{"id":3872,"date":"2009-04-05T14:05:55","date_gmt":"2009-04-05T13:05:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3872"},"modified":"2014-01-28T16:10:33","modified_gmt":"2014-01-28T15:10:33","slug":"wahlprogramm-der-fdp-eiskalter-neoliberalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3872","title":{"rendered":"Wahlprogramm der FDP: Eiskalter Neoliberalismus"},"content":{"rendered":"<p>W&auml;hrend alle Welt &uuml;ber die globale Wirtschaftskrise und den Niedergang des Neoliberalismus redet, feiert hierzulande ausgerechnet die neo-liberale FDP derzeit Umfragerekorde (f&uuml;r ihre Verh&auml;ltnisse), gilt als &bdquo;Krisengewinner&ldquo; (WAZ) und wird von der Union wie von rot-gr&uuml;n als Koalitionspartner umworben.<br>\nDas Umfragehoch hat zweifellos haupts&auml;chlich mit der Entt&auml;uschung vieler Anh&auml;nger des &bdquo;b&uuml;rgerlichen&ldquo; Lagers &uuml;ber die Union zu tun, aber auch damit, dass es der FDP bisher nicht ungeschickt gelungen ist, sich als Kritiker des &ouml;konomischen Krisenmanagements der Gro&szlig;en Koalition und als Alternative zu ihr aufzuspielen, ohne gegen&uuml;ber einer gr&ouml;&szlig;eren &Ouml;ffentlichkeit selber klare Konturen zu zeigen. Dabei propagieren die Liberalen in der Wirtschafts- und Sozialpolitik eiskalte neoliberale Grunds&auml;tze, wie der vor kurzem ver&ouml;ffentlichte Entwurf ihres Bundestagswahlprogramms, ihres <a href=\"http:\/\/www.deutschlandprogramm.de\/files\/1547\/fdp-deutschlandprogramm_entwurf_090323.pdf\">&bdquo;Deutschlandsprogramms&ldquo; [PDF &ndash; 600 KB]<\/a>, zeigt. Darin kann jeder nachlesen, wen und was man sich mit der FDP einhandelt, wenn sie im Herbst Regierungsverantwortung bekommen sollte. Insbesondere die SPD sollte das tun, denn die FDP wendet sich als sozialpolitische Leitlinie ausdr&uuml;cklich &bdquo;gegen die Bevormundung durch die b&uuml;rokratischen Ausw&uuml;chse des sozialdemokratischen Wohlfahrtstaates.&ldquo; (S. 4)<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Neoliberale Parolen<\/strong><\/p><p>Schon auf S. 1 in der Pr&auml;ambel des Programms wird gleich nach den verbalen Bekenntnissen zu &bdquo;Weltoffenheit, Toleranz, Solidarit&auml;t und Menschenw&uuml;rde&ldquo; in den &ouml;konomischen Aussagen knallhart die ganze neoliberale Litanei mit ihren asozialen Pseudogegens&auml;tzen vorgebetet; es finden sich in hochkonzentrierter Form alle einschl&auml;gigen neoliberalen Parolen:<\/p><ul>\n<li>&bdquo;Privat vor Staat&ldquo;<\/li>\n<li>&bdquo;Freiheit vor Gleichheit&ldquo;<\/li>\n<li>&bdquo;Erwirtschaften vor Verteilen&ldquo;<\/li>\n<li>&bdquo;Eigenverantwortung statt Staatsgl&auml;ubigkeit&ldquo;<\/li>\n<li>&bdquo;Chancengleichheit statt Gleichmacherei&ldquo;<\/li>\n<li>&bdquo;Leistung muss sich lohnen&ldquo;<\/li>\n<\/ul><p>Vor kurzem brachte das Fernsehmagazin Panorama ein Feature &uuml;ber die FDP mit dem treffenden Titel &bdquo;Die Unbelehrbaren&ldquo;. Darin ging es um die Ignoranz der freidemokratischen Politikpositionen gegen&uuml;ber der Wirtschaftskrise im Allgemeinen und bei ihrem Steuerkonzept im Besonderen. <\/p><p>Als ob sie diese Einsch&auml;tzung trotzig best&auml;tigen wollte, hat die FDP nun ein komplettes Wahlprogramm pr&auml;sentiert, in dem sie demonstriert, dass sie keine, aber auch gar keine Lehre aus der gegenw&auml;rtigen Krise gezogen hat. So taucht das Wort &bdquo;Krise&ldquo; am Anfang des Programms, bei den grunds&auml;tzlichen Aussagen,  &uuml;berhaupt