&auml;ndern hat diese Woche s&auml;mtliche wichtigen Beschlussfassungen verschoben. Vertagt wurde nicht nur der Hochschulpakt, sondern auch die Fortf&uuml;hrung der so genannten Exzellenzinitiative. Auch der Versuch der Wissenschaftsminister aus Bund und L&auml;ndern, sich auf ein einheitliches Stipendien-F&ouml;rdersystem zu verst&auml;ndigen, ist diese Woche kl&auml;glich <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/sendungen\/campus\/943038\/\">gescheitert<\/a>.<\/p><p>Oder ein Beispiel aus der Schulpolitik: Fr&uuml;her gab es bundesweit eine weitgehend einheitliche Besoldung. Dann wurde beschlossen, dass die L&auml;nder die H&ouml;he der Verg&uuml;tung jeweils selber festlegen sollen. Reiche Bundesl&auml;nder k&ouml;nnen aber mehr zahlen als arme L&auml;nder. Deshalb werden jetzt in Zeiten des Lehrermangels die Lehrerinnen und Lehrer mit Geld und sonstigen Verg&uuml;nstigungen wie etwa der M&ouml;glichkeit, sp&auml;ter ins Beamtenverh&auml;ltnis eintreten zu k&ouml;nnen, aus den armen L&auml;ndern weggelockt. <\/p><p>Jetzt gibt es in den armen L&auml;ndern noch weniger Lehrerinnen und Lehrer. Das ist Wettbewerb auf dem R&uuml;cken der Schulkinder.<\/p><p>Geradezu ein bildungspolitischer Skandal ist das Chaos bei der Hochschulzulassung: Obwohl fast zwei Drittel der neuen BA\/MA-Studieng&auml;nge zulassungsbeschr&auml;nkt sind, blieb jeder f&uuml;nfte dieser Studienpl&auml;tze frei, weil sich die Hochschulrektoren einem angeblichen &bdquo;Zulassungszentralismus&ldquo; verweigern. Nach einer <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/deutschland\/tausende-studienplaetze-frei;2182730\">Umfrage des Handelsblatts<\/a> blieben z.B. an der Goethe-Universit&auml;t Frankfurt im Wintersemester 807 Pl&auml;tze in zulassungsbeschr&auml;nkten F&auml;chern unbesetzt &ndash; das waren rund 19 Prozent ihrer Kapazit&auml;t. Sogar mehr als 30 Prozent blieben z.B. in den F&auml;chern Wirtschaftsp&auml;dagogik oder Biologie unbesetzt. An der TU Dresden sind die Erstsemesterpl&auml;tze lediglich zu 82 Prozent ausgelastet. An der Elite-Uni FU Berlin und an der Universit&auml;t Duisburg-Essen blieben im Winter f&uuml;nf Prozent der an beiden Universit&auml;ten zusammen fast 8.000 Erstsemester-Studienpl&auml;tze unausgelastet, weil zu viele Bewerber sich letztlich f&uuml;r einen anderen Studienplatz entschieden und die Zulassungsbeschr&auml;nkungen offensichtlich zu hoch angesetzt waren.<\/p><p>Durch unausgesch&ouml;pfte Kapazit&auml;ten werden nicht nur Steuergelder vergeudet, sondern es werden tausende von studierwilligen jungen Menschen, die keinen Studienplatz bekommen, entt&auml;uscht und entmutigt.<\/p><p>Doch der Kleinstaaterei in der Hochschulpolitik war die &bdquo;Zentral&ldquo;-Stelle f&uuml;r die Studienplatzvergabe ein Dorn im Auge. Hinzu kam noch, dass die nunmehr f&uuml;r die Hochschulen weitgehend allein zust&auml;ndigen L&auml;nder die vorherrschende Wettbewerbsideologie auch noch auf die Hochschulen &uuml;bertrugen. Im &bdquo;Wettbewerb um die besten K&ouml;pfe&ldquo; dr&auml;ngten die Hochschulen darauf, ihre Studierenden selbst ausw&auml;hlen zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Die Hochschulrektoren spielen sich seither auf wie Duodezf&uuml;rsten und verteidigen, wie das Chaos bei der Hochschulzulassung beweist, mit aller Macht und gegen alle Vernunft ihre winzigen &bdquo;F&uuml;rstent&uuml;mer&ldquo; gegen staatliche Regelungen wie etwa ein einheitliches Hochschulzulassungsverfahren. <\/p><p>Der Start eines bundesweiten Bewerbungssystems ist gerade erst auf Herbst 2011 verschoben worden &ndash; ob es dann auch funktioniert, wei&szlig; keiner. Mit der Einrichtung einer Internet-Tauschb&ouml;rse &agrave; la eBay l&auml;sst sich das Studienplatz-Chaos aber vermutlich nicht aufl&ouml;sen.<\/p><p>Dabei st&uuml;nde bei der Zentralstelle f&uuml;r die Vergabe von Studienpl&auml;tzen (ZVS) ein funktionsf&auml;higes Portal auch f&uuml;r dezentrale Bewerbungs- und Zulassungsverfahren zur Verf&uuml;gung.<\/p><p>Man k&ouml;nnte noch mit vielen Beispielen belegen, dass Markt und Wettbewerb als Steuerungsinstrument f&uuml;r Hochschulen, Lehre und Forschung zu Fehlsteuerungen, wenn nicht gar ins Chaos f&uuml;hren. <\/p><p>Was wir an den Hochschulen in Deutschland nicht brauchen, ist Ellbogenmentalit&auml;t und die Wertblindheit der &bdquo;invisible hand&ldquo;; was Forschung und Lehre brauchen, ist Vernunft und Sachverstand und eine der Wissenschaft angemessene Organisationsform, zu der am besten diejenigen beitragen k&ouml;nnen, die Forschung und Lehre betreiben.<\/p><p>Zum Gl&uuml;ck w&auml;chst der Widerstand allm&auml;hlich. So schrieb selbst die <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/RubC3FFBF288EDC421F93E22EFA74003C4D\/Doc~E42EFEAB4D941406EA7D9F62E180CB22B~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">FAZ am 23.10.2008<\/a>: <\/p><blockquote><p>Wann endlich wird die Phrase von der &bdquo;internationalen Wettbewerbsf&auml;higkeit des deutschen Hochschulsystems&ldquo;, die stets herhalten muss, um sinnwidrige Belastungen eines durchaus funktionierenden Systems zu begr&uuml;nden, an dem gemessen, was das deutsche Hochschulsystem ja bereits ist: n&auml;mlich international wettbewerbsf&auml;hig.\n<\/p><\/blockquote><p>Bildungspolitik tut Not. Die Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden ist aufgefordert, wieder eigenst&auml;ndig und orientiert an bildungs- und wissenschaftspolitischen Prinzipien nach alternativen Wegen f&uuml;r eine Re-Reform der Hochschulen zu suchen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Chaos bei der <a href=\"?p=3804\">Hochschulzulassung<\/a>, keine Einigung beim Hochschulpakt, bei Stipendien oder bei der Exzellenzinitiative, Abwerbung von Lehrern durch die reicheren L&auml;nder; kaum eine Woche vergeht, in der wir nicht das Scheitern des Wettbewerbsf&ouml;deralismus in der Bildungspolitik erleben m&uuml;ssen. 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