nicht auf. F&uuml;r die FDP scheint die Welt so in Ordnung zu sein wie sie ist  bzw. wie sie w&auml;re, wenn man nur ihren (neo-)liberalen Prinzipien folgen w&uuml;rde. <\/p><p>Erst auf S. 7 im Zusammenhang mit der Unternehmensbesteuerung ist pl&ouml;tzlich von Regelungen die Rede, die sich &bdquo;auch in der Krise&ldquo; bew&auml;hren m&uuml;ssten. Nat&uuml;rlich fordert die FDP besonders nachdr&uuml;cklich eine &bdquo;internationale wettbewerbsf&auml;hige Unternehmensbesteuerung&ldquo;. Deshalb m&uuml;sse die sog. Zinsschranke wieder verschwinden, aber auch &bdquo;Einschr&auml;nkungen von Verlustnutzungen bei &Uuml;bernahmen und Sanierungen&ldquo; (sch&ouml;nen Gru&szlig; an die &bdquo;Heuschrecken&ldquo;, und dies ist nicht der einzige!) oder die &bdquo;Bestrafung  von Investitionen im Ausland&ldquo;, da sie &bdquo;krisenversch&auml;rfend&ldquo; wirkten &ndash;  ausgerechnet darauf legt die FDP in der aktuellen Krise ihr Augenmerk!<\/p><p><strong>Finanzmarktkrise &ndash; f&uuml;r die FDP blo&szlig; ein Staatsversagen<\/strong><\/p><p>Auf S. 10 des Programmentwurfs ist dann auch einmal von der &bdquo;Krise der internationalen Finanzm&auml;rkte die Rede, die &bdquo;erhebliche Auswirkungen auf die Realwirtschaft&ldquo; habe &ndash; welcher Euphemismus angesichts er schwersten Rezession der Nachkriegszeit &ndash; und irgendwie vom Himmel gefallen zu sein scheint. Um was f&uuml;r eine Krise es sich da eigentlich handelt, welche Ursachen sie hat, welche Alternativen zur Krisenbew&auml;ltigung abzuw&auml;gen sind und wie sich die FDP die Strategie daf&uuml;r vorstellt, findet sich bis dahin kein einziges Wort und auch danach kommt herzlich wenig.<\/p><p>Ein Patentrezept hat die FDP zur Krisenbew&auml;ltigung allerdings: &bdquo;Funktionsf&auml;higen Wettbewerb auf dem Finanzmarkt&ldquo; durchsetzen&ldquo; &ndash; aha, daran hat  es also gelegen, es ist alles nur  Wettbewerbsproblem. Und dies wiederum ist nach Lesart der FDP kein Marktversagen, sondern ein &bdquo;Regulierungsversagen&ldquo; und somit ein &bdquo;Staatsversagen&ldquo; &ndash; womit es praktisch kein Marktversagen mehr gibt, denn ob der Staat falsch, zu viel oder zu wenig reguliert, er ist immer Schuld. (Und die viel beschworenen Selbstheilungskr&auml;fte des Marktes oder die Eigenverantwortung der Akteure gibt es nach dieser Logik  im Finanzmarkt eigentlich gar nicht. &ndash; Eine erstaunlich widerspr&uuml;chliche Position gerade der FDP.) <\/p><p>Wann und wie der Staat regulierend eingreifen sollte, vor allem welche konkreten  Ma&szlig;nahmen zur Bew&auml;ltigung der Finanzkrise ergriffen werden m&uuml;ssten &ndash; eine der oder sogar die gegenw&auml;rtig wichtigste wirtschaftspolitische Frage &uuml;berhaupt -, dazu sagt die FDP praktisch nichts , dies in einer Zeit, wo selbst der BDI eine neue Finanzmarktordnung fordert und der G20-Gipfel eine neue internationale Finanzarchitektur anstreben will, mit der auch Steueroasen trocken gelegt sowie Hedgefonds und Rating-Agenturen reguliert werden sollen. Die FDP fordert in diesem Zusammenhang lediglich, M&ouml;glichkeiten der Kreditverbriefung &bdquo;auf den Pr&uuml;fstand&ldquo; zu stellen, Risiken &bdquo;transparent&ldquo; zu machen, die staatliche Bankenaufsicht &bdquo;effektiver&ldquo; zu gestalten, bankeninterne Kontrollfunktionen zu &bdquo;modernisieren&ldquo;  und ggf. &bdquo;mehr Verantwortung durch Haftung&ldquo; herzustellen &ndash; also an der bisherigen Finanzmarktordnung m&ouml;glichst wenig zu &auml;ndern.<\/p><p>Dabei preist die FDP gerade die Bedeutung der staatlichen &bdquo;Ordnungspolitik&ldquo; besonders an. Sie beruft sich diesbez&uuml;glich auf die Grunds&auml;tze der &bdquo;Sozialen Marktwirtschaft&ldquo;, die sie allerdings in ganz eigener bzw. mit der neoliberalen &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo; deckungsgleichen Weise interpretiert, und h&auml;lt es f&uuml;r eine &bdquo;Daueraufgabe, den Ordnungsrahmen der Sozialen Marktwirtschaft den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen anzupassen und ihn zu verbessern.&ldquo; &ndash; Diese ordnungspolitische Reformitis bezieht sie jedoch nicht etwa auf die Finanz- oder die Produktm&auml;rkte, sondern ganz in neoliberaler Machart vornehmlich auf die Arbeitsm&auml;rkte und die sozialen Sicherungssysteme.<\/p><p><strong>Liberale (Anti-)Sozialpolitik: Privat vor Staat auch bei den Sozialversicherungen<\/strong><\/p><p>Was die FDP als &bdquo;liberale Sozialpolitik&ldquo; ganz offen in ihr Wahlprogramm hineingeschrieben hat, muss jeden Anh&auml;nger sozialstaatlicher Prinzipien und Gegner eines R&uuml;ckfalls in die Klassengesellschaft erschaudern lassen. Ganz ungeschminkt (und bisher ohne &ouml;ffentlichen Aufschrei!) fordert die FDP: Die gesetzliche Rentenversicherung &bdquo;soll in Zukunft nur noch eine Grundversorgung gew&auml;hren&ldquo;, dar&uuml;ber hinaus sollen die &bdquo;private und betriebliche kapitalgedeckte Vorsorge&ldquo; gest&auml;rkt werden. Auch Pflege- und Unfallversicherung sollen (mit Hilfe eines steuerfinanzierten sozialen Ausgleichs) vom Umlagesystem auf private Kapitaldeckung umgestellt werden, weitgehend ebenso die Krankenversicherung durch einen Wettbewerb &bdquo;mit leistungsgerechtem Pr&auml;miensystem&ldquo; und Ausweitung von Public Private Partnerships gem&auml;&szlig; den Grunds&auml;tzen &bdquo;Eigenverantwortung statt Staatsmedizin&ldquo; bzw. &bdquo;Privat vor Staat&ldquo; auch in der Gesundheitspolitik.<\/p><p>Selbst in die (weiterhin staatliche) Arbeitslosenversicherung sollen nach FDP-Vor&shy;stellung &bdquo;Wahltarife&ldquo; eingef&uuml;hrt werden. Zudem sei das Versicherungsprinzip &bdquo;wieder zu st&auml;rken&ldquo; &ndash; dies aber nur im Sinn einer &bdquo;Risikoversicherung&ldquo;, was explizit u. a. die R&uuml;cknahme der Staffelung der Bezugsdauer von Alg I nach vorhergegangener Besch&auml;ftigungsdauer bedeutet. (Wie das mit den Wahltarifen oder der sonst unentwegt f&uuml;r die Sozialversicherungen geforderten Kapitaldeckung zusammenpasst, wird nicht erl&auml;utert). Bef&uuml;rwortet werden von der FDP ferner eine &bdquo;b&uuml;rgerfreundlichere&ldquo; Kommunalisierung der Arbeitsverwaltung und eine Teilprivatisierung der Arbeitsvermittlung (f&uuml;r die &uuml;berregionale Vermittlung besserverdienender Arbeitssuchender?) sowie der Einsatz von &bdquo;Vermittlungsgutscheinen f&uuml;r Kurzzeitarbeitslose&ldquo;, um die kommunale Jobcenter und private Arbeitsvermittler konkurrieren sollen &ndash; Wettbewerb belebt schlie&szlig;lich das Gesch&auml;ft, egal welches. Auch f&uuml;r soziale Dienstleistungen regt die FDP ein Gutscheinsystem an.<\/p><p>Die FDP r&auml;umt ein, dass eine &bdquo;staatlichere Sicherung des Existenzminimums&ldquo; notwendig ist. Jedoch, so betont sie: &bdquo;Bequemlichkeit honorieren wir nicht.&ldquo; Weil aber &bdquo;Arbeit &hellip;immer noch Vorfahrt&ldquo; habe, ist die FDP trotz des Bekenntnisses zum Existenzminimum nat&uuml;rlich strikt gegen Mindestl&ouml;hne (&bdquo;staatliche Lohndiktate&ldquo;). Gleichzeitig ist sie f&uuml;r eine &bdquo;besch&auml;ftigungsfreundlichere&ldquo; Lockerung des K&uuml;ndigungsschutzes. Au&szlig;erdem m&uuml;ssten im Interessen der Besch&auml;ftigung die &bdquo;Lohnzusatzkosten&ldquo; gesenkt, die Kosten der betrieblichen Mitbestimmung durch Einschr&auml;nkung der &bdquo;Funktion&auml;rsmitbestimmung&ldquo; im Mittelstand, aber auch der &bdquo;Gewerkschaftsprivilegien&ldquo; im Aufsichtsrat der Kapitalgesellschaften (Drittelparit&auml;t statt parit&auml;tische Mitbestimmung) begrenzt werden.<\/p><p><strong>Steuerstrukturreform: &bdquo;Flat Tax&ldquo; f&uuml;r Besserverdienende und als &ldquo;B&uuml;rgergeld&rdquo; kaschierte Sozialhilfe<\/strong><\/p><p>In engem Kontext mit der geforderten weitgehenden Privatisierung der Sozialversicherungen und dem implizierten Lohndruck stehen die Vorstellungen der FDP f&uuml;r ein &bdquo;neues Steuer- und Transfersystem&ldquo;. Sie spricht sich in der Steuerpolitik f&uuml;r eine (weitere) Senkung der Steuerbelastung und eine &bdquo;Steuerstrukturreform&ldquo; durch &bdquo;einen einfachen und verst&auml;ndlichen Drei-Stufen-Tarif von 10, 25 und 35 Prozent aus&ldquo;. Die ersten beiden Steuers&auml;tze sollen f&uuml;r Einkommen bis 20.000 bzw. 50.000 Euro gelten, der letzte f&uuml;r Einkommensteile ab 50.000 Euro.<br>\nDie FDP bezeichnet das sogar noch als &bdquo;progressiven Tarifverlauf&ldquo;, dabei ist es nichts als eine Flat Tax f&uuml;r Besserverdienende mit gewissen Erleichterungen f&uuml;r Minderverdiener. Der verbliebene &bdquo;Spitzensteuersatz&ldquo; w&uuml;rde demnach von heute 42 bzw. 45 % auf 35 % weiter abgesenkt, daf&uuml;r allerdings schon f&uuml;r mittlere Einkommen greifen &ndash; und das, obwohl sich die FDP doch ansonsten verbal zum Anwalt der Mittelschichten aufzuschwingen versucht. Klar ist auch, dass Einheitssteuers&auml;tze anders als komplizierte Tarifverl&auml;ufe wunderbare neo-liberale Wahlkampfmunition f&uuml;r die Zukunft liefern und weitere Steuersenkungswettl&auml;ufe vorprogrammiert w&auml;ren. &Auml;hnliches gilt f&uuml;r Erbschaftsteuer, welche die FDP &bdquo;zu einer echten L&auml;ndersteuer machen&ldquo; m&ouml;chte (um damit einen Steuersenkungswettbewerb zwischen den L&auml;ndern einzuleiten); &uuml;berhaupt sollen die f&ouml;deralen Strukturen durch &bdquo;mehr Steuerautonomie f&uuml;r die Gebietsk&ouml;rperschaften&ldquo; mit Hebesatzrechten f&uuml;r die L&auml;nder und Kommunen gest&auml;rkt werden: Das ist der Weg zur (Mehr-) Klassengesellschaft auch in regionaler Hinsicht.<\/p><p>Ganz &auml;hnlich schlicht gestrickt sind auch die FDP-Vorstellungen zur K&ouml;rperschaftsteuer f&uuml;r Kapitalgesellschaften: F&uuml;r Unternehmen gleich welcher Rechtsform soll nur noch ein Zwei-Stufen-Tarif von 10 % bzw. 25 % gelten. Gleichzeitig will die FDP die Gewerbesteuer durch eine neues &bdquo;Konzept f&uuml;r die Kommunalfinanzierung&ldquo; ersetzt werden, welches von ihr allerdings nicht n&auml;her dargelegt wird. Wichtig ist allerdings, dass Unternehmen, f&uuml;r die ein 25%-K&ouml;rperschaftsteuersatz eine Mehrbelastung w&auml;ren, gewerbesteuerlich entsprechend entlastet werden. Konkreter wird die FDP an anderer Stelle: Umwandlungsvorg&auml;nge von Unternehmen (wie die Ver&auml;u&szlig;erung von Gesellschaftsanteilen) sollen, wenn keine Entnahmen zum privaten Verbrauch erfolgt,  &bdquo;zu Buchwerten ohne Aufdeckung stiller Reserven&ldquo; erfolgen &ndash; ein Subventionsprogramm f&uuml;r Private Equity?<\/p><p>Grob vereinfachen will die FDP auch die Sozialleistungen f&uuml;r Arbeitslose mit ihrem &bdquo;B&uuml;rgergeld&ldquo;, das grunds&auml;tzlich pauschaliert gew&auml;hrt und von einer einzigen Beh&ouml;rde, dem Finanzamt, verwaltet werden soll. Der B&uuml;rgergeldanspruch f&uuml;r einen Alleinstehenden ohne Kinder soll &ndash; hier wird die FDP einmal ganz konkret &ndash; (im Bundesdurchschnitt) 662 Euro pro Monat betragen. Wer nun aber glaubt, dies stelle eine Anhebung bisheriger Alg II- oder Hartz IV-S&auml;tze dar, der irrt. Die FDP will lediglich Alg II und die Leistungen f&uuml;r Wohnen, Sozialgeld, Grundsicherung und Kinderzuschl&auml;ge in einer Einheitsleistung zusammenfassen. Der Betrag entspreche den heutigen durchschnittlichen Ausgaben f&uuml;r Grundleistung, Unterkunft und Heizung eines Alg II-Empf&auml;ngers &ndash; der freilich f&uuml;r seinen Mietausgleich k&uuml;nftig selbst sorgen m&uuml;sste. Das B&uuml;rgergeld ist also lediglich eine pauschalierte Sozialhilfe. Und weil es so prima in die Zeit einer gro&szlig;en Wirtschaftskrise passt, erg&auml;nzt die FDP: Als Anreiz zur Aufnahme eigener Erwerbst&auml;tigkeit soll die Anrechnung eigener Arbeitseinkommen st&auml;rker gef&ouml;rdert werden als bisher; bei Ablehnung einer zumutbar angebotenen Arbeit werde das B&uuml;rgergeld jedoch gek&uuml;rzt.<br>\nSachliche Begr&uuml;ndungen daf&uuml;r, warum dies alles notwendig sein soll,  liefert die FDP &uuml;brigens nicht. Sie wendet sich exklusiv an ihre neoliberale Glaubensgemeinschaft, die von dem Sinn derartiger Rezepte ohnehin &uuml;berzeugt ist.<\/p><p>An einer Stelle wird die FDP in ihrem Programmentwurf materiell jedoch deutlicher (S. 6) und enth&uuml;llt den tieferen Sinn ihrer Vorhaben: Die Steuersenkungen seien notwendig, weil B&uuml;rger und Unternehmen &bdquo;dringend mehr finanziellen Spielraum&ldquo; nicht nur f&uuml;r Konsum oder Wachstum, sondern  &bdquo;f&uuml;r &hellip; Vorsorge f&uuml;r Alter, Gesundheit und Pflege&ldquo; (ben&ouml;tigten).<br>\nWer also glaubt, er k&ouml;nne mit der FDP von Steuer- und Abgabesenkungen profitieren, sollte vorher die private Nettorechnung machen. F&uuml;r heutige Sozialversicherungsleistungen muss in der neo-liberalen Welt der FDP k&uuml;nftig weitgehend privat vorgesorgt werden. Vom Staat sind weitere Sozialma&szlig;nahmen schon deshalb nicht zu erwarten, weil die FDP &bdquo;Haushaltskonsolidierung endlich durchsetzen&ldquo; und ein prinzipielles Neuverschuldungsverbot f&uuml;r alle  Gebietsk&ouml;rperschaften schaffen will. Bei gleichzeitig drastisch gesenkter Steuereinnahmebasis, ist klar, was das f&uuml;r die Ausgabenseite bedeutet &ndash; die FDP verzichtet indessen lieber, dies weiter auszuf&uuml;hren &hellip;<\/p><p><strong>&bdquo;Liberale&ldquo; Klassen- und Klientelpolitik<\/strong><\/p><p>Dass die FDP ihre &bdquo;liberale B&uuml;rgergesellschaft&ldquo; nicht f&uuml;r das ganze Volk, also alle B&uuml;rger, konzipiert hat, bekennt sie selber offen: Schon der Programmtitel lautet &bdquo;Die Mitte st&auml;rken&ldquo; und damit ist nicht eine politisch-programmatische Mitte gemeint. Die FDP wendet sich an die &bdquo;Menschen in der Mittelschicht&ldquo;. Denn diese seien &bdquo;die Menschen, die unsere Gemeinschaft stark machen. Sie k&uuml;mmern sich um eine gute Ausbildung ihrer Kinder, sorgen f&uuml;r die Familie vor und leben Solidarit&auml;t mit den Schwachen. Umweltbewusstsein und ein ausgepr&auml;gtes Gef&uuml;hl f&uuml;r Gerechtigkeit sind f&uuml;r die Mitte der Gesellschaft selbstverst&auml;ndlich.&ldquo; Wieso das nur f&uuml;r die Mittelschicht gelten soll und nicht f&uuml;r Ober- und Unterschicht, bleibt im Dunkeln. Wie (verheerend) sich ihre programmatische Vorstellungen gerade auf die Mittelschicht auswirken w&uuml;rden, ebenfalls. Klar ist nur, von wem die FDP sich abgrenzen will: von der Unterschicht. Und weismachen will gerade sie uns, dass sie mit der Oberschicht wenig zu tun. Zu den immer gr&ouml;&szlig;eren  sozialen Disparit&auml;ten in unserem Land sagt sie ohnehin kein Wort.<\/p><p>Die &bdquo;Mitte&ldquo; ist f&uuml;r die FDP im Weiteren allerdings doch nicht (nur) die Mittelschicht, sondern explizit der Mittelstand. &bdquo;Den Mittelstand st&auml;rken&ldquo;, lautet ihre Parole dazu (S. 12ff.). Die &bdquo;Freien Berufe&ldquo; m&uuml;ssten st&auml;rker anerkannt werden, schmeichelt sie sich bei bestimmten Adressaten ein. Und sie behauptet sogar: &bdquo;Eine Politik, die den Mittelstand st&auml;rkt, ist die beste Wirtschaftspolitik&ldquo; &ndash; eine in dieser pauschalen Form ziemlich unverfrorene Behauptung &ndash; und fordert die Verbesserung der Finanzierung, Steuerbelastung, Forschungsf&ouml;rderung, Entb&uuml;rokratisierung etc. speziell f&uuml;r den Mittelstand. Eine Klientelpolitik reinsten Wassers, wie sie sich keine andere etablierte Partei derzeit erlaubt und die mit klassischen demokratischen Liberalismus  nichts zu tun hat. Die FDP glaubt anscheinend, dass sie sich das erlauben kann.<\/p><p><em><strong>Erg&auml;nzende Anmerkung WL:<\/strong> Die derzeit hohen Zustimmungswerte belegen, dass die Krisengewinnler und die Verfechter des Weiter-so gerade auf die FDP setzen. <\/em><\/p><p><em><strong>Anmerkung:<\/strong> Der Autor ist der Redaktion bekannt. Er m&ouml;chte aus nachvollziehbaren beruflichen Gr&uuml;nden namentlich nicht genannt werden.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W&auml;hrend alle Welt &uuml;ber die globale Wirtschaftskrise und den Niedergang des Neoliberalismus redet, feiert hierzulande ausgerechnet die neo-liberale FDP derzeit Umfragerekorde (f&uuml;r ihre Verh&auml;ltnisse), gilt als &bdquo;Krisengewinner&ldquo; (WAZ) und wird von der Union wie von rot-gr&uuml;n als Koalitionspartner umworben.<br \/> Das Umfragehoch hat zweifellos haupts&auml;chlich mit der Entt&auml;uschung vieler Anh&auml;nger des &bdquo;b&uuml;rgerlichen&ldquo; Lagers &uuml;ber die Union<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3872\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[193,160,145,190],"tags":[442,273,413],"class_list":["post-3872","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-fdp","category-markt-und-staat","category-sozialstaat","category-wahlen","tag-eigenverantwortung","tag-privatvorsorge","tag-schlanker-staat"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3872","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3872"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3872\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20430,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3872\/revisions\/20430"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3872"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3872"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3872"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}